{"id":15356,"date":"2013-01-23T14:54:54","date_gmt":"2013-01-23T13:54:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=15356"},"modified":"2013-01-23T14:54:54","modified_gmt":"2013-01-23T13:54:54","slug":"was-spechte-mit-herzinfarkten-zu-tun-haben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2013\/01\/was-spechte-mit-herzinfarkten-zu-tun-haben.htm","title":{"rendered":"Was Spechte mit Herzinfarkten zu tun haben"},"content":{"rendered":"<p>Nochmal was zu wissenschaftlicher Methodik, eigentlich zu Erkenntniswegen und den Fallen darin. (Bitte in Verbindung sehen mit <a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2013\/01\/gunter-frank-schlechte-medizin.htm\" target=\"_blank\">meinen Gedanken zu <i>Schlechte Medizin<\/i> von Gunter Frank<\/a>.)<\/p>\n<p>Im <i>neuen Lexikon des Unwissens<\/i> von Passig, Scholz, Schreiber wird en passant darauf verwiesen, dass manchmal die Beboachtung von Spuren das Beobachten des eigentlichen Untersuchungsgegenstands ersetzt. Im Kapitel Ern\u00e4hrung geht es darum, wie verdammt schwer es ist herauszufinden, welche Ern\u00e4hrung nun wirklich gut f\u00fcr den Menschen ist. Deshalb messen<\/p>\n<blockquote><p>Forscher anstelle von Gesundheit oder Langlebigkeit h\u00e4ufig sogenannte Biomarker. Ein Biomarker f\u00fcr die Existenz von Spechten ist die Existenz von L\u00f6chern in B\u00e4umen. Spechte sind schwer zu beobachten, L\u00f6cher in B\u00e4umen dagegen relativ einfach. Aber Biomarker bringen gewisse Nachteile mit sich: L\u00f6cher in B\u00e4umen k\u00f6nnen auch andere Ursachen haben, vielleicht ist der verursachende Specht bereits tot oder davongeflogen, und leicht verliert man \u00fcber dieser ganzen Besch\u00e4ftigung mit L\u00f6chern das Thema Spechte aus den Augen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Daran musste ich sofort bei diesem aktuellen Artikel des Instituts f\u00fcr Qualit\u00e4t und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen IQWiG denken<sup><a href=\"#footnote_1_15356\" id=\"identifier_1_15356\" class=\"footnote-link footnote-identifier-link\" title=\"Bei diesen Erkl&auml;rungen ist es wohl unwahrscheinlich, dass die Interessen von Krankenkassen-, Krankenhaus- und kassen&auml;rztliche Vereinigungsvertreter hinter dem Institut eine Verzerrung (bias) verursachen.\">1<\/a><\/sup>: &#8220;<a href=\"http:\/\/www.gesundheitsinformation.de\/blutzucker-cholesterinspiegel-knochendichte-koennen-messwerte-zeigen.603.de.html\" target=\"_blank\">Blutzucker, Cholesterinspiegel, Knochendichte: K\u00f6nnen Messwerte zeigen, ob eine Behandlung hilft?<\/a>&#8220;. In diesem Fall sind Messwerte die Biomarker. Und der Artikel f\u00fchrt einige Beispiele auf, wie sehr eine reine Betrachtung der Biomarker in die Irre f\u00fchren kann: Herzrhythmusst\u00f6rungen erh\u00f6hen die Wahrscheinlichkeit f\u00fcr einen pl\u00f6tzlichen Herztod? Das bedeutet noch lange nicht, dass Medikament gegen Herzrhythmusst\u00f6rungen dieses Risiko senken. So wie eine durch Medikamente erh\u00f6hte Knochendichte bei \u00e4lteren Frauen keineswegs das Risiko von Knochenbr\u00fcchen senkte. <\/p>\n<p>Das IQWiG verweist deshalb auf den Unterschied zwischen Surrogatendpunkten und patientenrelevanten Endpunkten:<\/p>\n<blockquote><p>Die Werte aus dem EKG galten lange als Ersatzkriterium f\u00fcr das Sterblichkeitsrisiko. Kriterien, die in Studien als Ersatz f\u00fcr eine wichtige Zielgr\u00f6\u00dfe (Endpunkt) dienen, werden auch Surrogatendpunkte oder Surrogatparameter genannt (vom lateinischen surrogatum = der Ersatz).<\/p><\/blockquote>\n<p>Beispiele: Hoher Cholesterinspiegel, hoher Blutdruck.<\/p>\n<blockquote><p>F\u00fcr Patientinnen und Patienten wichtige Zielgr\u00f6\u00dfen wie Sterblichkeit, Herzinfarkte, Lebensqualit\u00e4t oder die Dauer von Krankenhausaufenthalten bezeichnet man hingegen als patientenrelevante Endpunkte. Der Begriff \u201epatientenrelevant\u201c betont, dass es um Fragen geht, die f\u00fcr erkrankte Menschen entscheidend sind \u2013 zum Beispiel darum, ob eine Behandlung ihr Leben verl\u00e4ngert, ihnen Klinikaufenthalte erspart, ihre Beschwerden verringert, Komplikationen vorbeugt oder ihren Alltag und den Umgang mit der Erkrankung erleichtert.<\/p><\/blockquote>\n<p>Beispiele: Herzinfarkt, Schlaganfall.<\/p>\n<p>Die medizinische Forschung arbeitet aus praktischen Gr\u00fcnden (siehe Spechte) mit Surrogatendpunkten, vor allem wenn es schnell gehen muss. Die Erfolgsgeschichte, die der Artikel nennt, sind die ersten Medikamente gegen HIV:<\/p>\n<blockquote><p>Aus Studien wusste man, dass diese Arzneimittel die Zahl der im K\u00f6rper nachweisbaren HI-Viren deutlich reduzieren konnten. Es gab jedoch keine Studien, die zeigten, dass dadurch weniger Menschen AIDS entwickeln oder sich die Sterblichkeit verringert. Da es keine Behandlungsalternativen gab und HIV ohne Behandlung schnell fortschreitet, haben die Arzneimittelbeh\u00f6rden diese Mittel trotzdem zugelassen. Heute wei\u00df man, dass dadurch Tausende von Menschen mit HIV vor einem fr\u00fchen Tod bewahrt wurden.<\/p><\/blockquote>\n<p>Gute medizinische Forschung bleibt hier nicht stehen (ebensowenig gute \u00c4rzte), sondern untersucht den Nutzen einer Therapie immer auch f\u00fcr patientenrelevante Endpunkte.<\/p>\n<p>(Habe ich schon von meinem Bruder erz\u00e4hlt, sehr schlank und sehr sportlich, dessen Hausarzt besorgt war \u00fcber dessen leicht erh\u00f6hten Cholesterinwert? Und der ihm deshalb riet, <i>wait for it<\/i>: Abzunehmen?)<\/p>\n<ol class=\"footnotes\"><li id=\"footnote_1_15356\" class=\"footnote\">Bei diesen Erkl\u00e4rungen ist es wohl unwahrscheinlich, dass die Interessen von Krankenkassen-, Krankenhaus- und kassen\u00e4rztliche Vereinigungsvertreter hinter dem Institut eine Verzerrung (<i>bias<\/i>) verursachen.<span class=\"footnote-back-link-wrapper\"> [<a href=\"#identifier_1_15356\" class=\"footnote-link footnote-back-link\">&#8617;<\/a>]<\/span><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nochmal was zu wissenschaftlicher Methodik, eigentlich zu Erkenntniswegen und den Fallen darin. (Bitte in Verbindung sehen mit meinen Gedanken zu Schlechte Medizin von Gunter Frank.) Im neuen Lexikon des Unwissens von Passig, Scholz, Schreiber wird en passant darauf verwiesen, dass manchmal die Beboachtung von Spuren das Beobachten des eigentlichen Untersuchungsgegenstands ersetzt. 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