{"id":15365,"date":"2013-01-26T10:42:20","date_gmt":"2013-01-26T09:42:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=15365"},"modified":"2013-01-26T11:24:41","modified_gmt":"2013-01-26T10:24:41","slug":"aufschrei-es-geht-nicht-um-mich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2013\/01\/aufschrei-es-geht-nicht-um-mich.htm","title":{"rendered":"#Aufschrei &#8211; Es geht nicht um mich"},"content":{"rendered":"<p>Als junge Frau hatte ich mich ein paar Jahre lang vom Feminismus entfernt. Denn: Ich war beruflich erfolgreich, ohne dass mein Geschlecht auch nur Thema war, ich hatte einen Freundeskreis, in dem stereotype Geschlechterrollen h\u00f6chstens noch f\u00fcr Spiele und Witze taugten, und mein Lebenspartner setzte sich auf h\u00f6chstens ebenso spielerischer Ebene mit M\u00e4nnlichkeitserwartungen auseinander. Also sagte ich: Altersgenossinnen, stellt euch nicht so an. Wir haben so viel erreicht, der Rest ist Details. Seht her, es geht doch.<\/p>\n<p>Es war eine wundervolle, kluge Schweizer Feministin, die mich davon runterholte. Erst h\u00f6rte sie sich diese meine Ausf\u00fchrungen gelassen und in allen Details an. Dann blickte sie mir fest ins Auge und sagte: &#8220;Es geht nicht um dich.&#8221; Und begann Zahlen und Fakten zu Frauenbenachteiligung aus der ganzen Welt zu nennen: Lohnunterschiede, die Verteilung von Macht nach Geschlechtern, Einschr\u00e4nkungen k\u00f6rperlicher Selbstkontrolle in kleiner und ungeheurer Dimension, Wahlrecht, Bildungschancen, religi\u00f6sen Extremismus. Ihre abschlie\u00dfende Frage: &#8220;Details?&#8221;<\/p>\n<p>Ich wei\u00df recht gut, woher meine Abwehrhaltung kam: F\u00fcr mein Selbstbild sind Autarkie, Kontrolle und Selbstverantwortung sehr wichtig. Dass ich auch nur ansatzweise Opfer sein oder in meinem Leben jemals gewesen sein k\u00f6nnte, lehnte ich vehement ab. Denn paradoxerweise ist es gerade in der Geschlechterdiskriminierung und vor allem in der sexuellen Diskriminierung die Seite der Opfer, die mit Scham und Peinlichkeit belastet ist. Ich doch nicht! ICH gebe niemandem die MACHT dazu! MIR tut niemand was an! HA!<br \/>\nNur dass die Welt nicht so funktioniert, wenn es um strukturelle Missst\u00e4nde geht. Es geht nicht um mich.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Seit gestern Morgen lese ich die Tweets, <a href=\"https:\/\/twitter.com\/search\/realtime?q=%23aufschrei&#038;src=typd\" target=\"_blank\">die mit dem Hashtag #Aufschrei ins Web str\u00f6men<\/a> (Link zum Live-Stream, in dem mittlerweile Spam und Trolle \u00fcberwiegen). Menschen, vor allem Frauen berichten in 140 Zeichen von sexuellen Bel\u00e4stigungen im privaten und beruflichen Alltag, von sexuellen Misshandlungen, von allt\u00e4glichem Sexismus. Die Aktion, angesto\u00dfen von den Twitterinnen <a href=\"https:\/\/twitter.com\/vonhorst\" target=\"_blank\">@vonhorst<\/a> und <a href=\"https:\/\/twitter.com\/marthadear\/status\/294586884540223488\" target=\"_blank\">@marthadear<\/a>, hat in k\u00fcrzester Zeit ein ungeheures Echo gefunden. Sie zeigt, dass die derzeit in den Mainstream-Medien diskutierten F\u00e4lle von Frauenbel\u00e4stigung (<a href=\"http:\/\/www.stern.de\/politik\/deutschland\/rainer-bruederle-der-spitze-kandidat-1959408.html\" target=\"_blank\">Anmachversuch von Rainer Br\u00fcderle<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/annett-meiritz-ueber-die-frauenfeindlichkeit-in-der-piratenpartei-a-877558.html\" target=\"_blank\">niedertr\u00e4chtige Nachrede von Mitgliedern der Piratenpartei<\/a>) nicht etwa Ausnahmen sind, sondern f\u00fcr Frauen Alltag.<\/p>\n<p>Aber jetzt kommt&#8217;s: Ich selbst habe diese Formen der Frauenfeindlichkeit so gut wie nie erlebt. Mich l\u00e4sst man auf der Stra\u00dfe in Ruhe, im Beruf traf ich bislang auf noch nichts Schlimmeres als gedankenlose Verwunderung, dass ich rangh\u00f6her als eine Sekret\u00e4rin bin.<\/p>\n<p>Doch, und das ist essenziell: Dass bedeutet weder, dass es diese Frauenfeindlichkeit gar nicht gibt, noch dass die Frauen, die damit Probleme haben, selbst daran schuld sind. Es geht nicht um mich.<\/p>\n<p>Die Erlebnisse, die unter #Aufschrei auf Twitter auftauchen (viele zum ersten Mal \u00fcberhaupt berichtet), belegen die Omnipr\u00e4senz dieser Unterdr\u00fcckung im Alltag &#8211; besonders infam, da sie mit Scham-besetztem Verschweigen verbunden ist. Auch mir war nicht klar, wie stark manche Frauen ihr Auftreten in der \u00d6ffentlichkeit, wenn nicht sogar praktisch ihr ganzes Leben darauf ausrichten, Angriffe und Bel\u00e4stigungen zu vermeiden. Dass darunter <a href=\"http:\/\/kleinerdrei.org\/2013\/01\/normal-ist-das-nicht\/\" target=\"_blank\">zwei<\/a> <a href=\"http:\/\/happyschnitzel.com\/?p=7448\" target=\"_blank\">Frauen<\/a> sind, die mir sehr am Herzen liegen und bei denen ich das nicht mal ahnte, schmerzt mich besonders.<\/p>\n<p>Viele der Tweets schieben erwartungsgem\u00e4\u00df den Opfern die Schuld zu: Sie m\u00fcssen sich halt wehren, nicht zulassen, Widerstand bieten, Grenzen aufzeigen. (Jede und jeder ist im Leben schon mal Opfer geworden, in jedem Moment, in dem \u00fcber ihn oder sie verf\u00fcgt wurde.) Abgesehen davon, dass unser Raum-Zeit-Kontinuum unm\u00f6glich macht, einen sexuellen \u00dcbergriff post factum durch die genannten Ma\u00dfnahmen zu verhindern und er dann schon f\u00fcrs Leben gezeichnet haben kann: Die ungeheure Vielzahl und Vielfalt der \u00dcbergriffe belegen ein strukturelles Problem &#8211; selbst wenn man die #Aufschrei-Erlebnisse streicht, die vielleicht Ermessenssache sind, bleiben genug \u00fcbrig.<\/p>\n<p>Das ist ein erster wichtiger Schritt, den diese Ver\u00f6ffentlichung auf Twitter darstellt: Sichtbar machen, nicht mehr dar\u00fcber hinweggehen, weil man sich als Opfer sch\u00e4mt, sondern aushalten, die humorlose Spa\u00dfbremse zu sein. Unter #Aufschrei tauchen (neben erwartbarer Trollerei, die in diesem konkreten Fall allerdings n\u00fctzt, weil sie das Problem belegt) immer wieder Tweets vor allem von M\u00e4nnern auf, sie seien sich des Ausma\u00dfes nicht bewusst gewesen. <\/p>\n<p>Und jetzt? Zun\u00e4chst mal: Weiterhin zuh\u00f6ren und lesen, nachfragen. Und dann bitte nicht einfach im Verhalten der Opfer suchen, wodurch sie wohl diese Angriffe ausgel\u00f6st haben. Es ist belegterma\u00dfen keineswegs so, dass selbstbewusstes Auftreten vor Attacken sch\u00fctzt. In einer Vielzahl von F\u00e4llen war es nach Aussagen der T\u00e4ter genau dieses Auftreten, das einen \u00dcbergriff ausgel\u00f6st hat: &#8220;Der arroganten Bitch werde ich schon noch Benehmen beibringen.&#8221;<\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich m\u00fcssen T\u00f6chter best\u00e4rkt werden sich zu wehren. Was unter anderem deswegen schwierig ist, da die Konsumgesellschaft M\u00e4dchen und Frauen weiterhin idealerweise in der passiven Rolle der H\u00fcbschen, Begehrten, Angeschw\u00e4rmten sieht: Wem Anerkennung von au\u00dfen und f\u00fcr \u00c4u\u00dferlichkeiten als Lebensziel eingepr\u00e4gt wird, hat ziemliche Schwierigkeiten abzusch\u00e4tzen, ab wann diese Anerkennung in Grenz\u00fcberschreitung umschl\u00e4gt.<br \/>\nAber k\u00f6nnten wir dar\u00fcber sprechen, dass Buben auch beigebracht werden muss, dass sie Grenzen zu respektieren haben? Oder protestieren dann bereits all die l\u00e4ngst widerlegten Bildungsapokalyptiker, die Buben schon heute in einem beruflich von Frauen gepr\u00e4gten Kindergarten- und Grundschulwesen ohnehin benachteiligt und zu Verweiblichung gezwungen sehen?<\/p>\n<p><b>tl;dr<\/b> Der Umstand, dass manche Frauen nicht sexuell bel\u00e4stigt und diskriminiert werden, belegt nicht, dass bel\u00e4stigte Frauen selbst an Angriffen und Diskriminierung schuld sind.<br \/>\n&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<br \/>\nWeitere Leseempfehlungen zum Thema (Stand Samstagmorgen):<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.journelle.de\/2611\/danke-aufschrei\/\" target=\"_blank\">Journelle: Danke #aufschrei<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/frau-dingens.de\/?p=1976\" target=\"_blank\">Frau dingens: Ich habe keine Worte&#8230;<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/antjeschrupp.com\/2013\/01\/25\/wie-lappalien-relevant-werden\/\" target=\"_blank\">Antje Schrupp: Wie Lappalien relevant werden<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/diemutti.tumblr.com\/post\/41429345099\/zwischen-arschklaps-und-aufschrei-sexismus-und-kram\" target=\"_blank\">Die Mutti: Zwischen Arschklaps und #Aufschrei &#8211; Sexismus und Kram. Ein Meinungsbild.<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.littlejamie.com\/index.php?id=1094\" target=\"_blank\">Littlejamie: Ohne Worte. Ein #aufschrei<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/e13.de\/2013\/01\/25\/hort-auf-damit\/\" target=\"_blank\">Kiki: H\u00f6rt auf damit!<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/natalie.springhart.de\/wp\/blog\/2013\/01\/25\/aufschrei-argumente\/#more-516\" target=\"_blank\">natalie: Aufschrei-Argumente<\/a> (Natalie nimmt die bislang h\u00e4ufigsten Gegenargumente zur #Aufschrei-Aktion auseinander, von &#8220;Frauen, wehrt euch doch, macht euch nicht selbst zu Opfern!&#8221; \u00fcber M\u00e4nnerhass bis &#8220;Eure Definition von sexueller Bel\u00e4stigung\/Sexismus ist albern&#8221;) <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ssl-vg03.met.vgwort.de\/na\/77f0e958aa42417fa39d6fa62923353d\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als junge Frau hatte ich mich ein paar Jahre lang vom Feminismus entfernt. 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