{"id":15393,"date":"2013-01-28T12:30:12","date_gmt":"2013-01-28T11:30:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=15393"},"modified":"2013-01-28T16:17:22","modified_gmt":"2013-01-28T15:17:22","slug":"confession-time-aufschrei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2013\/01\/confession-time-aufschrei.htm","title":{"rendered":"Confession time: #Aufschrei"},"content":{"rendered":"<p>Ich bin kein Opfer ich bin kein Opfer ich bin kein Opfer ich bin kein Opfer ich bin kein Opfer &#8211; diese essenzielle Selbstdefinition funktioniert auch bei mir. Hey, ich gehe auch mal in einer milden Sp\u00e4tsommernacht allein quer durch den Englischen Garten, wenn das eine Abk\u00fcrzung auf meinem Heimweg ist und ich mich auf die Ger\u00fcche und weiten Blicke dort freue!<br \/>\nHatte ich nicht gerade erst geschrieben, dass ich Bel\u00e4stigungen praktisch nicht kenne? Das h\u00e4tte mir so gepasst, vor allem h\u00e4tte es zu meinem Selbstbild als starke, selbstbestimmte Frau gepasst. Nur dass mir bereits als ich den &#8220;Ver\u00f6ffentlichen&#8221;-Knopf zum vorigen Text klickte, sehr wohl etwas einfiel, was ich wohl weit weg geschoben hatte. Weil mir sowas doch nicht passiert. Und selbst jetzt h\u00e4tte ich es fast nicht aufgeschrieben: Unangenehm, nicht wichtig genug, Bagatelle, aber vor allem &#8211; da war ich doch selbst schuld.<\/p>\n<p>Als 25-j\u00e4hrige Studentin jobbte ich auf einem kleinen Filmfestival: Ich sollte einen \u00e4lteren Regisseur aus einem lateinamerikanischen Land betreuen; wahrscheinlich hatte den Ausschlag gegeben, dass ich flie\u00dfend Spanisch und Englisch sprach. So begleitete ich ihn, dolmetschte, besorgte, organisierte, unterhielt mich viel mit ihm. Der Herr war sehr galant und wurde immer galanter: Er bat mich um meine Meinung zu Fachthemen, sorgte daf\u00fcr, dass ich besonders interessante Menschen aus seiner Bekanntschaft kennenlernte, erz\u00e4hlte von seiner ber\u00fchmten Familie, machte mir Komplimente, bemerkte kleine Details (&#8220;Oh, du hast heute ganz kurze Fingern\u00e4gel.&#8221;), bat mich um Rat beim Aussuchen der Mitbringsel f\u00fcr seine Frau, eine in seinem Heimatland bekannte Fernsehpers\u00f6nlichkeit. Ich f\u00fchlte mich geschmeichelt und dachte noch: &#8220;Ah, so macht also ein Herr der alten Schule jemandem den Hof.&#8221;<\/p>\n<p>An einem Tag regte er an, ob wir nicht mittags im chinesischen Lokal um die Ecke Essen gehen wollten. Ich war bereits etwas irritiert, als er sich direkt neben mich setzte und f\u00fchlte mich augenblicklich befangen und unwohl. Dann legte er auch noch den Arm um mich &#8211; ich versteinerte. Doch er begann auch noch mich zu k\u00fcssen, ich sch\u00fcttelte mich innerlich vor Ekel. Dennoch sprang ich (wir erinnern uns: eine selbstbestimmte, eigenst\u00e4ndige Frau) keineswegs sofort best\u00fcrzt auf und lief weg. Statt dessen schob ich mich ganz vorsichtig weg und entwand mich unter einem h\u00f6flichen Vorwand seinen Arm &#8211; auch wenn in mir alles schrie. Ich war mit der Situation v\u00f6llig \u00fcberfordert: Zum einen arbeitete ich ja f\u00fcr ihn, und zum anderen f\u00fcrchtete ich ernsthaft ihn zu verletzen. Ich redete mir ein, ich sei als junge Frau in der \u00fcberlegenen Position und k\u00f6nnte den grauhaarigen Herren durch eine Abfuhr kr\u00e4nken. Wie das Mittagessen endete, wei\u00df ich nicht mehr, meine Scham hat alles weitere ausgeblendet.<\/p>\n<p>Nein, das erz\u00e4hlte ich danach niemandem. Ich machte nur ein paar Andeutungen in der Richtung, dass der Herr mich schon sehr umworben habe. Denn ich war ja wohl ganz klar selbst schuld gewesen, hatte mich zun\u00e4chst von seinen Komplimenten geschmeichelt gef\u00fchlt. Wenn ich schon die ersten Aufmerksamkeiten abgewiesen h\u00e4tte, so war ich \u00fcberzeugt, h\u00e4tte er sich mir nicht weiter gen\u00e4hert.<br \/>\nSie merken vielleicht, meine Herren, woher die schroffe Reaktion mancher Frau bereits auf ganz schlichte Komplimente kommen kann: Sie hat m\u00f6glicherweise \u00c4hnliches erlebt und sch\u00fctzt sich in der Folge schon ganz weit im Vorfeld vor einer Wiederholung. Weil sie \u00fcberzeugt ist, dass sie selbst die Grenz\u00fcberschreitung herbeigef\u00fchrt hat.<\/p>\n<p>Heute ist mir klar, dass nichts an des Mannes damaliger Grenz\u00fcberschreitung freundlich oder aufmerksam war. Unklar ist mir, was er sich blo\u00df dabei gedacht haben mag.<\/p>\n<p>Doch auch jetzt, 20 Jahre nach dem Vorfall, ist er MIR peinlich. Fast h\u00e4tte ihn auch hier nicht erz\u00e4hlt. <del>(Sooo schlimm war&#8217;s ja auch nicht.)<\/del> <del>(Ist ja auch gar nichts passiert.)<\/del> <del>(Und au\u00dferdem war ich doch eigentlich selbst schuld.)<\/del><\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Oder leider auch vor erst einem Jahr: Die beiden M\u00e4nner auf der Bank an der Isar, die mich heranjoggen sahen und dann feixend mit den H\u00e4nden vor ihrer eigenen Brust die Bewegung meiner Br\u00fcste beim Laufen imitierten.<br \/>\nIch hielt an und erkl\u00e4rte den beiden M\u00e4nner in einfachen Worten aber ausf\u00fchrlich, warum dieses Benehmen komplett unangemessen war und wie sehr sie damit nicht nur mich, sondern auch sich selbst herabsetzten. Sie wurden im Lauf meiner Ausf\u00fchrungen immer ernster und stiller. Bevor ich weiterlief, versprachen sie mir, das nie, nie wieder zu tun.<\/p>\n<p>HA. HA. Weil die K\u00fche so sch\u00f6n fliegen.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich br\u00fcllte und fuchtelte ich sie im Vorbeilaufen unfl\u00e4tig an. Was das Feixen der M\u00e4nner nur verst\u00e4rkte. (Tja, schlie\u00dflich hatte meine Mutter mich doch angewiesen, Provokationen zu ignorieren statt sie durch meine Reaktion auch noch aufzuwerten. Mein Impuls war aber, meine schlagartige hei\u00dfe Wut dringend rauszulassen.) Doch ich habe bis heute niemandem von dem Vorfall erz\u00e4hlt. Auch wenn ich jedesmal daran denke, wenn ich an dieser Bank vorbeilaufe. Weil ICH mich sch\u00e4me.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Um mein Selbstbild als Herrin \u00fcber mein Geschick zurechtzur\u00fccken, und zu beweisen, wie selbstbestimmt ich bin, gebe ich hiermit gleich mal eigene Grenz\u00fcberschreitungen zu; eine Zeit lang war ich n\u00e4mlich zu meiner heutigen Besch\u00e4mung stolz darauf, selbst ganz gut den Macho geben zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>In meinem Berufsteam gab es einen besonders attraktiven (und zudem sympathischen) Mitarbeiter. Gerade im internationalen Firmennetz fiel auf, dass Kolleginnen seine Aufmerksamkeit suchten, ihn zum Beispiel versuchten zu einem Auslandseinsatz bei ihnen zu \u00fcberreden. Und mir als seiner Chefin fiel nichts Besseres ein, als ihn deshalb als &#8220;unser Coca-Cola Boy&#8221; zu titulieren. (Au\u00dferdem f\u00fcrchte ich, habe ich in seiner Gegenwart einmal zu Dritten eine anerkennende Bemerkung \u00fcber seinen Po gemacht.)<br \/>\nDas tut mir heute sehr leid.<\/p>\n<p>Zudem ist mir heute klar, dass ich <a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2009\/12\/dirty-old-woman.htm\" target=\"_blank\">bei dieser Begebenheit<\/a> zurecht ein schlechtes Gef\u00fchl hatte: Ich hatte den jungen Mann aus reiner Witzelsucht in Verlegenheit gebracht. Das geh\u00f6rt sich nicht.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p><i>Nachtrag: Seit vergangenem Wochenende gibt es eine Sammel-Site f\u00fcr diese Geschichten: <a href=\"http:\/\/alltagssexismus.de\/\" target=\"_blank\">alltagssexismus.de<\/a> Damit niemand mehr von Einzelf\u00e4llen sprechen kann.<\/i> <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ssl-vg03.met.vgwort.de\/na\/5dd88d6672ac4cbf8100d5aa3d7b9a68\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich bin kein Opfer ich bin kein Opfer ich bin kein Opfer ich bin kein Opfer ich bin kein Opfer &#8211; diese essenzielle Selbstdefinition funktioniert auch bei mir. 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