{"id":1567,"date":"2006-09-14T11:28:23","date_gmt":"2006-09-14T09:28:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2006\/09\/happy-clappy-in-der-frankischen-diaspora.htm"},"modified":"2006-09-14T11:28:23","modified_gmt":"2006-09-14T09:28:23","slug":"happy-clappy-in-der-frankischen-diaspora","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2006\/09\/happy-clappy-in-der-frankischen-diaspora.htm","title":{"rendered":"Happy Clappy in der fr\u00e4nkischen Diaspora"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" id=\"image1566\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/happy_clappy_1982.jpg\" alt=\"happy_clappy_1982.jpg\" \/><\/p>\n<p>(1982. Ich habe den Herrn rechts lieber mal anonymisiert; ich wette, er schaut heute noch genau so aus und w\u00e4re wiedererkennbar.)<\/p>\n<p>Wie so viele Religionsgegner habe ich <a href=\"http:\/\/www.kritische-masse.de\/blog\/item\/1510#c\" target=_new>eine religi\u00f6se Vergangenheit<\/a>. Und zwar ziemlich aktiv. Das Foto oben zeigt mich bei einer dieser Aktivit\u00e4ten: Im Alter von 15 bis 17 tingelte ich sonntags mit einer Kirchenklampfenband \u00fcber vor allem fr\u00e4nkische D\u00f6rfer und machte Musik. Dauerhafte Folge: Ich kenne mich in der katholischen Liturgie aus (das Drehbuch f\u00fcr katholische Zeremonien). Und ich kriege Krampfanf\u00e4lle beim Erklingen \u00f6kumenischer Gassenhauer wie \u201eIns Wasser f\u00e4llt ein Stein\u201c oder \u201eLiebe ist nicht nur ein Wort\u201c (Sie kennen Michael Mittermeiers \u201eKumbaya\u201c-Nummer?).<\/p>\n<p>Im Nachhinein wei\u00df ich ja auch nicht so recht, wie ich da mit 15 reingeraten bin. Einflussfaktoren, die mir einfallen:<br \/>\n&#8211; Ich war bei den Pfadfindern meiner Pfarrei, und der Bassist sowie der Gitarrist der Band waren Pfadfinder eines befreundeten Stammes \u2013 doch, das hei\u00dft so.<br \/>\n&#8211; Der Leiter der Band war Pater bei den \u00f6rtlichen Redemptoristen und Religionslehrer in meiner Schule. Seinem Kloster war ein Internat angeschlossen, in dem regelm\u00e4\u00dfig Besinnungstage f\u00fcr Jugendliche stattfanden, an denen wiederum ich mit Freundinnen teilnahm. Au\u00dferdem rekrutierte die Band aus dem Internat den Schlagzeuger, einen hin-und-wieder Saxofonisten sowie die Knabenschola.<br \/>\n&#8211; Ich war in den Keyboarder verliebt, der zwei Klassen h\u00f6her in dieselbe Schule wie ich ging (nicht der Herr auf dem Foto links; das ist mein damaliger Griechisch-Nachhilfelehrer).<br \/>\n&#8211; Der Redemptoristenpater hatte mich als Querfl\u00f6tistin und S\u00e4ngerin hinzugebeten.<br \/>\n&#8211; F\u00fcr meine superbeh\u00fcteten Ohren klangen \u201eBandprobe\u201c und sonnt\u00e4gliche Fahrten auf die D\u00f6rfer nach verlockenden Abenteuern. (Nie vergessen: I was <i>born<\/i> uncool.)<\/p>\n<p>Mit unserer Musik mischten wir kleine Landgemeinden auf, viele davon im diasporischen, weil \u00fcberwiegend evangelischen Franken. In den meisten waren bis in die 80er Jahre noch nie Jugendgottesdienste gehalten worden. Wir spielten immer zur besten Sendezeit, sprich vormittags zur Sonntagsmesse. In meiner Erinnerung waren diese Kirchen allesamt barock, unbeheizt und eine akustische Katastrophe. \u201eNicht zu laut!\u201c war der wichtigste Hinweis des Pfarrers, weswegen das Schlagzeug ausschlie\u00dflich mit Besen bedient wurde. Im Anschluss luden uns entweder der Pfarrer oder Gemeindemitglieder zum Mittagessen ein; es gab immer Schweinsbraten mit Gl\u00f6\u00df (fr\u00e4nkisch f\u00fcr \u201eKn\u00f6del\u201c).<\/p>\n<p>Doch erst mal mussten wir ja in die zu beschallenden Gemeinde kommen. Da keiner von uns Musikanten ein Auto hatte, fuhren wir gemeinsam im VW-Bus des Internats, der Pater am Steuer. Der Mann hatte m\u00f6glicherweise seinen F\u00fchrerschein in der Weihnachtslotterie des Vatikans gewonnen, fuhr auf jeden Fall wie eine gesengte Wildsau. Eine Mitfahrt auf dem vorderen Mittelsitz war eine echte Mutprobe: Da ein VW-Bus keine Motorhaube hat, sah man der Sto\u00dfstange des Vorderwagens, der knapp verpassten Hauswand, der Leitplanke, kurz: dem Tod direkt ins Auge. Zudem betete der Pater gerne mit uns weiteren Insassen w\u00e4hrend der Fahrt Rosenkranz oder hob zu singen an, die meiste Zeit mit Blick nach hinten, um seinen Mitfahrern herzerfrischend und beseelt zuzul\u00e4cheln. Ich hatte auf jeder Fahrt die Vision einer himmlischen GSG9 aus gepanzerten Engeln, die losgeschickt wurde, sobald sich der VW-Bus in Bewegung setzte. Anders konnte ich mir nicht erkl\u00e4ren, dass der Pater nie verunfallte.<\/p>\n<p>In der Gastkirche angekommen, bauten wir zusammen \u201edie Anlage\u201c auf; Strom gab\u2019s meistens aus der Sakristei (der Umkleide). Bei dieser Gelegenheit entdeckte ich meine Begabung, \u00fcber Kabel zu stolpern, selbst wenn ich sie selbst gezogen hatte. Was schlecht war, denn diese Kabel waren teuer. Als mein Vater, Elektriker und damit Kabel-Heavy-User, erfuhr, wie viel diese Anlagenkabel kosteten, war er sicher, dass man uns \u00fcber den Tisch zog. Er lie\u00df sich von mir eines mitbringen, besorgte meterweise Billigkabel sowie Stecker und baute uns welche nach. In der darauf folgenden Jugendmesse, ich glaube im idyllischen Ro\u00dftal, lernten wir dann alle, warum die Kabel sonst so teuer waren: Die handgemachten spielten uns Radiosender auf unsere Verst\u00e4rker. Wir traten an diesem Sonntag lieber <i>unplugged<\/i> auf (und wussten noch nicht mal, dass das so hie\u00df).<\/p>\n<p>Ein paar Mal nahm mich der Pater auch einzeln zu so genannten Besinnungsabenden in irgendwelche entlegenen Gemeindeh\u00e4user mit, bei denen ich ihn und seine Wandergitarre mit Fl\u00f6te und Stimme unterst\u00fctzte. Wenn ich mich recht erinnere, versuchte ich ihn auf einer dieser Fahrten zu einer Auseinandersetzung mit der Rolle der Frau in der katholischen Kirche zu bringen. Doch bereits meine Beobachtung, dass den Frauen in der Kirche nur die Drecksjobs \u00fcberlassen w\u00fcrden und keine in irgend einer Weise entscheidende Position, brachte ihn derart aus der Fassung, dass ich es bleiben lie\u00df.<\/p>\n<p>Mein Engagement in Sachen Happy Clappy tr\u00f6pfelte aus, als ich zum einen aufs Abitur zusteuerte, zum anderen Mitglied eines sehr r\u00fchrigen Jugendchores wurde.<\/p>\n<p><i>(\u201eMehr Respekt vor Gott\u201c, h\u00f6rte ich Dr. Joseph Ratzinger am Sonntag in der TV-Berichterstattung fordern, als ich nicht flink genug wegschaltete. Diese Forderung ist zwar genau sein Job, aber: Wie bitte? Den Herren, die am 11.9.2001 fast 3000 Menschen im World Trade Center ermordeten, fehlte es sicher nicht am Respekt vor Gott. Auch nicht den IRA-Bombern, den Bahn-Attent\u00e4tern vor zwei Jahren in Madrid, der italienischen Mafia oder George W. Bush. Vielleicht muss man ja wie ich ungl\u00e4ubig sein, um in erster Linie mehr Respekt vor den Menschen einzufordern?)<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(1982. Ich habe den Herrn rechts lieber mal anonymisiert; ich wette, er schaut heute noch genau so aus und w\u00e4re wiedererkennbar.) Wie so viele Religionsgegner habe ich eine religi\u00f6se Vergangenheit. Und zwar ziemlich aktiv. 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