{"id":15708,"date":"2013-03-02T13:56:19","date_gmt":"2013-03-02T12:56:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=15708"},"modified":"2013-03-04T21:06:14","modified_gmt":"2013-03-04T20:06:14","slug":"warum-ich-studiengebuhren-befurworte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2013\/03\/warum-ich-studiengebuhren-befurworte.htm","title":{"rendered":"Warum ich Studiengeb\u00fchren bef\u00fcrworte"},"content":{"rendered":"<p>Das Kraut ist bereits ausgesch\u00fcttet, in Deutschland sind Studiengeb\u00fchren nahezu komplett abgeschafft. Den Weg zu dieser Abschaffung habe ich mit gro\u00dfer Verwunderung beobachtet.<\/p>\n<p>Das Hauptargument der Studiengeb\u00fchrengegner lautet: Studiengeb\u00fchren stellen eine gesellschaftliche Ungerechtigkeit dar, da die Kinder von Wohlhabenden sie leichter aufbringen k\u00f6nnen als die Kinder von Menschen mit wenig Geld.<br \/>\nIch halte dagegen: Mit Studiengeb\u00fchren kommen diejenigen (zumindest zum Teil) f\u00fcr die Kosten der Universit\u00e4t auf, die sp\u00e4ter vom Studium am meisten profitieren. Ohne Studiengeb\u00fchren hingegen zahlen alle gleich viel daf\u00fcr, auch die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung, die nie davon profitieren wird.<\/p>\n<p>Dagegen k\u00f6nnte man argumentieren, dass von einem h\u00f6heren Bildungsdurchschnitt auch wieder die gesamte Bev\u00f6lkerung profitiert. Aber dann m\u00fcsste unter anderem auch die Ausbildung zum Handwerksmeister von der Gesamtbev\u00f6lkerung getragen werden. Und komme mir bitte keiner mit den h\u00f6heren Steuern, die Akademiker sp\u00e4ter aufgrund ihres h\u00f6heren Einkommens in die Gemeinschaftskasse zur\u00fcckzahlen: Das verdr\u00e4ngt unter anderem all die Akademikerinnen, gerne auch promoviert, die sich sp\u00e4ter aus der biologischen Kurve tragen lassen und ihren Platz bei ihren Kindern sehen, die h\u00f6chstens noch ein wenig nebenher arbeiten. (Eine Gesamtkostenrechnung, die eine belastbare Prognose zul\u00e4sst, ob diese Kinder wiederum jemals irgendetwas zur Rentensicherheit beitragen werden, ist wegen Komplexit\u00e4t der Einflussfaktoren unm\u00f6glich.)<\/p>\n<p>Grunds\u00e4tzlich f\u00fchrt die Diskussion auf die Frage zur\u00fcck, f\u00fcr welche Annehmlichkeiten unsere Gesellschaft den Staat in der Pflicht sieht (also welche die Gesamtgemeinschaft zahlen soll). Und f\u00fcr welche Annehmlichkeiten allein die Nutznie\u00dferinnen aufkommen sollen. Eine erste Stoffsammlung l\u00e4sst keine Systematik erkennen.<\/p>\n<p>Autobahnen zum Beispiel zahlt die Gesamtgemeinschaft, auch ich als autolose Steuerzahlerin. Paradoxerweise kostet lediglich der Teil des Autobahnverkehrs Maut, von dem wieder die Gesamtgemeinschaft profitiert: Der G\u00fcterverkehr (nein, die Banane und der Biohonig sind nicht zu Fu\u00df in Ihr Supermarktregal gewandert, auch nicht das im Internet bestellte Doppelbett zu Ihnen nach Hause).<br \/>\nAndere Annehmlichkeiten wie das Hallenbad und Opern oder Theater zahlt die Gesamtgemeinschaft zwar zum gr\u00f6\u00dften Teil, doch sie kosten zus\u00e4tzlich eine Nutzungsgeb\u00fchr, &#8220;Eintritt&#8221; genannt. Und genau solch eine Nutzungsgeb\u00fchr halte ich auch bei Universit\u00e4ten f\u00fcr angemessen (den allerallergr\u00f6\u00dften Teil der Hochschulkosten zahlt ja immer noch die Gesamtgemeinschaft).<\/p>\n<p>Eher gef\u00fchlt und wenig belegbar ist eine weitere Funktion der Studiengeb\u00fchren: Die F\u00f6rderung der Wertsch\u00e4tzung f\u00fcr die Leistungen der Universit\u00e4t. Was nichts kostet, wird nicht wertgesch\u00e4tzt. Schon vor fast 20 Jahren, als ich mich einige Zeit auf der Dozentinnenseite einer Universit\u00e4t befand, blieb mir immer wieder die Luft weg, wie nebens\u00e4chlich manche Studentinnen dieses Uni-Dings behandelten: Da war zum Beispiel die Studentin, die um Aufschub f\u00fcr die Abgabe ihrer Hausarbeit bat, weil sie nach Ende des anstrengenden Semesters erst mal in den Urlaub fahren wollte.<br \/>\nEbenso lediglich anekdotisch sind die Aussagen von aktuellem Universit\u00e4tspersonal, die Studierenden tr\u00e4ten inzwischen durchaus mit der Anspruchshaltung auf: Schlie\u00dflich haben wir daf\u00fcr bezahlt. (Ausnahmsweise ein Link zu einem Kommentar beim LSR-Schmarotzer <i>SZ<\/i>: &#8220;<a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/bildung\/nachruf-auf-die-studiengebuehren-welch-eine-verschwendung-1.1610885-2\" target=\"_blank\">Sparen am falschen Ende des Bildungssystems<\/a>&#8220;.)<\/p>\n<p>In der j\u00fcngsten Diskussion um Studiengeb\u00fchren in Deutschland fehlte mir eine Aufstellung, was denn in den vergangenen Jahren von den Studiengeb\u00fchren bezahlt wurde. Allgemein hie\u00df es immer wieder:<br \/>\n&#8211; l\u00e4ngere Bibliotheks\u00f6ffnungszeiten<br \/>\n&#8211; Tutoren und Tutorinnen<br \/>\n&#8211; Studiengangsberaterinnen<br \/>\nLetzteres weist bereits auf das Problem hin, die Auswirkungen der Studiengeb\u00fchren zu belegen: Sie wurden nahezu zeitgleich mit der Bologna-Umstrukturierung eingef\u00fchrt &#8211; die zum Beispiel Studiengangsberaterinnen erst n\u00f6tig machte. (Ich konnte ja damals einfach ins Pr\u00fcfungsamt gehen um herauszufinden, welche Scheine ich f\u00fcr meinen Magister brauchte.) Ebenso fehlt mir eine Analyse, ob sich die Zusammensetzung der Studierenden nach famili\u00e4rem Hintergrund durch die Einf\u00fchrung von Studiengeb\u00fchren ver\u00e4ndert hat. Auch das machen die massiven und zeitgleichen Ver\u00e4nderungen durch den Bologna-Prozess vermutlich unm\u00f6glich.<\/p>\n<p>Ein Mangel allerdings emp\u00f6rte mich seit der Einf\u00fchrung von Studiengeb\u00fchren: Es fehlten und fehlen Finanzierungsmodelle. Ich hatte Studiengeb\u00fchren Anfang der 90er in Gro\u00dfbritannien kennengelernt, gleichzeitig aber die Methoden sicherzustellen, dass jede sie sich leisten konnte: Spezielle Kreditangebote der Banken, zudem Stipendien aller Art \u2013 von Stipendien f\u00fcr Kinder von Einkommensschwachen der <i>counties<\/i> (die alle daran interessiert waren, dass m\u00f6glichst viele ihrer Einwohner an einen Hochschulabschluss kamen) \u00fcber Stipendien der einzelnen Unis f\u00fcr besonders leistungsstarke Bewerberinnen bis zu Stipendien von F\u00f6rdergesellschaften aller Art. Das Fehlen solcher Strukturen in Deutschland machte es den Studiengeb\u00fchrgegnern einfach, die Geb\u00fchren als individuell ungerecht darzustellen.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Wie anscheinend alle <a href=\"http:\/\/scienceblogs.de\/primaklima\/2013\/03\/01\/studiengebuhren-ein-nachruf\/\" target=\"_blank\">Bef\u00fcrworter<\/a> und Bef\u00fcrworterinnen der Studiengeb\u00fchren dr\u00e4ngt es mich, meinen eigenen Werdegang zur Akademikerin offenzulegen \u2013 vermutlich versuchen wir alle, einer <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Ad_hominem\" target=\"_blank\">unzul\u00e4ssigen Argumentation <i>ad hominem<\/i><\/a> vorzubeugen: Nein, wir verteidigen hier nicht insgeheim irgendwelche Privilegien, von denen nur Leute wie wir profitieren.<\/p>\n<p>Ich bin das Kind einer <a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2004\/04\/dampfnudeln-nach-fremdarbeiterinnen-art.htm\" target=\"_blank\">Zwangsarbeitertochter<\/a> und eines <a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2008\/11\/ein-gastarbeiter-kommt-an.htm\" target=\"_blank\">Gastarbeiters<\/a>, beide in ihren Familien die erste Generation, die Lesen und Schreiben gelernt hatte. Beide aber auch mit hohen Bildungsidealen und Ehrgeiz. Ich strahlte wohl von klein auf die richtige Mischung aus aufgeweckt und systemkonform aus, so dass im Bildungssystem niemand meine Eignung f\u00fcr Gymnasium und Studium anzweifelte und ich <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2013\/05\/Arbeiterkind-Schulsystem-Aufstieg\/komplettansicht\" target=\"_blank\">nicht gegen Vorurteile ank\u00e4mpfen musste<\/a>. Studiert habe ich nach einer Berufsausbildung komplett eigenfinanziert: Meine Eltern zahlten meine Wohnungsmiete, und meinen Lebensunterhalt erarbeitete ich unter anderem in meinem erlernten Beruf als Zeitungs- und Rundfunksredakteurin. Ich kam nie auf die Idee Stipendien zu beantragen, da ich glaubte, sie seien etwas f\u00fcr Bed\u00fcrftige. (Und Baf\u00f6g-Antr\u00e4ge waren mir zu m\u00fchsam: In der Zeit ging ich lieber Geldverdienen.) <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ssl-vg03.met.vgwort.de\/na\/677e7f9f09f04c36a09fca7e25d94a93\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Kraut ist bereits ausgesch\u00fcttet, in Deutschland sind Studiengeb\u00fchren nahezu komplett abgeschafft. Den Weg zu dieser Abschaffung habe ich mit gro\u00dfer Verwunderung beobachtet. Das Hauptargument der Studiengeb\u00fchrengegner lautet: Studiengeb\u00fchren stellen eine gesellschaftliche Ungerechtigkeit dar, da die Kinder von Wohlhabenden sie leichter aufbringen k\u00f6nnen als die Kinder von Menschen mit wenig Geld. 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