{"id":1594,"date":"2006-09-29T18:57:30","date_gmt":"2006-09-29T16:57:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2006\/09\/apfel.htm"},"modified":"2007-08-16T08:58:38","modified_gmt":"2007-08-16T06:58:38","slug":"apfel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2006\/09\/apfel.htm","title":{"rendered":"\u00c4pfel"},"content":{"rendered":"<p>Ich hatte zu Schulzeiten eine Freundin, Fanni (von Franziska), deren Vater Hobby-Pomologe war; von ihr lernte ich auch das Wort. Ihn selbst, einen apfelrunden, kleinen Mann, der immer in Arbeitskleidung zu stecken schien, kannte ich nur vom Sehen bei kurzen Begegnungen, wenn ich diese Freundin von Zuhause abholte, aber Fanni erz\u00e4hlte oft von seiner Leidenschaft f\u00fcr den Obstanbau. Mit gewissem Groll einerseits: Fannis Vater besa\u00df im Niederbayrischen Obstg\u00e4rten (\u201eObstplantagen\u201c nannte Fanni sie) und spannte seine ganze Familie zu deren Pflege ein. So stand Fanni wochenends nur selten f\u00fcr Verabredungen zur Verf\u00fcgung, da sie, ihre Mutter und ihre beiden Geschwister dann nach Niederbayern fuhren, um die B\u00e4ume und B\u00fcsche zu versorgen oder das Obst zu ernten.<\/p>\n<p>Doch sie sprach auch mit gro\u00dfer Bewunderung von dem Hobby ihres Vaters: Er sammelte n\u00e4mlich alte Obstanbaub\u00fccher, nicht nur wegen des darin enthaltenen Wissens um die Pomologie, sondern auch wegen der begehrten Abbildungen. Die alten Stiche bringen wohl als Einzelbl\u00e4tter sehr viel Geld ein, weswegen sie oft aus den B\u00fcchern geschnitten und einzeln verh\u00f6kert werden. Sein Ziel aber war es, die alten B\u00fccher im Originalzustand zu retten. Auch f\u00fcr diese Seite seiner Leidenschaft spannte Franziskas Vater die ganze Familie ein: Er schickte sie in ganz Europa auf Auktionen. Da er f\u00fcr die Bahn arbeitete, versorgte er seine drei Kinder und seine Frau mit Freifahrscheinen, und so kam Fanni schon im Teenageralter unter anderem regelm\u00e4\u00dfig zu Sotheby\u2019s in London. Auch wenn sie dabei von ihrer drei Jahre \u00e4lteren Schwester begleitet wurde, waren das nat\u00fcrlich richtige Abenteuer, von denen sie gerne erz\u00e4hlte: Wie sie es sich in \u201eSchlumpfklamotten\u201c im Nachtzug bequem machten (Schlafwagen waren viel zu teuer), auf die F\u00e4hre \u00fcber den Kanal umsteigen mussten, sich in den letzten Stunden vor London noch mal mit dem Auktionskatalog und den vom Vater markierten St\u00fccken vertraut machten. Wie sie sich bei Sotheby\u2019s in Birkenstock und Jogginghose (die seligen 80er) ihre Auktionsnummer auf Schildchen abholten und sich zwischen all die edel gekleideten anderen Steigerer stellten, um bis zum vom Vater vorgegebenen H\u00f6chstgebot mitzusteigern \u2013 mal mit Erfolg, mal ohne. Wie sie nur wenige Stunden eher ziellos in London herumspazierten \u2013 Geld f\u00fcr Am\u00fcsements hatten sie ja keines \u2013 um sich bald wieder in den Zug zur\u00fcck nach S\u00fcddeutschland zu setzen.<\/p>\n<p>Fannis Vater wurde wohl mit der Zeit eine bekannte Koryph\u00e4e auf dem Gebiet der alten pomologischen B\u00fccher und stand in Korrespondenz mit anderen Aficionados auf der ganzen Welt.<\/p>\n<p>Von ihr lernte ich auch das Wort \u201eDesiderata\u201c f\u00fcr die Liste mit B\u00fcchern, nach denen ihr Vater noch suchte (leider konnte ich bislang den Mitbewohner noch nicht dazu bringen, seine Suchliste mit alten Superhelden-Comics auch so zu nennen). Diese trug sie bis zum Tod ihres Vaters vor einigen Jahren bei jeder Reise mit sich, um sich pflichtgem\u00e4\u00df in weniger bekannten Antiquariaten nach den B\u00fcchern zu erkundigen. Mittlerweile habe ich keinen Kontakt mehr zu ihr; ich w\u00fcsste gerne, was aus diesem Pomologenschatz geworden ist.<\/p>\n<p>Einmal traute ich mich, den stets finster dreinblickenden Fanni-Vater direkt anzusprechen: Ich hatte w\u00e4hrend meines Studienjahres in Wales <a href=\"http:\/\/www.bramleyapples.co.uk\/\" target=_new>Bramley-\u00c4pfel<\/a> entdeckt und mich f\u00fcr sie begeistert. Zum einen wegen ihres seltsamen Aussehens (wie gigantische Granny-Smith-\u00c4pfel, aber platt gedr\u00fcckt), zum anderen wegen der Tatsache, dass ihr Fruchtfleisch bei Erhitzen innerhalb einer Minute zu leckerem Mus wurde. Und als ich Fanni mal wieder besuchte, fragte ich ihren Vater, ob er in seinen Obstplantagen denn auch Bramleys habe. \u201eJo freili\u201c, bekam ich beschieden. Ich hatte nat\u00fcrlich darauf gehofft, welche angeboten zu bekommen (gerne selbst geerntet), aber damit endete unser Austausch.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" id=\"image1595\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/apfelbuch.jpg\" alt=\"apfelbuch.jpg\" \/><\/p>\n<p>Ich musste an den alten Herrn denken, der sich laut Fanni nie im Leben die Z\u00e4hne geputzt hatte, sondern statt dessen jeden Morgen und jeden Abend einen Apfel a\u00df, und der doch nie einen Zahnarzt gebraucht habe \u2013 als ich das Buch <i>Brandts Apfellust<\/i> las, Untertitel <i>Alte Apfelsorten neu entdeckt f\u00fcr Garten und K\u00fcche<\/i>. Es war ein Geschenk einer Freundin, die mich gut zu kennen scheint, denn es hat mir gro\u00dfes Vergn\u00fcgen bereitet, vom Eckhart Brandt erz\u00e4hlt zu bekommen, wie er, der im Alten Land geboren ist, nach dem Studium dorthin zur\u00fcckkehrte, einen Apfelhof kaufte und sich in die Pomologie st\u00fcrzte. Die zweite H\u00e4lfte des Buches enth\u00e4lt eine Menge Rezepte, von denen ich die K\u00fcrbissuppe mit \u00c4pfeln bereits ausprobiert habe \u2013 sehr wohlschmeckend. Zudem f\u00fchrt der Anhang auf, welche Apfelsorten f\u00fcr welche Gebiete Deutschlands typisch sind, weil sie sich gut an die dortigen B\u00f6den und das Klima angepasst haben. Und ich habe gelernt, dass die Sorte Elstar schuld an der Ausrottung der Sortenvielfalt ist und werde sie k\u00fcnftig noch bewusster meiden. Denn ich erinnere mich noch, wie die alte Hausmeisterin mit einer gro\u00dfen T\u00fcte \u00c4pfel vor unserer T\u00fcr stand (man kennt uns als die Wohnung, aus der es immer wieder nach Essen riecht): Sie sei bei Bekannten am Bodensee gewesen, wo sie ganz frisch geerntete \u00c4pfel aus der dortigen Plantage mitbekommen h\u00e4tte, und wir wollten doch sicher auch welche. Die Fr\u00fcchte schmeckten nach original gar nichts.<\/p>\n<p>Mir tut es immer noch um die alten, verschiedenen Apfelb\u00e4ume im Garten der Bruder-Schwiegerleute leid, deren Ernte zum Teil bei mir landete und die immer mit Gebrauchsanweisung versehen war: Die einen machte man am besten zu Mus, die n\u00e4chsten sollte man m\u00f6glichst schnell aufessen, andere wieder erst noch ein paar Wochen k\u00fchl und dunkel lagern, bevor sie Geschmack bekamen. Die B\u00e4ume mussten dem Eigenheim der j\u00fcngeren Tochter weichen.<\/p>\n<p>Vorsichtshalber ein Hinweis an \u00fcberzivilisierte Stadtkinder wie ich eines bin: Jetzt ist bei uns Apfelzeit.<br \/>\nUnd eine Empfehlung: Kaufen Sie auf M\u00e4rkten bei den Bauern ein, am besten verschiedene Sorten. Probieren Sie sich durch, es ist unglaublich, wie verschieden \u00c4pfel schmecken k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Mein momentaner Liebling, gekauft beim <a href=\"http:\/\/www.basic-ag.de\/basicbio\/index.html\" target=_new>Basitsch<\/a> in Augsburg: Santana, allerdings keine alte Sorte.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" id=\"image1596\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/apfel_santana.jpg\" alt=\"apfel_santana.jpg\" \/><\/p>\n<p>Als Dreingabe ein elaborierter Kochkalauer, selbst zubereitet vom Mitbewohner:<br \/>\n<i>Kochmut kommt vor dem Abfall.<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich hatte zu Schulzeiten eine Freundin, Fanni (von Franziska), deren Vater Hobby-Pomologe war; von ihr lernte ich auch das Wort. 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