{"id":1597,"date":"2006-10-01T15:23:06","date_gmt":"2006-10-01T13:23:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2006\/10\/da-schau-her.htm"},"modified":"2006-10-01T15:23:06","modified_gmt":"2006-10-01T13:23:06","slug":"da-schau-her","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2006\/10\/da-schau-her.htm","title":{"rendered":"Da schau her"},"content":{"rendered":"<p>1<br \/>\nDer Bursche, vielleicht 15, 16 Jahre alt, der vor mir die Stufen zum S-Bahn-Gleis hochgeht, tr\u00e4gt eine B\u00fcchertasche aus olivfarbenem Canvas, auf die er sorgf\u00e4ltig in 15 Zentimeter gro\u00dfen Lettern das Bandlogo von ACDC gemalt hat, mit schwarzem Filzstift.<br \/>\nWie r\u00fchrend altmodisch, denke ich mir. Dann \u00fcberlege ich, was die Entsprechung in meiner Generation gewesen w\u00e4re, also zu der Zeit vor fast 30 Jahren, als ACDC zeitgem\u00e4\u00df waren. Mir f\u00e4llt ein, wie ich mit 12, 13 Jahren im ekligen Schwimmunterricht mit meiner damaligen besten Freundin versuchte, Szenen aus 30 Jahre alten Esther-Williams-Filmen nachzuspielen (seither lasse ich nichts \u00fcber Wasserballett kommen; das ist schei\u00dfanstrengend). Und wie wir unsere Mitsch\u00fclerinnen dazu \u00fcberredeten, Busby-Berkeley-Kameraeinstellungen von nacheinander ins Wasser gleitenden Badeanzugtr\u00e4gerinnen zu imitieren (machten die leider nie so oft mit, wie es meiner Freundin und mir gefallen h\u00e4tte). Ist das vergleichbar?<\/p>\n<p>2<br \/>\nFreitagnachmittag im knackvollen ICE-Gro\u00dfraumabteil. Es ist eher ruhig, nur hin und wieder ert\u00f6nen unartikulierte menschliche Laute. Da ich beim Hereinkommen ein paar leere Rollst\u00fchle gesehen habe, schlie\u00dfe ich auf die Gesellschaft von Behinderten. Dann bemerke ich aus dem Augenwinkel fliegende H\u00e4nde und Arme in den Reihen vor mir. Ich sehe mich genauer um und erkenne, dass ich in einen abteilf\u00fcllenden Schulausflug schwer pubertierender Jugendlicher geraten bin: Die Burschen tragen Heavy-Metal-Shirts und Sackh\u00fcpfhosen, die M\u00e4del enge Oberteile und Glitzer im Haar. Allerdings sind es geh\u00f6rlose schwer pubertierende Jugendliche, und so ist die einzige Ger\u00e4uschquelle das Dreiergr\u00fcppchen Jungs, das anscheinend zusammen \u00fcber einem kleinen Computerspiel sitzt und in Lauten mitfiebert.<\/p>\n<p>3<br \/>\nIch n\u00e4here mich in Schwabing einem Ost- und Gem\u00fcsel\u00e4dchen, in dem ich hin und wieder einkaufe, und das auch heute den Gro\u00dfteil seiner Waren verlockend auf dem Gehsteig aufgebaut hat. Vor einer Kiste mit Birnen steht ein Kamerastativ, durch die winzige digitale Filmkamera guckt eine gro\u00dfgewachsene Dame in Jeanskost\u00fcmchen und Pumps, passende gro\u00dfe Ledertasche \u00fcber der Schulter, auf die Birnen. Hellblonde, verstrubbelte Kurzfrisur. Ach, Doris D\u00f6rrie. Und schon formiert mein Hirn eine neue Pauschalvorstellung von gro\u00dfen Regisseurinnen, n\u00e4mlich dass die nicht mal f\u00fcr die Wochenendeink\u00e4ufe ohne Kamera aus dem Haus gehen.<\/p>\n<p>4<br \/>\nDie erste Viertelstunde meines Isarlaufs, rechts \u00fcber der Mauer rauscht leise der Fluss, links rauschen die B\u00e4ume. Langsam steigere ich das Tempo. Es \u00fcberholt ein Mann, der mir im Vorbeilaufen und mit s\u00e4chsischem Akzent zuruft: \u201eH\u00fcbscher Hintern!\u201c Ich danke mit h\u00f6rbarer Verbl\u00fcffung, worauf er sich kurz umdreht und bekr\u00e4ftigt: \u201eDoch, echt.\u201c Erst nach Minuten finde ich in meinen Rhythmus zur\u00fcck.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1 Der Bursche, vielleicht 15, 16 Jahre alt, der vor mir die Stufen zum S-Bahn-Gleis hochgeht, tr\u00e4gt eine B\u00fcchertasche aus olivfarbenem Canvas, auf die er sorgf\u00e4ltig in 15 Zentimeter gro\u00dfen Lettern das Bandlogo von ACDC gemalt hat, mit schwarzem Filzstift. Wie r\u00fchrend altmodisch, denke ich mir. 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