{"id":15991,"date":"2013-03-26T08:34:57","date_gmt":"2013-03-26T07:34:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=15991"},"modified":"2013-03-26T09:11:50","modified_gmt":"2013-03-26T08:11:50","slug":"sarah-kane-gesaubert-gier-4-48-psychose","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2013\/03\/sarah-kane-gesaubert-gier-4-48-psychose.htm","title":{"rendered":"Sarah Kane, <i>Ges\u00e4ubert<\/i> \/ <i>Gier<\/i> \/ <i>4.48 Psychose<\/i>"},"content":{"rendered":"<p>Wieder Theater, doch diesmal war ich sehr beeindruckt, zu meiner \u00dcberraschung. Die drei Dramen <a href=\"http:\/\/www.muenchner-kammerspiele.de\/programm\/stuecke-a-z\/gesaeubert-gier-psychose\/\" target=\"_blank\"><i>Ges\u00e4ubert<\/i>, <i>Gier<\/i> und <i>4.48 Psychose<\/i> der Britin Sarah Kane<\/a> waren mit insgesamt dreieinhalb Stunden angek\u00fcndigt &#8211; das schreckte mich schon mal. Dann sprach die Ank\u00fcndigung auch noch von einem &#8220;dunklen, beunruhigenden Oeuvre (&#8230;), in dem Vernichtung und Selbstzerst\u00f6rung wichtige Themen sind&#8221;.<\/p>\n<p>Doch das Ergebnis war ein ber\u00fchrendes Erlebnis mit ungew\u00f6hnlichen Einblicken. Das unendliche Leid psychischer Erkrankung aus einer reflektierten Innensicht ergab eine Mischung aus Anklage von traumatisierenden Verbrechen, verzweifelter Suche nach Heilung, den Abgr\u00fcnden der Hoffnungslosigkeit, dem Erkennen von Zusammenh\u00e4ngen, der Hilflosigkeit eigenen Sehns\u00fcchten und Gef\u00fchlen gegen\u00fcber, dem, was menschliche Begegnungen ausl\u00f6sen k\u00f6nnen, noch mehr Hoffnungslosigkeit. Und daneben so etwas wie Alltag. Doch statt aus diesem Abend niedergeschmettert heimzugehen, \u00fcberwogen Dynamik und Klarheit &#8211; die Sinnlosigkeit des Lebens kann etwas Heiteres haben.<\/p>\n<p>Inszeniert hatte Kammerspiel-Intendant Johan Simons &#8211; dem ich misstraue, seit er <a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2012\/11\/theater-gift-eine-ehegeschichte.htm\" target=\"_blank\">dieses St\u00fcck als Klamauk auf die B\u00fchne stellte<\/a>. Dass Simons sich <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/kultur\/gesellschaft\/sarah-kane-trilogie-in-muenchen-poetisches-blutvergiessen-a-809662.html\" target=\"_blank\">in diesem Interview<\/a> auf die Regieanweisungen Kanes bezieht, \u00fcberraschte mich: Ich hatte aus den Inszenierungen der vergangenen Jahre geschlossen, dass Regisseure und Dramaturgen den Regieanweisungen etwa so viel Bedeutung beimessen wie M\u00fcnchner Radler der Stra\u00dfenverkehrsordnung. Doch auch im Theater bleibe ich Rezeptions\u00e4sthetikerin: Ausschlaggebend ist nicht, was mir die Inszenierer Damit Sagen Wollen, sondern was bei mir ankommt.<\/p>\n<p>Das erste St\u00fcck, <i>Ges\u00e4ubert<\/i>, \u00fcberforderte mich noch ziemlich. Eine Gruppe Menschen in einer freiwilligen Internierungssituation mit Aufseherin\/\u00c4rztin, es geht um Sucht, Zerbrochenheit, Wahnvorstellungen &#8211; meine Wahrnehmung konnte nur sehr langsam und sehr angestrengt aus den Fragmenten Zusammenh\u00e4nge herstellen. Anders in <i>Gier<\/i>: Vier Personen tragen einen sehr dichten Text mit Selbstbeschreibungen und Interaktionen vor, die im Jetzt stattfinden, dann wieder die Vergangenheit beleuchten. Lebensentw\u00fcrfe, Sehns\u00fcchte, schwere seelische Erkrankungen, die jeden menschlichen Austausch unm\u00f6glich machen &#8211; all das sch\u00e4lte sich schnell aus dem hohen Tempo des Austauschs heraus. Sensationell war in diesem ohnehin hervorragenden Quartett die Schauspielerin <a href=\"http:\/\/www.muenchner-kammerspiele.de\/ensemble\/sandra-hueller\/\" target=\"_blank\">Sandra H\u00fcller<\/a>: Sie schauspielte in genau diesem atemberaubendenden Tempo, wechselte die Charaktere\/Rollen\/Stimmungen jedesmal in einer fast erschreckenden Tiefe.<\/p>\n<p>Nach der Pause sa\u00df ein Streichquartett mit Klavier auf der B\u00fchne. Es untermalte <i>4.48 Psychose<\/i>, den Abschiedsmonolog einer t\u00f6dlich Depressiven. Alle Rettungsversuche nochmal zusammengefasst, das langsame Aufgeben der Aussicht auf Rettung, ein Aufb\u00e4umen bereits in den Tod hinein &#8211; <a href=\"http:\/\/www.muenchner-kammerspiele.de\/ensemble\/thomas-schmauser\/\" target=\"_blank\">Thomas Schmauser<\/a> und Sandra H\u00fcller spielten ein pr\u00e4mortales Requiem.<\/p>\n<p>Der Zuschauerraum war nicht mal halb voll; ich danke bei dieser Gelegenheit allen Steuerzahlern und Steuerzahlerinnen, dass sie die Subventionen f\u00fcr das deutsche Theatersystem erm\u00f6glichen und mir damit f\u00fcr den Preis nur zweier Kinokarten dieses Erlebnis. Soweit ich sah, kamen alle Zuschauer aus der Pause zur\u00fcck &#8211; ich war wohl nicht als einzige sehr angetan.<\/p>\n<p>Die \u00dcbersetzung aus dem Englischen (verschiedene \u00dcbersetzer je Einzelst\u00fcck &#8211; sie stehen im Programmheft, das ich nicht habe) riss mich nur einmal ziemlich am Anfang von <i>Ges\u00e4ubert<\/i> heraus: Ein Charakter steckt dem anderen einen Ring an den Finger, dieser fragt ihn, was das bedeuten soll. &#8220;Engagiert!&#8221;, antwortet der. Wie bitte?<\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;<\/p>\n<p><i>Ich glaube es war Benjamin Henrichs, der vor Jahren in der <\/i>S\u00fcddeutschen Zeitung<i> bedauerte, dass Theater in Blogs praktisch nicht stattfindet. Er hatte recht, doch das war mir bis dahin gar nicht aufgefallen. Und es hat sich seither nicht ge\u00e4ndert. Woran mag das liegen? Der Anteil an Theaterbesucherinnen unter der Gesamtbev\u00f6lkerung ist ohnehin sehr gering &#8211; repr\u00e4sentiert der Anteil unter Bloggerinnen einfach diesen Prozentsatz? Unter den paar hundert Blogs, die ich verfolge, lese ich bei <a href=\"http:\/\/modeste.twoday.net\/\" target=\"_blank\">Frau Modeste<\/a> regelm\u00e4\u00dfig \u00fcber Theaterabende, dann taucht das Thema noch bei <a href=\"http:\/\/kittykoma.de\/\" target=\"_blank\">Frau kittykoma<\/a> auf. Dass wir keine Fachleute sind, bremst uns doch bei anderen Themen auch nicht, unsere individuelle subjektive Sicht darzulegen &#8211; die, wie so vieles Geblogtes, in den klassischen Medien nicht vorkommt. Gehen Blogger und Bloggerinnen nicht ins Theater?<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wieder Theater, doch diesmal war ich sehr beeindruckt, zu meiner \u00dcberraschung. 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