{"id":16305,"date":"2013-04-11T14:12:39","date_gmt":"2013-04-11T12:12:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=16305"},"modified":"2013-04-11T19:51:12","modified_gmt":"2013-04-11T17:51:12","slug":"auszeitjournal-mittwoch-10-april-2013-onkel-wanja-als-horspiel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2013\/04\/auszeitjournal-mittwoch-10-april-2013-onkel-wanja-als-horspiel.htm","title":{"rendered":"Auszeitjournal Mittwoch, 10. April 2013 &#8211; <br><i>Onkel Wanja<\/i> als H\u00f6rspiel"},"content":{"rendered":"<p>Der Mitbewohner geht nicht gern ins Theater. Ihn langweile, so erkl\u00e4rt er das, dass st\u00e4ndig hin und her gegangen werde, die Schauspieler Dinge aufh\u00f6ben und wieder hinstellten, in die Ferne s\u00e4hen, T\u00fcren auf- und zumachten &#8211; anstatt ihren Text weiterzusprechen oder \u00fcberhaupt die Handlung weiterzuspielen. Im Grunde, so schloss ich daraus, bevorzugt er also H\u00f6rspiele. Und solche mag er tats\u00e4chlich schon immer gerne und h\u00f6rt sie regelm\u00e4\u00dfig.<\/p>\n<p>Die <a href=\"http:\/\/www.muenchner-kammerspiele.de\/programm\/onkel-wanja\/\" target=\"_blank\">neue Inszenierung von <i>Onkel Wanja<\/i> an den M\u00fcnchner Kammerspielen<\/a> w\u00e4re also etwas f\u00fcr ihn, so dachte ich w\u00e4hrend des gestrigen Abends immer wieder (Regie: Karin Henkel und Johan Simons). Es gab keine Kulissen, keine Ausstattung, keinerlei Requisiten &#8211; Kost\u00fcme eher generisch (von schlampige Hose, schlampiges Shirt, schlampiges Jackett beim Arzt und Sackkleid mit Gummistiefeln bei der Gutstochter bis zum riesigen Ballkleid an der sch\u00f6nen jungen Frau des Professors). Das B\u00fchnenbild bestand aus einer b\u00fchnenf\u00fcllenden schwarzen Wand weit vorne, darin eingelassen ein viertelb\u00fchnengro\u00dfer Raum, zwei Meter tief, darin fand das gesamte Geschehen statt. Handlung wurde gesprochen, aber nicht umgesetzt (Trinken, Essen), die Figuren bewegten sich im Verh\u00e4ltnis zueinander und miteinander, aber au\u00dfer Gehen, Setzen, Aufstehen, Liegen, angedeutetem Tanzen taten sie nichts.<\/p>\n<p>Nun ist Anton Tschechows <i>Onkel Wanja<\/i> ohnehin kein Actionst\u00fcck, es passiert nicht viel, und am Ende ist alles wie am Anfang, als Gutstochter Sonja uns praktischerweise die Lage erkl\u00e4rt, nur noch mehr so. Man lebt halt, hat seine Illusionen als T\u00e4uschung erkannt. Das Leben ist per Definition vertan. Ein Schriftband, das \u00fcber der B\u00fchnenaussparung durchlief, stellte auf Englisch die damit verbundenen Fragen: Von &#8220;Why did you get up today?&#8221; und &#8220;What are you afraid of?&#8221; \u00fcber &#8220;You?&#8221; und &#8220;Why not work?&#8221; bis irgendwas mit &#8220;sex&#8221; und &#8220;Where are we going?&#8221;.<\/p>\n<p>Die Musik dazu sang und spielte <a href=\"http:\/\/www.muenchner-kammerspiele.de\/programm\/onkel-wanja\/polina-lapkovskaja\/\" target=\"_blank\">eine junge Frau<\/a> am echten B\u00fchnenrand, die in heutigem schwarzen Glitzer gekleidet war: Sie begleitete ihre schwerm\u00fctigen (eh klar weil ja) russischen Lieder auf einem Elektrobass. Dasselbe Lied in Endlosschleife \u00fcber gef\u00fchlte halbe Stunden hin, sehr hirnbohrend. Die Weise, die den vierten Akt begleitete, habe ich entsprechend bis jetzt im Kopf (einige Theaterbesucher summten sie beim Verlassen der Kammerspiele im Foyer) &#8211; vielleicht weil sie sehr wie &#8220;<a href=\"http:\/\/youtu.be\/4F4yT0KAMyo\" target=\"_blank\">Brother can you spare a dime<\/a>&#8221; klang, nur halt russisch.<\/p>\n<p>Ein junger Mann, der nach der Auff\u00fchrung hinter mir an der Garderobe auf seinen Mantel wartete, bemerkte etwas ungehalten zu seiner Begleitung, ob das Theater inzwischen wie der Film Musik brauche, um Stimmungen zu setzen, und die anderen Mittel der Inszenierung sowie das St\u00fcck daf\u00fcr nicht mehr reichten. Nun, f\u00fcr mich ist der Einsatz von Musik im Theater inzwischen gesetzt: Ich kann mich an keine Inszenierung der letzten vier Jahre erinnern, in der sie nicht verwendet wurde. Doch f\u00fcr mich ist sie einfach neben Licht und Kost\u00fcmen ein weiteres Gestaltungselement.<\/p>\n<p>Feine Schauspieler, aber das versteht sich von selbst. Gespielt wurde ungef\u00e4hr so plakativ wie die Kost\u00fcme, also nicht realistisch, aber das passte zum Gesamtbild. <a href=\"http:\/\/www.muenchner-kammerspiele.de\/ensemble\/wiebke-puls\/\" target=\"_blank\">Wiebke Puls<\/a> ist allein schon in ihrer Gr\u00f6\u00dfe und Sehnigkeit eine beeindruckende Erscheinung, das korallenrote Ballkleid machte sie zu einem Paradiesvogel wie aus einer Travestieshow, ohne Chance auf leise T\u00f6ne. Die wiederum bekam und spielte gro\u00dfartig vielschichtig Anna Drexler als Sonja &#8211; die nicht etwa zum Ensemble der Kammerspiele geh\u00f6rt, sondern <a href=\"http:\/\/www.adk.de\/de\/aktuell\/pressemitteilungen\/index.htm?we_objectID=31897\" target=\"_blank\">Schauspielsch\u00fclerin ist und eben den O.E.-Hasse-Preis bekam<\/a>. Bis ins Slapstickhafte deutlich als gichtiger alter Professor <a href=\"http:\/\/www.muenchner-kammerspiele.de\/ensemble\/stephan-bissmeier\/\" target=\"_blank\">Stephan Bissmeier<\/a>, am sch\u00f6nsten in den Szenen, in denen er am Guckkastenrand schleimig und mit ungelenken Tanzbewegungen die Musikerin anl\u00e4chelt. Max Simonischek erinnerte mich als Astrow an Ashton Kutcher in <i>Two and a half men<\/i>, nur halt in komplett frustriert und Alkoholiker.<\/p>\n<p>Bemerkenswert war das Publikum. Der Raum war knackvoll,<sup><a href=\"#footnote_1_16305\" id=\"identifier_1_16305\" class=\"footnote-link footnote-identifier-link\" title=\"Gibt es eigentlich ein Naturgesetz, nach dem sich die Sitzreihen immer von au&szlig;en nach innen f&uuml;llen? Wenn ich einen eher Au&szlig;ensitz habe, warte ich durchaus bis kurz bis Vorstellungsbeginn mit Hinsetzen; doch zum einen sind die Kammerspiele recht beengt und bieten nicht allen zehn Au&szlig;ensitzern Stehplatz, bis die sechs Innensitzer gekommen sind, zum anderen scheuchen die Platzanweiserinnen das Publikum bereits recht fr&uuml;h rein.\">1<\/a><\/sup> ging mit den Scherzen im Text sehr mit, und es applaudierte am Ende in einer Frenetik, die ich aus den Kammerspielen bislang nicht kannte &#8211; inklusive Bravo-Rufen und rhythmischem Klatschen. Ich hatte die Inszenierung ja eher ein bissl fad gefunden.<\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;-<\/p>\n<p>Die Premierenbesprechung vom Montag aus der <i>S\u00fcddeutschen Zeitung<\/i> hatte ich mir extra aufgehoben, um sie erst nachtr\u00e4glich zu lesen: Christine D\u00f6ssel ist begeistert und m\u00f6chte &#8220;sofort aus dem Theater rausrennen und losleben&#8221;. Gabriella Lorenz in <a href=\"http:\/\/www.abendzeitung-muenchen.de\/inhalt.theater-die-premiere-von-onkel-wanja-in-den-kammerspielen.a60827f0-67f6-4606-b915-f4d0f28b00aa.html\" target=\"_blank\">der <i>Abendzeitung<\/i> hingegen<\/a> ist eher genervt bis ratlos vom &#8220;psychologiefreie[n] Typenpanoptikum&#8221;. <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ssl-vg03.met.vgwort.de\/na\/d804ab8bb0344a45b63d2d0453677687\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n<ol class=\"footnotes\"><li id=\"footnote_1_16305\" class=\"footnote\">Gibt es eigentlich ein Naturgesetz, nach dem sich die Sitzreihen immer von au\u00dfen nach innen f\u00fcllen? Wenn ich einen eher Au\u00dfensitz habe, warte ich durchaus bis kurz bis Vorstellungsbeginn mit Hinsetzen; doch zum einen sind die Kammerspiele recht beengt und bieten nicht allen zehn Au\u00dfensitzern Stehplatz, bis die sechs Innensitzer gekommen sind, zum anderen scheuchen die Platzanweiserinnen das Publikum bereits recht fr\u00fch rein.<span class=\"footnote-back-link-wrapper\"> [<a href=\"#identifier_1_16305\" class=\"footnote-link footnote-back-link\">&#8617;<\/a>]<\/span><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Mitbewohner geht nicht gern ins Theater. Ihn langweile, so erkl\u00e4rt er das, dass st\u00e4ndig hin und her gegangen werde, die Schauspieler Dinge aufh\u00f6ben und wieder hinstellten, in die Ferne s\u00e4hen, T\u00fcren auf- und zumachten &#8211; anstatt ihren Text weiterzusprechen oder \u00fcberhaupt die Handlung weiterzuspielen. Im Grunde, so schloss ich daraus, bevorzugt er also H\u00f6rspiele. 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