{"id":1675,"date":"2011-06-16T11:43:43","date_gmt":"2011-06-16T09:43:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=1675"},"modified":"2011-06-16T11:43:43","modified_gmt":"2011-06-16T09:43:43","slug":"arme-leute","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2011\/06\/arme-leute.htm","title":{"rendered":"Arme Leute"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ein Nachdenken in drei Kapiteln.<\/strong><\/p>\n<p><b>1. Hans Fallada, <i>Jeder stirbt f\u00fcr sich allein<\/i> und meine polnische Oma<\/b><\/p>\n<p>Meine polnische Oma selig unterteilte die M\u00e4nnerwelt in \u201eguede M\u00e4nn\u00e4\u201c und \u201eLumpe\u201c (darunter war der Bodensatz \u201eg\u2019suff\u2019ne Mannsbild\u201c). Meiner Mutter und mir gratulierte sie immer wieder dazu, dass unsere Ehem\u00e4nner zur ersten Sorte geh\u00f6rten, hin und wieder lobte sie uns explizit f\u00fcr unsere umsichtige Wahl des Lebenspartners.<\/p>\n<p>Was sie damit meinte, begriff ich erst durch die Lekt\u00fcre von <a href=\"http:\/\/buchjunkie.wordpress.com\/2011\/06\/07\/hans-fallada-jeder-stirbt-fur-sich-allein\/\" target=_\"new\">Hans Falladas <i>Jeder stirbt f\u00fcr sich allein<\/i><\/a>. In dieser Welt Ende der 1930er bis Mitte der 1940er war meine Oma ein junges M\u00e4dchen und eine junge Frau, aus dieser Zeit hatte sie ihre Sicht auf die Menschen.<\/p>\n<p>Der Fallada-Roman ist voll von armen Leuten. Davon sind viele Schlawiner und Haderlumpen, Tagediebe, die sich von wechselnden Frauenbekanntschaften durchf\u00fcttern lassen, Kleinkriminelle, die keine illegale Gelegenheit des Gelderwerbs auslassen und notfalls die eigene Ehefrau bestehlen, wieslige Handlanger der M\u00e4chtigen, die von Spitzeldiensten leben. Kurz: viele Lumpen. Ich konnte mir sehr gut vorstellen, wie meine Oma in jungen Jahren gelernt hatte, sich vor diesen M\u00e4nnern zu h\u00fcten, vor allem, wenn sie auch noch soffen.<\/p>\n<p>Doch unter den armen Leuten bei Fallada sind auch anst\u00e4ndige Menschen, t\u00fcchtig, flei\u00dfig, ordentlich. Die Abgrenzung zu den Lumpen war in dieser Zeit so klar, dass Fallada sie in seinem Roman nicht explizit erkl\u00e4rt \u2013 wo er ansonsten in <i>Jeder stirbt f\u00fcr sich allein<\/i> doch alles und jedes erkl\u00e4rt und durchleuchtet. Arm waren sie auch. Doch die Guten machten sich n\u00fctzlich, waren bedacht und sorgsam, achteten auf sich und ihr Hab und Gut, haushalteten, sahen haupts\u00e4chlich sich selbst in der Verantwortung f\u00fcr ihr eigenes Wohlergehen \u2013 das gute alte protestantische Arbeitsethos.<\/p>\n<p>Ob jemand an seiner Situation selbst schuld war, ob ihm ein Staat helfen sollte, waren damals keine Themen. Zum einen gab es eine gro\u00dfe Gemeinschaft von Armen, die die Zugeh\u00f6rigkeit zu dieser Schicht als etwas Schicksalhaftes sahen. Zum anderen gab es nicht das gemeinschaftliche Ziel, reich zu werden &#8211; im Gegenteil: Diesen Wunsch hatten nur die Lumpen, die Faulen. Auch in dieser Haltung erkenne ich meine polnische Oma wieder.<\/p>\n<p><b>2. Arme Leute \u2013 reiche Leute<\/b><\/p>\n<p>Zu Falladas Zeiten waren die W\u00fcnsche der kleinen Leute bescheiden: Genug Nahrung, um jeden Tag satt zu werden, genug M\u00f6bel und Ausstattung f\u00fcr eine behagliche Wohnung, dazu Gesundheit und k\u00f6rperliche Unversehrtheit. Reichtum hingegen war kein verbreitetes Ziel. Das ist heute anders geworden. Der Mitbewohner bot mir letzthin als Erkl\u00e4rung daf\u00fcr die Demokratisierung der Gesellschaft an: Vor 80 Jahren akzeptierte fast jeder Hierarchien und dass es nun mal reiche Leute und arme Leute gab (Unmut und Groll auf diese reichen Leute eingerechnet). Die Ideale der Franz\u00f6sischen Revolution von Freiheit und Gleichheit sind in Deutschland wohl erst durch die Demokratisierung der Nachkriegszeit wirklich Konsens geworden. Nun beansprucht jeder die M\u00f6glichkeit f\u00fcr sich, zu den Reichen zu geh\u00f6ren (die USA r\u00e4umen den <i>pursuit of happiness<\/i> schon l\u00e4nger jedem ein).<\/p>\n<p>Sibylle Berg wunderte sich k\u00fcrzlich in ihrer Spon-Kolumne, <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/kultur\/gesellschaft\/0,1518,765863,00.html\" target=_\"new\">warum Intellektuelle heute nicht mehr gesch\u00e4tzt w\u00fcrden<\/a>, sondern:<\/p>\n<blockquote><p>Die achtziger Jahre leiteten (&#8230;) einen Wertewandel im gro\u00dfen Stil ein. Bei einer Bank zu arbeiten, war pl\u00f6tzlich nicht mehr denen vorbehalten, die es anderenorts zu nichts Gescheitem gebracht hatten. Der Kapitalismus hatte mit dem Zusammenbruch der verzagten Gegenversuche endg\u00fcltig gewonnen, und befand sich auf der Geraden zur eigenen Explosion, die in K\u00fcrze bevorsteht. Gesellschaftlich respektiert werden unterdes nur noch Menschen, die es zu was, sprich: zu Geld gebracht haben. Die kollektiven Vorbilder sind Superreiche, und deren durch die Inflation der Yellow Press f\u00fcr alle erreichbar scheinenden Lebensmodelle, die Helikopter, goldene Wasserh\u00e4hne und Speedboote beinhalten.<\/p><\/blockquote>\n<p>Auch das lie\u00dfe sich mit der oben beschriebenen Demokratisierung erkl\u00e4ren. W\u00e4hrend fr\u00fcher(TM) ausgemacht war, dass nur Menschen einer bestimmten Herkunft ein Anrecht auf Reichtum und ein bequemes Leben haben, sorgte der Gedanke der Demokratie daf\u00fcr, dass alle dieses Recht f\u00fcr sich beanspruchen. Dass angeborene Hierarchie nicht mehr akzeptiert wird, ist doch eigentlich eine gute Sache &#8211; die halt ihren Preis hat.<\/p>\n<p><b>3. Armut zu meinen Kinderzeiten<\/b><\/p>\n<p>Schon l\u00e4nger f\u00fchle ich mich unwohl beim Umgang mit dem Begriff \u201eArmut\u201c in den heutigen Medien, vielleicht sogar in unserer heutigen Gesellschaft. Eigentlich besagt er doch lediglich, dass ein Mensch wenig materielle G\u00fcter besitzt. Unwohl wird mir bei den Schlussfolgerungen und Implikationen: Meist werden damit undifferenziert gesellschaftliche Randexistenz, Bildungsferne und Arbeitslosigkeit gleichgesetzt. Damit einher geht die Annahme, man m\u00fcsse lediglich die materiallen G\u00fcter dieser armen Leute vermehren und sorge damit f\u00fcr gesellschaftliche Integration, Bildung und Arbeitseinsatz. Das ist meiner \u00dcberzeugung nach eine gef\u00e4hrliche Vermischung von nur bedingt voneinander abh\u00e4ngigen Erscheinungen.<\/p>\n<p>Leider sind meine Argumente anekdotisch: Ich bin halt unter armen Leuten aufgewachsen. Doch damals, in den 60er und 70ern, bedeutete das etwas ganz anderes als heute.<\/p>\n<p>Ich rufe mir die Umgebung vor Augen, in der ich gro\u00df geworden bin: In einem sehr einfachen Arbeiterviertel einer zentralbayerischen Provinzstadt. In erster Linie wohnten in diesen Neubaubl\u00f6cken, die Ende der 60er, Anfang der 70er zwischen Vorstadt und gro\u00dfer Fabrik gebaut worden waren, die Familien der Arbeiter dieser Fabrik. Doch es gab dort auch richtiges \u201eG\u2019schwerl\u201c, so die Dialektbezeichnung f\u00fcr Asoziale: In einen der Wohnbl\u00f6cke hatte die Stadt Familien einquartiert, die bis in die 1960er die <a href=\"http:\/\/www.ingolstadt.de\/ikiss\/cfm\/aktv_getimage.cfm?Aktuell_ID=9074\" target=_\"new\">Nachkriegs-Notwohnungen im Kavalier Hepp<\/a> behaust hatten. Wir Kinder hatten deshalb immer Umwege um diesen heruntergekommenen Festungsbau gemacht: Jederzeit konnten einen daraus kl\u00e4ffende freilaufende Hunde oder b\u00f6se Buben anspringen. Auch wenn inzwischen <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kavalier_Hepp\" target=_\"new\">das Stadtmuseum in dem Geb\u00e4ude<\/a> untergebracht ist, habe ich bis heute bei dem Anblick ein ungutes Gef\u00fchl.<\/p>\n<p>Sie k\u00f6nnen sich also vorstellen, dass da niemand viel hatte. Zudem, und das ist keine zwingende Folge, richtete sich das Wertesystem dieser Leute nicht daran aus, was jemand besa\u00df. Ob jemand h\u00f6her oder geringer gesch\u00e4tzt wurde, hatte eher folgende Kriterien:<br \/>\n&#8211; Kann die Familie gut haushalten? (Verschwendung wurde als schlecht erachtet.)<br \/>\n&#8211; Sind die Kinder sauber, frisiert, ordentlich angezogen?<br \/>\n&#8211; Achten die Eltern auf regelm\u00e4\u00dfigen Schulbesuch ihrer Kinder?<br \/>\n&#8211; Gibt es etwas Anst\u00e4ndiges zu essen?<br \/>\n&#8211; Tr\u00e4gt die Familie gepflegte, saubere, anlassgem\u00e4\u00dfe Kleidung?<br \/>\n&#8211; Wird einmal am Tag gemeinsam gegessen (die M\u00e4nner arbeiteten ja alle Schicht)?<br \/>\n&#8211; Sind die Kinder beh\u00fctet? (Ist f\u00fcr Aufsicht gesorgt? Da konnte ja durchaus die Nachbarin oder Hausmeisterin einspringen. Rennen die Kinder nicht bei Dunkelheit allein herum? K\u00fcmmert sich jemand um sie, wenn sie krank sind?)<br \/>\n&#8211; Haben die Kinder Umgangsformen?<br \/>\n&#8211; Erf\u00fcllen die Familien ihre Gemeinschaftspflichten? (Treppendienst, kein Zeug drau\u00dfen herumliegen lassen)<\/p>\n<p>Zum guten Ton im Leben dieser armen Leute geh\u00f6rte auch, dass die M\u00fctter untereinander Kinderkleidung und Tipps zum Selbern\u00e4hen austauschten. Dass die V\u00e4ter den Kindern Spielzeug bastelten. Dass auf Anschaffungen erst gespart wurde, bevor man sie kaufte \u2013 Schulden waren verp\u00f6nt.<\/p>\n<p>Unter diesen kleinen Leuten bedeutete Armut keineswegs Antriebslosigkeit, fehlenden Ehrgeiz, schlechte Umgangsformen, vernachl\u00e4ssigte Kinder. Daher mein Verdacht, dass diese Probleme andere Ursachen als fehlendes Geld haben, also auch nicht durch h\u00f6here finanzielle Unterst\u00fctzung zu beheben sind. Ich kann mir auch vorstellen, dass heutzutage viel Leid durch Armut im Vergleich mit der Umgebung entsteht: Wenn man auf dem Volksfest die einzige in der Clique ist, die nur f\u00fcnf Euro im Geldbeutel hat, schmerzt das. In meinem Fall musste die ganze Clique mit je f\u00fcnf Mark rumkommen, das war halt so.<\/p>\n<p>Wie sieht das heute aus? Gibt es diese Art kleiner Leute \u00fcberhaupt noch? Ist das Wertesystem meiner Kindheitsumgebung abgel\u00f6st worden von der Sehnsucht nach Ruhm und Reichtum?<\/p>\n<p>Selbst bewege ich mich halt nicht mehr unter armen Leuten: Meine Gastarbeitereltern haben hart geschuftet, um mir das zu erm\u00f6glichen. Die armen Familien, die ich noch selbst kenne und die ich zu meiner Gesellschaftsschicht z\u00e4hle, sind K\u00fcnstler, zum Beispiel klassische Musiker mit vielen Kindern: Sie achten auf die Bildung ihrer Kinder, halten ihr Zeug zusammen und pflegen es, achteten auf das nicht-materielle Wohlbefinden ihrer Kinder. Auch bei ihnen bedeutet Armut keineswegs Randexistenz.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Nachdenken in drei Kapiteln. 1. 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