{"id":1717,"date":"2006-12-13T10:56:03","date_gmt":"2006-12-13T09:56:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2006\/12\/neue-regeln-fur-journalismus.htm"},"modified":"2006-12-13T10:56:03","modified_gmt":"2006-12-13T09:56:03","slug":"neue-regeln-fur-journalismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2006\/12\/neue-regeln-fur-journalismus.htm","title":{"rendered":"Neue Regeln f\u00fcr Journalismus?"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2005\/50\/Sterbehilfe?page=all\" target=_new>\u201eIch will nur fr\u00f6hliche Musik\u201c hei\u00dft die Reportage von Bartholom\u00e4us Grill<\/a>, die dieses Jahr mit dem Henri-Nannen-Preis ausgezeichnet wurde und sich um Sterbehilfe dreht.<br \/>\nEin wichtiges, kontroverses Thema. Ein emotional nahe gehender Artikel, gattungstypisch am Einzelfall beschrieben.<\/p>\n<p>Das Unbehagen, das mich beim Lesen der Geschichte beschlich, hat allerdings nichts mit dem heiklen Thema zu tun, sondern mit der journalistischen Technik der Reportage: Die ist l\u00f6chrig wie eine Hauswand im Zentrum von Baghdad. Grill gibt keinerlei Quellen an.<br \/>\nDer Artikel ist geschrieben wie eine Kurzgeschichte mit auktorialem, also allwissendem Erz\u00e4hler. In der Fiktion ist das gar kein Problem: Der Erz\u00e4hler kann sich als Sch\u00f6pfer der Geschichte so omniscient darstellen wie er will. Im Journalismus, dachte ich, braucht es Belege.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst erweckt Grill den Eindruck, er habe den Protagonisten des Artikels, Urban, selbst begleitet:<\/p>\n<blockquote><p>Urban steht noch einen Augenblick in der Hofeinfahrt, ein warmer, bernsteingelb leuchtender Sp\u00e4therbsttag. Er tr\u00e4gt seinen schwarzen Ledermantel, hat seine Sonnenbrille auf. Er schaut sich noch einmal um. Das Bauernhaus. Der Obstanger. Der H\u00fchnerstall. Der Getreidespeicher mit dem leeren Storchennest auf dem Dachfirst. Dann steigt er ins Auto. Seine letzte Reise beginnt, die Reise in den Tod, von Oberbayern in die Schweiz, nach Z\u00fcrich, zu den Sterbehelfern von Dignitas. Es ist 8.35 Uhr morgens, am 25. November 2004, als das Auto in die Bundesstra\u00dfe 15 einbiegt. Urban wei\u00df, dass er in ungef\u00e4hr drei\u00dfig Stunden tot sein wird.<\/p><\/blockquote>\n<p>Doch dann geht es weiter:<\/p>\n<blockquote><p>Der Tag, an dem er die Reise ohne Wiederkehr beschlossen hat, war der 30. Oktober. Er war mit seiner Schwester in Augsburg gewesen, bei einem Heilpraktiker, der mit biologischen Zytostatika arbeitet, mit \u00bbeinzigartigen Mitteln\u00ab, wie er betonte.<\/p><\/blockquote>\n<p>Und da stutzte ich: Woher wei\u00df Grill das? Urban ist tot, der kann es ihm nicht erz\u00e4hlt haben. Aber wer dann? Hat er den Mann seit Jahren begleitet? So geht es mit aller folgenden Information: Wessen Perspektive ist das? Die des heute toten? Eines Arztes? Die pers\u00f6nliche Perspektive des Bartholom\u00e4us Grill? Doch war der \u00fcberhaupt dabei?<\/p>\n<p>Gegen Ende des Artikels kippt dieser Konflikt ins Absurde, als der Autor an zwei Orten gleichzeitig zu sein scheint: Bei Dignitas in der N\u00e4he von Z\u00fcrich und im Heimatort des Totkranken.<\/p>\n<blockquote><p>Die Geschwister sind fassungslos, aufgew\u00fchlt, am Rande des Verzagens. Sie halten sich fest am unersch\u00fctterlichen Gleichmut ihres Bruders. Er lehnt am Auto und blinzelt in das schwache Licht der Novembersonne. Was bedeuten schon sechzig Minuten mehr oder weniger Leben und Leiden? Er b\u00fcndelt den versiegenden Rest seiner Lebensenergie f\u00fcrs Sterben.<\/p>\n<p>Daheim, in der K\u00fcche des Elternhauses, haben sich zur Todesstunde die Mutter und die n\u00e4chsten Verwandten versammelt, um gemeinsam mit dem katholischen Diakon einen Rosenkranz zu beten. Auch er verwirft, wie es das Dogma befiehlt, jede Form der Sterbehilfe, es ist eine Tods\u00fcnde. Doch er verteufelt Urbans Entscheidung nicht und tut, was ein wahrer Seelsorger tut: geistlichen Beistand leisten. Der Barmherzigkeit ist Z\u00fcrich n\u00e4her als der Vatikan.<\/p><\/blockquote>\n<p>Wieder: Eine Kurzgeschichte darf das nat\u00fcrlich \u2013 in einer Reportage ist das mehr als unsauber.<\/p>\n<p>In einem journalistischen Text muss der Autor transparent machen, woher er seine Information hat (selbst wenn er die Identit\u00e4t der Quelle sch\u00fctzt), welche Rolle er als Rechercheur im Geschehen spielt, um seine Glaubw\u00fcrdigkeit zu sichern. Doch in diesem Fall gibt allein der Vorspann einen kleinen Hinweis auf die Genesis der Geschichte:<br \/>\n\u201eIn den letzten Stunden gibt er den Geschwistern Kraft und bittet sie, seine Geschichte aufzuschreiben.\u201c<\/p>\n<p>Hei\u00dft das, alles Geschilderte basiert auf den Aussagen der Geschwister? Hat Grill die sachliche Korrektheit der Aussagen \u00fcberpr\u00fcft? Dann best\u00fcnde die journalistische Sorgfalt darin, das klar zu machen und zu belegen, von welchem Geschwister welche Information kommt.<\/p>\n<p>Ich war sehr verwundert \u00fcber die hohe journalistische Auszeichnung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eIch will nur fr\u00f6hliche Musik\u201c hei\u00dft die Reportage von Bartholom\u00e4us Grill, die dieses Jahr mit dem Henri-Nannen-Preis ausgezeichnet wurde und sich um Sterbehilfe dreht. Ein wichtiges, kontroverses Thema. Ein emotional nahe gehender Artikel, gattungstypisch am Einzelfall beschrieben. Das Unbehagen, das mich beim Lesen der Geschichte beschlich, hat allerdings nichts mit dem heiklen Thema zu tun, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-1717","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-general"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1717","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1717"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1717\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1717"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1717"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1717"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}