{"id":18265,"date":"2013-09-17T06:54:47","date_gmt":"2013-09-17T04:54:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=18265"},"modified":"2013-09-17T06:54:47","modified_gmt":"2013-09-17T04:54:47","slug":"journal-montag-16-september-2013-zuschreibungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2013\/09\/journal-montag-16-september-2013-zuschreibungen.htm","title":{"rendered":"Journal Montag, 16. September 2013 &#8211; Zuschreibungen"},"content":{"rendered":"<p>Ein regnerischer Tag, doch er hatte genug Regenpausen, dass ich auch auf dem Rad \u00fcberallhin trocken kam.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Abends im Feedreader den Hinweis <a href=\"http:\/\/www.kartoffelkombinat.de\/blog\/\" target=\"_blank\">des M\u00fcnchner Kartoffelkombinats<\/a> gefunden, dass wieder Haushalte in die Genossenschaft aufgenommen werden. Mitmachformular ausgef\u00fcllt, abgeschickt. Die sechs Testwochen sind eine hervorragende M\u00f6glichkeit herauszufinden, wie wir mit dem Zusatzaufwand zurecht kommen, unsere Lieferung im &#8220;Verteilpunkt&#8221; abzuholen, statt eine Kiste vor die Wohnungst\u00fcr gestellt zu bekommen. Aber jetzt finde ich vor allem die Aussicht spannend, einen Ernteanteil einer <a href=\"http:\/\/www.kartoffelkombinat.de\/blog\/uber-uns\/die-gartnerei\/\" target=\"_blank\">ganz konkreten G\u00e4rtnerei<\/a> zu bekommen &#8211; an dem ich mir naturgem\u00e4\u00df nichts aussuchen kann.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<blockquote><p>Sometimes I don&#8217;t think Germans find anything racist except for Nazi demos in Hellersdorf, the actual Holocaust and Rosa Parks not being allowed to sit down on the bus. <\/p><\/blockquote>\n<p>Auf Englisch gewinnt <a href=\"http:\/\/www.exberliner.com\/blogs\/the-blog\/amok-mama-true-discrimination-in-this-country\/\" target=\"_blank\">diese Tirade von Jacinta Nandi<\/a> gegen Rassismus in Deutschland anl\u00e4sslich der uns\u00e4glichen Interviewfragen der <i>taz<\/i> an Philipp R\u00f6sler schon wegen der vielen sch\u00f6nen <i>fuck<\/i>s an Wucht. (Zur Klarstellung: Ob und wie jemand die geographische Herkunft seiner biologischen Vorfahren thematisieren will, wie sehr sich jemand dar\u00fcber definiert, liegt bittesch\u00f6n v\u00f6llig im Ermessen des und der Einzelnen.)<\/p>\n<p>Einfach ist das alles dennoch nicht, sondern vielschichtig und von vielen Faktoren beeinflusst, bl\u00f6derweise auch vom grundmenschlichen Wahrnehmungsmechanismus, in der Umwelt Stereotypen und Muster zu suchen (zum Beispiel um schnell Prognosen und Entscheidungen treffen zu k\u00f6nnen). Dem Menschen ist ein neutraler Blick wahrscheinlich nicht m\u00f6glich. Ein paar Schlaglichter.<\/p>\n<p>In Deutschland muss noch viel bis zu einer Integration von Einwanderern und nicht einheimisch aussehenden Menschen geschehen. Die Sammlung von Alltagsrassismus unter dem Hashtag #schauhin (<a href=\"http:\/\/kleinerdrei.org\/2013\/09\/schauhin\/\" target=\"_blank\">hier eine Art Zusammenfassung auf Kleinerdrei<\/a>) ist eine traurige Best\u00e4tigung.<\/p>\n<p>Wobei ich erst letzthin wieder zuckte, als eine M\u00fcnchnerin mir erkl\u00e4rte, dass es &#8220;bei uns&#8221; einen bestimmten Aberglauben gebe (es ging um graue Haare), und damit ihre kosovarischen Vorfahren meinte. Denn dieses &#8220;wir&#8221; zeigt, wie schei\u00dfschwierig die Sache ist.<\/p>\n<p>Eine meiner britischen Freundinnen machte mich w\u00e4hrend meines Auslandsstudienjahrs vor 20 Jahren in Wales v\u00f6llig wuschig: &#8220;We conquered Scotland.&#8221; Damit waren Engl\u00e4nder vor 800 Jahren (!) gemeint. &#8220;We eat pancakes with sugar and lemon juice.&#8221; Das waren dann noch lebende Briten.<br \/>\nNoch schwieriger wurde es bei &#8220;ihr&#8221;: &#8220;We will beat you 5 to one!&#8221;, sagte sie zu mir. In diesem Fall war &#8220;wir&#8221; ein englischer Fu\u00dfballverein und offensichtlich ihm geneigte Zuschauer, die nicht ein einziges Mal Ballkontakt hatten, &#8220;ihr&#8221; war die Bundesliga-Fu\u00dfballmannschaft Bayern M\u00fcnchen &#8211; denen ich echt ehrlich niemals im Leben in ihren Fu\u00dfballerberuf pfuschen w\u00fcrde.<br \/>\nRichtig lustig wurde es bei: &#8220;You invaded Poland.&#8221; Die jetzt lebenden Deutschen, mit denen ich die Staatsb\u00fcrgerschaft teilte, konnten nicht gemeint sein &#8211; von den Poleninvasoren lebte ja praktisch keiner mehr. Gerade mich aber in die Vorfahren einzuschlie\u00dfen, war aber auch eine Schieflage: Die eine H\u00e4lfte meiner 1939 lebenden Vorfahren wurde als Polen damals invadiert, die andere H\u00e4lfte versuchte im vom B\u00fcrgerkrieg verw\u00fcsteten Spanien zu \u00fcberleben. Es waren also Menschen gemeint, die meine nordenglische Freundin auf irgendeine Art und Weise in Bezug zum \u00dcberfall auf Polen im Jahr 1939 setzte. Ich fand es ausgesprochen anstrengend herauszufinden, wie die angesprochenen Gruppen jeweils definiert waren.<\/p>\n<p>Nein, selbst bin ich auch nicht frei von Zuschreibungen (ein sehr praktischer Begriff f\u00fcr den Mechanismus, den er bezeichnet). Der \u00e4ltere M\u00fcnchner Handwerker, mit dem ich gestern wegen eines Termins im B\u00fcro telefonierte, sprach mit Akzent und hatte einen deutlich t\u00fcrkischen Namen. Nein, lachte er, diesen Samstag k\u00f6nne er nicht zur Agentur kommen: Wegen des Oktoberfests werde er da nie im Leben an das Geb\u00e4ude gelangen. &#8220;Ach ja,&#8221; seufzte ich, &#8220;am Samstag beginnt ja wieder die j\u00e4hrliche Gei\u00dfel Gottes.&#8221; Da lachte der Handwerker wieder: Nun ja, er finde die Wiesn gro\u00dfartig und freue sich schon drauf. Und ich registrierte meine \u00dcberraschung: Ich hatte nicht damit gerechnet, dass jemand mit t\u00fcrkischen Wurzeln ein Fan des Oktoberfests ist. Offensichtlich passte das nicht in mein vorgefasstes Bild.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein regnerischer Tag, doch er hatte genug Regenpausen, dass ich auch auf dem Rad \u00fcberallhin trocken kam. \u00a7 Abends im Feedreader den Hinweis des M\u00fcnchner Kartoffelkombinats gefunden, dass wieder Haushalte in die Genossenschaft aufgenommen werden. Mitmachformular ausgef\u00fcllt, abgeschickt. 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