{"id":18492,"date":"2013-10-11T08:57:31","date_gmt":"2013-10-11T06:57:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=18492"},"modified":"2013-10-17T06:33:11","modified_gmt":"2013-10-17T04:33:11","slug":"die-miniratsche-in-meinem-mund-und-erster-schnee","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2013\/10\/die-miniratsche-in-meinem-mund-und-erster-schnee.htm","title":{"rendered":"Die Miniratsche in meinem Mund (und erster Schnee)"},"content":{"rendered":"<p>Zum ersten Mal wurde mir etwas in den Kiefer geschraubt, und zum ersten Mal nach dem Sommer schneite es in M\u00fcnchen &#8211; so dicke und nasse Flocken in den Regen gemischt, dass ihr Landen auf der Fensterscheibe wie Vogelschiss klang.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/131010_Erstschneetweet.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/131010_Erstschneetweet.jpg\" alt=\"131010_Erstschneetweet\" width=\"469\" height=\"164\" class=\"alignnone size-full wp-image-18505\" \/><\/a><\/p>\n<p>Der letzte Schnee im April ist ja auch schon ein halbes Jahr her, und die eine oder der andere wird gejubelt haben. Vielleicht. Aber zur\u00fcck zu meinem Kiefer.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2013\/09\/journal-donnerstag-12-september-2013-ungebohrt.htm\" target=\"_blank\">Im zweiten Anlauf<\/a> klappte es: Diesmal war die Zahn\u00e4rztin auf die Operation vorbereitet. Wieder erstaunlich geschickt setzt sie die Bet\u00e4ubungsspritze. W\u00e4hrend wir auf die Wirkung warteten, plauderten wir \u00fcber die Rolle, die ein Job im Leben einnehmen kann und ob es wirklich bedenklich ist, wenn Job und Leben sich fast v\u00f6llig decken (sie: Das macht kaputt. ich: Ein m\u00f6glicher Lebensentwurf von vielen, bei K\u00fcnstlerinnen ist das sogar allgemein akzeptiert.).<\/p>\n<p>Wie erwartet, wurde es dann sehr handwerklich. Mit immer dickeren Bohraufs\u00e4tzen in beeindruckende L\u00e4nge (aus meiner Perspektive 5 cm) grub Frau Doktor ein senkrechtes Loch in meinen Unterkiefer. Das R\u00f6ntgenbild hatte gezeigt, dass mein Kieferknochen dick und massiv ist und dass der zugeh\u00f6rige Nerv ganz weit weg vom Knochen verl\u00e4uft, b\u00f6se \u00dcberraschungen waren also nicht zu bef\u00fcrchten. In das Loch schraubte die \u00c4rztin den Haltestift f\u00fcr das Implantat, der \u00fcber die n\u00e4chsten Wochen einwachsen soll. Zum Festziehen nahm sie eine ganz kleine Ratsche zu Hilfe &#8211; als deren Betriebsger\u00e4usch aus meinem Mund erklang, musste ich ob der Niedlichkeit dann doch sehr lachen. Die Haut wurde an drei Stellen um den Stift gen\u00e4ht, eine R\u00f6ntgenaufnahme versicherte uns, dass er richtig sa\u00df: &#8220;Der wird Ihnen definitiv l\u00e4nger halten als das wurzelbehandelte Exemplar davor.&#8221; Ich bekam ein kleines K\u00fchlkissen f\u00fcr die Wange mit, das ein Anschwellen verhindern sollte. <\/p>\n<p>\u00c4rztliche Anweisung f\u00fcr die n\u00e4chsten Tage: Kein Alkohol, kein Kaffee, kein Schwarztee, kein Nikotin, kein Sport. Wie schon nach dem Ziehen des Backenzahns (wo die englische Alltagssprache sonst bei K\u00f6rper und Medizin sehr oft nach Lateinischem oder Griechischem greift, bietet sie daf\u00fcr ein wundersch\u00f6nes schlichtes Wort, das vom M\u00fchlstein abgeleitete <i>molar<\/i> &#8211; viel sch\u00f6ner als das deutsche) nahm ich schweigend an, dass ich mir aus der Reihe eine Ausnahme aussuchen darf. Ein Morgen ohne Milchkaffee ist dann doch zu traurig. Von heftigem Kardiosport riet Frau Doktor umso deutlicher ab. Yoga hingegen darf ich ausdr\u00fccklich.<\/p>\n<p>Nachdem ich im Fr\u00fchsommer nach dem Zahnziehen durch geschickte Schmerzmedikation gar keine Schmerzen erleiden musste, war ich diesmal erstaunt, dass die Wunde samt linker Gesichtsh\u00e4lfte mit Nachlassen der Bet\u00e4ubung ordentlich weh tat. Obwohl ich auch diesmal rechtzeitig den 600-mg-Bomber Ibuprofen eingenommen hatte, den ich sonst heftigen Menstruationsschmerzen vorbehalte. Ich f\u00fchlte mich erb\u00e4rmlich und legte mich mit Mimimi ins Bett. Dort fiel mir mein Weisheitszahnabenteuer ein: Als ich 16 war, wurden mir alle viere v\u00f6llig unkompliziert entfernt, doch danach hatte ich die Schmerzen meines Lebens. Selbst die starken Dolomo-Tabletten, die der Arzt verschrieben hatte, zeigten keinerlei Wirkung, und ich erlebte eine H\u00f6llennacht. Das w\u00fcrde sich doch hoffentlich nicht wiederholen! Ich beriet mit dem Mitbewohner, ob ich schon zwei Stunden nach der ersten eine zweite Ibu nehmen konnte. Wir einigten uns auf: &#8220;Was soll schon passieren?&#8221; Als ich den Blister in die Hand nahm, fiel mir auf, dass die R\u00fcckseite mit &#8220;Ortoton&#8221; beschriftet war: Ich hatte wohl vor vier Wochen die Reste des Muskelrelaxans&#8217; gegen die R\u00fcckenschmerzen in die falsche Packung geschoben, n\u00e4mlich in die des Schmerzmittels. Und somit noch gar kein Ibu eingenommen.<\/p>\n<p>Das Schmerzmittel wirkte schnell, und an der resultierenden Euphorie merkte ich mal wieder, wie schlecht ich starke Schmerzen aushalte. Abends hatte ich nicht nur Hunger, sondern auch Appetit (Nudelsuppe, Griesbrei, Schokolade), nachts bek\u00e4mpfte ich die zur\u00fcckkehrenden Schmerzen mit einer weiteren Tablette, heute Morgen ist die linke Wange unten nur mittelgeschwollen. <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ssl-vg03.met.vgwort.de\/na\/433c7acb9e2d4944a11407a5fbb0bf09\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum ersten Mal wurde mir etwas in den Kiefer geschraubt, und zum ersten Mal nach dem Sommer schneite es in M\u00fcnchen &#8211; so dicke und nasse Flocken in den Regen gemischt, dass ihr Landen auf der Fensterscheibe wie Vogelschiss klang. 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