{"id":18768,"date":"2013-11-05T19:39:16","date_gmt":"2013-11-05T18:39:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=18768"},"modified":"2014-10-28T18:01:58","modified_gmt":"2014-10-28T17:01:58","slug":"juengere-kulturgeschichte-des-rucksacktragens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2013\/11\/juengere-kulturgeschichte-des-rucksacktragens.htm","title":{"rendered":"J\u00fcngere Kulturgeschichte des Rucksacktragens"},"content":{"rendered":"<p>Der Mitbewohner hat mir einen hochinteressanten Artikel zugespielt: &#8220;<a href=\"http:\/\/www.slate.com\/articles\/life\/cool_story\/2013\/10\/two_straps_on_a_backpack_or_one_strap_what_s_cool.single.html\" target=\"_blank\">When Did Two-Strapping Get Cooler Than One-Strapping? A Slate backpack investigation&#8221;<\/a>. Wann und warum wurde es cooler, Rucksackriemen \u00fcber beiden Schulter zu tragen und nicht mehr nur \u00fcber einer? Der Slate-Autor Forrest Wickman macht sich auf die Suche nach dem m\u00f6glichen <i>two-strapping Patient Zero<\/i>.<\/p>\n<p>Genau die Sorte Geschichte &#8220;hab ich mir noch nie dr\u00fcber Gedanken gemacht, aber jetzt, wo er&#8217;s sagt &#8230;&#8221;, die ich liebe. M\u00f6glicherweise ist das Rucksacktragen in der westlichen Kultur unglaublich bedeutsam.<\/p>\n<p>In meiner Kindheit waren Rucks\u00e4cke zum Wandern da. Punkt. Mit dem Schulwesen kreuzte sich das Ph\u00e4nomen, als ich (Abiturjahrgang 1986 in Bayern) in die Kollegstufe kam (das, liebe Kinderlein, waren damals die 12. und 13. Klasse, also die letzten beiden Jahre vor dem Abitur).<\/p>\n<p>Ab der Mittelstufe n\u00e4mlich wurde relevant, was den Schulranzen abl\u00f6ste. DASS Schulranzen nicht mehr f\u00fcr den Transport von Schulb\u00fcchern und Heften in Frage kamen, war f\u00fcr mindestens 13-J\u00e4hrige klar, Schulranzen waren etwas f\u00fcr Kinder. Und m\u00f6glicherweise lie\u00df sich der Grad der Kindlichkeit an uns Heranwachsenden sogar danach bemessen, wie lange jemand den klassischen Schulranzen trug, mit dem er und sie ins Gymnasium gekommen waren.<\/p>\n<p>Konkret erinnern kann ich mich allerdings erst an die Taschen, die in der Kollegstufe auftauchten. Manche kamen mit bunten Stofftaschen aus dem Indienladen (in dem es meist auch Handarbeiten aus Lateinamerika zu kaufen gab), die Langhaarigen mit dem markanten Wippgang waren mit der Schwundstufe Jutebeutel unterwegs. JU-Mitglieder und In-Freistunden-Schafkopf-Spieler hatten Aktenkoffer dabei, in Kunstleder oder Leichtmetall. Einige Artistinnen versuchten, ihren Ordner (sp\u00e4testens in der Kollegstufe schrieben wir nicht mehr in Schulhefte, sondern auf losen Bl\u00e4ttern, die wir in Leitz-Ordner hefteten) ohne Tasche zu transportieren, die Stifte in Jackentaschen gesteckt.<\/p>\n<p>Mein eigener Versuch in Originalit\u00e4t war ein blauer Wildererrucksack &#8211; fragen Sie mich nicht, wie ich darauf kam. Er war die schlichteste Form von Rucksack \u00fcberhaupt: Zwei Kanvas-Quadrate an drei Seiten zusammengen\u00e4ht, kein Boden, an der offenen Seite \u00d6sen, durch die ein Rucksackseil gef\u00e4delt wurde zum Zusammenbinden, eine Stoffklappe mit Riemen und Schlie\u00dfe dar\u00fcber, fertig. Und richtig: Ich trug ihn nur \u00fcber eine Schulter, und zwar \u00fcber der linken. Denn: Einer der beiden schmalen Schulterriemen aus Leder war nicht fest eingeg\u00fcrtelt, sondern mit einem Haken am unteren Eck des Rucksacks befestigt; wenn ich nicht diesen Riemen zum Tragen verwendete, l\u00f6ste sich sein Haken und er baumelt l\u00e4stig herum. M\u00f6glicherweise bin ich genau deswegen so schief geworden, war ja die letzte Wachstumsphase. Sicher aber trage ich deshalb bis heute meine Taschen \u00fcber der linken Schulter.<\/p>\n<p>Die Kategorie &#8220;cool&#8221; war damals (oder bei uns) zwar noch nicht erfunden, doch ein beidriemiges Tragen des Rucksacks h\u00e4tte eine ungewollte Verbindung zum kindlichen Schulranzen hergestellt, war also indiskutabel.<\/p>\n<p>Dieser Wildererrucksack erwies sich als so praktisch, dass ich ihn nach Verschlei\u00df mindestens zwei Mal ersetzte, zuletzt erneuerte ich am Ende meines Studiums sein marodes Rucksackseil (in einem Seilladen an der Augsburger Maximilianstra\u00dfe, in dem ich lernte, dass es wirklich spezielle Rucksackseile gibt).<\/p>\n<p>Doch parallel dazu hatten die 80er den Rucksack als modisches Accessoire entdeckt &#8211; wann eigentlich genau? Gerne mal mit witzig gemeinten Dimensionen und mit Glitzer? Ich erinnere mich, dass ich mir damals sogar einen Rucksack strickte, aus sechsfach genommenem wei\u00dfen Baumwollgarn, mittelklein, mit Boden und Au\u00dfentasche (wie fast alle Strickst\u00fccke damals selbst ausgedacht und perfektioniert &#8211; ich habe heute einen ziemlichen Respekt vor meinem damaligen handwerklichen K\u00f6nnen und meiner Kreativit\u00e4t). Mittlerweile sind Rucks\u00e4cke in vielen Varianten auf jeden Fall Standardgegenst\u00e4nde im Alltag geworden, wenn sie auch nicht mehr als modisch gelten.<\/p>\n<p>Zur Uni ging ich dann mit einer gro\u00dfen Schultertasche aus Leder, der damalige Wildererrucksack enthielt Sportzeug oder Eink\u00e4ufe. Die Frage der Riemenzahl \u00fcber der Schulter wurde beim Einkaufen ganz von Funktionalit\u00e4t bestimmt: Hin \u00fcber eine Schulter, sobald der Rucksack sich bei Norma oder auf dem Stadtmarkt f\u00fcllte, \u00fcber beiden Schultern, weil viel bequemer.<\/p>\n<p>Auch heute kaufe ich mit Rucksack ein (seit mindestens 13 Jahren mit einem silbernen Punch-Rucksack von Bree): breite, gepolsterte Riemen, viel stabiler Raum. Das erm\u00f6glicht mir unter anderem, auch gro\u00dfe Lasten mit wenig Anstrengung zu tragen, sogar auf dem Fahrrad. Zudem besitze ich einen als solchen geschenkten Wanderrucksack, leicht, bequem und mit vielen F\u00e4chern. Den benutze ich nur zum Wandern.<\/p>\n<p>Doch um zum Ausgangsartikel bei Slate zur\u00fcckzukommen: Auch heute bin ich Mainstream, ich trage die Riemen immer \u00fcber beiden Schultern. <\/p>\n<p><i>Nachtrag 6.11.2013: Entdecke gerade, dass ich <a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/disclaimer\" target=\"_blank\">auf dem Foto im Impressum<\/a> Rucksack trage, n\u00e4mlich einen Kinderwanderrucksack, und zwar zweischultrig.<\/i> <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ssl-vg03.met.vgwort.de\/na\/aae36f76a0604a3b89e41181238876ec\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Mitbewohner hat mir einen hochinteressanten Artikel zugespielt: &#8220;When Did Two-Strapping Get Cooler Than One-Strapping? A Slate backpack investigation&#8221;. Wann und warum wurde es cooler, Rucksackriemen \u00fcber beiden Schulter zu tragen und nicht mehr nur \u00fcber einer? 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