{"id":19079,"date":"2013-12-01T11:29:51","date_gmt":"2013-12-01T10:29:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=19079"},"modified":"2013-12-01T11:29:51","modified_gmt":"2013-12-01T10:29:51","slug":"handlinien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2013\/12\/handlinien.htm","title":{"rendered":"Handlinien"},"content":{"rendered":"<p>Als ich etwa 16 war, stie\u00df ich beim W\u00fchlen in den Remittenden vor der Buchhandlung Sch\u00f6nhuber auf ein Buch \u00fcber Handlesen. Es war einfach geschrieben und mit vielen Zeichnungen illustriert. F\u00fcr die Mark fuchzig, die es kostete, nahm ich es mit.<\/p>\n<p>Die Systematik, mit der das Buch die Bedeutung der Handlinien erkl\u00e4rte, war einfach und leicht zu merken:<br \/>\nDie linke Hand, so hie\u00df es darin, zeige die Anlagen des Menschen, mit denen er geboren worden sei, welches Leben f\u00fcr ihn vorgesehen sei. Aus der rechten hingegen sei sein momentaner Stand im Leben zu erkennen, was er aus diesen Anlagen bislang gemacht habe. (Bei Linksh\u00e4nderinnen andersrum.)<\/p>\n<p>Die Linien selbst wurden ganz klassisch so bezeichnet:<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.chirologie.ch\/Hauptlinien\/Hauptlinien.gif\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/Hauptlinien.gif\" alt=\"Hauptlinien\" width=\"180\" height=\"236\" class=\"alignnone size-full wp-image-19159\" \/><\/a><\/p>\n<p>An L\u00e4nge, Dicke, Verlauf und Verzweigtheit der Lebenslinie, so ging die Geschichte, k\u00f6nne man das Auf und Ab der Biografie ablesen, mit den erwartbaren Gleichungen: lang = langes Leben, dick und klar = wenige Turbulenzen, zerrissen und von Seitenlinien gekreuzt = unruhiges Leben. St\u00e4rke und Klarheit der Kopflinie sollte Aussagen \u00fcber Gr\u00f6\u00dfe und Einfluss des Intellekts zulassen, bei der Herzlinie wiederum war der Grad der Biegung wichtig: Je krummer, desto gr\u00f6\u00dfer der Anteil von Bauchentscheidungen. Auch die Stellung von Kopf- und Herzlinie zueinander trug Bedeutung: Je paralleler, desto sturer. Ein gro\u00dfer Unterschied zwischen den Linien der linken und der rechten Hand wies auf ein sehr selbstbestimmtes Leben hin, das sich kaum von Dritten und \u00e4u\u00dferen Umst\u00e4nden beeinflussen lie\u00df. Das Buch betonte, die Handlesekunst Chirologie sei keineswegs Hellsehertum auf die Zukunft, sondern gebe lediglich Aufschluss \u00fcber Veranlagung und Charakter eines Menschen. (Alles aus dem Ged\u00e4chtnis, das Buch habe ich schon lange nicht mehr.)<\/p>\n<p>Mit diesem oberfl\u00e4chlichen Wissen machte ich mich an das Lesen von H\u00e4nden. Und wurde ein Partystar: Sobald ich einer die Hand las, standen die anderen schon Schlange und wollten auch. Selbst auf Festen meiner Eltern wurde diese Leserei vor\u00fcbergehend ein Programmpunkt: Meine Mutter lie\u00df fallen, dass ich \u00fcbrigens Handlesen gelernt h\u00e4tte, und der Abend war gelaufen.<br \/>\nIch stellte schnell fest, wie einfach die Menschen dabei zu beeindrucken waren: Ein paar anf\u00e4ngliche Erkl\u00e4rungen wie oben notiert, und dann musste ich lediglich auf die Reaktionen meines Gegen\u00fcbers eingehen und mein Wissen \u00fcber diese Person nutzen: &#8220;Oh, ich sehe einen ganz schwierigen Lebensanfang&#8221;, war bei einer Nachkriegsgeborenen ein ziemlich sicherer Treffer. Den von \u00dcberstunden geplagten B\u00fcroarbeiter auf die gebogene Herzlinie hinzuweisen und eine Zerrissenheit zwischen Pflichten und inneren Bed\u00fcrfnissen herauszulesen, war auch nicht schwierig. Und irgendwo in der Hand fand ich dann schon noch etwas, mit dem ich ihn tr\u00f6sten konnte, dass das alles bald besser w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Gleichzeitig erschrak ich, wie begierig die Leute meine Interpretationen aufsogen und glauben wollten. Ich stand hilflos und befremdet vor dieser ungeheuren Sehnsucht, eine tiefe Wahrheit \u00fcber sich zu erfahren, das wahre Selbst (die Frageb\u00f6gen in Frauenzeitschriften leben davon). &#8220;Ja! Genau!&#8221;, riefen sie und sahen mich fassungslos begeistert an &#8211; auch wenn es zum Gl\u00fcck immer jemanden in dritter Reihe gab, der &#8220;Pah. Humbug.&#8221; schnaubte. Auf einer Party meiner Eltern wich mir ein Gast nicht mehr von der Seite, nachdem ich ihm aus der Hand gelesen hatte. Er folgte mir kuh\u00e4ugig und schien \u00fcberzeugt, ausgerechnet in diesem gschaftigen Teenager den einen Menschen gefunden zu haben, der ihn wirklich verstand.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich war es ein Spiel, das umso besser funktionierte, je \u00f6fter ich es betrieb. Chirologie lie\u00df sich halt, wie jedes ausgedachte System, das sich nicht an Naturgesetze halten muss, sehr flexibel und individuell einsetzen.<\/p>\n<p>Zum letzten Mal griff ich darauf mit 18 zur\u00fcck, als mir vor der Kathedrale in Sevilla eine <i>gitana<\/i> ihre Handlesek\u00fcnste anbot. &#8220;Danke, kann ich selbst&#8221;, wandte ich mich ab &#8211; da hielt sie mir ihre Hand hin und bat mich, ich solle ihr daraus lesen. Den Gefallen tat ich ihr gerne, woraufhin eine weitere <i>gitana<\/i> mitdiskutierte, dann noch eine (ich glaube es ging in erster Linie darum, ob und wie man die Zahl der k\u00fcnftigen Kinder erschlie\u00dfen kann). Meine Reisegef\u00e4hrtin Veronika machte die denkw\u00fcrdige Aufnahme: Kaltmamsell liest vor der Kathedrale von Sevilla einer <i>gitana<\/i> aus der Hand.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/1986_gitana_handlesen.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/1986_gitana_handlesen.jpg\" alt=\"1986_gitana_handlesen\" width=\"546\" height=\"375\" class=\"alignnone size-full wp-image-19165\" \/><\/a><\/p>\n<p>Doch schon mit 16 betrachtete ich nat\u00fcrlich als erste meine eigenen Handlinien, als naheliegendes Beispiel und zum Lernen der Systematik aus dem Buch. Und war ein wenig verwirrt: Die Lebenslinien beider H\u00e4nde wollten nicht recht zu den Zeichnungen passen. Ich musste sie entweder als nach zwei Dritteln endend interpretieren, oder ich hatte je zwei, von denen eine die andere abl\u00f6ste. Nun gut, nach dem Muster, mit dem ich beim Handlesen andere beeindruckte, lautete die Prophezeiung, dass es im dritten Viertel meines Lebens wohl eine existenzielle Ver\u00e4nderung geben w\u00fcrde &#8211; einen Unfall vielleicht, der meine k\u00f6rperlichen Fertigkeiten beeinflussen w\u00fcrde. Oder einen gro\u00dfen Umzug in eine andere Gegend der Welt.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/131127_Hand_links.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/131127_Hand_links.jpg\" alt=\"131127_Hand_links\" width=\"276\" height=\"321\" class=\"alignnone size-full wp-image-19080\" \/><\/a> <a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/131127_Hand_rechts.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/131127_Hand_rechts.jpg\" alt=\"131127_Hand_rechts\" width=\"296\" height=\"288\" class=\"alignnone size-full wp-image-19081\" \/><\/a><\/p>\n<p>Und nach dem Muster, mit dem meine Gegen\u00fcber ihre realen Erfahrungen in meine Aussagen einsortierten, k\u00f6nnte ich im Moment darauf hinweisen, dass das das ja wohl alles stimmt: Ich habe im dritten Lebensviertel mein bis dahin gef\u00fchrtes Leben (na ja, Berufsleben) abgebrochen, f\u00fchre ein anderes Leben weiter. Nun wird lediglich spannend, ob ich mich schon in diesem neuen Leben befinde (das w\u00e4re unangenehm) oder noch in der L\u00fccke zwischen den beiden Lebenslinien und erst zu diesem neuen Leben finde. <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ssl-vg03.met.vgwort.de\/na\/f316d52626824657a6d6363ee2402543\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als ich etwa 16 war, stie\u00df ich beim W\u00fchlen in den Remittenden vor der Buchhandlung Sch\u00f6nhuber auf ein Buch \u00fcber Handlesen. Es war einfach geschrieben und mit vielen Zeichnungen illustriert. F\u00fcr die Mark fuchzig, die es kostete, nahm ich es mit. 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