{"id":19114,"date":"2013-12-12T08:41:21","date_gmt":"2013-12-12T07:41:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=19114"},"modified":"2013-12-12T11:26:50","modified_gmt":"2013-12-12T10:26:50","slug":"wie-es-dazu-kam-dass-am-gruenen-strand-der-spree-wieder-aufgelegt-wurde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2013\/12\/wie-es-dazu-kam-dass-am-gruenen-strand-der-spree-wieder-aufgelegt-wurde.htm","title":{"rendered":"Wie es dazu kam, dass <i>Am gr\u00fcnen Strand der Spree<\/i> wieder aufgelegt wurde"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/Scholz_Spree.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/Scholz_Spree.jpg\" alt=\"Scholz_Spree\" width=\"152\" height=\"260\" class=\"alignnone size-full wp-image-19274\" \/><\/a><\/p>\n<p>Da war diese Bloggerin, die stellte in ihrem Blog einen Roman vor, den sie in ihrer Leserunde besprochen hatte. Sie fand den Roman gro\u00dfartig, beschrieb ihn ausf\u00fchrlich und \u00e4u\u00dferte ihr Bedauern, dass er schon lange vergriffen war. Ein Verleger hielt das f\u00fcr interessant genug, dass er den Roman las. Das Buch gefiel ihm so gut, dass er sich um die Lizenz daf\u00fcr bem\u00fchte und es neu auflegte &#8211; mit dem Hinweis, ohne die Besprechung im Blog w\u00e4re er nie draufgekommen.<\/p>\n<p>Eine sch\u00f6ne Geschichte \u00fcber die Verbindung von Online- und Offline-Welt. Die ich erheblich unbefangener bejubeln k\u00f6nnte, wenn die Bloggerin nicht ich selbst w\u00e4re. Denn das oben ist die Kurzfassung, wie es dazu kam, <a href=\"http:\/\/www.vat-mainz.de\/buecher\/belletristik\/scholz-am-gruenen-strand-der-spree.php\" target=\"_blank\">dass <i>Am gr\u00fcnen Strand der Spree<\/i> von Hans Scholz jetzt wieder zu haben ist<\/a>. Gebloggt hatte ich \u00fcber den Roman <a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2011\/03\/hans-scholz-am-grunen-strand-der-spree.htm\" target=\"_blank\">hier<\/a>. Eine Besprechung im <i>Spiegel<\/i> aus dem Jahr 1956 finden Sie <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/print\/d-43061904.html\" target=\"_blank\">hier<\/a>.<\/p>\n<p>Das eigentlich Interessante ist aber zum Gl\u00fcck der Roman und seine Geschichte. Verleger Andr\u00e9 Thiele war so freundlich, mir Zeit f\u00fcr ein ausf\u00fchrliches Gespr\u00e4ch zu schenken und einer v\u00f6llig Fachfremden zu erkl\u00e4ren, warum der einstige Bestseller (erschienen 1955, 1960 als Fernseh-F\u00fcnfteiler gesendet) so lange nicht zu haben war und warum das jetzt anders ist. Ich habe sehr viel \u00fcber B\u00fcchermachen und Verlage gelernt, auch \u00fcber Zukunftsperspektiven der Branche. In einer zweiten Geschichte werde ich \u00fcber den VAT Verlag schreiben.<\/p>\n<p>Wie kam es also \u00fcberhaupt dazu, dass ein Bestseller, der immer noch nachgefragt und gelesen wurde, nicht mehr auf dem Markt war?<br \/>\nIch erfuhr, dass das haupts\u00e4chlich an dem Verlag lag, der die Nutzungsrechte an <i>Am gr\u00fcnen Strand der Spree<\/i> h\u00e4lt: Hoffmann und Campe. Nach Einsch\u00e4tzung von Andr\u00e9 Thiele w\u00fcrde ein solch gro\u00dfer Verlag unter einer Auflage von 5000 ein Buch gar nicht herausbringen \u2013 doch ob daf\u00fcr die Nachfrage reicht, sei fraglich. Au\u00dferdem passe das Buch wahrscheinlich nicht ins Verlagsprogramm, sondern w\u00fcrde eher Verwunderung ausl\u00f6sen: Findet Hoffmann und Campe keine neuen Autoren mehr?<\/p>\n<p>Hier kommt ein kleiner Verlag wie der Mainzer VAT ins Spiel, f\u00fcr den die Wiederentdeckung eines fr\u00fcheren Literaturerfolgs ganz wunderbar ins Programm passt. Klar \u00fcberlegte und recherchierte auch Andr\u00e9 Thiele, wie viele Menschen dieser Roman ansprechen k\u00f6nnte, wie viele Exemplare noch antiquarisch zu haben sind, wie viele Leute sich wohl noch an die Verfilmung erinnern. Und er kam zu dem Ergebnis, dass der Roman (Autor Hans Scholz nannte ihn \u201eSo gut wie ein Roman\u201c) auch heute ein Publikum hat.<\/p>\n<p>Die n\u00e4chsten Schritte zur Wiederver\u00f6ffentlichung eines vergriffenen Buchs, die Andr\u00e9 Thiele schilderte, erschienen mir dann \u00fcberraschend einfach: Der interessierte Verlag wendet sich an den Inhaber der Nutzungsrechte (den Thiele in der j\u00fcngsten gebunden Ausgabe fand) und fragt nach einer Lizenz. In diesem Fall war das eben Hoffmann und Campe. Dort pr\u00fcft die zust\u00e4ndige Abteilung, ob der Verlag tats\u00e4chlich die Rechte hat und wie der zugeh\u00f6rige Vertrag aussieht. Dann wird die Geb\u00fchr f\u00fcr die Lizenz einer Neuauflage verhandelt. All das, so Andr\u00e9 Thiele, ging bei Hoffmann und Campe sehr schnell und unkompliziert.<\/p>\n<p>Etwas z\u00e4her wurde die Sache, als es ans tats\u00e4chliche Nachdrucken ging. Druckplatten gibt es f\u00fcr ein so lange vergriffenes Buch nat\u00fcrlich keine mehr, also musste es gescannt werden, der Scan bereinigt und Korrektur gelesen. Das, so Andr\u00e9 Thiele, erwies sich bei <i>Am gr\u00fcnen Strand der Spree<\/i> als unerwartet aufwendig: Das Korrektorat musste sehr viel nacharbeiten. Zun\u00e4chst hatte er die Neuver\u00f6ffentlichung f\u00fcr Sommer geplant, doch die zus\u00e4tzlichen Korrekturen verz\u00f6gerten den Druck bis jetzt.<\/p>\n<p>Ich wollte wissen, ob er denn sicher sei, dass sich gen\u00fcgend Menschen f\u00fcr die Nachkriegszeit interessieren, um die es geht. Doch das ist nach Andr\u00e9 Thieles Meinung gar nicht das Hauptthema: Alle interessieren sich f\u00fcr die Gegenwart. Und nach seiner \u00dcberzeugung liefert gerade <i>Am gr\u00fcnen Strand der Spree<\/i> sehr viele Parallelen zur Gegenwart: Es gehe darin um die unruhigen Zeiten nach dem Krieg, um den Ost-West-Konflikt, in dem eine Nation sich damals selbst suchte &#8211; \u00e4hnlich wie sich heute Europa finden m\u00fcsse und Deutschland seinen Platz in diesem europ\u00e4ischen Staatenbund.<\/p>\n<p>Der Roman von Hans Scholz habe ihn wegen seines Realismus gefesselt: \u201eEr schildert Dinge, die unabh\u00e4ngig vom Bewusstsein der Beteiligten stattgefunden haben.\u201c Scholz schreibe mit einer ungeheuren Klarheit \u00fcber die Ereignisse und kausalen Zusammenh\u00e4nge des Kriegs, die in dieser Zeit offensichtlich von weiten Teilen der Bev\u00f6lkerung wahrgenommen wurden (sonst h\u00e4tte der Roman nicht so viele Leser gefunden, w\u00e4re die Fernseh-Verfilmung nicht einer der ersten Stra\u00dfenfeger des jungen deutschen Fernsehens geworden) \u2013 die dann aber schnell wieder vergessen oder verdr\u00e4ngt wurden. Thiele spricht voll Bewunderung von Scholz&#8217; \u201eOffenheit, mit der er klarstellt, dass auch der kleine Soldat wusste, was los war\u201c. Das belegt seiner Ansicht nach, dass eben nicht erst die 68er diese schuldreiche Episode der deutschen Geschichte beleuchteten, sondern dass es schon vorher eine Phase der Klarheit gegeben hatte. Doch der Verleger verweist auch auf einen eklatanten Irrtum des Romans: Heute wei\u00df man, dass die Unterscheidung in gute Wehrmacht und b\u00f6se SS nicht haltbar ist.<\/p>\n<p>Parallelen zur Gegenwart sieht Andr\u00e9 Thiele in weiteren Details: Den gewaltigen gesellschaftlichen Umbruch der 50er schildert der Roman an vielen Ausschnitten des Alltags, nicht mit gro\u00dfen politischen Ausf\u00fchrungen. Auch heute sei zu beobachten, dass die tats\u00e4chlichen gesellschaftliche Ver\u00e4nderungen eher im Kleinen zu belegen sind. So verbreite sich die Weigerung, viele Missst\u00e4nde weiter hinzunehmen, doch das werde in einer kleinen Bar besprochen, nicht auf der gro\u00dfen B\u00fchne \u2013 wie eben in <i>Am gr\u00fcnen Strand der Spree<\/i> im Jockey-Club.<\/p>\n<p>Ob sich nun tats\u00e4chlich Leserinnen finden f\u00fcr den Roman, kann Thiele nat\u00fcrlich nicht mit Bestimmtheit sagen: \u201eVerlegerei ist eine Form des Gl\u00fccksspiels.\u201c<br \/>\nWas er genauer damit meint, und warum ihm am liebsten ist, wenn die B\u00fccher aus seinem Programm <a href=\"http:\/\/www.vat-mainz.de\/buecher\/belletristik\/scholz-am-gruenen-strand-der-spree.php\" target=\"_blank\">\u00fcber die verlagseigene Website gekauft werden<\/a> (*hint* *hint*) erz\u00e4hle ich in einem eigenen Post. <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ssl-vg03.met.vgwort.de\/na\/620b8453b0354822a14d4bcc43c2b39c\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Da war diese Bloggerin, die stellte in ihrem Blog einen Roman vor, den sie in ihrer Leserunde besprochen hatte. 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