{"id":1915,"date":"2007-04-11T12:20:34","date_gmt":"2007-04-11T10:20:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2007\/04\/backkultur.htm"},"modified":"2007-04-11T20:27:07","modified_gmt":"2007-04-11T18:27:07","slug":"backkultur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2007\/04\/backkultur.htm","title":{"rendered":"Backkultur"},"content":{"rendered":"<p>Dass unsere kulinarische Vorlieben (ist Kuhmilch Alltag oder widerlich? eine Heuschrecke Plage oder Snack?) haupts\u00e4chlich kulturell gepr\u00e4gt sind, wissen wir. Doch dass wir je nach kultureller Herkunft auf verschiedene Art zum selben Gericht kommen, liegt vielleicht nicht so offen auf der Hand.<\/p>\n<p>Nehmen wir England und die B\u00e4ckerei. Als Pr\u00fcfstein f\u00fcr die private Backkunst gilt die Herstellung von <i>pastry<\/i>, dem M\u00fcrbteig f\u00fcr die diversen s\u00fc\u00dfen und salzigen Pies. Das versteht die deutsche Hobbyb\u00e4ckerin nur schwer, gilt doch M\u00fcrbteig als ziemlich idiotensicher. Doch das Standardkochbuch der englischen K\u00fcche, Delia Smiths <i>Complete Cookery Course<\/i> widmet der Zubereitungstechnik mehrere Seiten und listet detaillierte Tipps gegen Katastrophen auf. Das mag damit zusammenh\u00e4ngen, dass der Brite einen M\u00fcrbteig ganz anders macht als der Deutsche: Jede Kochanleitung beginnt mit \u201erub the fat into the flour\u201c.<\/p>\n<p>Was damit gemeint war, musste ich seinerzeit erst bei meinen englischen Freundinnen erfragen. Sie erkl\u00e4rten es mit einer Handbewegung (das Hervorrufen dieser erkl\u00e4renden Geste funktioniert bei backkundigen Briten \u00fcbrigens so sicher wie \u00fcberall auf der Welt die Frage, was eine Wendeltreppe ist): Sie hielten beide H\u00e4nde wie Hundpf\u00f6tchen vor sich, also Handr\u00fccken nach oben mit sich ber\u00fchrenden Fingerspitzen. Dann rieben sie die Fingerspitzen aneinander w\u00e4hrend sie die H\u00e4nde hoch- und runterbewegten. Das Fett (Butter, Schmalz oder Nierentalg) wird in der britischen Vorgehensweise n\u00e4mlich kalt und in kleinen St\u00fcckchen aufs Mehl gegeben und dann durch diese Bewegung mit dem Mehl zu ganz winzigen Streuseln verarbeitet, die im besten Fall wieder wie Mehl aussehen. Dann erst wird Fl\u00fcssigkeit zugef\u00fcgt und durch Messer, Handballen oder Knethaken ein Teig erknetet. Das Ergebnis ist dasselbe wie mit der deutschen Methode des schlichten Verknetens aller Zutaten, ich hab\u2019s ausprobiert. Allerdings bereitet es mir Freude, bei englischen Rezepten nach der englischen Methode vorzugehen, einfach weil&#8217;s exotisch ist.<\/p>\n<p>Genau anders herum verh\u00e4lt es sich bei R\u00fchrteigen. Dass ich die ersten englischen Kuchenrezepte in einer Studentenk\u00fcche mit Minimalausstattung ausprobierte, also ohne Handr\u00fchrger\u00e4t, machte gar nichts: W\u00e4hrend die deutsche B\u00e4ckerin erst mal Eier mit Zucker und Butter schaumig schl\u00e4gt, verr\u00fchrt die britische einfach alle Zutaten mit einem L\u00f6ffel und f\u00fcllt sie in die Backform. Das geht auch deshalb einfach, weil oft \u00d6l statt Butter auf der Zutatenliste steht.<br \/>\nUnpraktisch fand ich immer die Anweisungen in englischen Backb\u00fcchern f\u00fcr gef\u00fcllte Kuchen und Torten: Wo der Deutsche einen Kuchen backt und dann auseinander schneidet, will der Brite einzelne, flache <i>sandwich tins<\/i> gef\u00fcllt haben und die B\u00f6den einzeln gebacken. Ich hab\u2019s versucht, aber nie so hinbekommen, dass ich mir die flache und stapelbare Oberseite nicht h\u00e4tte zurechtschneiden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Entsprechend habe ich im Rezept der Engl\u00e4nderin Helene f\u00fcr ihren k\u00f6stlichen <a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/rezepte\/passion-cake-englischer-karottenkuchen.htm\"><i>Passion Cake<\/i>, jetzt auf meiner Rezepteseite,<\/a> das beste aus beiden Kulturen verbunden: Englische Teigbereitung, deutsches Auseinanderschneiden.<\/p>\n<p><i>Angemerktes Gen\u00f6hle: Diese interkulturellen Kenntnisse verbunden mit Kochwissen setze ich \u00fcbrigens eigentlich auch bei \u00dcbersetzerinnen von Kochb\u00fcchern voraus \u2013 meist zu Unrecht. Dem Tipp in einem Kochblog folgend, kaufte ich mir k\u00fcrzliche <\/i>Sophies Cakes<i> von Sophie Dudemaine (ist doch in Ordnung, dass ich das \u201eKakes\u201c ausspreche, weil sonst mein Sprachzentrum, konfrontiert mit franz\u00f6sischem Backwerk angeblich englischer Bezeichnung \u00fcberfordert w\u00e4re?). Darin verlangt jedes dritte Rezept \u201ehalbgesalzene Butter (max. 3 % Salz)\u201c, aber immer nur ein paar Gramm zum Anbraten von irgendwas. Erwartet die \u00dcbersetzerin (Claudia Steinitz) von mir, dass ich wegen 30 Gramm auf die Jagd durch M\u00fcnchner Feinkostgesch\u00e4fte nach dieser seltenen Butterart gehe? Vermutlich wusste die \u00dcbersetzerin zwar, dass in Frankreich (ebenso wie in Spanien) die Standardbutter leicht gesalzen ist und deswegen beim Backen vorausgesetzt wird. Doch statt nun einfach \u201eButter\u201c zu \u00fcbersetzen und in das Rezept \u201eeine Prise Salz\u201c einzuf\u00fcgen, schien es ihr clever, ausf\u00fchrlich den franz\u00f6sischen Standard einzudeutschen.<br \/>\nWird etwa in Kochb\u00fcchern aus dem Englischen (von denen ich nur zwei Exemplare als \u00dcbersetzung habe) f\u00fcr <\/i>self-raising flo<strike>w<\/strike>uer<i> \u00fcbersetzt \u201eWeizenmehl mit Backpulveranteil (h\u00f6chstens 5 %)\u201c?<\/i><i><\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dass unsere kulinarische Vorlieben (ist Kuhmilch Alltag oder widerlich? eine Heuschrecke Plage oder Snack?) haupts\u00e4chlich kulturell gepr\u00e4gt sind, wissen wir. Doch dass wir je nach kultureller Herkunft auf verschiedene Art zum selben Gericht kommen, liegt vielleicht nicht so offen auf der Hand. Nehmen wir England und die B\u00e4ckerei. 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