{"id":19355,"date":"2014-01-07T08:21:06","date_gmt":"2014-01-07T07:21:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=19355"},"modified":"2014-01-07T19:57:15","modified_gmt":"2014-01-07T18:57:15","slug":"israel-baby-9-wahrnehmungsschnipsel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2014\/01\/israel-baby-9-wahrnehmungsschnipsel.htm","title":{"rendered":"Israel, baby! &#8211; <del>9<\/del> 10 &#8211; Wahrnehmungsschnipsel"},"content":{"rendered":"<p>Mein zwischenmenschlicher Austausch in Israel war begrenzt, da ich als Teil eines Heteropaars unterwegs war: Meiner Erfahrung nach ist bei dieser Form des Reisens der Kontakt am geringsten, man wird als geschlossene Formation wahrgenommen. Selbst wenn ich zu zweit mit einer Frau reiste, kam ich h\u00e4ufiger in Kontakt. Vorsatz f\u00fcr die Zukunft: Sobald ich in der Reisefremde nicht mehr zu sehr fremdle (ich bin anfangs durchaus entspannter, wenn ich nicht allein bin), mehr einzeln losziehen.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Die halbwegs wohlerzogene Bayerin versucht, die Leute \u00fcberall in ihrer Version von &#8220;Gr\u00fc\u00df Gott!&#8221; zu begr\u00fc\u00dfen. In Israel sagt sie also beim Reinkommen &#8220;Shalom!&#8221;. Allerdings musste ich feststellen, dass das einen Nachteil hat: Ich wurde in diesem buntvolkigen Land nicht sofort als Fremde und als Touristin identifiziert &#8211; und die Bedienung legte mir dann schon mal die Speisekarte in Ivrit hin.<\/p>\n<p>Doch auch ohne &#8220;Shalom!&#8221; wurden wir beide meist auf Hebr\u00e4isch abgesprochen, Nicht-Mehrheits-Aussehen oder auch nur Funktionsjacke und bequeme Schuhe deuten hier eben nicht auf Ausw\u00e4rtigkeit hin (solange man nicht fern\u00f6stlich aussieht?).<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Auberginensalat liebe ich eigentlich in jeder Form. Ausgerechnet der israelische (ob Natur, mit Tomate oder mit Tahini) schmeckte mir nicht: Er hat eine deutlich verbrannte Note. Beim ersten Mal nahm ich noch eine Panne an, aber nachdem auch der dritte und vierte mit Verbrennungsgeschmack serviert wurde, musste ich erkennen: Das geh\u00f6rt hier so. B\u00e4h.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Anf\u00e4ngliche Verunsicherung: Es wird wenig gel\u00e4chelt &#8211; ob zur Begr\u00fc\u00dfung in einem Caf\u00e9 oder beim Kreuzen von Blicken. Auch beim Dauerlauf die Strandpromenade entlang l\u00e4chelte ich mindestens eine Hand voll entgegenkommender Frauen verschiedenen Alters vergeblich an: Sie hielten lediglich meinen Blick kurz mit unbewegter Miene fest.<br \/>\nDoch eben nur anf\u00e4nglich, ab meinem vierten morgendlichen Dauerlauf war das anders. Die eine oder andere L\u00e4uferin l\u00e4chelte mich sogar initial an, ich erkannte einige markante L\u00e4uferinnen und L\u00e4ufer wieder, wurde mit Nicken gegr\u00fc\u00dft.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Als Deutsche in Tel Aviv:<\/p>\n<p>Ich bin befangen, wenn ich mich im Ausland als Deutsche zu erkennen gebe, weil ich immer f\u00fcrchte, dass das lokale Deutschen-Stereotyp auf mich projiziert wird. In England bef\u00fcrchte ich, f\u00fcr eine ungehobelte Besserwisserin gehalten zu werden, in \u00d6sterreich f\u00fcr eine arrogante Rumbestimmerin, in Spanien musste ich mir vom Mann meiner Kusine anh\u00f6ren, die Spanier seien den Deutschen auf Ewig dankbar, weil ohne sie Franco den B\u00fcrgerkrieg nicht gewonnen h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Am ersten Abend in Tel Aviv holte sich der Mitbewohner in einem darauf spezialisierten Lokal ein Schawarma. Der grauhaarige, gem\u00fctliche Herr an der Kasse erkannte seine Herkunft umgehend und packte l\u00e4chelnd seine paar Brocken Deutsch aus.<\/p>\n<p>Der wettergegerbte Leiter der Bauhausf\u00fchrung fragte in die Menge, wer denn woher komme. Ob auch Deutsche dabei seien? Ein paar H\u00e4nde hoben sich. Kommentar des Tel Avivers: Er am\u00fcsiere sich ja immer k\u00f6niglich, wenn ausgerechnet Deutsche nach Israel k\u00e4men, um Bauhaus zu sehen.<\/p>\n<p>Der Kellner im arabischen Restaurant erkannte uns gleich als Deutsche. Als er erz\u00e4hlte, dass er ein paar Monate in K\u00f6ln gelebt habe, leuchteten seine Augen, es habe ihm sehr gut dort gefallen. Von da an flocht er beim Servieren, Abr\u00e4umen, Abschied immer wieder deutsche W\u00f6rter ein, wir w\u00fcrdigten das, indem wir auf Deutsch antworteten.<\/p>\n<p>Der Saftverk\u00e4ufer im Familienvateralter mit Kippa machte auf Englisch Smalltalk, w\u00e4hrend sein Kollege meine Granatapfels\u00e4fte presste: Das erste mal in Israel? Willkommen! Ah, aus Deutschland! Da sei es doch jetzt sicher bitter kalt.<br \/>\nWir verglichen eine Weile Klima und Sonnenmenge; als er die Saftbecher \u00fcber den Tresen reichte, nannte er den Preis auf Ivrit, dann auf Englisch und bat mich ihm beizubringen, wie die Zahl auf Deutsch hei\u00dft (drei\u00dfig). Dann lie\u00df ich mir das Ivrit-Wort beibringen (schlosch\u00edm).<\/p>\n<p>Die junge, sehr liebensw\u00fcrdige Boutiquenbesitzerin, die mich in ein Gespr\u00e4ch verwickelte, tippte gleich auf Deutschland als Herkunftsland. Sie schw\u00e4rmte von den Monaten, die sie in Berlin gelebt hatte, ihrem Eindruck nach hat eine bestimmte Art Deutscher sogar einen ganz besonders guten Draht gerade mit Israelis. Sie erz\u00e4hlte aber auch, dass ihre Mutter ihr damals zwar nicht dreingeredet habe, aber durchaus ihr Unverst\u00e4ndnis ge\u00e4u\u00dfert habe, dass es ausgerechnet Deutschland sein musste. In der Generation ihrer Eltern, meinte die junge Frau, bleibe halt immer dieses bestimmte Etwas (sie griff sich ans Herz), dieser Stachel, der nicht weggehe. Wir waren uns einig, dass das verst\u00e4ndlich sei und wir das respektieren.<\/p>\n<p>Zusammenfassung: Es ist mir unangenehmer, in England als Deutsche erkannt zu werden.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Diese Wintersonne kannte ich noch nicht: Sie w\u00e4rmte wundervoll Haut und K\u00f6rper, doch die Luft blieb k\u00fchl. Ich konnte auf Sonnenmilch verzichten: Anders als die Wintersonne beim Skifahren verbrannte die nah\u00f6stliche Wintersonne meine Haut nicht.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>In dem f\u00fcnfst\u00f6ckigen Wohnhaus, in dem unsere Wohnung lag, wurde sehr konsequent Aufzug gefahren. Bis zum 4. Obergescho\u00df nehme ich eigentlich immer automatisch die Treppe (vermutlich eine gewissen Fitnessarroganz &#8211; weil ich kann), doch mein einziger Versuch in diesem Haus wurde ein H\u00fcrdenlauf: Das Treppenhaus war ein Lager f\u00fcr M\u00f6bel und Fahrr\u00e4der (na, jetzt verweisen Sie doch nicht so reflexartig auf Brandschutz, Sie Deutsche!).<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Viele M\u00e4nner jeden Alters trugen Kippa &#8211; selbst wenn es physikalisch unm\u00f6glich schien. Die Haarklammern zur Befestigung sind naheliegend, doch wie hielten geh\u00e4kelte Minidinger auf millimeterkurz geschorenen Hinterk\u00f6pfen? Gibt es Kippakleber?<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Streetstyle in Tel Aviv fand ich nicht inspirierend, man hat&#8217;s achtlos leger. Ausnahmen:<br \/>\n1. Alte Damen von Tigerlilli \u00fcber Boh\u00e8me mit wilder Brille bis K\u00f6nigin der Perlenketten.<br \/>\n2. M\u00e4nnerschuhe &#8211; wer nicht in (neuen) Joggingschuhen herumlief, trug \u00fcberwiegend geschmackvolle und gepflegte Stiefel.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Taschenkontrollen \u00fcberall, ob vor Museen, Bahnh\u00f6fen oder Einkaufszentren, manchmal inklusive K\u00f6rpercheck.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Stra\u00dfenverkehr: Ich war \u00fcberrascht, wie ernst Fu\u00dfg\u00e4ngerampeln genommen wurden, und praktisch niemand kreuzte gro\u00dfe Stra\u00dfen an Stellen ohne Ampel.<br \/>\nUmstellung erforderte allerdings der Zweiradverkehr: Tel Aviver fahren viel Fahrrad, ob rein mechanisch oder mit Elektromotorunterst\u00fctzung, dazu kommen motorisierte Tretroller, die teilweise mit Sitzen und sogar Kindersitzen aufgemotzt sind. An der Strandpromenade, auf dem Mittelstreifen von Boulevards und einigen weiteren Hauptstra\u00dfen gibt es Radwege, die allerdings keineswegs freigehalten werden von Fu\u00dfg\u00e4ngern, Hundbesitzerinnen, Kinderwagenschiebern. Und wo es keine Radwege gibt, wird klingelnd auf den Gehwegen geradelt, egal wie schmal sie sind, in beide Richtungen. Der Mitbewohner und ich waren die einzigen Radler, die auch mal auf die Stra\u00dfe auswichen. <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ssl-vg03.met.vgwort.de\/na\/27678970ba2a43158c1c25d873142867\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mein zwischenmenschlicher Austausch in Israel war begrenzt, da ich als Teil eines Heteropaars unterwegs war: Meiner Erfahrung nach ist bei dieser Form des Reisens der Kontakt am geringsten, man wird als geschlossene Formation wahrgenommen. Selbst wenn ich zu zweit mit einer Frau reiste, kam ich h\u00e4ufiger in Kontakt. 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