{"id":1946,"date":"2007-05-03T12:14:07","date_gmt":"2007-05-03T10:14:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2007\/05\/verurteilt.htm"},"modified":"2018-12-02T15:09:01","modified_gmt":"2018-12-02T14:09:01","slug":"verurteilt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2007\/05\/verurteilt.htm","title":{"rendered":"Verurteilt"},"content":{"rendered":"<p>\u201ePyknisch.\u201c Sie hatte zwar eine Sekunde \u00fcberlegt, w\u00e4hrend sie meinen unterbew\u00e4schten Sp\u00e4tkinderk\u00f6rper betrachtete, aber das Urteil der Schul\u00e4rztin fiel mit fester Stimme: \u201ePyknisch.\u201c<br \/>\nAlle Mitsch\u00fclerinnen, die vor mir an ihren Tisch getreten waren, hatten ohne jedes Z\u00f6gern ein \u201eK\u00f6rperbau: athletisch\u201c bekommen.<br \/>\nDer Tisch war im Sportlehrerzimmer aufgebaut, drumrum hatte man eine provisorische Arztpraxis eingerichtet \u2013 Vorhang, Liege, Waage, Messlattenst\u00e4nder, Tischchen f\u00fcr die Schreibkraft. Meiner Erinnerung nach waren wir bei der schul\u00e4rztlichen Reihenuntersuchung im Gymnasium um die 12 Jahre alt. Man hatte uns gehei\u00dfen, uns bis auf die Unterw\u00e4sche auszuziehen und alphabetisch nach Nachnamen nacheinander der Schul\u00e4rztin unter die Augen zu treten. Mit dem \u00fcblichen Geratsche und Gel\u00e4chter hatten wir das brav getan.<\/p>\n<p>Die Sch\u00fclerinnen nach mir bekamen ebenfalls ein \u201eathletisch\u201c, bis auf die Monika, die einen guten Kopf gr\u00f6\u00dfer war als wir, eine dicke Brille trug, ein Doppelkinn \u00fcber dem m\u00e4chtigen K\u00f6rper hatte, die sich schwerf\u00e4llig bewegte, und die immer rot anlief, wenn sie etwas sagen sollte, vermutlich weil sie wegen eines Geburtsfehlers nicht sehr deutlich sprach.*<br \/>\nDie war ebenfalls \u201eK\u00f6rperbau: pyknisch\u201c. Mehr brauchte es nicht, um mir die Bedeutung des Fachwortes klar zu machen: Athletisch war ganz offensichtlich schlank und normal, pyknisch war fett und unnormal.<br \/>\nDamit war das Urteil meiner superschlanken Mutter best\u00e4tigt, die jede Gelegenheit nutzte mich darauf hinzuweisen, wie dringend ich abnehmen musste, wie h\u00fcbsch ich sein <i>k\u00f6nnte<\/i>, w\u00fcrde ich mich nur \u201eein bisschen beherrschen\u201c.<br \/>\nIch hoffe, die Ergebnisse dieser Reihenuntersuchung hatten in irgendeiner Statistik irgendeinen Nutzen. Dann h\u00e4tte sich wenigsten ein bisschen gelohnt, dass mich das Urteil der Schul\u00e4rztin bis ins Erwachsenenalter als Makel verfolgte.<\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<\/p>\n<p>* Hier ein weiterer Beleg, in welch netter und freundlicher Umgebung ich zur Schule ging: Diese Mitsch\u00fclerin wurde keineswegs ausgegrenzt, sie war ganz selbstverst\u00e4ndlich Teil unserer Klassengemeinschaft. Na gut, wenn im Sportunterricht Mannschaften f\u00fcr V\u00f6lkerball zusammengestellt wurden, geh\u00f6rte sie zu den letzten beiden, die gew\u00e4hlt wurden. Aber es war unausgesprochen ausgemacht, dass sie und die andere extrem unsportliche Mitsch\u00fclerin auf beide Mannschaften verteilt wurden. Monika war in anderer Hinsicht besonders: Sie schrieb Geschichten. Es fing damit an, dass wir uns in der 6. Klasse den todeslangweiligen Handarbeitsunterricht (die Buben durften mangels Werklehrer schon nach Hause gehen) mit Geschichtenerz\u00e4hlen vers\u00fc\u00dften. Die von Monika waren mit Abstand die besten und fast immer Gruselgeschichten. Irgendwann schrieb sie ihre Geschichten auch auf, und wir bekamen unseren Klassleiter (Lateinlehrer) dazu, dass sie diese im Unterricht vorlesen durfte. Das wurde ein regelm\u00e4\u00dfiger Stundenausklang.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201ePyknisch.\u201c Sie hatte zwar eine Sekunde \u00fcberlegt, w\u00e4hrend sie meinen unterbew\u00e4schten Sp\u00e4tkinderk\u00f6rper betrachtete, aber das Urteil der Schul\u00e4rztin fiel mit fester Stimme: \u201ePyknisch.\u201c Alle Mitsch\u00fclerinnen, die vor mir an ihren Tisch getreten waren, hatten ohne jedes Z\u00f6gern ein \u201eK\u00f6rperbau: athletisch\u201c bekommen. 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