{"id":19661,"date":"2014-02-04T10:33:45","date_gmt":"2014-02-04T09:33:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=19661"},"modified":"2014-02-06T07:47:38","modified_gmt":"2014-02-06T06:47:38","slug":"wie-der-alfons-einmal-den-grassl-verarscht-hat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2014\/02\/wie-der-alfons-einmal-den-grassl-verarscht-hat.htm","title":{"rendered":"Wie der Alfons einmal den Gra\u00dfl verarscht hat"},"content":{"rendered":"<p>Meine Gymnasialzeit war arm an klassischen Schulstreichen, wir (die b-Klasse) waren einfach brav.<br \/>\nSo ging der beste Streich, an den ich mich erinnere, auch nicht auf eine Gemeinschaftsaktion zur\u00fcck, sondern auf einen einzelnen Sch\u00fcler.<br \/>\n(Und dies wird eine der Erinnerungen, in denen die Details, die um die eigentliche Geschichte m\u00e4andern, innerhalb k\u00fcrzester Zeit den Vordergrund einnehmen. Bleiben Sie trotzdem dran.)<\/p>\n<p>Der Alfons war aus Franken. Selbstverst\u00e4ndlich habe ich seinen Namen als Nachnamevorname im Ged\u00e4chtnis, bei uns in Ingolstadt hie\u00dfen Sch\u00fcler &#8220;da Maierjosef&#8221;, Betonung auf der ersten Silbe, und Sch\u00fclerinnen &#8220;d&#8217;M\u00fcllerbabsi&#8221;, ebenfalls auf der ersten Silbe betont. Als Franken waren Alfons und ein weiterer Klassenkamerad Exoten in unserer oberbayerischen Schule, wir am\u00fcsierten uns vor allem in Latein \u00fcber ihren Dialekt (Roma I, 1. Lektion: &#8220;Badda ed madda ambuland&#8221;).<\/p>\n<p>Der Alfons kam vom Land, vom weit abgelegenen Land. Deswegen wohnte er nicht daheim, sondern in der &#8220;Kist&#8217;n&#8221; &#8211; so hie\u00df bei uns das Internat &#8220;Studienseminar Canisiuskonvikt&#8221;. Heute ist <a href=\"http:\/\/www.canisiusstiftung.de\/\" target=\"_blank\">das Canisiuskonvikt<\/a> kein Internat mehr, sondern <a href=\"http:\/\/www.canisiusstiftung.de\/canisiuskonvikt.htm\" target=\"_blank\">ein Studentenwohnheim<\/a>, wie ohnehin diese Art Internat vermutlich ausgestorben ist: Ich ging in einer Zeit aufs Gymnasium, als gl\u00e4ubige katholische Bauernfamilien tats\u00e4chlich noch einen Sohn dazu auserkoren, Pfarrer zu werden und ihn auf ein humanistisches Gymnasium schickten. Von denen gab es nicht allzu viele, und sie konnten schon mal in einer entfernteren Stadt liegen; die Buben mussten notgedrungen im Internat wohnen. In der Kistn&#8217;n wohnten aber nicht nur Bauerns\u00f6hne mit Pfarrerszukunft, sondern allgemein Buben, deren Zuhause zu weit entfernt f\u00fcr ein t\u00e4gliches Pendeln lag. Heutzutage, so habe ich mir sagen lassen, gibt es zum einen eine gr\u00f6\u00dfere Dichte an Gymnasien, zum anderen werden l\u00e4ngere Pendelwege in Kauf genommen.<br \/>\n(Aus meinem Jahrgang von 49 Abiturienten und Abiturientinnen wurde tats\u00e4chlich einer katholischer, einer evangelischer Pfarrer, zudem einer Franziskanerm\u00f6nch &#8211; Internatsbewohner war aber keiner von ihnen.)<\/p>\n<p>Der Alfons war nur zwei Jahre mein Mitsch\u00fcler; ich wei\u00df nicht, warum er gegen Ende der 6. Klasse die Schule wechselte. Der schlacksige Kerl (Hochwasserhosen, unter denen Acrylsocken sichtbar waren, geh\u00f6rten zu den Merkmalen der Kist&#8217;n-Bewohner) hatte ohnehin immer den Schalk im Nacken; es lie\u00df sich schlecht beurteilen, ob sein Feixen mit zu Boden gesenktem Blick Sch\u00fcchternheit geschuldet war oder ob ihm gerade wieder Schabernack einfiel. Eine der letzten Lateinstunden vor seinem Schulwechsel nutzte er dann f\u00fcr das ganz gro\u00dfe Feuerwerk.<\/p>\n<p>Der Alfons hatte von unserem Lateinlehrer Gra\u00dfl eine Strafaufgabe aufbekommen. Der Gra\u00dfl (klein, rund, lustig, urbayrisch inklusive rotem Gesicht und Schnauzer) geh\u00f6rte zu den Lehrern, die ihre tiefe Gutherzigkeit hinter Gepolter und Schnauben verbargen.  Seine Schulstunden (Latein, Griechisch, Geschichte) waren eigentlich immer eine Schau, in der er auch gerne mal ungeachtet der Beteiligung von Sch\u00fclern Spa\u00df hatte. Ich erinnere mich an die Geschichtsstunden, in denen es um <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Pippiniden\" target=\"_blank\">die Pippiniden<\/a> ging. Wenn Sie glauben, mehr als ein Haufen kindischer 13-j\u00e4hriger k\u00f6nne sich niemand \u00fcber die W\u00f6rter \u201ePippin\u201c und \u201ePippiniden\u201c am\u00fcsieren, haben Sie nicht gesehen, wie der Gra\u00dfl bei praktisch jeder Nennung in Prusten ausbrach. Zu Gra\u00dfls Sp\u00e4\u00dfen geh\u00f6rte auch, dass er Sch\u00fcler umtaufte; so hatte ich in seinem Unterricht eine Mitsch\u00fclerin namens Eulalia, die in keiner Klassenliste vorkam, und mein sp\u00e4terer Chorkollege Markus wird in einigen Kreisen bis heute \u201eda Blas\u201c genannt, weil der Gra\u00dfl ihn Blasius rief.<\/p>\n<p>Der Alfons hatte also eine Strafaufgabe aufbekommen, die schon damals nicht mehr Strafaufgabe hie\u00df, sondern \u00dcbungsaufgabe oder sonst irgendwas Euphemistisches. Vermutlich hatte er ein paar Mal zu oft im Unterricht geratscht, nun hatte er daheim ein Kapitel aus dem Lateinbuch abschreiben m\u00fcssen. In dieser Lateinstunde wollte der Gra\u00dfl die Ernte dieser Strafaufgabe einholen. Zu Beginn der Stunde posaunte er Alfons&#8217; Nachnamen und hie\u00df ihn, vor zur Tafel zu kommen.  Alfons schl\u00e4ngelte seine Schlaksigkeit aus der Schulbank und schlappte mit gesenktem Blick nach vorne. Dort streckte er seine Hand aus und hielt dem Gra\u00dfl ein paar zerkn\u00fcllte beschriebene Fetzen Papier hin. Dem Gra\u00dfl schossen die Augenbrauen nach oben, dann besonders weit nach unten. Mit SOWAS brauche der Alfons ihm nicht zu kommen, kommentierte er erbost: \u201eNochmal!\u201c<\/p>\n<p>Der Alfons hatte den Kopf immer noch gesenkt. Umst\u00e4ndlich steckte er die eine Hand in die Hosentasche, zog den Bund mit der anderen Hand gegen, was das Hosenhochwasser weiter steigen lie\u00df, kramte in der Hosentasche, fand, was er suchte: Ein auf kleinste Winzigkeit zusammengefaltetes beschriebenes Blatt Papier, das er dann dem Gra\u00df hinstreckte. Dem Gra\u00dfl stand kurz der Mund offen, seine Gesichtsr\u00f6te bekam einen Karmesinton. Nun wurde er laut: Auch DAMIT brauche der Alfons ihm nicht zu kommen! \u201eHA! Nochmal!\u201c Der Gra\u00dfl grinste triumphierend in die Klasse, sicher, einen Schabernack unterbunden zu haben.<\/p>\n<p>Woraufhin der Alfons sich aufrichtete, nach hinten unter seinen Pulli griff und ein paar v\u00f6llig unversehrte Seiten Papier hervorzog, in sauberster Sch\u00f6nschrift beschrieben. Betont beil\u00e4ufig reichte er sie dem Lateinlehrer. Und da war der Gra\u00dfl sprachlos.<\/p>\n<p>In meiner Erinnerung ging der Lateinlehrer weder da noch sp\u00e4ter jemals auch nur mit einem Wort auf die Begebenheit ein.<\/p>\n<p>Der Alfons hat, wenn meine Recherchespur korrekt ist, mittlerweile einen Doktortitel und forscht heute \u00fcber den Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Krankheit. <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ssl-vg03.met.vgwort.de\/na\/0a764f0ee93b4a6db33fd7274945e09f\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meine Gymnasialzeit war arm an klassischen Schulstreichen, wir (die b-Klasse) waren einfach brav. So ging der beste Streich, an den ich mich erinnere, auch nicht auf eine Gemeinschaftsaktion zur\u00fcck, sondern auf einen einzelnen Sch\u00fcler. 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