{"id":21572,"date":"2014-07-03T23:59:01","date_gmt":"2014-07-03T21:59:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=21572"},"modified":"2024-07-16T16:46:25","modified_gmt":"2024-07-16T14:46:25","slug":"bachmannpreis-2014-tag-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2014\/07\/bachmannpreis-2014-tag-1.htm","title":{"rendered":"Bachmannpreis 2014, Tag 1"},"content":{"rendered":"<p>Der gestrige Tag 0 war der mit Ankunft (problemlos) und Er\u00f6ffnungsveranstaltung im und vor dem ORF-Studio. In die Feierei im Garten vor dem ORF-Studie regnete es kr\u00e4ftig und ausdauernd, daf\u00fcr freute ich mich au\u00dferordentlich \u00fcber die neuen Bachmannpreis-Schlachtenbummlerinnen <a href=\"http:\/\/isabelbogdan.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Isa<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.piaziefle.de\/category\/blogbeitraege\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Pia<\/a>, zumal ich letztere nach vielen, vielen Jahren gegenseitigen Lesens nun endlich in derselben Atemluft antraf.<\/p>\n<p>Die zentrale Nachricht: Bachmannpreiskandidatin Karen K\u00f6hler war an Windpocken erkrankt, durfte wegen Ansteckendheit nicht anreisen und war somit als erste Klagenfurter Kandidatin \u00fcberhaupt jemals wegen Krankheit aus dem Bewerb ausgeschieden. (Ja, alle technischen M\u00f6glichkeiten wurden ausgelotet, doch die Statuten und damit die Juristen bestanden auf physischer Anwesenheit.)<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/140703_01_ORF_Studio_1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/140703_01_ORF_Studio_1.jpg\" alt=\"140703_01_ORF_Studio_1\" width=\"554\" height=\"322\" class=\"alignnone size-full \" \/><\/a><\/p>\n<p>Zu Tag 1 stand ich diesmal so zeitig vor den Studiot\u00fcren, dass ich bei \u00d6ffnung kurz nach halb 10 locker einen Sitzplatz bekam. (Der Rest der mir bekannten Bachmannpreis-Schlachtenbummler sah sich die Lesungen im Caf\u00e9 am Lendhafen an.)<br \/>\nBislang war mir die Dekoration des Studios zu dieser Show v\u00f6llig gleichg\u00fcltig gewesen, doch diesmal ist sie so h\u00e4sslich, dass sie sogar mir auffiel.<\/p>\n<p>Zusammenfassung der ersten Leserunde: Nur ein Text, den ich als typisch Klagenfurt einordnen w\u00fcrde (der von Tobias Sommer), ansonsten alles konventionell erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Zwei Jurymitglieder waren mir neu: <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/jury\/4239\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Juri Steiner<\/a> h\u00e4tte ich mehrfach gerne ob seiner jungen Niedlichkeit in die Wange gekniffen, aber zur Diskussion hatte er noch nichts Erhellendes beizutragen. <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/jury\/4601\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Arno Dusini<\/a> war neu in der Jury. Ich verstand seine ersten Wortmeldungen nicht mal ansatzweise, er h\u00e4tte gradsogut Arabisch sprechen k\u00f6nnen. Das wenige, was ich in sp\u00e4teren Wortmeldungen mitbekam, waren halbe S\u00e4tze und Gedankenfetzen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/140703_03_Marchel-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/140703_03_Marchel-1.jpg\" alt=\"\" width=\"386\" height=\"396\" class=\"alignnone size-full wp-image-99679\" \/><\/a><\/p>\n<p>Der erste Text war <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/texte\/4802\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eDie fr\u00f6hlichen Pferde von Chauvet\u201c von Roman Marchel<\/a>, f\u00fcr mich der beste des Tages. Wir erlebten eine alte Frau, die sich um ihren sterbenden Mann k\u00fcmmert, und ihre Tochter, die die Erinnerungen an ihren bereits verstorbenen erh\u00e4lt. Erz\u00e4hlerisch ist anfangs vermischt, wann es um welche geht, der Text schafft mit Details viel Atmosph\u00e4re, erz\u00e4hlt dicht ganze Leben.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/jury\/3845\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Hubert Winkels<\/a> stellte fest, es sei \u201enicht leicht, von diesem Text nicht beeindruckt zu sein\u201c, bem\u00e4ngelt aber, \u201edass der Text \u00fcber seine Mittel nicht sicher verf\u00fcgt\u201c, vor allem beim Handhaben der Erz\u00e4hlperspektive. Er stie\u00df sich auch an \u201eMarkern\u201c, aufdringlichen Mitteln, die Emotion hervorrufen sollen, fand vieles zu gewollt.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/jury\/3842\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Daniela Strigl<\/a> mochte das \u201eleise Vorangehen\u201c des Textes. Sie hatte mit den vielf\u00e4ltigen Erz\u00e4hlperspektiven kein Problem, da sie eine angenehme Distanz schafften, den Erz\u00e4hler auf Abstand hielten.<\/p>\n<p>Auch <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/jury\/3839\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Hildegard Keller<\/a> sprach positiv von einem \u201estillen, sehr diskreten Text\u201c, f\u00fchlte sich an Werner Herzogs Film \u00fcber die H\u00f6hlen von Chauvet erinnert, lobte, wie der Text die Figuren \u00fcber Andeutungen zeichne.<\/p>\n<p>Die anf\u00e4ngliche Unbestimmtheit der Personen gefiel <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/jury\/3833\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Meike Fe\u00dfmann<\/a>: Ein ganzes Leben in einer \u201einneren verdrehten Zeitschleife\u201c. Juri Steiner hatte sich aus der Geschichte geholt: \u201eDie M\u00e4nner sind peinlich, abwesend oder sterben.\u201c Er sah vor allem Derbheit und Brutalit\u00e4t in der Mutter-Tochter-Erz\u00e4hlung. Fe\u00dfmann las diese Ebene als v\u00f6llige \u00dcberforderung der Frauen. Sie verwies auch auf das Motiv des Umgangs mit Erinnerungen, auf das Distanzhalten, Verarbeiten, Verdr\u00e4ngen.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/jury\/3827\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Burkhard Spinnen<\/a> behauptete, Winkels nun schon so oft in dieser Runde erlebt zu haben, dass er vorhersagen k\u00f6nne, was ihm missfallen werde. Er reagierte auf dessen Vorwurf der \u00dcberinstrumentierung mit dem Appell, in der Literatur m\u00fcssten Details eben nicht so weit wie m\u00f6glich reduziert werden \u2013 anders als bei Sachtexten.<\/p>\n<p>Und dann sprach Dusini ziemlich lange, ohne dass ich verstanden h\u00e4tte, was er sagte. Die Struktur der Erz\u00e4hlung sei \u201ewas ist Tod, Sterben, Sterbehilfe\u201c, der Text biete \u00fcber die Katze Alternativen, schon weil sie zwei Namen habe, das Gras, das vorkomme, sei ein weiteres Bild. Der Aufruf eines alten Themas aus einem Psalm (er zitierte Teile aus dem Ged\u00e4chtnis) \u201ehei\u00dft uns den Einblick zu verweigern in eine metonymische Struktur\u201c. Hm?<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/140703_05_Preiwuss-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/140703_05_Preiwuss-1.jpg\" alt=\"\" width=\"318\" height=\"340\" class=\"alignnone size-full wp-image-99680\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/texte\/4806\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kerstin Preiwu\u00df las ihren \u201eText f\u00fcr Klagenfurt\u201c vor<\/a>. In verschiedenen Handlungsebenen ging es um eine Frau, die sich am Ort ihrer Kindheit an Kindheit und Vater erinnert (mit viel Natur), um eine Nerzfarm, um Erinnerungen eines Mannes an NS-Massaker in der Ukraine, dann wieder um die Frau. Vor allem die lange und gruslige Passage \u00fcber Nerze grenzte in ihrem Aneinanderreihen fachlicher Details arg an Wikipedia-Literatur, wie auch sonst einige \u00fcberraschende Ausbr\u00fcche in fachliche Tiefe. Gerade deshalb fielen mir Sachfehler auf (nicht aber der Jury, die sich doch sonst auf diese st\u00fcrzt), unter anderem die Behauptung, Schnaps entstehe in F\u00e4ssern durch das Verg\u00e4ren von Fr\u00fcchten.<\/p>\n<p>Den \u201etraumatisierten NS-Vater\u201c nannte Daniela Strigl eine Hypothek, die den Text belaste und bei ihr die Erwartung ausl\u00f6se, dann aber bitte etwas Neues geboten zu bekommen. Das habe die Nerzfarm erf\u00fcllt. Sie mochte die vielen Informationen in diesem Abschnitt, doch dass das \u201enat\u00fcrlich ein Nerz-KZ\u201c sei, fand sie so plakativ, dass es den Text besch\u00e4dige. Ihr missfiel auch die Unwahrscheinlichkeit, dass ein Mensch, der auf dem Land aufgewachsen ist, eine Libelle f\u00fcr gef\u00e4hrlich halte. (Ich musste gleich an einen engen Studienfreund denken, dessen Stubenhockertum w\u00e4hrend seiner Kindheit auf dem Lande jegliche Kenntnis \u00fcber das Drau\u00dfen verhindert hatte.)<\/p>\n<p>Diese Einw\u00e4nde teilte Winkels, doch er nannte die \u201eMittel einer literarischen Reportage\u201c \u201ehinrei\u00dfend\u201c. Er fand zwar die \u201esymbolische Logik\u201c durch das \u201efaschistische Regelwerk\u201c problematisch, sah den Text aber als \u201ekomplettes, l\u00fcckenloses Feld der Gewaltdarstellung\u201c, nichts sei aus dieser Logik herausgefallen.<\/p>\n<p>Keller mochte die unterschiedlichen Rhythmen der einzelnen Textteile, fragte aber: \u201eWas speist diese Lust, in die Vaterwelt, in die Nerzwelt einzutauchen?\u201c (Vor zwei Jahren w\u00e4re an dieser Stelle noch die \u201eErz\u00e4hlmotivation\u201c aufgetaucht, aber die hat man wohl nicht mehr.)<\/p>\n<p>Steiner unterteilte wieder nach M\u00e4nnern und Frauen, wobei die M\u00e4nner Sadisten seien, die Frauen aber interessant, weil sie gelernt h\u00e4tten, durch L\u00fcgen zu \u00fcberleben. F\u00fcr Fe\u00dfmann war das \u00dcberraschende an dem Text das Naturkundliche, die Trauma\u00fcberlieferung. Sie hatte einen \u201epoetologischen Text\u201c erlebt, \u201eder seine Mittel reflektiert\u201c. Auf das Themenfeld \u201eKinder der Traumatisierten\u201c ging auch Spinnen ein. Doch er bem\u00e4ngelte, wie offensichtlich die Nerze eingesetzt w\u00fcrden. Er fand die Darstellung gro\u00dfartig, ihm fehlte aber das Neue.<br \/>\nAuch Strigl bemerkte, \u201edass sich hier die Faschismusmetaphern gegenseitig auf die Zehen steigen\u201c.<\/p>\n<p>Dusini fand den Aufbau gut, \u201edieser Text verschiebt seine Intensit\u00e4ten vom Trauma hin zu den Nerzen\u201c (hm?). Er stolperte aber \u00fcber die direkte Ansprache des Lesers durch \u201edu\u201c. Als ihn Fe\u00dfmann darauf hinwies, dass hier eine Figur der Erz\u00e4hlung einen Mitbewohner anspricht, argumentierte er: \u201eWenn ein Text &#8216;du&#8217; sagt, f\u00fchle ich mich angesprochen.\u201c<\/p>\n<p>Keller machte kurz ein Metafass auf: Sie sei befremdet von der Fabulierlust der vorgebrachten Exegesen, die sich sehr weit vom Text entfernt h\u00e4tten und frage, ob sich die Autorin wirklich so sehr \u201emit unserem Echoraum\u201c auseinandersetzen m\u00fcsse? (Ich lerne: \u201eEchoraum\u201c ist die neue <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/The_Anxiety_of_Influence\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><i>Anxiety of Influence<\/i><\/a>.)<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/140703_08_Sommer-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/140703_08_Sommer-1.jpg\" alt=\"\" width=\"299\" height=\"330\" class=\"alignnone size-full wp-image-99681\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/texte\/4810\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Von Tobias Sommer war \u201eSteuerstrafakte\u201c.<\/a> Ich langweilte mich ziemlich, denn schnell war klar, dass diese Geschichte eines Schriftstellers, der im B\u00fcro eines Finanzermittlers sitzt, weil es Fragen zu seiner Steuererkl\u00e4rung gibt, genauso schlicht und vordergr\u00fcndig bleiben w\u00fcrde, wie sie angefangen hatte. Das rissen auch die Fragmente einer Abenteuergeschichte auf einem Walf\u00e4nger nicht heraus, die hin und wieder als Text aus der Feder dieses Schriftstellers eingestreut waren.<\/p>\n<p>Die Jury bem\u00fchte sich, hatte allerdings nicht sehr viel zu sagen. Steiner, der den Text vorgeschlagen hatte, sprach brav von Doppelleben und \u201ekafkaesker Situation\u201c, von einem \u201eIndividuum, das sich in einer nicht definierten Machtbeziehung wiederfindet\u201c. F\u00fcr Winkels funktionierte die allegorische Lesart nicht. Er sah eher eine Vertauschung des Ichs, eines Wechsels \u201evon der Ich- in die Nicht-Ich-Position&#8221;.<\/p>\n<p>Fe\u00dfmann ordnete den Text als \u201eAmts-Pantomime\u201c und \u201ePosse\u201c ein, jedoch \u201esehr einf\u00e4ltig gebaut\u201c. Und auch Strigl wunderte sich, dass man bei Zuh\u00f6ren nicht lacht. Dinge w\u00fcrden \u201eallzu sehr bei ihrem echten Namen genannt\u201c und es werde \u201enicht viel differenzierter Witz daraus gewonnen\u201c. Bei Keller hei\u00dft das: \u201eDas Komikpotenzial ist mir nicht genau erkennbar.\u201c<\/p>\n<p>Spinnen kleidete seine Kritik in die Selbstbezichtigung: \u201eIch habe hier vieles drin nicht richtig verstanden.\u201c Er habe die beschriebene Situation dreimal selbst erlebt, weil es in der B\u00fcrokratie nicht vorgesehen sei, dass jemand (meist Freiberufler) so wenig verdiene. Dass jemand mit dem zitierten Abenteuertext einen Literaturpreis gewonnen habe, glaubte er nicht.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/140703_13_Klemm-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/140703_13_Klemm-1.jpg\" alt=\"\" width=\"397\" height=\"248\" class=\"alignnone size-full wp-image-99682\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/texte\/4821\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Den Titel des Texts von Gertraud Klemm, \u201eUjjayi\u201c<\/a>, musste ich Buchstabe f\u00fcr Buchstabe abschreiben. Laut Geschichte bezeichnet er eine Atemtechnik zur inneren Beruhigung. Und das brauchte der Text, der die reine Wut und den Hass einer Mutter \u00fcber ihre fremdbestimmte Situation ausdr\u00fcckt. Mit der Endpointe, dass sie ein weiteres Kind will. Erinnerte mich an Doris D\u00f6rries Kurzgeschichten \u00fcber Mutterschaft. Die sind nicht so zornig, aber genauso paradox. Au\u00dferdem dachte ich an die zahllosen Blogposts, die sich in genau diesem Tonfall um genau dieses Gef\u00fchl drehen, nur nicht so durchkomponiert und ausf\u00fchrlich. Mir vermutete schon beim Zuh\u00f6ren, dass eine Jury, die wahrscheinlich keine Muttiblogs liest, durch den Tonfall verst\u00f6rt sein w\u00fcrde. <\/p>\n<p>Dusini sah die \u201eSchnittstellen Leben\/Text\u201c in Schreien-Schreiben. Zudem \u201eein Text, der von Aggression spricht, ich denke, dass es eine Aggression des Textes gibt\u201c. (Hm?) F\u00fcr ihn war es aber ein Problem, dass die Erz\u00e4hlinstanz identisch sei mit der Stimme der Figur.<\/p>\n<p>Fe\u00dfmann interpretierte die Geschichte als \u201eFrustrationslabyrinth der Kleinkinderziehung\u201c die \u201eunzumutbar f\u00fcr uns moderne Menschen\u201c sei. Sie lobte, dass der Text den Ton durchhalte, dass er die Banalit\u00e4t so verletzend zeige, wie sie sei. Strigl nahm das auf und nannte den Inhalt \u201eradikal banal\u201c, mochte, wie kunstvoll der Text rhythmisiert sei. Sie widersprach Dusini: Um diese Verbissenheit zu transportieren, m\u00fcsse die Erz\u00e4hlstimme mit der der Figur eins werden. Winkels hatte Bernhard- und Jelinek-Sequenzen geh\u00f6rt, eine \u201eOperationalisierung \u00f6sterreichischer Erz\u00e4hlerrungenschaften\u201c, eine \u201eSuada\u201c (aha! neben Tirade ein weiteres deutsche Wort f\u00fcr <i>rant<\/i>!). Der Umstand, dass sie sich f\u00fcr ein weiteres Kind entscheide, decke auf, dass neben der vordergr\u00fcndigen Wut ein weiterer Prozess verlaufe.<\/p>\n<p>Steiner fand den Text unertr\u00e4glich, weil er sich gerade in dieser Situation befinde, vermisste aber ein politisches Statement, das \u00fcber die pers\u00f6nliche Ebene hinausgehe.<\/p>\n<p>Spinnen \u00fcberraschte mit der Aussage, der Text habe ihn unangenehm ber\u00fchrt: Er f\u00fchre vor, wie eine intelligente Frau die \u201eabsolute Selbstverst\u00e4ndlichkeiten der Reproduktion als entsetzlich beschreibt\u201c. Alles Beschriebene sei doch v\u00f6llig normal. Er f\u00fchlte sich erinnert an Frauenzeitschriftskolumnen und sah in der Haltung eine gesellschaftliche Problematik, die Monster zeuge.<\/p>\n<p>Doch damit stand er alleine. Auch Keller sprach von \u201eWutliteratur\u201c, erkannte Spuren von Schelmenhaftigkeit, war beklommen vom zweiten Kreis der Gefangenschaft, der sich durch die angek\u00fcndigte n\u00e4chste Schwangerschaft auftue. Fe\u00dfmann fragte sogar, ob sich Spinnen m\u00f6glicherweise d\u00fcmmer stelle, als er sei. Strigl nannte den Text \u201eschwarze Literatur\u201c in der Tradition von Marlen Haushofer.<\/p>\n<p>Dusini sah ein Problem in der \u201e\u00c4sthetisierungsposition\u201c die den gesellschaftskritischen Ton herausnehme. \u201eIn dieser Familie hat \u00fcberhaupt keiner mehr eine Geschichte.\u201c (Hm?)<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/140703_18_Flor.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/140703_18_Flor.jpg\" alt=\"140703_18_Flor\" width=\"452\" height=\"299\" class=\"alignnone size-full wp-image-21590\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/texte\/4831\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Den Abschluss des offiziellen Teils bildete \u201eUnter Platanen\u201c von Olga Flor.<\/a> Ich h\u00f6rte die recht konventionelle Geschichte einer Frau, die beruflich anerkannt ist und in einer ruhigen, guten Familienumgebung mit zwei Kindern lebt, und die auf einer Konferenz auf ihre gro\u00dfe Liebe von vor 20 Jahren trifft. Alles Folgende war recht erwartbar, dass sie nicht mit ihm im Bett landete, sogar realistisch, und handwerklich sehr gut gemacht. Ich fand die Tiefe nicht, die die Jury im Folgenden diskutierte.<\/p>\n<p>Winkel begann auch: \u201eDas ist eine alte Geschichte.\u201c Sie werde aber behutsam und langsam gesteigert. Er sah eine gewisse \u00dcberfrachtung im Text. Strigl verwies auf die Platanen als Symbol der Erneuerung. Es gehe um \u201eeine Existenz auf Messers Schneide\u201c. Das \u00dcber-Ich einer Perfektionistin versuche Kontrolle \u00fcber ihren K\u00f6rper zu behalten. Im Grunde tr\u00e4fen zwei Kriegsparteien aufeinander, es sei eben keine harmlose Sommerliebe, die da erinnert werde. Die Geschichte sei voll und vielschichtig.<\/p>\n<p>Laut Fe\u00dfmann hat \u201edie Heldin eine eingebaute Maschine zur Selbstz\u00fcchtigung\u201c. Sie kritisierte an dem Text, dass er zu viele Informationen enthalte, dem Leser bleibe kein Raum. Keller stellte die Verbindung zum vorhergehenden Text her. Die Frauenfigur sei trotz Karriere, Ehe, Kinder nicht davor gefeit, durch eine Begegnung ihr ganzes Leben zu hinterfragen. Leidenschaft sei etwas nie zu \u00fcberwindendes. Steiner bemerkte die Wandlung in der Darstellung des Liebhabers von damals: Aus brutal sei nett geworden.<\/p>\n<p>Dusini sprach von \u201eWohlstandsprosa\u201c: Den Leuten gehe es \u00e4u\u00dferlich sehr gut, doch sie h\u00e4tten psychologisch \u201eviel aufzur\u00e4umen\u201c, seien aber gebunden in der Sprache. Er f\u00fchrte dann einige sprachliche Klischees an. Strigl hielt gegen, dass es sich nun mal um eine Sommergeschichte handle, um eine Konferenzgeschichte, da komme man an Klischees nicht vorbei.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/140703_23_Lendkanal.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/140703_23_Lendkanal.jpg\" alt=\"140703_23_Lendkanal\" width=\"393\" height=\"370\" class=\"alignnone size-full wp-image-21591\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/140703_26_Lendkanal.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/140703_26_Lendkanal.jpg\" alt=\"140703_26_Lendkanal\" width=\"320\" height=\"385\" class=\"alignnone size-full wp-image-21592\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/140703_29_Lendkanal.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/140703_29_Lendkanal.jpg\" alt=\"140703_29_Lendkanal\" width=\"358\" height=\"350\" class=\"alignnone size-full wp-image-21593\" \/><\/a><\/p>\n<p>Den Text der verhinderten Karen K\u00f6hler gab es auch noch zu h\u00f6ren: Er wurde nachmittags im Freiluftcaf\u00e9 am Lendhafen vorgelesen. <i>Nachtrag: <a href=\"http:\/\/www.kleinezeitung.at\/allgemein\/video\/multimedia.do?action=showEntry_VideoDetail&#038;project=462&#038;id=408631\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Hier eine Videoaufnahme.<\/a><\/i> Zweiter Nachtrag: Gelesen wurde er von Verleger Jo Lendle, vorschlagendem Juror Hubert Winkels und der Literaturredakteurin vom Schweizer Fernsehen Nikola Steiner.<\/p>\n<p> \u201eIl Comandante\u201c ist die Krebsgeschichte einer jungen Frau, die im Krankenhaus einen alten Mann im Rollstuhl kennenlernt und sich mit ihm anfreundet. Eine bewegende Geschichte, die ich aber fatalerweise mit zahllosen Krebsblogs und Krebsfilmen der j\u00fcngeren Zeit assoziierte und die sich nicht originell davon abhob. (Ich ertappe mich hiermit dabei, dass ich von der Themenwahl \u00fcberrascht werden will.) <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ssl-vg03.met.vgwort.de\/na\/03c12c3335a34854b1c849c501fb8ed3\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der gestrige Tag 0 war der mit Ankunft (problemlos) und Er\u00f6ffnungsveranstaltung im und vor dem ORF-Studio. 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