{"id":21598,"date":"2014-07-04T20:15:05","date_gmt":"2014-07-04T18:15:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=21598"},"modified":"2024-07-16T16:55:46","modified_gmt":"2024-07-16T14:55:46","slug":"bachmannpreis-2014-tag-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2014\/07\/bachmannpreis-2014-tag-2.htm","title":{"rendered":"Bachmannpreis 2014, Tag 2"},"content":{"rendered":"<p>Es war der Tag der aufregenden Texte und Inszenierungen. Letzteres brachte die Jury zu einer Grundsatzdiskussion, was sie hier eigentlich bewerten: Text oder Vortrag oder beides? Und wenn beides: zu welchen Anteilen?<\/p>\n<p>An sich poche ich auf die Eigenst\u00e4ndigkeit des literarischen Textes. Er muss, wie jedes Kunstwerk, eine gen\u00fcgend weite Ebene haben, damit ich auch ohne Zusatzwissen etwas mit ihm anfangen kann. Wenn von mir verlangt wird, dass ich mir erst ein Mindestma\u00df Fakten aneigne, bevor ich an den Text darf, gehe ich von fehlendem Gewicht des Textes aus. (Dennoch interessiere ich mich f\u00fcr weiterf\u00fchrende Informationen, am meisten f\u00fcr Rezeptionsgeschichte.)<\/p>\n<p>Dennoch tue ich in Klagenfurt genau das Gegenteil: Ich lese die Wettbewerbstexte nicht selbst, sondern rezipiere sie im Vortrag der Autorinnen und Autoren, mache also den Vortrag zum Teil der Texte. Nur bei gro\u00dfen Verst\u00e4ndnisproblemen suche ich im Ausdruck nach Wegweisern. Diese Wegweiser brauchte ich heute zweimal: bei den Beitr\u00e4gen von Senthuran Varatharajah und von Michael Fehr.<\/p>\n<p>Der erste Knaller des Tages war allerdings die Anmoderation von Christian Ankowitsch. Nachdem ich mich eh schon \u00fcber seinen Seitenhieb auf das \u201eJurassic B\u00fchnenbild\u201c gefreut hatte, wies er auf <a href=\"https:\/\/www.indiegogo.com\/projects\/automatische-literaturkritik-preis\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">den Preis der Automatischen Literaturkritik<\/a> hin. Im Fernsehen! (Wie tief des Herrn Verbindungen zu den Bachmannpreis-Schlachtenbummlerinnen sind, hatte ich erst vor zwei Tagen erfahren.) Zur Stunde fehlen nur noch 103 Euro zur Zielsumme, und nach einem erschreckenden Schluckauf der Technik vergangene Nacht kann jetzt wieder <a href=\"https:\/\/www.indiegogo.com\/projects\/automatische-literaturkritik-preis\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u00fcber die Crowdfunding-Site<\/a> gespendet werden. Vielleicht m\u00f6gen Sie noch? 5000 Euro w\u00e4ren nicht nur rund, durch das Erreichen des Ziels sparen die Initiatorinnen und Initiatoren auch eine Menge Geb\u00fchren.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/140704_04_Heier-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/140704_04_Heier-1.jpg\" alt=\"\" width=\"333\" height=\"380\" class=\"alignnone size-full wp-image-99684\" \/><\/a><\/p>\n<p>Dass ich heute Morgen recht m\u00fcde war (trotz ausreichend Nachtschlaf), machte den Einstieg ins Leseprogramm des zweiten Tages schwer. <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/texte\/4846\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Ann-Kathrin Heier las ihren Text \u201eIchtys\u201c<\/a>, und der war sehr anstrengend. Doch bis auf ein paar besonders kryptogrammatische S\u00e4tze mochte ich die atmosph\u00e4rische und unscharfe Mischung aus Berlin, Businessalltag, Drogensucht, Verbrechensphantasien, Turnen ums Ich in der Schreibwerkstatt und anderswo.<\/p>\n<p>Diesmal er\u00f6ffnete Arno Dusini die Diskussioin. Er nannte den Text \u201eernsthaft\u201c und \u201egelungen\u201c (ich hab was verstanden!), ihm sei \u201eweniger an Erkenntnismoment gelegen\u201c sondern an der Frage nach dem Ich. Allerdings hatte er Probleme damit, \u201edass wir an keiner Stelle des Texts wissen, wo wir uns eigentlich befinden.\u201c Hubert Winkels r\u00e4tselte am Titel \u201eIchtys\u201c und der Verbindung zu diesem Symbol des Urchristentums. F\u00fcr ihn ging es um \u201eHunger, Drogen, Alkohol, Religion \u2013 eine ganze Kette von Instanzen der Normierung und des Entgehens der Normierung\u201c. Er nannte ihn einen \u201er\u00e4tselhaften Text\u201c, \u201eich versuche mich durchzuverarbeiten\u201c.<\/p>\n<p>Meike Fe\u00dfmann nannte ihren Eindruck zwiesp\u00e4ltig: \u201eIch f\u00fchle mich in die Zange genommen.\u201c Der Text mache mit dem Leser das, was das Ich darin erlebe. Sie fand ihm kunstfertig, aber im Detail ungenau, diagnostizierte einen \u201eOverkill der Pr\u00e4tention\u201c. Daniela Strigl sah ein \u201egefundenes Fressen f\u00fcr Germanisten und Kritiker\u201c: \u201eDas Ich ist durch eine Schreibschule gegangen und versucht, sich dieser Schreibschule zu widersetzen.\u201c Der \u201esehr exaltierte Text\u201c wuchere mit dem \u201eTalent zur Exaltation\u201c, dem man nicht immer folgen k\u00f6nne. Sie f\u00fcrchtete die Gefahr der \u201etr\u00fcgerischen Komplexit\u00e4t\u201c aus der bildenden Kunst.<\/p>\n<p>Hildegard Keller zog den Presslufthammer: Es sei \u201eein Wagnis\u201c, \u00fcberhaupt mit solch einem Text zum Wettbewerb zu kommen, sie konstantierte eine v\u00f6llige \u201eZuf\u00e4lligkeit in der Assemblage der W\u00f6rter\u201c und sprach dem Text jede Literarizit\u00e4t ab. Winkels verteidigte ihn: Wenn jemand schreibend den Vorbildern entkommen wolle, habe er halt keine anderen Mittel, als einen Text zu schreiben. Strigl fand, man k\u00f6nne den Text zwar kritisieren, aber doch nicht sagen, er sei keine Literatur.<\/p>\n<p>Juri Steiner wollte gerne weiter r\u00e4tseln, sah die Aufl\u00f6sung der Sprache sehr real. Er erz\u00e4hlte von Z\u00fcrich, wo die Polizei die Zeit zwischen 2 und 4 Uhr \u201edie Stunde der Idioten\u201c nenne, in der es kein T\u00e4terprofil gebe, jeder zu allem f\u00e4hig sei. Das sah er auch in diesem Text. Die Autorin spiele damit \u201ein wundervoller Weise\u201c mit diesem Wesen Fisch, das zu allem f\u00e4hig sei und fand den Text \u201eextrem sch\u00f6n ineinander gef\u00fcgt\u201c: \u201eIch k\u00f6nnte Ihnen noch stundenlang zuh\u00f6ren.\u201c (Darauf energischer Applaus des Studiopublikums.)<\/p>\n<p>Dusini bat nun darum, die Autorin nicht mit dem Text zu identifizieren. Ich war \u00fcber den Vorwurf ebenso verbl\u00fcfft wie die Jurymitglieder, doch auf deren Abstreiten behauptete er, \u201edoch, das kann man nachh\u00f6ren\u201c. Auf weiteren Widerspruch verwies er auf Metonymie. (Wahrscheinlich hat auch die Jury ein Verst\u00e4ndnisproblem mit Dusini.)<\/p>\n<p>Burkhard Spinnen, der den Text vorgeschlagen hatte, legte auch dieses Jahr seine Haltung dar, die wesentliche Funktion von Kunst sei es, Menschen zu erschrecken. Er habe deshalb in den vielen Jahren seiner T\u00e4tigkeit immer wieder verst\u00f6rende Texte herausgegriffen, die ihn ratlos gemacht h\u00e4tten \u2013 das sei allerdings regelm\u00e4\u00dfig daneben gegangen. F\u00fcr ihn sei es ein gro\u00dfer Moment, einen Satz zu verstehen und nicht zu verstehen. Er habe in dem Text \u201eeine zeitgen\u00f6ssische Stimme geh\u00f6rt\u201c, die er in all den Jahren noch nie geh\u00f6rt habe.<\/p>\n<p>Keller dankte ihm f\u00fcr die Erkl\u00e4rung und hielt ihre eigene Kunstdefinition dagegen, \u201ef\u00fcr mich als Rezipientin pragmatisch\u201c: Sie sei als Leserin Komplizin, arbeite mit. Doch daf\u00fcr brauche sie Ansatzpunkte, und dieser Text lasse sie im Nebel. Strigl konterte, dass sich manche durchaus literarische Texte als widerborstige Gegener erwiesen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/140704_06_Poelzl-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/140704_06_Poelzl-1.jpg\" alt=\"\" width=\"238\" height=\"328\" class=\"alignnone size-full wp-image-99685\" \/><\/a><\/p>\n<p>Birgit P\u00f6lzl redete ihr ganzes Vorstellungsvideo hindurch, beginnend mit \u201eSchreiben ist immer auch ein Schreiben&#8230;\u201c &#8211; ab da interessierte mich der Monolog nicht mehr. <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/texte\/4852\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Ihr Text trug den Titel \u201eMaia\u201c<\/a> und drehte sich um eine Mutter, die ihre kleine Tochter verloren hatte und auf einer Reise in einem Tibet-artigen Land mit diesem Verlust fertigwerden wollte. Ich h\u00f6rte ihn gerne, war allerdings mit den vielen, vielen Naturbildern \u00fcberfordert.<\/p>\n<p>Winkels nannte den Text \u201eim Kern ein Trauergesang\u201c, der die Struktur einer Litanei habe. Literatur habe ja, wie Religion, die Funktion, Verstorbene wiederauferstehen zu lassen. Hier aber sei eine \u201emit esoterischen Mitten angehauchte Sentimentalit\u00e4tsproduktion am Werk\u201c. Er habe sich gelangweilt. Strigl fand, \u201edass der Text diese Verlangsamung glaubw\u00fcrdig vermittelt\u201c, konstatierte lyrische Sprache, doch nannte als Problem, dass die Erinnerung an das Kind \u201esehr stark gef\u00fchlsbefrachtet\u201c sei.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich sprach Keller von einem pathetischen, lyrischen Ton. Sie zog den kulturellen Hintergrund heran, diagnostizierte, dass den S\u00e4tzen oft das grammatikalische Subjekt fehle, was \u00f6stlicher Philosophie entspreche. \u201eEine ganz klare Todesmeditation\u201c sei der Text f\u00fcr sie, doch da die Leser auf derselben Ebene angesprochen w\u00fcrden, reagierten sie mit Detachment. Steiner sah sich daran erinnert, dass unsere westliche Welt inzwischen f\u00fcr alles den richtigen Ort kennt, zu dem man reisen kann, und so gebe es auch Orte f\u00fcr Trauerarbeit: \u201eDurch gekaufte Momente etwas Authentisches herstellen.\u201c<\/p>\n<p>Diesmal griff Fe\u00dfmann zum Hammer. Sie verstehe die Faszination des ruhigen Rhythmus: \u201eMan ist ganz froh, wenn mal ein Text kommt, der einem nichts abverlangt.\u201c Sie fand es sogar verwerflich, ein totes Kind einzusetzen, um etwas Interessantes zu haben: \u201eF\u00fcr mich ist es Esoterikkitsch.\u201c<br \/>\nDusini appellierte, die Diskussion zum Text zur\u00fcckzuf\u00fchren. Dieser lese sich als Form des Abschiednehmens, versuche Bewegung hineinzubringen. Es sei ein Text \u201eder durch sprachliche Bewegung zu einem Ende f\u00fchrt\u201c. (Hm?) Er sehe keine Bezugnahme auf metaphysische Konzepte.<br \/>\nSpinnen hielt verschiedene Ausg\u00e4nge f\u00fcr m\u00f6glich, \u201eweil der Text eine Idylle ist\u201c. Er sei kein gro\u00dfes Unterfangen, eine \u201eumgrenzte Intention, umgrenzte Aufgabe, die sehr respektvoll gel\u00f6st worden ist.\u201c<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/140704_08_Varatharadja-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/140704_08_Varatharadja-1.jpg\" alt=\"\" width=\"262\" height=\"372\" class=\"alignnone size-full wp-image-99686\" \/><\/a><\/p>\n<p>Nun wurde es wirklich schwierig f\u00fcr mich. Zwar schickte Senthuran Varatharajah seinem Text eine Erkl\u00e4rung voraus, in der die W\u00f6rter \u201eFacebook\u201c, \u201eChat\u201c und \u201emodifizierte Zitate aus der Literatur\u201c vorkamen, doch erst ein sp\u00e4terer Blick in den Ausdruck machte mir klar, dass ich eine ausf\u00fchrliche Online-Unterhaltung geh\u00f6rt hatte. (Wie ich sie selbst allerdings nicht aus Chats, sondern aus gut moderierten, geschlossenen Foren kenne.) <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/texte\/4854\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Titel des als Romanausschnitt angek\u00fcndigten Texts war \u201eVor der Zunahme der Zeichen\u201c<\/a>.  Ich h\u00f6rte unterschiedliche junge Menschen \u00fcber ihren Hintergrund als Asylanten sprechen, \u00fcber ihre Herkunftskulturen (indisch, tamilisch), \u00fcber ihre Kindheit in Asylantenheimen. Erst ein sp\u00e4terer Blick in den Text machte mir klar, dass es sich um einen Dialog handelte, denn Varatharajah hatte die Absendernamen nicht vorgelesen. Nichts von den Geschichten fand ich neu und \u00fcberraschend.<\/p>\n<p>Dann war es Winkels, dessen Ausf\u00fchrungen ich nicht verstand. M\u00f6glicherweise nahm er nach H\u00f6ren des Vortrags an, dass es sich doch nicht um einen Dialog handelte: \u201eDas Ich hat gar kein reales Gegen\u00fcber.\u201c Fe\u00dfmann erwiderte konsterniert, sie k\u00f6nne sich zwar vorstellen, dass man den Text sehr verschieden interpretiere, nicht aber, wie man ihn nicht als Dialog erkenne.<br \/>\nKeller bot scherzhaft an, Facebook zu erkl\u00e4ren. Sie beschrieb den Text als eine Begegnung zweier besprachter Menschen, in der sie wirklich Einblick nehmen k\u00f6nne in zwei Leben im Spannungsfeld Geburt-Familie. Sie fand den Tonfall des Mannes bemerkenswert, der sehr gehoben und erhaben schreibe. Die Frau wiederum verwende eher Facebook-Jargon.<\/p>\n<p>Strigl behauptete gar \u00fcber den gehobenen Stil: \u201eSo schreibt man auf Facebook nicht\u201c &#8211; und wenn, dann mit guten Gr\u00fcnden und absichtlich. Sie sehe in dem Ton der Erhabenheit keinen \u00e4sthetischen Mehrwert. Und wenn das ein platonischer Dialog sein solle, fehle ihr Sokrates. Sie sehe eher einen Wettbewerb: \u201eWer hatte die schlimmere Kindheit.\u201c Sie nehme dem Text die Konstruktion nicht ab. <\/p>\n<p>Spinnen fand es richtig, eine aktuelle Kommunikation des Alltags darauf zu pr\u00fcfen, was sie \u00e4sthetisch k\u00f6nne. Dieser Dialog, der Chat, sei aber eher eine griechische Trag\u00f6die auf Stelzen, in der immer knapp aneinander vorbei geredet werde. Er erinnerte daran, dass in den vergangenen Jahren f\u00fcr Klagenfurt viele Geschichten von Einwanderern angeboten w\u00fcrden, die einander \u201eschrecklich \u00e4hneln\u201c. Im konkreten Fall sah er Figuren, die versuchen, \u201esich herauszusprechen aus den Sachen, die sie gepr\u00e4gt haben\u201c. Benutzt werde dabei eine Sprache, als h\u00e4tte er \u201eDeutsch bei Hegel gelernt auf einer einsamen Insel\u201c. Spinnens Kritik: Er vermisse einen Moment, \u201ean dem Furcht und Mitleid ausgel\u00f6st werden kann\u201c.<\/p>\n<p>Fe\u00dfman fand, dass das Hegeldeutsch durchaus f\u00fcr den Text spreche: \u201eWir werden eingeladen, \u00fcber Dinge nachzudenken, die wir eher gewohnt sind, emotional an uns heranzulassen.\u201c Als Spinnen meinte: \u201eMei, sie kommen halt aus schrecklichen Familien\u201c, warnte ihn Fe\u00dfmann vor Vereinfachung aus abendl\u00e4ndischer Sicht. <\/p>\n<p>Wieder mahnte Dusini eine R\u00fcckkehr zum Text an. Dieser scheue sich nicht vor dem hohen Ton, sich mit Traditionen auseinander zu setzen, habe keine Angst vor mythologischem Wissen. Er sah \u201eEmpfindlichkeitswortgeber f\u00fcr den Dialogpartner\u201c, h\u00e4tte gerne \u201eeine Psychoanalyse von Zeichen\u201c in einer Biographie gehabt (hm?).<\/p>\n<p>Steiner beobachtete am\u00fcsiert den Umstand, dass wir diesen Text nicht in \u201eSozialen Medien\u201c l\u00e4sen, sondern auf Papier und misstraute den Zeitangaben im Chat \u2013 in neun Minuten schreibe niemand solche Texte. Seine Interpretation: \u201eDiese jungen Menschen entwickeln ein Bewusstsein ihrer Fragilit\u00e4t\u201c, das sei unabh\u00e4ngig vom Medium.<\/p>\n<p>Keller erinnerte daran, dass Menschen, die in eine zweite Sprache k\u00e4men, oft von den Muttersprachlern ausgegrenzt w\u00fcrden. Sie vermisste, dass das M\u00e4dchen frage: \u201eWarum schreibst du so?\u201c Nach Fe\u00dfmann ist die zentrale Figur die Mutter, der \u201eText handelt auf allen Ebenen von der Muttersprache\u201c.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/140704_13_Fehr-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/140704_13_Fehr-1.jpg\" alt=\"\" width=\"326\" height=\"295\" class=\"alignnone size-full wp-image-99687\" \/><\/a><\/p>\n<p>Michael Fehrs Auftritt war in vielerlei Hinsicht ungew\u00f6hnlich. Sein Text bestand aus den Kapiteln 1, 2, 10 und 15 eines Romans, war gesetzt wie ein Gedicht (<a href=\"http:\/\/www.biographybase.com\/biography\/Fish_Stanley.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eHow to recognize a poem when you see one\u201c<\/a>), zudem <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/texte\/4868\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">trug Fehr sein \u201eSimeliberg\u201c<\/a> im Stehen und Gehen vor.<\/p>\n<p>Ich h\u00f6rte Dialog- und Beschreibungsfragmente, die irgendwas mit Schweiz, Wald, Bergen und Kriminalfall zu tun hatten, letzteres lie\u00df mich inklusive seiner Gangsterdialoge aus der untersten Klischeeschublade an schlechte Tatort-Drehb\u00fccher denken. Ich fragte mich innerlich immer lauter \u201eSERIOUSLY?!\u201c und erwartete ein kurzes und heftiges Autorenschlachten durch die Jury.<\/p>\n<p>Danebener h\u00e4tte ich nicht liegen k\u00f6nnen. Steiner, der den Text mitgebracht hatte, erkl\u00e4rte uns erst einmal, was wir da geh\u00f6rt hatten und fasste die Fragmente in sowas wie einer Handlung zusammen, erkl\u00e4rte zudem die Bedeutung des Begriffs \u201eSimeliberg\u201c. Ich war ein wenig fassungslos, denn es hatte doch eigentlich um den Text gehen sollen. Doch niemand protestierte, im Gegenteil. Winkels lobte den \u201esehr eindrucksvollen Vortrag\u201c, \u00e4u\u00dferte au\u00dferdem Zweifel, dass das wirklich Romanausschnitte seien: Die elliptische Struktur sei dazu angetan, \u201edass wir die L\u00fccken f\u00fcllen\u201c. Er bezeichnete Steiners Vorgeschichte zum Simeliberg als interessant und \u201ewie prototypsch Schweizerisch das gedeckt ist\u201c.<\/p>\n<p>Strigl hatte den Text \u201eals Schweizer Bauerntheater gelesen\u201c. Er sei auf den ersten Blick einfach gemacht, doch die S\u00e4tze h\u00e4tten eine hochkomplexe Struktur. Sie sah darin ein \u201egefaktes Nationalepos\u201c, entdeckte die Themenkomplexe Sauberkeit und Gewalt und fand den Text ziemlich originell. Fe\u00dfmann gab zu, mit dem Text nichts anzufangen gewusst zu haben, ihr Interesse sei dann durch das Wort \u201eWeltraumeuphorie\u201c entz\u00fcndet worden. Dusini dankte dem Autor f\u00fcr seinen Vortrag, war \u00fcberzeugt, \u201edass wir ein Schreibprojekt vor uns haben\u201c, das ihn sehr beeindrucke. Doch er konstatiert auch \u201e\u00dcbersemantisierung\u201c in den Eigennamen und \u201eLautchoreographie\u201c (ich wei\u00df nicht, ob Dusini das gut oder schlecht fand) und fragte: \u201eWie verh\u00e4lt sich diese Form von Poetik zu ihrem Gegenstand?\u201c<\/p>\n<p>Laut Keller hatten wir eine Form vor uns, \u201edie in der Schweizer Szene zu meinem gro\u00dfen Vergn\u00fcgen eine Bl\u00fcte erf\u00e4hrt\u201c. Sie \u201emacht Sprache zu einem ganz langsamen Tier\u201c. In diesem Text sah sie \u201eUmrisse eines Krimis, der die zeitgen\u00f6ssische Realit\u00e4t einbezieht\u201c und zeigte sich \u201esehr beeindruckt\u201c. Stigl lobte das Regionale. Sie sei immer dankbar, wenn das auftauche, und hier sei es mit einer inneren Notwendigkeit eingesetzt.<\/p>\n<p>Spinnen verwies auf das Spannungsfeld zwischen geschriebenem Text und Vortrag. Er war es dann auch, der daran erinnerte, dass eigentlich in diesem Wettbewerb Einigkeit herrsche, dass auf den Vortrag nicht zu sehr zu achten sei. Jetzt aber sei das etwas vollst\u00e4ndig Anderes: \u201eWir umarmen diesen Textk\u00f6rper\u201c, der im Vortrag gegeben sei: \u201eStallgeruch, Erdw\u00e4rme, Identit\u00e4t von Person und Sprache.\u201c Was davon sei im Text da? Spinnen bezeichnete ihn als Partitur.<\/p>\n<p>Winkels lieferte Zusatzinformationen: Der Autor schreibe nicht, sondern diktiere und arbeite mit Spracherkennung. Dieser Technik sei auch die Notierung in kurzen Zeilen geschuldet, nicht der Form eines Epos. Er fand das \u201eauf erkenntnisf\u00f6rdernde Weise bizarr\u201c. Spinnen meinte gar, der Text sei auf eine H\u00f6r-CD angelegt. F\u00fcr Keller war der \u201eBegriff der schriftlichen Literatur zu eng\u201c, diese Form sei \u201eper Definition multimedial\u201c. \u201eDer Klangraum, aus dem er kommt, ist Ausdruck einer Suche nach innerer Sprache.\u201c Fe\u00dfmann war nun der Hinweis wichtig, dass die Sprache des Textes keineswegs rhythmisch sei. Und sie fragte zurecht: \u201eWas ist eigentlich die Basis unseres Urteils?\u201c<\/p>\n<p>Laut Steiner wurden Konventionen verlassen, die Form erlaube es dem Autor, seine Kunst nach au\u00dfen zu bringen, existenzielle Geschichten zu erz\u00e4hlen. Winkels meinte mit Blick auf neue Formen wie Poetry Slams und die immer zahlreicheren Lesungen, \u201edie performative Dimension der Literatur\u201c habe \u00fcberhand genommen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/140704_21_Ganzoni-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/140704_21_Ganzoni-1.jpg\" alt=\"\" width=\"377\" height=\"359\" class=\"alignnone size-full wp-image-99688\" \/><\/a><\/p>\n<p>Ganz konventionell wurde es abschlie\u00dfend mit <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/texte\/4875\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Romana Ganzoni und ihrem \u201eIgnis Cool\u201c<\/a>. Aus der Perspektive einer Frau, die mit ihrem Wagen auf einem Pass in den Bergen liegenbleibt, erfahren wir ihre Vergangenheit, darin dominierend ihre Fremdbestimmtheit durch Dorfgemeinschaft und Mutter.<\/p>\n<p>Diesmal, so begann Fe\u00dfmann, sei es umgekehrt wie beim vorhergehenden Kandidaten: Sie habe f\u00fcr sich selbst die Geschichte einer Frau gelesen, und vor ihrem inneren Auge sei das Auto schier geborsten vor deren Energie. Doch im Vortrag sei die Geschichte immer breiter geworden und habe sie letztendlich gelangweilt. Spinnen erz\u00e4hlte erst mal, dass er jedes Jahr zum Bachmannpreis um eine Tendenz gebeten werde, diese aber immer verweigere. Doch dieses Mal sehe er dominierend die Auseinandersetzung von Frauen, die nicht mehr ganz jung sind, mit ihrer Vergangenheit. Und dann griff auch er die Autorin wegen ihres Vortrags an: \u201eGanzoni hat jeden ihrer S\u00e4tze gefeiert\u201c &#8211; und habe damit ihre Figur kaputt gemacht. \u201eWie k\u00f6nnen Sie Ihre eigene Figur so missverstehen?\u201c Im Text sah er wieder eine beschr\u00e4nkte Aufgabe, die gel\u00f6st worden sei, \u201ehandwerklich ok gemacht\u201c.<br \/>\nAuch Keller verweist darauf, dass Klagenfurt die gro\u00dfe Gefahr eines Auseinanderklaffens von Text und Vortrag berge. Das Auto sei der Inbegriff der Fremdbestimmung; in dessen Stillstand beginne die Odysee in die Figur. \u00dcber dem ganzen Text liege Gewalt.<\/p>\n<p>Strigl fand zu viel Ignis vor, zu wenig cool. Sie mochte, dass die Hauptfigur Gestalt gewinne, dass man mit ihr mitf\u00fchlen k\u00f6nne. Als Baufehler bezeichnete sie das Ende: Ein Selbstmord gehe aus dieser Art der Suada nicht hervor.<\/p>\n<p>Steiner behauptete, er sei jetzt mit M\u00fcttern und T\u00f6chtern vers\u00f6hnt. Er wies auf die M\u00e4rchenwelt des Texts hin, in dem Eule, Katze, <i>urban legends<\/i> auftauchten (ich glaube, Steiner verwendet letzteren Begriff anders als der Rest der Welt). Er unterstrich auch den Produktkanon mit Markennamen, wie man ihn aus der Popliteratur kenne und fand \u201edas alles sehr interessant\u201c. Nun kam wieder Dusini: Der Text erfordere Achtung vor der Erz\u00e4hlung des eigenen Lebens. Er sei eine Erz\u00e4hlung \u00fcber das Erz\u00e4hlen, ein Versuch, Erz\u00e4hlung \u00fcberhaupt zu definieren. Das Auto sei der Strukturkern, aus der sich die Erz\u00e4hlung entfalte. Das Abbrechen am Ende deutete er als die Aufforderung: \u201eH\u00f6r mir weiter zu!\u201c<\/p>\n<p>Am b\u00f6sesten war nun Winkels, der meinte, er habe nicht erst den Vortrag gebraucht, um von dem Text gelangweilt zu werden und nannte ihn \u201eGeschwurbel\u201c. Spinnen interpretiert den Text als einen Kasten von Kindheitserinnerungen, die erst durch eine Erkl\u00e4rung Bedeutung bekommen, die man dann glauben m\u00fcsse: \u201eOb ich darauf einsteige, ob ich die Geschichte annehme, ist eine pers\u00f6nliche Sache.\u201c <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ssl-vg03.met.vgwort.de\/na\/7f5fcaaa4a7949fa99e8f26d64711ffb\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war der Tag der aufregenden Texte und Inszenierungen. Letzteres brachte die Jury zu einer Grundsatzdiskussion, was sie hier eigentlich bewerten: Text oder Vortrag oder beides? Und wenn beides: zu welchen Anteilen? An sich poche ich auf die Eigenst\u00e4ndigkeit des literarischen Textes. 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