{"id":22035,"date":"2014-09-14T16:59:58","date_gmt":"2014-09-14T14:59:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=22035"},"modified":"2014-09-15T11:47:46","modified_gmt":"2014-09-15T09:47:46","slug":"donna-tartt-the-goldfinch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2014\/09\/donna-tartt-the-goldfinch.htm","title":{"rendered":"Donna Tartt, <i>The Goldfinch<\/i>"},"content":{"rendered":"<p><b>Achtung: V\u00f6llig verspoilert!<\/b><\/p>\n<p>Bis etwa 15% vor Ende des Buchs (ich las elektronisch, daher statt Seiten Prozentangaben) verstand ich den Erfolg von <i>The Goldfinch<\/i> und war begeistert.<br \/>\nIch hatte direkt davor <i>The Amazing Adventures of Kavalier &#038; Clay<\/i> von Michael Chabon gelesen und fand hier dieselbe Lust am Fabulieren und Geschichtenerz\u00e4hlen. Mich begeisterte, wie viele Freiheiten sich der Roman nahm; es geh\u00f6rt schon Mut dazu, in einer realen Zeit ein reales Museum mit einem sehr realen Kunstwerk von Terroristen in die Luft jagen zu lassen.<\/p>\n<p>Ich mochte den Gegenwarts- und Realit\u00e4tsbezug: Die Handlung spielt in einer Welt, in der es zum Beispiel Harry Potter gibt (Boris nennt den Protagonisten Theo so wegen seiner Brille), Twitter und Facebook. Ich zog gerne mit dem Blick der erz\u00e4hlenden Hauptfigur durch ein sehr konkretes New York. Mir gefiel sogar das detailreiche Erz\u00e4hlen, wo ich sonst mit dem Seufzer &#8220;M\u00f6belbeschreibung!&#8221; Augen rolle. Doch die Intensit\u00e4t und Kleinteiligkeit, mit der ich zum Beispiel die Stunden erlebte, durch die der Erz\u00e4hler nach dem Attentat muss, waren sorgf\u00e4ltig gemacht und eindringlich. Vom Haus, in dem Hobie lebt, bekam ich gar nicht genug; ich w\u00e4re bei jedem Aufenthalt gerne l\u00e4nger darin geblieben, h\u00e4tte mich noch gr\u00fcndlicher umgeschaut.<\/p>\n<p>Spektakul\u00e4r auch die gesamte Episode in Las Vegas: Die Halbgeisterstadt, in der Theo mit seinem Vater und dessen Partnerin lebt, die Bauruinen, das umgebende Nichts &#8211; das war ganz wunderbar gegen meine Erwartungen sowohl von Las Vegas als auch von Suburbia geschrieben. Und dann die geradezu magische Personenf\u00fchrung und Charakterzeichnung des jungen Boris inklusive der sehr glaubhaften Sprache eines ukrainischen Einwandererb\u00fcrschchens!<\/p>\n<p>Viele Besprechungen nennen den Roman &#8220;Dickensian&#8221; &#8211; darauf w\u00e4re ausgerechnet ich Dickensleserin nicht von selbst gekommen; mag aber daran liegen, dass ich direkt zuvor <i>Kavalier &#038; Clay<\/i> gelesen hatte. Ja, wir haben ein Waisenkind, und Hobie samt Haus sind tats\u00e4chlich sehr Dickens. Aber damit enden die offensichtlichen Bez\u00fcge meiner Meinung nach. Gro\u00dfartig angelegt und gef\u00fchrt fand ich die Hauptfigur Theo &#8211; und gerade die ist viel zu komplex f\u00fcr Dickens, dessen Protagonisten und Protagonistinnen in Schwarz oder Wei\u00df fallen &#8211; ach was, eigentlich immer das Gute personifizieren, auch wenn sie mal kleine Ausfl\u00fcge ins B\u00f6se unternehmen d\u00fcrfen (siehe David Copperfield). Doch Theo ist von Anfang an eher auf der unsympathischen Seite. Zwar wird er durch den gewaltsamen Tod seiner Mutter aus der Bahn geworfen, etwas wackelig auf den Gleisen war er aber schon vorher. Mir erschien es ohnehin mit der Zeit schlimmer und vergiftender, diesen zwielichtigen Alkoholikervater zu haben, der Kinder nicht mag und den eigenen Sohn als l\u00e4stig empfindet, als die Mutter im Alter von 13 Jahren zu verlieren.<br \/>\nVon Anfang an ist Theos Werte- und Moralger\u00fcst ziemlich schr\u00e4g und l\u00f6chrig &#8211; und ich rechne dem Roman hoch an, dass er am Ende auf eine L\u00e4uterung verzichtet.<\/p>\n<p>Spannend und interessant fand ich die Aspekte Antiquit\u00e4ten, Restauration, Drogen: Sie nehmen alle gro\u00dfen Raum ein und scheinen so sauber und intensiv recherchiert, dass sich der Roman mit Leichtigkeit darin bewegte.<\/p>\n<p>Anders zum Beispiel als das Gaunermilieu &#8211; und hier kippen wir in das letzte St\u00fcck des Buchs, das mich langsam, aber immer intensiver den Kopf sch\u00fctteln lie\u00df. Internationale Russenmafia? Schie\u00dfereien im Parkhaus? Ernsthaft? An dem Punkt, an dem die Geschichte sich f\u00fcr die Abzweigung ins Thriller-Genre entschied, begann sie mich zu verlieren. Ich blieb lediglich dran, weil ich mich weiter f\u00fcr die Hauptfiguren interessierte. <\/p>\n<p>Doch v\u00f6llig unvermittelt beginnt der Erz\u00e4hler, der bislang ein rein handelnder war, vordergr\u00fcndig zu erz\u00e4hlen. Pl\u00f6tzlich soll alles Bisherige eigentlich die Zusammenfassung von jahrelangem Tagebuchschreiben gewesen sein, das davor bei allem Detailreichtum nicht mal angedeutet wurde. Und pl\u00f6tzlich begann ich mich zu fragen, wer hier eigentlich spricht und warum:<br \/>\nDie meiste Zeit haben wir ein erz\u00e4hlendes Ich, das die gesamte Handlung nachtr\u00e4glich erz\u00e4hlt, so richtig als Geschichte. Also inklusive <i>foreshadowing<\/i> (&#8220;ich sollte ihn erst viele Jahre sp\u00e4ter wiedersehen&#8221; \/ &#8220;ein gro\u00dfartiger Tag &#8211; selbst wenn man bedenkt, was sp\u00e4ter passieren sollte&#8221; etc.)<sup><a href=\"#footnote_1_22035\" id=\"identifier_1_22035\" class=\"footnote-link footnote-identifier-link\" title=\"Keine echten Zitate: So gerne ich E-Books lese &ndash; das Wiederfinden von Passagen oder konkreten S&auml;tzen ist auf meinem Kindle ein Alptraum, dessen M&uuml;he ich scheue.\">1<\/a><\/sup> und auch sonst mit viel Wissen \u00fcber die Zeit nach der augenblicklichen Handlung. Wir haben einen Erz\u00e4hler, der aus Erwachsenensicht das Kind erz\u00e4hlt, aber sich noch sehr gut an das kindliche Erleben erinnert. Das ist eine Erz\u00e4hlhaltung und Erz\u00e4hlstimme mit Tradition. Bei ihr ist auch klar, dass eine Ebene dar\u00fcber eine f\u00fchrende Hand Sprache ausw\u00e4hlt, ihn auftreten l\u00e4sst (nannte man zu meiner Zeit impliziten Autor\/Erz\u00e4hler).<\/p>\n<p>Ganz zum Schluss aber soll das alles eine echte Zusammenfassung gewesen sein aus Tageb\u00fcchern, die er st\u00e4ndig gef\u00fchrt hat &#8211; aber nur f\u00fcr sich selbst: &#8220;nobody is going to read this anyway&#8221;. Ich dachte zur\u00fcck an den eigentlich Anfang des Romans, der ja ganz unchronologisch in Amsterdam spielt: Nur f\u00fcr sich selbst hat dieser Ich-Aufzeichner als erstes Kapitel die Amsterdam-Szene vorangestellt? Den allwissenden Erz\u00e4hler gespielt? Und w\u00e4hrend des ganzen Erz\u00e4hlens mit keiner Silbe das Tagebuchschreiben erw\u00e4hnt? Das kam mir sehr wie eine nachtr\u00e4gliche und aufgesetzte Idee vor &#8211; die ich einfach nicht verstand und die so gar nicht zu dem ganzen Rest passen wollte.<br \/>\nEbensowenig wie die ausf\u00fchrlichen philosophischen Welterkl\u00e4rungen am Schluss, deren predigender Tonfall \u00fcberhaupt nicht zum Erz\u00e4hler der ersten drei Viertel des Buchs passte.<\/p>\n<p>Zumal es da auch noch eine Zwischenphase gibt: Das Wiederauftauchen von Boris in New York stellt einige vorhergehende Schilderungen in Frage. Die Selbstsicht von Theo stimmte wohl zu gro\u00dfen Teilen nicht mit Fakten \u00fcberein. Hier scheint mir der Roman eine Abzweigung zu einem eigentlich anderen Ende zu nehmen: Auch in ihm w\u00fcrde die Glaubw\u00fcrdigkeit der bisherigen Erz\u00e4hlstimme ersch\u00fcttert. Aber statt in diese Richtung elegant zu Ende zu schreiben, tauchen auf einmal die angeblichen Tageb\u00fccher auf.<\/p>\n<p>Als ich vor vier Wochen mit dem Roman durch war und nach Rezensionen sah, war gerade in US-Medien eine kleine Debatte \u00fcber den literarischen Wert von <i>The Goldfinch<\/i> im Gang. Vielleicht m\u00f6chten Sie ja nachlesen:<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.vanityfair.com\/culture\/2014\/07\/goldfinch-donna-tartt-literary-criticism\" target=\"_blank\">&#8220;It\u2019s Tartt\u2014But Is It Art?&#8221; in Vanity Fair.<\/a><\/p>\n<p>Kann ich den Roman empfehlen? Ja, denn er kann gro\u00dfes Lesevergn\u00fcgen bereiten. Dennoch bin ich sehr entt\u00e4uscht, wie sehr er&#8217;s vermasselt hat. <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ssl-vg03.met.vgwort.de\/na\/1e7fc6eca9894855980528a67c6baa72\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n<ol class=\"footnotes\"><li id=\"footnote_1_22035\" class=\"footnote\">Keine echten Zitate: So gerne ich E-Books lese &#8211; das Wiederfinden von Passagen oder konkreten S\u00e4tzen ist auf meinem Kindle ein Alptraum, dessen M\u00fche ich scheue.<span class=\"footnote-back-link-wrapper\"> [<a href=\"#identifier_1_22035\" class=\"footnote-link footnote-back-link\">&#8617;<\/a>]<\/span><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Achtung: V\u00f6llig verspoilert! Bis etwa 15% vor Ende des Buchs (ich las elektronisch, daher statt Seiten Prozentangaben) verstand ich den Erfolg von The Goldfinch und war begeistert. 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