{"id":229,"date":"2004-01-31T16:08:01","date_gmt":"2004-01-31T15:08:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2004\/01\/macht.htm"},"modified":"-0001-11-30T00:00:00","modified_gmt":"-0001-11-29T22:00:00","slug":"macht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2004\/01\/macht.htm","title":{"rendered":"Macht"},"content":{"rendered":"<p>V\u00f6llig untersch\u00e4tzt wird die Macht, die Lebensgef\u00e4hrten von Lehrern haben. Denn: Lehrer arbeiten zuhause, und das gerne zu Zeiten, wenn andere Leute Feierabend oder Wochenende haben. Dadurch kriegen die Partner automatisch einiges von ihrer Arbeit mit. Und wenn sie dann noch ihren Job mit Leidenschaft machen, umso mehr.<\/p>\n<p>Mein Mitbewohner unterrichtet Deutsch und Englisch. In Deutsch war ich von Anfang an (vor acht Jahren) beteiligt. Angefangen hat es, glaube ich, damit, dass er mir immer wieder zwei oder drei Schulaufgaben-Aufs\u00e4tze hingelegt hat: \u201eLies die doch mal und sag mir, welchen du f\u00fcr besser h\u00e4ltst.\u201c Damit bat er um Unterst\u00fctzung bei der Benotung. Weil ich ein Gewissen habe, fragte ich nach, was er denn mit diesen Aufs\u00e4tzen abfragte. Und brach damit eine Diskussion \u00fcber die Lehrinhalte des bayerischen gymnasialen Deutschunterrichts vom Zaun, weil ja wohl jeder in seiner Schulzeit Deutschnoten als gottgegeben und angeboren gesehen hat. Das Ende vom Lied: Ich habe ihm geglaubt, dass er tats\u00e4chlich Lernstoff mit Aufs\u00e4tzen abfragt, er sieht seither den Sinn, grunds\u00e4tzliche Schw\u00e4chen (Rechtschreibung, Grammatik, Ausdrucksweise) nicht einfach hinzunehmen \u2013 weil das ja Lehrstoff der Grundschule ist -, sondern schwachen Sch\u00fclern zumindest \u00dcbungen zu empfehlen.<\/p>\n<p>Immer noch als besonderes Privileg empfinde ich es, wenn ich beim Lesen der Aufs\u00e4tze Fehler finde: \u201eDann streich es doch gleich selbst an,\u201c sagt er. Und ganz aufgeregt tue ich es. Mit Rot.<\/p>\n<p>Einfluss nehme ich auch auf die Themenwahl bei Schulaufgaben. Schlie\u00dflich bin ich zertifizierte Literaturwissenschaftlerin und ausgebildete Journalistin und Texterin \u2013 das sollte mich qualifizieren, ah\u00e4m. Mitbewohner zieht mich zu Brainstormings heran, legt mir Listen mit seinen Ideen vor und l\u00e4sst mich ausw\u00e4hlen. Allerdings vertue ich mich dabei regelm\u00e4\u00dfig, was das Interesse von Sch\u00fclern angeht. Immer wieder werde ich Opfer meiner Illusion, Sch\u00fcler w\u00fcrden spannende Aufsatzthemen bervorzugen. Tun sie nicht, sie bevorzugen Aufsatzthemen, die ihnen das Gef\u00fchle geben, sie k\u00f6nnten damit eine gute Note bekommen. Letzthin ging es um eine Schulaufgabe zu Goethes Faust in einer 12. Leistungskursklasse. Nach einem Wochenende mit Diskussionen und Recherchen einigten wir uns auf diese Themen:<br \/>\n1. In welcher Weise erf\u00fcllt <i>Faust I<\/i> die Forderungen, die im \u201eVorspiel auf dem Theater\u201c an ein St\u00fcck gestellt werden?<br \/>\n2.  Welche Rolle spielt Mephisto in <i>Faust I<\/i>?<br \/>\n3. Faustisches Streben \u2013 Gl\u00fcck oder Fluch f\u00fcr den Menschen?<br \/>\n4. <i>Hamlet<\/i>, <i>Romeo und Julia<\/i>, <i>Ein Sommernachtstraum<\/i> und andere St\u00fccke von Shakespeare werden immer wieder verfilmt. Warum hat es Ihrer Meinung nach in den letzten 40 Jahren keine <i>Faust<\/i>-Filmfassung gegeben? (Ein tschechischer Faust-Trickfilm von 1994 ist eine sehr freie Adaption verschiedener Faust-Quellen.)<\/p>\n<p>Das erste Thema konnten die Sch\u00fcler textimmanent behandeln, das zweite hatten sie bereits im Unterricht angerissen, das dritte ist ein Klassiker, und das vierte \u2013 so dachte ich \u2013 war so richtig spannend, inklusive selbst nachdenken. <br \/>\nWie mein Mitbewohner prognostiziert hatte, nahm kein einziger Sch\u00fcler das Film-Thema.<\/p>\n<p>Die letzten beiden Wochenenden durfte ich dann wieder bei der Beurteilung der Aufs\u00e4tze mitreden. Es gab einige Diskussionen.<\/p>\n<p>Belohnung genug ist, wenn einer der Aufs\u00e4tze mit dem hinrei\u00dfenden Satz endet:<br \/>\n\u201eHat Goethe hier wirklich ins Fettn\u00e4pchen der Kritiker gelangt?\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>V\u00f6llig untersch\u00e4tzt wird die Macht, die Lebensgef\u00e4hrten von Lehrern haben. Denn: Lehrer arbeiten zuhause, und das gerne zu Zeiten, wenn andere Leute Feierabend oder Wochenende haben. Dadurch kriegen die Partner automatisch einiges von ihrer Arbeit mit. Und wenn sie dann noch ihren Job mit Leidenschaft machen, umso mehr. Mein Mitbewohner unterrichtet Deutsch und Englisch. 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