{"id":235,"date":"2004-02-03T13:22:30","date_gmt":"2004-02-03T12:22:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2004\/02\/mein-merkwuerdigster-ferienjob.htm"},"modified":"-0001-11-30T00:00:00","modified_gmt":"-0001-11-29T22:00:00","slug":"mein-merkwuerdigster-ferienjob","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2004\/02\/mein-merkwuerdigster-ferienjob.htm","title":{"rendered":"Mein merkw\u00fcrdigster Ferienjob"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/don.antville.org\/stories\/675800\/ target=_new\">Don Dahlmann<\/a> ist nat\u00fcrlich mal wieder nicht zu \u00fcbertreffen: Vaseline-Schmelzer bei Penaten ist wirklich ein St\u00fcck Vergangenheit, das f\u00fcr die Nachkommen konserviert geh\u00f6rt. Ich bin zwar schwer versucht, mit \u201eAktmodell f\u00fcr eine lokale K\u00fcnstlergruppe\u201c gegenzuhalten, aber erstens w\u00e4re das billig (da h\u00e4tte Don ja gleich \u201ePorneaux Filmkritiker\u201c nehmen k\u00f6nnen), zweitens war ich zu meiner Akt-Zeit bereits in festem Lohn und Brot, 20 Jahre alt, und der Job war haupts\u00e4chlich Teil meiner (langfristig erfolglosen) Kampagne \u201eich freunde mich mit meinem dicken K\u00f6rper an\u201c.<\/p>\n<p>Erinnernswerter ist da schon der Sommer, in dem die Redaktion, in der ich sonst die Semesterferien \u00fcber Urlaubsvertretung machte, mich nicht brauchen konnte. Ich war gottsfroh, bei Audi zu landen. Mein Job als \u201eWerkstudentin\u201c (keine Ahnung, warum die Ferienjobber dort bis heute so hei\u00dfen) war in der Lackiererei, Qualit\u00e4tssicherung.<\/p>\n<p>Der Arbeitsplatz lag so richtig mitten in einer der riesigen Produktionshallen. Er erinnerte ein wenig an eine Pferdebox: Ein schulterhohes Metallgestell umgab eine gut autogro\u00dfe Fl\u00e4che, die an einer Seite offen war. An dem Gestell waren Scheinwerfer befestigt, \u00fcber die offene Seite wurden frisch lackierte Karossen eingeschoben. Der v\u00e4terliche Meister (es war die Audi-\u00c4ra der gr\u00fcnen Meisterkittel), der sein Kabuff gleich nebenan hatte, gab mir einen wei\u00dfen und einen schwarzen dicken Wachsmalstift, ein Klemmbrett mit Formularen und ein Pr\u00fcfger\u00e4t in der Gr\u00f6\u00dfe eines Kassettenrekorders.<\/p>\n<p>Sechs Wochen lang war es meine Aufgabe, Karossen in das Gatter zu schieben und die Lackierung zu \u00fcberpr\u00fcfen. Einschl\u00fcsse und Unregelm\u00e4\u00dfigkeiten umkringelte ich mit dem Wachsstift (wei\u00df f\u00fcr dunkle Lacke, schwarz f\u00fcr helle). Das Ger\u00e4t war dazu da, die Dicke der Lackschichten zu messen. Alle Ergebnisse und Funde trug ich in ein Formular ein, das ich an der Karosse befestigte, bevor ich sie zur\u00fcck auf die Fertigungslinie schob. In der Nebenbox arbeitete ein festangestellter alter, d\u00fcrrer Mann in blauem Kittel. Vielleicht war er gar nicht so alt, aber sein fehlender Arm sah nach Kriegsverletzung aus, Jahrzehnte langer Alkohol-Abusus hatte seinen Teint korrodiert.<\/p>\n<p>Der gro\u00dfe Haken: \u00dcber den Tag verteilt sollte ich sechs Karossen \u00fcberpr\u00fcfen. Pro Karosse brauchte ich selbst bei peinlichst genauer Untersuchung h\u00f6chstens 25 Minuten. Damit musste ich aber t\u00e4glich siebeneinhalb Stunden f\u00fcllen &#8211; netto, denn Pausen wurden addiert. Ich war schlicht unterbesch\u00e4ftigt bis weit \u00fcber die Schmerzgrenze.<\/p>\n<p>Also nahm ich schon bald ein Buch mit in die Arbeit und stellte mich lesend an das Metallgestell. Keine gute Idee: Der Meister wies mich darauf hin, dass ein vorbeilaufender Abteilungsleiter aus meinem Lesen schlie\u00dfen k\u00f6nnte, dass nicht genug Arbeit f\u00fcr zwei Qualit\u00e4tspr\u00fcfer da sei (richtig!) und eine Stelle streichen k\u00f6nnte (das wollte ich nat\u00fcrlich nicht).<\/p>\n<p>Somit verwandte ich sechs Wochen lang all meine Energie darauf besch\u00e4ftigt zu erscheinen. Ich hatte nie einen anstrengenderen Job. Zehn-Minuten-weise verkroch ich mich in einen der Brotzeitr\u00e4ume bei den Werkst\u00e4tten im Keller zum Lesen. Dann musste ich mich mal wieder blicken lassen. Ich setzte einiges an Ehrgeiz daran, die Karossen immer noch gr\u00fcndlicher zu kontrollieren. Aber irgendwann gab es Reklamationen, weil alle Karossen, die ich gepr\u00fcft hatte, fast fl\u00e4chendeckend von Wachsmal-Kringeln \u00fcberzogen waren. In meiner Not hatte ich sogar besonders glatte Fl\u00e4chen angekringelt: Derart \u00fcberglatt, das konnte doch nicht normal sein? Das musste doch auf einen Fehler in der Programmierung der Spritzroboter hindeuten? Ich begann mich zum Zeitvertreib intensiv mit Lackiertechniken im Markenvergleich und aus historischer Perspektive zu befassen. Doch als Quelle hatte ich nur Kollegen, die entweder tats\u00e4chlich etwas zu tun hatten oder mir bei aller Freundlichkeit bedeuteten, dass ich sie nervte.<\/p>\n<p>Ich sehnte mich inbr\u00fcnstig nach den Lokalredaktionen meiner Zeitungsjobs, nach den Scharm\u00fctzeln mit Freien Mitarbeitern (\u201eSo ungek\u00fcrzt ver\u00f6ffentlichen, da ich eigens zu dem Termin gefahren bin!!!\u201c), nach der G\u00e4nsehaut \u00fcber Vereinsfotos, nach der Beh\u00e4bigkeit eines Monopolblattes. Ich sp\u00fcrte, wie mein Hirn \u00fcber die Wochen hinweg in Stand-by-Modus fiel, \u00fcberfordert von Leere.<\/p>\n<p>Und deswegen werde ich nienienie mehr bei Audi arbeiten.<\/p>\n<p>Einen echten Nutzen hatte der Job dann doch: Ich durfte die speziellen Wachsstifte mit nach Hause nehmen. Und nutzte sie, um eines Nachts einem Freund auf die Motorhaube seines roten Citro\u00ebn 2CV einen Brief zu schreiben.<\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;-<br \/>\nNachtrag:<br \/>\nDa sie selbst sicher versuchen wird es zu verschweigen:<br \/>\n\u00dcbertroffen wird Don Dahlmann allerdings in Jobs von Lyssa, die sich bei einer Weihnachtsbaumb\u00f6rse als Moderatorin verdingte.<br \/>\nZu lesen in mehreren Teilen:<br \/>\n<a href=\"http:\/\/lyssaslounge.diaryland.com\/020823_9.html\" target=_new>(1)<\/a> <a href=\"http:\/\/lyssaslounge.diaryland.com\/020826_33.html\" target=_new>(2)<\/a> <a href=\"http:\/\/lyssaslounge.diaryland.com\/020827_5.html\" target=_new>(3)<\/a> <a href=\"http:\/\/lyssaslounge.diaryland.com\/020828_52.html\" target_new>(4)<\/a><br \/>\nSchrieb hier nicht k\u00fcrzlich irgendwer in den Kommentaren, dass das Internet nichts vergisst&#8230;?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Don Dahlmann ist nat\u00fcrlich mal wieder nicht zu \u00fcbertreffen: Vaseline-Schmelzer bei Penaten ist wirklich ein St\u00fcck Vergangenheit, das f\u00fcr die Nachkommen konserviert geh\u00f6rt. 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