{"id":2360,"date":"2007-12-28T09:29:18","date_gmt":"2007-12-28T08:29:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2007\/12\/neues-von-fruher.htm"},"modified":"2008-12-18T14:30:25","modified_gmt":"2008-12-18T13:30:25","slug":"neues-von-fruher","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2007\/12\/neues-von-fruher.htm","title":{"rendered":"Neues von fr\u00fcher"},"content":{"rendered":"<p>Jetzt im Alter packt mein Vater (in Madrid geboren und aufgewachsen, mit 18 Jahren nach Deutschland gezogen) immer wieder Geschichten aus seiner Kindheit und Jugend aus. Das freut mich sehr, denn fr\u00fcher hatte er nur ein paar Standardanekdoten, die er immer wieder erz\u00e4hlte (der Esel Sevillano, der ihn beim K\u00fcheh\u00fcten austrickste \/ die gewaltt\u00e4tigen, bigotten Salesianer, bei denen er zur Schule ging \/ was er so alles mit den Stra\u00dfenkatzen anstellte \/ seine Elektrikerlehre \/ <a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2005\/07\/familienalbum-5-die-spanische-weinbauernseite.htm\">wie er in der Bodega seines Onkels aushalf<\/a>), und reagierte auf Nachfragen extrem abweisend.<\/p>\n<p>M\u00f6glicherweise hat er jetzt im Rentenalter die Mu\u00dfe, Erinnerungen aufsteigen zu lassen. Vielleicht ist jetzt auch der Abstand gro\u00df genug, dass sie nicht mehr so weh tun.<\/p>\n<p>Beim Weihnachtsessen begann mein Vater unvermittelt davon zu erz\u00e4hlen, dass in seiner von der spanischen Nachkriegszeit gezeichneten Kindheit, also in den fr\u00fchen 50er Jahren,   das in Ruinen liegende Madrid Einfuhrzoll f\u00fcr Lebensmittel verlangte. Es habe an allen Einfallstra\u00dfen in die Stadt Zollh\u00e4uschen gegeben (<i>casa de los \u00e1rbitros<\/i>), an denen Zoll gezahlt werden musste und an denen das Gep\u00e4ck aller Reisenden und jede Lastwagenladung durchsucht wurden. Sein Onkel, der Weinh\u00e4ndler, habe bei der Einfuhr des Weins aus der Gegend von Toledo durch Bestechungsgelder erreicht, dass weniger deklariert wurde, als er tats\u00e4chlich dabei hatte. Und wie das nicht mehr funktionierte, als genormte Beh\u00e4lter f\u00fcr den Weintransport eingef\u00fchrt wurden.<\/p>\n<p>Oder wie ihm seine Gro\u00dfmutter, bei der er wieder einen Sommer auf dem Land verbracht hatte, f\u00fcr die Heimfahrt seinen ganzen Koffer voller Mehl packte. Wie die Z\u00f6llner den Autobus durchsuchten, in dem er sa\u00df und sofort Verdacht sch\u00f6pften, weil der Koffer eines Zehnj\u00e4hrigen so schwer war. Wie sie f\u00fcr das Mehl Zoll verlangten und er doch kein Geld hatte. Wie ein Mitreisender, der ihn kannte, mit Geld aushalf. Das sei \u201eder Revilla\u201c gewesen, der eine Reinigung in Madrid hatte. Dem er als Elektrikerlehrling sp\u00e4ter oft die Maschinen repariert habe. Dem die Frau weggestorben sei, worauf er mit dem Dienstm\u00e4dchen angebandelt habe, deren Mann ihn dann erschoss.<\/p>\n<p>Und dann erinnerte sich mein Vater, wie die Gro\u00dfmutter vom Land seiner Familie zu Weihnachten einen Hahn schickte. Der sei einfach einem \u00dcberlandbus zum Transport mitgegeben worden, mit zusammengebundenen F\u00fc\u00dfen. Wie seine Mutter ihn geschickt habe, den Hahn abzuholen. Er habe im B\u00fcro am Busbahnhof gesagt, er wolle den Hahn f\u00fcr seine Mutter abholen und ihren Namen genannt. Daraufhin sei ihm das Tier ausgeh\u00e4ndigt worden. Im <i>patio<\/i> daheim habe man dem Hahn die F\u00fc\u00dfe aufgebunden und ihn losgelassen. Und so habe der Gockel seine letzten Tage im Hof des Madrider Altstadthauses in der N\u00e4he des Bahnhofs Atocha verbracht, in dem sie damals wohnten, zu f\u00fcnft in zwei ebenerdigen Zimmern, deren Fenster in diesen Hof gingen. Der Hahn sei bis Weihnachten noch gef\u00fcttert worden, dann habe ihn meine <i>Yaya<\/i> geschlachtet.<\/p>\n<p>Ich freue mich sehr \u00fcber diese neuen Geschichten. Vielleicht kommt es irgendwann doch noch so weit, dass ich zu Spanien Mitte des 20. Jahrhunderts nicht mehr blo\u00df Hemingway im Kopf habe.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jetzt im Alter packt mein Vater (in Madrid geboren und aufgewachsen, mit 18 Jahren nach Deutschland gezogen) immer wieder Geschichten aus seiner Kindheit und Jugend aus. 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