{"id":2402,"date":"2008-01-27T17:39:12","date_gmt":"2008-01-27T16:39:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2008\/01\/lion-feuchtwanger-erfolg.htm"},"modified":"2013-12-29T21:15:15","modified_gmt":"2013-12-29T20:15:15","slug":"lion-feuchtwanger-erfolg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2008\/01\/lion-feuchtwanger-erfolg.htm","title":{"rendered":"Lion Feuchtwanger, <i>Erfolg<\/i>"},"content":{"rendered":"<p>Selbst bei mir Literaturwissenschaftlerin funktioniert der Abschreckmechanismus, Klassiker der Weltliteratur m\u00fcssten anstrengend zu lesen sein. Dabei wei\u00df ich, dass das bei englischen solchen fast nie gilt, und als ich nach jahrelangem Drumrumschleichen endlich Choderlos de Laclos&#8217; <i>Gef\u00e4hrliche Liebschaften<\/i> anging (\u00fcbersetzt von Franz Blei, ich kann kein Franz\u00f6sisch), konnte ich es vor Spa\u00df und Spannung schier nicht aus der Hand legen.<\/p>\n<p>Nun habe ich endlich Feuchtwangers <i>Erfolg<\/i> gelesen, von dem mich neben seinem Status trotz vieler Empfehlungen die 900-Seiten-Dicke abschreckte. Doch was soll ich sagen: Der Roman ist gro\u00dfartig! In vielen Kapiteln (ich mag Kapitel) erz\u00e4hlt Feuchtwanger aus dem M\u00fcnchen der fr\u00fchen 20er; als roter Faden dienen ihm der Prozess und die Haft des Museumsdirektors Martin Kr\u00fcger, der des Meineids angeklagt und verurteilt wird. Die Handlung wird durch die Beschreibung der am Prozess beteiligten Personen voran getrieben, jedes Kapitel personal aus der Perspektive einer solchen erz\u00e4hlt. Erz\u00e4hlt werden damit auch die gesellschaftlichen und politischen Ereignisse der Zeit, vieles direkt (Feuchtwanger wollte laut dem Nachwort einen historischen Roman schreiben, auch wenn er die allerj\u00fcngste Vergangenheit behandelte), vieles implizit.<\/p>\n<p>Aus diesem Erz\u00e4hlrhythmus fallen ein paar Einzelkapitel eher satirischer Art heraus. In einem stellt Feuchtwanger, unkommentiert und dadurch umso entlarvender, statistische Gr\u00f6\u00dfen der ganzen Erde aus dieser Zeit nebeneinander, vom Anteil der landwirtschaftliche Besch\u00e4ftigten \u00fcber die Anzahl von Selbstmorden in Deutschland bis zur Religionsverteilung in Bayern. <\/p>\n<p>Der gro\u00dfe Bogen der Haupthandlung schafft nicht Spannung im eigentlichen Sinn; es sind die immer wieder aufgegriffenen Personen, die mich fesselten. Dazu kommt die Hauptrolle, die das damalige M\u00fcnchen spielt: Orte wie der Englische Garten, das M\u00fcller&#8217;sche Volksbad, Karolinenplatz, Feldherrnhalle, Rathauskeller geh\u00f6ren zu meinem Alltag, sogar vom Kocherlball ist kurz die Rede. M\u00fcnchen, Bayern und seine Bewohner, vor allem aber seine Politiker haben sich in den vergangenen 80 Jahren anscheinend kaum ver\u00e4ndert. Auch damals war der naheliegende Vergleich der mit Berlin, das nicht unbedingt besser wegkommt. Einige historische Figuren tauchen sehr erkennbar, wenn auch unter anderem Namen auf, darunter Bert Brecht und Karl Valentin.<\/p>\n<p>Sehr gefallen hat mir Feuchtwangers elegante Sprache, die sich ganz selbstverst\u00e4ndlich vieler Bavarismen bedient, ob \u201edamisch\u201c oder \u201eLackl\u201c. Sehr bald zu viel wurden mir allerdings seine st\u00e4ndig wiederholten Adjektive in Personenbeschreibungen (soll das an die homerischen <i>epiteta ornantia<\/i> erinnern?) &#8211; als er mir zum 15. Mal Johannas H\u00e4nde als \u201egro\u00dfporig\u201c vor Augen f\u00fchrte, Klenks \u201elangen Sch\u00e4del\u201c, h\u00e4tte ich ihn gerne posthum ein bisschen gew\u00fcrgt. Aber wirklich nur daf\u00fcr, ansonsten danke ich sehr herzlich f\u00fcr das Verfassen und Ver\u00f6ffentlichen dieses Buches.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Selbst bei mir Literaturwissenschaftlerin funktioniert der Abschreckmechanismus, Klassiker der Weltliteratur m\u00fcssten anstrengend zu lesen sein. 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