{"id":246,"date":"2004-02-11T11:48:01","date_gmt":"2004-02-11T10:48:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2004\/02\/lob-des-spiessertums.htm"},"modified":"2008-01-08T09:34:07","modified_gmt":"2008-01-08T08:34:07","slug":"lob-des-spiessertums","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2004\/02\/lob-des-spiessertums.htm","title":{"rendered":"Lob des Spie\u00dfertums"},"content":{"rendered":"<p>Es liegt vermutlich an meinem Naturell, dass ich mich dem Spie\u00dfertum schon immer recht verbunden gef\u00fchlt habe. Als meine Altersgenossen bereits so richtig wilde Sachen machten (Schule schw\u00e4nzen! In Diskotheken gehen! Haschisch rauchen!), sang ich im Jugendchor und vergn\u00fcgte mich mit meinen Mit-Pfadfinderinnen bei selbst gekochten afrikanischen Speisen, die wir mit den Fingern und auf dem Boden a\u00dfen (oho!). Und ich hatte nicht mal das Gef\u00fchl, irgendwas zu verpassen, wenn ich auf den Knutsch-Partys, in die selbst ich das eine oder andere Mal aus Versehen geriet, ungeknutscht \u00fcbrig blieb &#8211; versunken in philosophische Diskussionen mit dem einen Burschen, den zu knutschen sich keines der M\u00e4dchen herabgelassen hatte.<\/p>\n<p>Noch dazu bin ich in einer Stadt gro\u00df geworden, deren Spie\u00dfertum und Borniertheit bereits K\u00fcnstlerinnen zu gro\u00dfen Dramen inspiriert hat.<\/p>\n<p>Und, ZACK!, machen sich letzten Freitag die M\u00fcnchener des <i>SZ-Magazins<\/i> \u00fcber Leute wie mich Gedanken!<br \/>\n&#8220;Unsere kleine Welt&#8221; lautet der Titel <a href=\"http:\/\/sz-magazin.sueddeutsche.de\/\" target=_new>des Artikels<\/a> (leider nur mit Anmeldung zug\u00e4nglich, und das auch nur noch bis Donnerstag kostenlos), die Unterzeile &#8220;Fr\u00fcher konnte man herrlich auf die deutschen Spie\u00dfer schimpfen. Heute geht das nicht mehr: Viele m\u00fcssten sich selbst beschimpfen.&#8221;<\/p>\n<p>Ich kann mir durchaus vorstellen, dass es f\u00fcr die coolen, trendy People ein Schock ist, wenn sie an sich oder in ihrer coolen, trendy Gesellschaftsschicht Symptome des Spie\u00dfertums feststellen. Wenn man sich nicht langfristig darauf vorbereitet hat, ist es schwer damit zu leben, dass man zum Beispiel gerne fr\u00fch aufsteht.<\/p>\n<p>Ich selbst hatte es da immer erheblich leichter. Ausgestattet mit oben beschriebenem Naturspie\u00dfertum, entdeckte ich im Lauf der Jahre am Spie\u00dferdasein immer mehr gute Seiten. Vor allem im Vergleich zur Trends settenden Schicht. In meinen Studienzeiten h\u00f6rten diese Leute &#8220;Independent&#8221; und kleideten sich in England ein, will hei\u00dfen in Manchester und London. War interessant anzuschauen und anzuh\u00f6ren (mit ein paar Meter Platz zwischen Klangquelle und Ohr). Nur dass die Herrschaften in Gesellschaft ungeheuer unnahbar und freudlos wirkten, zudem gegen\u00fcber Andersgl\u00e4ubigen enorm intolerant waren.<br \/>\nDa lobte ich mir doch die Besucher von Dorfdiscos mit Namen wie <i>Wigwam<\/i>, <i>Lollipop<\/i> oder <i>Circus<\/i>. Modisch und musikalisch allesamt keine Inspiration \u2013 aber freundlich und offen. Es war vor allem die Toleranz der Spie\u00dfer, die ich immer mehr zu sch\u00e4tzen lernte: \u201eNun ja, wenn\u2019s ihm gef\u00e4llt.\u201c<\/p>\n<p>Wichtig auch: Reaktion\u00e4r ist was Anderes. Das impliziert Aktion und Planung. Wir Spie\u00dfer aber sind dazu viel zu bequem. Neues ist sch\u00f6n \u2013 wenn wir neugierig genug sind und es nicht anstrengt. Aber warum nicht auch mal das Neue im Alten finden?<\/p>\n<p>Das Werbe- und Marketingblatt <a href=\"http:\/\/www.horizont.net\/\" target=_new><i>Horizont<\/i><\/a> h\u00e4lt sich als Kolumnisten einen \u201eSpie\u00dfer Alfons\u201c. Bezeichnenderweise ist seine Funktion, wie das Kind aus dem M\u00e4rchen auf den aufgebl\u00e4hten Kaiser zu deuten und \u201eder hat ja gar nichts an!\u201c zu rufen.<\/p>\n<p>Ich gebe allerdings zu, dass ich zus\u00e4tzlich die Postmoderne in meinem Gen-Code habe; mein Faible f\u00fcr Gummib\u00e4ume und Perserteppiche mag also durchaus ironisch sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es liegt vermutlich an meinem Naturell, dass ich mich dem Spie\u00dfertum schon immer recht verbunden gef\u00fchlt habe. Als meine Altersgenossen bereits so richtig wilde Sachen machten (Schule schw\u00e4nzen! In Diskotheken gehen! 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