{"id":2480,"date":"2008-04-08T06:05:01","date_gmt":"2008-04-08T05:05:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=2480"},"modified":"2008-04-08T06:05:01","modified_gmt":"2008-04-08T05:05:01","slug":"sprachallergien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2008\/04\/sprachallergien.htm","title":{"rendered":"Sprachallergien"},"content":{"rendered":"<p>Zu meiner gro\u00dfen Best\u00fcrzung wird mir gerade klar, dass ich <i>doch<\/i> eine Allergie habe \u2013 n\u00e4mlich gegen bestimmte sprachliche Erscheinungen. Neuestes Mitglied auf der Liste der Allergene: \u201e\u2026war der Siegeszug der (XXYY) nicht mehr aufzuhalten\u201c. Es sch\u00fcttelt mich.<\/p>\n<p>Wie bei vielen Allergikern nimmt bei mir die Anzahl der reaktionsausl\u00f6senden Substanzen mit den Jahren zu. Erst letzte Woche habe ich mir von einem \u00e4lteren Kollegen Widerwillen gegen \u201eunter Beweis stellen\u201c geholt. Sein Vater, so erz\u00e4hlte er, habe sich diese Formulierung verbeten, da Hitler sie in seinen Reden besonders gerne eingesetzt habe. Und schon kann ich sie zumindest nicht mehr verwenden; vermutlich bedarf es nur weniger Wochen, und ich mag sie auch nicht mehr lesen. Denn, auch das wird mir soeben klar, es gibt wohl eine passive und eine aktive Sprachallergie. Die passive k\u00f6nnte \u201evisuelle Kontakallergie\u201c hei\u00dfen, die aktive \u201eSchreibhypersensibilit\u00e4t\u201c (leider schier unaussprechlich \u2013 f\u00e4llt Ihnen was Besseres ein?).<\/p>\n<p>Unter Schreibhypersensibilit\u00e4t leide ich zum Beispiel, wenn es um den Potentialis geht; beim Lesen aber akzeptiere ich vereinfachte Formen. \u201eWegen\u201c lasse ich beim professionellen Schreiben immer sch\u00f6n den Genitiv folgen; in Fremdtexten nehme ich den Dativ hin. Auf der Liste visueller Kontakallergene steht allerdings erheblich mehr. Das begann, ich wei\u00df es noch wie heute, in meinem Volontariat mit dem geschwungenen Tanzbein, das in jedem Manuskript freier Mitarbeiter auftauchte, die \u00fcber ein Fest berichteten (sprachlicher Nachbar vom \u201eH\u00f6hepunkt des bunten Treibens\u201c, vor allem zu Fasching). Fast manisch redigierte ich es weg. Noch im Lauf dieser ersten beiden Jahre bei der Zeitung verursachte mir der Texteinstieg \u201eEs ist wieder so weit\u201c \u00dcbelkeit. Im Studium begegnete ich so viel unpr\u00e4zisem Geschwalle und Wortgeklingel, dass man mich in Kursen regelm\u00e4\u00dfig die Hand-outs des Dozenten redigieren sah (nein, Herr Schr\u00f6der, das war kein flei\u00dfiges Mitschreiben). Konkrete Aversionen entwickelte ich unter anderem gegen die Abk\u00fcrzung m. E. (meines Erachtens). Das Berufsleben in der freien Wirtschaft bescherte mir dann Abneigungen wie die gegen \u201elie\u00df es sich nicht nehmen\u201c oder gegen das Uriah-Heep-artig buckelnde \u201ek\u00f6nnen\u201c: \u201ekonnte erzielen\u201c, \u201ekonnten wir verbuchen\u201c, \u201ekonnte leicht \u00fcbertreffen\u201c, \u201ekonnten fortsetzen\u201c. Das h\u00f6rte noch lang nicht auf, als eine meiner Agenturchefinnen \u201ebeinhalten\u201c konsequent als \u201eBein halten\u201c aussprach und mich auf ewig f\u00fcr eine unbefangene Verwendung verdarb.<\/p>\n<p>Ich f\u00fcrchte, dass mich eine progredierende Verschlimmerung dieser Sprachallergie irgendwann sprachlos macht. Dass keine Wendung, kein \u00fcbliches Bild \u00fcbrig bleiben, die ich nicht als Floskel empfinde. Ich w\u00fcrde berufsunf\u00e4hig.<\/p>\n<p>(Hey, das klingt wie der Stoff f\u00fcr einen deutschen Roman. 180 Seiten. Suhrkamp. Totlangweilig.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu meiner gro\u00dfen Best\u00fcrzung wird mir gerade klar, dass ich doch eine Allergie habe \u2013 n\u00e4mlich gegen bestimmte sprachliche Erscheinungen. Neuestes Mitglied auf der Liste der Allergene: \u201e\u2026war der Siegeszug der (XXYY) nicht mehr aufzuhalten\u201c. Es sch\u00fcttelt mich. Wie bei vielen Allergikern nimmt bei mir die Anzahl der reaktionsausl\u00f6senden Substanzen mit den Jahren zu. 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