{"id":2583,"date":"2008-05-21T08:01:04","date_gmt":"2008-05-21T06:01:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=2583"},"modified":"2008-05-20T18:02:47","modified_gmt":"2008-05-20T16:02:47","slug":"azar-nafisi-reading-lolita-in-tehran","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2008\/05\/azar-nafisi-reading-lolita-in-tehran.htm","title":{"rendered":"Azar Nafisi, <i>Reading Lolita in Tehran<\/i>"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/nafisi_tehran_1.jpg\" alt=\"\" \/><\/p>\n<p>&#8220;Living in the Islamic Republic is like having sex with a man you loathe&#8221; beginnt Kapitel 22 von Azar Nafisis umwerfendem Buch <i>Reading Lolita in Tehran<\/i>. Im darauffolgenden Absatz erkl\u00e4rt sie diesen Vergleich:<\/p>\n<blockquote><p>Well, it&#8217;s like this: if you&#8217;re forced into having sex with someone you dislike, you make your mind blank &#8211; you pretend to be somewhere else, you tend to forget your body, you hate your body. That&#8217;s what we do over here. We are constantly pretending to be somewhere else &#8211; we either plan or dream it.\n<\/p><\/blockquote>\n<p>Das ist nur eine Stelle, von der ich mir sehr sicher bin, dass sie in dem <a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2008\/02\/das-mit-den-horbuchern.htm\">H\u00f6rbuch der deutschen \u00dcbersetzung<\/a> nicht vorkommt (ist mir zu anstrengend zu verifizieren). Ich sch\u00e4tze, dass mindestens die H\u00e4lfte des Buches f\u00fcr die deutsche H\u00f6rbuchfassung gestrichen wurde &#8211; man bekommt also ein Listener&#8217;s Digest. Nein, das ist definitiv nicht das Buch, nur halt vorgelesen. Ebenso fehlt am H\u00f6rbuch der Untertitel &#8220;A memoir in books&#8221;, aus dem hervorgeht, dass es sich nicht um Fiktion handelt. Ja, das ist wichtig. Oder die Kapitel\u00fcberschriften &#8220;Lolita&#8221;, &#8220;Gatsby&#8221;, &#8220;James&#8221;, &#8220;Austen&#8221;, die den Untertitel berechtigen.<\/p>\n<p>Dabei will ich mich gar nicht in erster Linie \u00fcber die verlogene H\u00f6rbuchfassung beschweren, sondern lieber vom Buch schw\u00e4rmen. Azar Nafisi ist eine aus Iran stammende Literaturwissenschaftlerin, die nach ihrem Studium in den USA in ihre eben vom Schah befreite Heimat Tehran zur\u00fcckkehrte, um dort an der Universit\u00e4t zu unterrichten. Das Buch erz\u00e4hlt ihre Jahre dort bis 1997, als sie wieder wegging.<\/p>\n<p>Den Rahmen und roten Faden bildet ein Seminar, das Nafisi in den letzten beiden Jahren bei sich zu Hause gab und f\u00fcr das sie einige besonders literaturwissenschaftlich engagierte Studentinnen ausgew\u00e4hlt hatte. Sie beginnt mit einer Beschreibung der beiden Abschiedsfotos des Kurses &#8211; einmal in voller Verschleierung, einmal von den unverschleierten Teilnehmerinnen. Sie beschreibt detailliert jede ihrer Seminaristinnen &#8211; und wo mich sonst in Geschichten zu genaue Personenbeschreibungen nerven, haben sie in diesem Fall eine klare Funktion: Nafisi gibt den Frauen damit die Individualit\u00e4t zur\u00fcck, die der Tschador ihnen nimmt.<\/p>\n<p>An den w\u00f6chentlichen Seminartreffen entlang erz\u00e4hlt Azar Nafisi ihre eigene Entwicklung als Dozentin, B\u00fcrgerin, Person und die des Iran. Mit den sehr klugen \u00dcberlegungen zu den behandelten Romanen sind politische Beobachtungen verwoben, Analysen der erst immer radikaleren Islamisierung, des irak-iranischen Krieges, der ersten Reformen, links und rechts begleitet von Alltag. Dabei verl\u00e4sst Nafisi nie den leichten und gleichzeitig spannenden Plauderstil, der sie einem direkt gegen\u00fcber an den Kaffeehaustisch setzt.<\/p>\n<p>Das Buch, das alle Qualit\u00e4ten eines hervorragend geschriebenen Romans hat, lebt von dem Kontrast zwischen der Welt der westlichen Romane, die Nafisis Forschungsgebiet darststellen, und dem postrevolution\u00e4ren Iran \/ Tehran (ich bleibe mal bei der englischen Schreibweise). Sie hat viel Gesp\u00fcr f\u00fcr die ma\u00dflose Komik, die aus der islamischen Diktatur entsteht. Da ist zum Beispiel die Geschichte von der Psychologieprofessorin, die sich der Verschleierung entzieht und sich mit einem eifrigen, dicken Sittenw\u00e4chter ein Wettrennen quer \u00fcber den Uni-Campus liefert (noch vor der Zeit, in der die neuen Gesetze mit Gewalt, Folter und Gef\u00e4ngnis durchgesetzt wurden &#8211; weshalb ich beim Lesen noch lachen konnte). Oder die wundervolle Seminarstunde w\u00e4hrend Nafisis Lehrt\u00e4tigkeit an der Universtit\u00e4t, als sie die Interaktion der Charaktere aus Austens <i>Pride and Prejudice<\/i> mit einem Tanz der damaligen Zeit vergleicht. Die persischen Studentinnen k\u00f6nnen sich darunter nichts vorstellen, und so l\u00e4sst ihre Dozentin sie nach ihren Anweisungen tanzen &#8211; elegante englische T\u00e4nze vom Anfang des 19. Jahrhunderts, ausgef\u00fchrt von tief verschleierten Studentinnen in einem Seminarraum der Universit\u00e4t Tehran.<\/p>\n<p>Auch wenn die Geschichten linear vorgeht, sind die verschiedenen Zeitebenen miteinander verflochten; die Tanz-Episode wird zum Beispiel als Erinnerung erz\u00e4hlt &#8211; eine der Studentinnen in Nafisis Privatseminar war sich nicht sicher gewesen, ob sie sich mit ihrem fernen Verlobten verstehen w\u00fcrde, und so hatte eine ihrer Kommilitoninnen gemeint, vielleicht sollte sie mit ihm tanzen, um das herauszufinden. Wir erfahren viel \u00fcber diese sehr verschiedenen Frauen, so, wie Azar Nafisi in den beiden Jahren dieses besonderen Seminars viel \u00fcber sie erfahren hat. Gleichzeitig entsteht ein sehr lebendiges Bild von Tehran, davon, welch wundervolles Land Iran einmal gewesen sein muss &#8211; und es au\u00dferhalb des Zugriffs der Machthaber wohl immer noch ist. An vielen Details werden die Auswirkungen einer in Diktatur geendeten Revolution auf unterdr\u00fcckte Bev\u00f6lkerungsgruppen geschildert, in diesem Fall vor allem auf Frauen. Und auch wenn die Frauen in diesem Buch es \u00fcber weite Strecken versuchen &#8211; irgendwann hilft ihnen auch das Lachen nicht mehr.<\/p>\n<p>Die englische Buchhandelskette Waterstone&#8217;s ist mir unter anderem deshalb sympathisch, weil die Mitarbeiter jeder Filiale ihre eigenen Favoriten pr\u00e4sentieren (mit handschriftlichen Begr\u00fcndungen am Regal). Zudem gibt es Schildchen &#8220;life-changing book&#8221;. An <i>Reading Lolita in Tehran<\/i> befestige ich hiermit ein solches.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Living in the Islamic Republic is like having sex with a man you loathe&#8221; beginnt Kapitel 22 von Azar Nafisis umwerfendem Buch Reading Lolita in Tehran. 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