{"id":26,"date":"2003-10-02T14:48:16","date_gmt":"2003-10-02T12:48:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2003\/10\/vom-grossen-vergnuegen-chefin-zu-sein.htm"},"modified":"-0001-11-30T00:00:00","modified_gmt":"-0001-11-29T22:00:00","slug":"vom-grossen-vergnuegen-chefin-zu-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2003\/10\/vom-grossen-vergnuegen-chefin-zu-sein.htm","title":{"rendered":"Vom gro\u00dfen Vergn\u00fcgen, Chefin zu sein"},"content":{"rendered":"<p>Als dominante Pers\u00f6nlichkeit mit dem etwas sperrigen Charme eines Bulldozers geriet ich ganz von alleine schon fr\u00fch in F\u00fchrungspositionen. Und von Anfang an habe ich das genossen.<\/p>\n<p>Daran wurde ich gestern Abend erinnert, als ich mit einem fr\u00fcheren Mitarbeiter ausging. Er hatte in meinem damaligen Agentur-Team als Praktikant angefangen &#8211; schon nach knapp zwei Tagen war klar, dass der junge Mann ein Goldst\u00fcck war. Ich wieselte zur Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung und bettelte darum, den Herrn als Trainee behalten zu d\u00fcrfen. Schon bald nannte ich ihn vor Dritten nur noch \u201eWonderboy\u201c. \u00dcber ein Jahr hatte ich das Vergn\u00fcgen, von Wonderboy zu profitieren und ihn zu f\u00f6rdern. Jetzt arbeiten wir beide l\u00e4ngst an anderen Stellen, aber er haut mich bei jeder Begegnung wieder damit um, dass er meine k\u00fchnsten Erwartungen an ihn weit \u00fcbertrifft.<\/p>\n<p>Schon in meinem ersten Leben als Jungredakteurin wurde mir der journalistische Nachwuchs \u00fcberantwortet. In der kleinen Regionalredaktion leitete ich als Urlaubsvertretung ein Ressort mit Praktikant oder Volont\u00e4r. Ich fand es klasse, die Verantwortung f\u00fcr zwei ganze Seiten zu haben, Entscheidungen zu f\u00e4llen und mein Wissen so weiterzugeben, dass ich auch jemanden mit wenig Erfahrung nutzen konnte.<\/p>\n<p>Begeisterung wecken, Begabungen f\u00f6rdern \u2013 das waren auch die beiden Aspekte, die mir w\u00e4hrend meiner Zeit als Uni-Dozentin f\u00fcr Englische Literaturwissenschaft Vergn\u00fcgen bereiteten. Als Gr\u00fcnschnabel ohne akademische Sporen bekam ich nat\u00fcrlich zun\u00e4chst nur den Einf\u00fchrungskurs. Um mir wirklich motivierte Kurteilnehmer zu sichern (es gab drei Einf\u00fchrungskurse), setzte ich meinen Kurs um 8.30 Uhr an \u2013 also au\u00dferhalb des studentischen Raum-Zeit-Kontinuums. Diese Rechnung ging einigerma\u00dfen auf, mehr als ein Drittel der Kursteilnehmer war brauchbar.<\/p>\n<p>Ganz hinten, fast bis unter den Tisch gerutscht, sa\u00df Birgit. Mit verschr\u00e4nkten Armen und halbgeschlossenen Lidern beobachtete sie mich unter ihren kurzen wuschligen Blondhaaren und war zum Umfallen cool. Aus ihren schriftlichen Hausaufgaben (oho, es war nicht einfach, bei mir einen Schein zu kriegen!) und ihren Seminarbeitr\u00e4gen schloss ich schnell, dass Birgit nicht nur \u00fcberdurchschnittlich begabt war, sondern sich auch eigentlich extrem f\u00fcr Literatur interessiere. Es war ein gro\u00dfes Vergn\u00fcgen, sie \u00fcber das Semester hinweg zur Einsicht zu verf\u00fchren, dass es an der Uni durchaus cool sein kann, sich f\u00fcr sein Studienfach zu begeistern. Daraufhin startete Birgit mit voller Kraft durch und brillierte. \u00dcber das Internet verfolge ich seither ihren weiteren Weg und hoffe, dass sie die akademische Karriere machen wird, die ich nicht durchgehalten habe.<\/p>\n<p>So richtig ging\u2019s aber los mit dem Dasein als Chefin (bitte mit langem eeee gesprochen), als ich mich ins Agenturleben st\u00fcrzte. Zun\u00e4chst bekam ich nur Praktikanten und Trainees, von denen ich keinen selbst ausgesucht hatte. Schmerzhaft lernte ich, mich durch meine Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin nicht in meinem eigenen Eindruck des neuen Personals irre machen zu lassen: Die Damen und Herren waren durch die Bank Knallk\u00f6pfe und flogen innerhalb kurzer Zeit aus der Kurve, so dass ich zus\u00e4tzlich zum Agentur-Vietnam alle paar Wochen von vorne mit Anlernen beginnen musste. St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck nahm ich die Auswahl meiner Team-Mitglieder selbst in die Hand. In einem Fall dr\u00fcckte ich die \u00dcbernahme einer Praktikantin ins Volontariat sogar gegen die Einsch\u00e4tzung der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin durch (Sie abschlie\u00dfend: \u201eDir ist klar, dass ich an Deinem steigenden Umsatz sehen will, ob du recht hattest.\u201c). Ich f\u00fchlte mich sehr wohl in der Projektierung, Terminierung, Delegation, F\u00f6rderung von Mitarbeiterinnen. Anlernerin vom Dienst blieb ich allerdings. Denn sobald auch die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin begriff, dass ich ein Juwel gefunden hatte, zog sie mir die Mitarbeiterinnen in schw\u00e4chere Teams ab.<\/p>\n<p>Auf dem n\u00e4chsten Posten in der n\u00e4chsten Agentur hatte ich dann ein richtig sch\u00f6n gro\u00dfes Team. Mittlerweile traue ich mich ja nicht mehr so laut wie fr\u00fcher zu behaupten, ich sei durch und durch teamf\u00e4hig \u2013 vielleicht bin ich n\u00e4mlich in Wirklichkeit nur teamleitungsf\u00e4hig&#8230; Aber das erstklassig, wirklich! Es macht mir ungeheuer Spa\u00df, Dinge zu erm\u00f6glichen, das Beste aus Mitarbeitern herausholen. Selbstverst\u00e4ndlich erzielte ich dabei die besten Ergebnisse, wenn ich Ziele vorgab und nicht Detailschritte, wenn ich den Leuten Deadlines vorgab, aber sie nicht \u00fcberwachte. Allerdings habe ich es noch nie geschafft, einen unmotivierten Nichtsk\u00f6nner hochzup\u00e4ppeln. Will ich auch gar nicht, dann h\u00e4tte ich ja gleich Schullehrerin werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Erst in den diversen F\u00fchrungspositionen hat sich \u00fcbrigens ergeben, dass ich Kollegen und Mitarbeiter gerne mit Kosenamen anspreche, unter anderem \u201ePurzel\u201c, \u201eSchn\u00e4uzelchen&#8221; und \u201eSchnucki\u201c. Aber nur die, die ich wirklich sch\u00e4tze. Keine Ahnung, ob meinen Mitarbeitern das gef\u00e4llt. Aber ich f\u00fchle mich gut damit.<\/p>\n<p>Mit der Art und Weise, wie mir das Chefinnen-Dasein gef\u00e4llt, erkl\u00e4re ich mir auch, warum ich noch nie Ambitionen hatte, \u201emein eigener Chef\u201c zu sein. Dann k\u00f6nnte ich mich ja viel zu wenig um Inhalte und Mitarbeiter k\u00fcmmern. Nein, ich habe am meisten Spa\u00df, wenn es noch eine Eskalationsstufe \u00fcber mir gibt, und wenn mir zudem Buchhaltungs- und Personalabteilungen l\u00e4stigen Kleinmist abnehmen.<\/p>\n<p>Ach ja&#8230; Es ist n\u00e4mlich so, dass ich da, wo ich seit eineinhalb Jahren sitze, keine Chefin mehr bin. Ich bin schon wichtig, aber weil wir eine Drei-Personen-Truppe in der Funktion einer Stabstelle sind, ist nur Platz f\u00fcr einen Oberchef \u2013 der ich auch gar nicht sein will. Geht mir schon ab, das F\u00fchren&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als dominante Pers\u00f6nlichkeit mit dem etwas sperrigen Charme eines Bulldozers geriet ich ganz von alleine schon fr\u00fch in F\u00fchrungspositionen. Und von Anfang an habe ich das genossen. Daran wurde ich gestern Abend erinnert, als ich mit einem fr\u00fcheren Mitarbeiter ausging. 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