{"id":2606,"date":"2008-07-07T12:54:52","date_gmt":"2008-07-07T10:54:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=2606"},"modified":"2010-07-07T15:34:14","modified_gmt":"2010-07-07T13:34:14","slug":"diatterror-die-serie-15perfect-girls-starving-daughters-the-frightening-new-normality-of-hating-your-body","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2008\/07\/diatterror-die-serie-15perfect-girls-starving-daughters-the-frightening-new-normality-of-hating-your-body.htm","title":{"rendered":"Di\u00e4tterror &#8211; die Serie (15):<br><i>Perfect Girls, Starving Daughters: The Frightening New Normality of Hating Your Body<\/i>"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/perfect_girls_1.jpg\" alt=\"\" \/><\/p>\n<p>Letzte Woche versuchte mir das Selbsthassmonster mal wieder einzureden, ich h\u00e4tte zugenommen. Mein Kleiderschrank ist sehr voll, und so merke ich mir nicht im Detail, welche Hose, welcher Rock eher locker oder eher eng sitzen \u2013 und kann mir flugs einbilden, die blaue Hose mit Nadelstreifen kneife pl\u00f6tzlich an den Oberschenkeln. Ich war mal wieder ganz knapp davor, mich zu wiegen (merke: sich st\u00e4ndig wiegen m\u00fcssen nur Kranke und Schwangere). Dabei bewies mir mein sch\u00f6ner Blumenrock gestern, dass von Zunehmen nicht die Rede sein kann: Er sa\u00df mit genau so viel Spiel wie immer auf den H\u00fcften.<\/p>\n<p>An der Ecke bin ich immer noch hochempfindlich. Mein K\u00f6rperumfang ist seit fast zwei Jahren genau so, wie ich ihn haben will. Nein, ich w\u00fcnsche mir nicht, d\u00fcnner zu sein \u2013 was sich doch angeblich jede Frau ertr\u00e4umt. Zum einen schaue ich mir heute die Fotos meines d\u00fcnneren Selbst an und stelle fest: Das war zu d\u00fcnn. An meinem kr\u00e4ftigen Knochenbau wirkt zu wenig Umh\u00fcllung verh\u00e4rmt. Und ich erinnere mich zu gut, dass ich Gr\u00f6\u00dfe 36\/38 nur mit eiserner Selbstkasteiung halten konnte \u2013 ein deutlicher Hinweis, dass sie mir nicht entsprach. Zum anderen wei\u00df ich aus Erfahrung, dass viele Kleidungsst\u00fccke mir nie stehen werden, egal, wie d\u00fcnn ich bin. Gewichtsverlust w\u00fcrde also lediglich bedeuten, dass mir all meine sch\u00f6nen Sachen nicht mehr passen. Nein, danke.<br \/>\nAber, und hier die Empfindlichkeit: Mehr zu werden, bleibt einer meiner schlimmsten Alptr\u00e4ume. Auch wenn nichts darauf hinweist, dass das ein reales Risiko ist.<\/p>\n<p>Kein Wunder also, dass mich <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/Perfect-Girls-Starving-Daughters-Frightening\/dp\/0749928131\/ref=sr_1_2?ie=UTF8&#038;s=books-intl-de&#038;qid=1215415066&#038;sr=8-2\" target=_new><i>Perfect Girls, Starving Daughters: The Frightening New Normality of Hating Your Body<\/i><\/a> interessierte. Es war der Untertitel, der mich auf das Buch aufmerksam machte. Er fasst zusammen, was die Autorin Courtney E. Martin zum Schreiben gebracht hat: Wir sehen es inzwischen als v\u00f6llig normal an, dass Frauen ein kaputtes Verh\u00e4ltnis zu ihrem \u00c4u\u00dferen und zur Nahrungsaufnahme haben. <\/p>\n<p>Martin nimmt sich heterosexuelle M\u00e4dchen und Frauen im Alter von 12 bis 29 vor. Auch wenn ihre Untersuchung nicht statistisch relevant wissenschaftlich ist, sondern lediglich eine gro\u00dfe Menge F\u00e4lle aufz\u00e4hlt, sind ihre Definitionen und Abgrenzungen gewissenhaft und transparent. Dazu geh\u00f6ren auch saubere Quellenangaben und eine ausgiebige Literaturliste.<\/p>\n<p>Das Buch basiert auf einer Vielzahl Interviews mit M\u00e4dchen, Frauen und M\u00e4nnern, per E-Mail oder pers\u00f6nlich. Zu den Aspekten, die Martin beleuchtet, geh\u00f6ren \u201eFeminism\u2019s unintended legacy\u201c, \u201eThe male mirror\u201c, \u201ePop, Hip-hop, Race and the Media\u201c, \u201eAll-or-nothing nation\u201c, \u201cAthletic obsession\u201c. Vieles daran ist sehr US-amerikanisch: Die High-School-Mechanismen, die beschriebene Desillusion nach Studium oder 11-J\u00e4hrige, die von ihrer Mutter einmal die Woche zum Nutritionist geschickt werden, sind mir als Europ\u00e4erin fremd. \u00dcberrascht war ich aber, wie viel von dem, was sie \u00fcber 12- bis 29-J\u00e4hrige schreibt, auch auf mich 40-J\u00e4hrige zutrifft.<\/p>\n<p>Viele von Martins Beobachtungen fand ich erhellend. So h\u00e4lt sie ein unbeabsichtiges Erbe der Feministinnen zweiter Generation fest: Wir, die wir von unseren M\u00fcttern ermutigt wurden \u201eYou can be anything you want&#8221; haben das ganz offensichtlich aufgefasst als \u201eYou must be everything&#8221;. Wie es zu diesem Missverst\u00e4ndnis gekommen ist, bleibt offen. Allerdings waren es dieselben M\u00fctter, die Wein predigten, aber Wasser servierten (es sind immer die M\u00fctter schuld). Die ihre T\u00f6chter anwiesen, sich gegen die Kult von \u00c4u\u00dferlichkeiten zu wehren, selbst aber vor dem Spiegel ver\u00e4chtlich zu sich waren. Oder die mich, in meinem Fall, auf H\u00f6chstleistungen in der Schule und eine Karriere dressierten, sich selbst aber komplett vom Geld und Beruf ihres Ehemanns abh\u00e4ngig machte.<\/p>\n<p>Auch interessant: Die Ergebnisse von Martins Erhebung, was M\u00e4nner (angenommen, es handle sich um eine erfassbare Gruppe) wirklich an Frauen (eine ebenso hypothetische Gruppe) attraktiv finden. Zum einen stellt sie fest, dass ein Unterschied zwischen der Jagd nach <i>hot girls<\/i> und der Suche nach einer m\u00f6glichen Partnerin besteht. Die <i>hot girls<\/i> entsprechen den Stars in Film, Musik und Fernsehen, von ihnen tr\u00e4umen M\u00e4nner, um diese treten sie in Wettstreit, sie gelten als Troph\u00e4e. Doch dann ist da die E-Mail-Aktion, die Martin startete. Sie mailte allen M\u00e4nnern in ihrem Freundes- und Bekanntenkreis und bat sie, die Mail an so viele M\u00e4nner wie m\u00f6glich weiterzuschicken, wies ausdr\u00fccklich darauf hin, dass auch anonyme Antworten willkommen seien:<\/p>\n<blockquote><p>\u201cWhat do you honestly find attractive? Don\u2019t give me your politically correct answer. Lay it on me.\u201d<\/p>\n<p>And almost every one of them answers in some form or another:<br \/>\nconfidence and a sense of humor.<\/p>\n<p>In truth, if you are worrying about snagging a man, you would be better off spending your time taking an improv comedy class than running on the treadmill. (\u2026) Guys don\u2019t want disappearing women. In direct contrast, they actually want women who are present, strong, and ambitious. Guys don\u2019t want women who maintain a tiny size if it isn\u2019t their natural weight. They want women who carry their size with grace.<\/p><\/blockquote>\n<p>Es folgen seitenweise Zitate aus den Anwort-Mails, die das belegen.<\/p>\n<p>Andererseits: Wenn Frauen das wirklich einsehen w\u00fcrden, k\u00f6nnten die meisten Frauenzeitschriften dicht machen. Die Folgen: Medienkrise, arbeitslose Journalisten, Einbruch in der Werbeindustrie, Armageddon. Das wollen wir doch nicht. Es ist einfach zu lukrativ, wenn Frauen sich schei\u00dfe finden.<\/p>\n<p>Eine Ursachenanalyse bietet Martin nur in Ans\u00e4tzen an \u2013 aber das hat sie sich auch nicht als Aufgabe gestellt. V\u00f6llig hilflos ist auch sie, wenn sie in Gespr\u00e4chen mit jungen M\u00e4dchen feststellt, dass diese sich sich des m\u00f6rderischen Einflusses von Medienbildern sogar bewusst sind, aber keine M\u00f6glichkeit sehen, sich ihm zu entziehen. Die L\u00f6sung, die sie am Schluss des Buches als M\u00f6glichkeit aufzeigt (kein amerikanisches Buch ohne L\u00f6sung), ist entsprechend fragw\u00fcrdig: \u201eSpirituality.\u201c<\/p>\n<p>Befremdlich war f\u00fcr mich das Einweben pers\u00f6nlicher Erlebnisse der Autorin. Ihre Begr\u00fcndung: So viele Frauen haben sich ihr ge\u00f6ffnet und viel von sich preisgegeben, dass sie das der Gerechtigkeit halber ebenfalls tun muss. Ich schwanke zwischen Kopfsch\u00fctteln \u00fcber das Aufgeben der wissenschaftlichen oder auch nur journalistischen Distanz und dem Respekt davor, wie verletzbar sich Martin damit macht. (Au\u00dferdem h\u00e4tte ich Martins hochkomische Geschichten, wie ihr Vater sich bem\u00fchte, Teil ihres Frauwerdens zu sein, nicht missen wollen.)<\/p>\n<p>Wieder zur\u00fcck zu mir pers\u00f6nlich: Mein Selbstbild ist viel besser geworden in den vergangenen Jahren (mag am Alter liegen: Martin berichtet am Rande von den \u00e4lteren Frauen, die endlich Frieden mit ihrem K\u00f6rper geschlossen haben. Nur dass sie nicht so lange warten will), auf einer Waage stand ich seit eineinhalb Jahren nicht mehr, das innere Monitoring meiner Nahrungsaufnahme ist deutlich nachl\u00e4ssiger geworden. Misstrauisch bleibe ich meiner Sportlust gegen\u00fcber.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Letzte Woche versuchte mir das Selbsthassmonster mal wieder einzureden, ich h\u00e4tte zugenommen. 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