{"id":2623,"date":"2008-07-24T17:40:27","date_gmt":"2008-07-24T15:40:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=2623"},"modified":"2008-07-25T09:55:16","modified_gmt":"2008-07-25T07:55:16","slug":"barmaid-im-duke-of-york","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2008\/07\/barmaid-im-duke-of-york.htm","title":{"rendered":"Barmaid im <i>Duke of York<\/i>"},"content":{"rendered":"<p>Ob das nun eine Eigenheit walisischer Pubs war oder generell eine Pub-Modephase: Das Personal in den Pubs von Swansea trug Anfang der 90er Uniform. Also auch ich w\u00e4hrend des halben Jahres, das ich als Barmaid im <i>Duke of York<\/i> arbeitete. Leider gibt es kein Foto von mir in voller Glorie, deshalb muss eine Beschreibung reichen: Beinkleid hatte ein schwarzer Kellnerinnenrock oder eine schwarze Hose zu sein (selbst mitzubringen), die vom Pub gestellte Oberbekleidung bestand aus einer grau-wei\u00df-rot gestreiften Bluse mit wei\u00dfem Kragen und einer passend roten Satin-Fliege. Jausa.<\/p>\n<p>Der Job im Pub geh\u00f6rte zum besten, was mir w\u00e4hrend meines Auslandsjahrs einfiel. Eine meiner englischen Freundinnen und Mitbewohnerinnen, Nadine, arbeitete dort seit Anfang ihres Studiums und kam regelm\u00e4\u00dfig mit den herzigsten Geschichten heim. Zudem hatte ich im Sommer-Trimester, in dem die einheimischen Studenten ihre Abschlusspr\u00fcfungen ablegten, nur wenige Veranstaltungen an der Uni und damit viel Zeit. Ein wenig vorherige Branchenerfahrung bildete ich mir durch den Kneipenjob ein, den ich mit 18 ein Jahr lang gehabt hatte.<\/p>\n<p><b>Die erste Bestellung<\/b><\/p>\n<p>Mein erster Arbeitseinsatz als Barmaid war dann auch ein D\u00e9j\u00e0-vu meines ersten Einsatzes als Bedienung in einer bayerischen Provinz-Pilsbar. Damals hatte n\u00e4mlich mein erster beruflicher Gast als erste Bestellung etwas aufgegeben, das ich noch nie geh\u00f6rt hatte: \u201eA Ma\u00df Goa\u00df.\u201c Im Bewusstsein meiner Unerfahrenheit hatte ich diese Bestellung l\u00e4chelnd und lautmalerisch notiert und war damit zur Barkeeperin gegangen. Diese hatte mir erkl\u00e4rt, dass es sich um die traditionelle und beliebte Mischung von Bier, Cola und Weinbrand sowie Kirschlik\u00f6r handelte. (Ich hatte eine sehr beh\u00fctete Kindheit.)<\/p>\n<p>Nun stand ich an einem fr\u00fchsommerlichen Nachmittag in besagter Kleidung hinterm Tresen des <i>Duke of York<\/i> und machte ein freundliches Gesicht. Ebenso freundlich gr\u00fc\u00dfte ich die Dame, die an die Theke trat und ihre Bestellung aufgab. Ich verstand sie nicht. \u201eSorry?\u201c Die Damen wiederholte ihre Bestellung, ein zweisilbiges Wort, gefolgt von \u201eplease\u201c. Ich verstand wieder nicht, entschuldigte mich f\u00fcr meine Schwierigkeit mit einem Hinweis auf meine Unerfahrenheit. Geduldig und langsam wiederholte die Dame, was sie trinken wollte: \u201eA spritzer, please.\u201c Ich dankte ihr und drehte l\u00e4cheln ab; jetzt wusste ich zumindest genug, um eine Kollegin um Hilfe zu bitten. Und so lernte ich das englische Wort f\u00fcr Wei\u00dfweinschorle.<\/p>\n<p>Am Bedienen war das meiste anders als daheim. W\u00e4hrend ich mir in der oberbayerischen Pilsbar beim Bedienen schnell eine Knochenhautentz\u00fcndung am Schienbein vom vielen Rumlaufen geholt hatte, verbrachte ich im <i>Duke of York<\/i> die weitaus meiste Arbeitszeit hinterm Tresen: Wie einem alle halbwegs brauchbaren Englischlehrerinnen beigebracht haben, wird in einem Pub nicht am Tisch bedient, sondern man holt sich rundenweise sein Getr\u00e4nk selbst. Raus musste ich nur zum Einsammeln von Gl\u00e4sern. Ich lernte die Theke zu sch\u00e4tzen als physischen Schutz vor p\u00f6belnden G\u00e4sten und grapschenden H\u00e4nden; gleichzeitig befand ich mich hinter diesem Tresen aber auf dem Pr\u00e4sentierteller, ohne die M\u00f6glichkeit, mich unangenehmen Blicken durch bewegungsreiche Gesch\u00e4ftigkeit zu entziehen.<\/p>\n<p><b>Englisch zapfen, englisch z\u00e4hlen<\/b><\/p>\n<p>Das Biereinschenken musste ich von Grund auf neu lernen; dass ich vorher problemlos vier Hefeweizen gleichzeitig einschenken und ein sauberes Pils zapfen konnte, n\u00fctzte mir gar nichts. Ich lernte die Techniken <i>to pour a pint<\/i> und <i>to pull a pint<\/i>*. <i>To pour<\/i> galt f\u00fcr Lager, Stout und Guinness: Das Glas wird unter den Zapfhahn gehalten, der kleine Hebel dar\u00fcber umgelegt, und aus dem Hahn pl\u00e4tschert das Bier, im Fall von Stout und Guinness durch ein feines Sieb am Hahn, das den ber\u00fchmten sahnigen Schaum erzeugte. <i>Pulling<\/i> war bei Bitter und Ale anzuwenden: Diese Zapfh\u00e4hne hatten einen halbmeterhohen Hebel in Keulenform, mit dem die Barmaid das Bier mechanisch aus dem Keller hochpumpte. Nachdem mich eine Kollegin darauf hinwies, dass das perfekte Pint Bitter mit genau dreimal Pumpen gef\u00fcllt werde, setzte ich sofort meinen Ehrgeiz daran und war ungeheuer stolz, wie schnell ich es beherrschte. \u00dcberhaupt: Die Kollegen und Kolleginnen waren allesamt unglaublich herzlich, kameradschaftlich und hilfsbereit.<\/p>\n<p>Eine weitere Regel, die sie mir beibrachten: Nie hinter der Theke rauchen oder trinken; dazu hatte ich bitte in den Gastraum zu wechseln. Als ganz traditioneller Pub hatte das <i>Duke of York<\/i> zwei solche, die Tap Bar und die Lounge. Die beiden R\u00e4ume waren durch eine Buntglaswand getrennt, die eine Theke bediente alle zwei. Die Einrichtung der Tap Bar war schlicht und funktional, der PVC-Boden abwaschbar \u2013 sie war f\u00fcr die Arbeiter und ihr Feierabend-Pint gedacht, das sie durchaus im schmutzigen Arbeitsoverall tranken. Wenn sie sp\u00e4ter oder am Wochenende mit der Lady ausgingen, sauber und umgezogen, nutzten sie die Lounge mit ihren gepolsterten Sitzen und dem Teppichboden. Es gab auch zwei Preisstufen: In der Lounge kostete alles ein bisschen mehr.<\/p>\n<p>Auch wenn das Personal jede Bestellung in die Registrierkasse eingab, zusammengerechnet wurde \u00fcblicherweise schnell und im Kopf. Nachdem ich irgendwo aufgeschnappt hatte, dass Kopfrechnen eine letzte Bastion der Muttersprache ist (mein spanischer Vater tr\u00e4umt zwar schon lange auf Deutsch, wenn er Zahlenreihen zusammenrechnet, sehe ich ihn aber bis heute spanisch murmeln), setzte ich einen weiteren Ehrgeiz daran, englisch zu rechnen. Trinkgeld gab es im Grunde nicht, kein Summe wurde aufgerundet. Etwas vergleichbares war es wohl, wenn ein Stammgast alle paar Wochen beim Zahlen sagte: \u201eAnd have one for yourself.\u201c Wenn er also die Bedienung auf ein Getr\u00e4nk einlud. Ich lernte, dass ich dann \u201eI\u2019ll have it later\u201c zu antworten und ein Halfpint des preisg\u00fcnstigsten Biers einzubuchen hatte. Ob ich das nach Feierabend tats\u00e4chlich trank oder mir den Geldbetrag daf\u00fcr auszahlen lie\u00df, war mir \u00fcberlassen.<\/p>\n<p>Wie das mit den spanischen Studenten war, mit den <i>lager louts<\/i>, mit dem sich verlobenden Kollegenp\u00e4rchen und mit dem Gentleman-Gast, der mich schriftlich und auf B\u00fcttenpapier um eine Verabredung bat, erz\u00e4hle ich bei anderer Gelegenheit. Vielleicht. <\/p>\n<p>Und dann doch noch ein Foto in zumindest halber Glorie.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/im-pub.jpg\" alt=\"\" \/><\/p>\n<p>*alle Erkl\u00e4rungen laut Wirt Steve bzw. wie ich sie im Ged\u00e4chtnis behalten habe, Fehler gehen allein auf meine Kappe<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ob das nun eine Eigenheit walisischer Pubs war oder generell eine Pub-Modephase: Das Personal in den Pubs von Swansea trug Anfang der 90er Uniform. Also auch ich w\u00e4hrend des halben Jahres, das ich als Barmaid im Duke of York arbeitete. Leider gibt es kein Foto von mir in voller Glorie, deshalb muss eine Beschreibung reichen: [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-2623","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-general"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2623","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2623"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2623\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2623"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2623"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2623"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}