{"id":26379,"date":"2015-04-17T10:05:34","date_gmt":"2015-04-17T08:05:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=26379"},"modified":"2015-12-31T16:27:07","modified_gmt":"2015-12-31T15:27:07","slug":"james-rebanks-the-shepherds-life","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2015\/04\/james-rebanks-the-shepherds-life.htm","title":{"rendered":"James Rebanks, <i>The Shepherd&#8217;s Life<\/i>"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/buch_rebanks.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/buch_rebanks.jpg\" alt=\"buch_rebanks\" width=\"150\" height=\"245\" class=\"alignnone size-full wp-image-26281\"\/><\/a><\/p>\n<p>Ich freue mich sehr, dass <i>The Shepherd&#8217;s Life. A Tale of the Lake District<\/i> von James Rebanks umgehend zum Bestseller wurde. Mag daran liegen, dass ich ihm <a href=\"https:\/\/twitter.com\/herdyshepherd1\" target=\"_blank\">auf Twitter<\/a> schon folgte, als er noch in kleinen finnischen Klubs twitterte. Ganz sicher aber daran, dass das Buch wunderbar und einzigartig ist.<\/p>\n<p>Der Herdyshepherd, wie ich ihn f\u00fcr mich immer noch nenne, beschreibt anhand seiner eigenen Biographie die Kultur und das landwirtschaftliche Leben in dem Tal des Lake Districts, in dem er wohnt. Und seine Familie bereits seit 600 Jahren.<\/p>\n<p>Er stellt seiner Erz\u00e4hlung ein langes Wordsworth-Zitat voran (in der Schule machte ihm die Vermittlung von Wordsworth klar, dass er und andere Bewirtschafter des Lake Districts in den Schw\u00e4rmereien der Romantiker schlicht nicht existieren), und er beginnt mit einer Erkl\u00e4rung des Begriffs, das zentrales Thema des Buchs ist:<br \/>\n<i>hefted<\/i> &#8211; damit wird wohl die Verbundenheit der Schafherden mit ihrem angestammten Gebiet bezeichnet. Sie bewirkt unter anderem, dass die Tiere auch ohne Umz\u00e4unung ihre Weiden nicht verlassen. F\u00fcr Rebanks ist sie gleichzeitig die tiefe Verbundenheit, die er im Einklang mit seinen Vorfahren f\u00fcr seine Heimat f\u00fchlt.<\/p>\n<p>Dieses <i>hefted<\/i> fand ich besonders interessant, vor allem weil ich es selbst \u00fcberhaupt nicht kenne. Kann ich ja auch nicht als Nachkomme von Einwanderern aus sehr weit voneinander entfernten Gegenden Europas, deren Vorfahren selbst bereits aus ihrer Heimat wegziehen mussten &#8211; die einen wegen der Hungersn\u00f6te nach dem spanischen B\u00fcrgerkrieg aus dem l\u00e4ndlichen Kastilien nach Madrid, die andere, weil sie zur Zwangsarbeit aus der s\u00fcdpolnischen Provinz nach Schwaben verschleppt wurde. Ich empfinde das Fehlen dieser Verwurzelung nicht als Mangel, oft im Gegenteil als eine Art Freiheit. Doch mir ist bewusst, dass sie nur schwer herzustellen ist.<\/p>\n<p>Herdyshepherd hat in seinem Buch eine Agenda, die er immer wieder explizit anspricht: Er will Respekt erzielen f\u00fcr seine Art Leben und f\u00fcr die, die es leben; Anerkennung des Nutzens f\u00fcr die Gemeinschaft.<\/p>\n<p>In England rennt er damit kulturell offene T\u00fcren ein: Die literarische Verarbeitung von Landleben, vor allem dem von fr\u00fcher (wann immer das war), st\u00f6\u00dft in England traditionell auf Interesse, meist ein romantisierendes. Direkt vor <i>The Shepherd&#8217;s Life<\/i> hatte ich einen Klassiker der englischen Landlebenromantisierung gelesen: <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Cider_with_Rosie\" target=\"_blank\"><i>Cider with Rosie<\/i> von Laurie Lee<\/a> &#8211; kennt in England praktisch jeder und jede (Beschreibung von Dorforiginalen, von vor F\u00fclle \u00fcberbordenden G\u00e4rten, den H\u00e4rten des Winters, Einzug neuer Technik  nach dem Ersten Weltkrieg). Auch <a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2014\/06\/ronald-blythe-akenfield.htm\" target=\"_blank\">Ronald Blythes <i>Akenfield<\/i><\/a> verkauft sich bis heute.<br \/>\nIn der deutschen Bestsellerliteratur gibt es keine Entsprechung (m\u00f6gen mich Germanistinnen korrigieren, wenn es \u00fcberhaupt eine Entsprechung in der deutschen Literatur gibt), ich erinnere mich gerade mal an <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Anna_Wimschneider\" target=\"_blank\">Anna Wimscheiders <i>Herbstmilch<\/i><\/a>, und das kam 1984 heraus. Doch in England \u00fcberrascht mich weder der Erfolg des Twitter Accounts noch des Buchs. Was allerdings auch die Engl\u00e4nder nicht daran hindert, lieber zum billigen Supermarktfleisch aus Massentierhaltung und zum billigen Lammfleisch aus Neuseeland zu greifen.<\/p>\n<p>Herdysheperd steht nicht nur in einer literarischen Tradition (auf die er anspielt und die er zitiert); seine Version und Lebensgeschichte schl\u00e4gt ein neues Kapitel auf. Das hat traditionell mit neuer Technik zu tun, die auch in den englischen Landlebensklassikern eine Schl\u00fcsselrolle spielt, und mit gesellschaftlichen Ver\u00e4nderungen: Rebanks ist nicht nur ein besonders schlauer Kopf; er hat Zugang zu einer F\u00fclle von Informationen und kann andere Lebenswege ausprobieren. In einer Welt ohne die heutige Bildungs- und Infrastruktur w\u00e4re es ihm unm\u00f6glich gewesen, die Hochschulreife in Abendkursen nachzuholen und neben einem Studium in Oxford auf dem v\u00e4terlichen Hof zu arbeiten.<\/p>\n<p>Sein Buch lebt von den ernsthaften und fachlich tiefen Schilderung des Alltags von Schafhirten und -hirtinnen (oh ja) &#8211; irgendwann hatte ich beim Lesen den Eindruck, ich k\u00f6nnte jederzeit mit zupacken und w\u00e4re auch noch n\u00fctzlich dabei -, von der Beschreibung der Bewohner des Tals und von Rebanks j\u00fcngster Familiengeschichte. Idylle taucht nur sehr vereinzelt auf, am ehesten in den Fotos, die schwarz-wei\u00df abgedruckt sind (kein Vergleich zu den atemberaubenden Aufnahmen, die Herdyshepherd t\u00e4glich bei Twitter postet).<\/p>\n<p>Die prek\u00e4re Situation dieses Wirtschaftszweigs macht Rebanks indirekt und an konkreten Beispielen klar: Detailliert schildert er, wie sein Vater ihm das Scheren der Schafe beibrachte, wie er Jahr um Jahr daran arbeitete, dessen Tempo einzuholen. Die Schilderung eines solchen Schurtages endet mit der Beschreibung, wie die eben abgeschorenen Vliese verbrannt werden: Ihr Marktpreis ist so niedrig, dass er nicht mal den Aufwand des Verkaufens decken w\u00fcrde. Kein Hof in Rebanks Tal kann von seinen Schafen leben, auf jedem muss mit externer Zusatzarbeit der Lebensunterhalt gesichert werden. Gleichzeitig erkl\u00e4rt Herdyshepherd nachvollziehbar, dass es die traditionelle Bewirtschaftung dieser Region war, die sie \u00fcber viele Jahrhunderte zu dem gemacht hat, was die Romantiker beschw\u00e4rmten und was wir zu gr\u00f6\u00dften Teilen noch heute sehen. Ein Aussterben dieser Landwirtschaft w\u00fcrde auch die Landschaft zerst\u00f6ren.<\/p>\n<p>Besonders eindrucksvoll fand ich die sprachliche Kargheit, mit der Rebank die schlimmsten Erlebnisse erz\u00e4hlt, n\u00e4mlich die Keulung ganzer Schafherden w\u00e4hrend der Maul- und Klauenseuche im Jahr 2001. An dieser Stelle hat er uns bereits Kapitel um Kapitel erkl\u00e4rt, mit welcher Sorgfalt und Hingabe ein bestimmtes Zuchtergebnis angestrebt wird,  welche Gr\u00fcnde es f\u00fcr jedes Kriterium darunter gibt, mit welcher Gewissenhaftigkeit Hirten und Hirtinnen Zuchttiere dazukaufen, wie Herden entstehen und weitergef\u00fchrt werden. Und dann ist innerhalb von sechs sachlichen Seiten alles auf Anfang, auf Null.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich erlebt man Rebanks in diesem Buch auch selbst als Mensch, direkt und indirekt. Wie stolz er auf die Leistung seiner Familie und auf seine eigene ist. Wie wichtig ihm ist, sich selbst als Teil einer Gemeinschaft zu schildern, als nichts Besonderes. Was er halt sp\u00e4testens durch dieses Buch dann doch geworden ist.<br \/>\n(Ob sich daf\u00fcr wohl ein deutscher Verlag findet?) <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ssl-vg03.met.vgwort.de\/na\/47823b1351874665a7bf45f924b96ac3\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich freue mich sehr, dass The Shepherd&#8217;s Life. A Tale of the Lake District von James Rebanks umgehend zum Bestseller wurde. Mag daran liegen, dass ich ihm auf Twitter schon folgte, als er noch in kleinen finnischen Klubs twitterte. 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