{"id":265,"date":"2004-02-24T10:53:12","date_gmt":"2004-02-24T09:53:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2004\/02\/mit-genuss-und-belehrung-gelesen.htm"},"modified":"-0001-11-30T00:00:00","modified_gmt":"-0001-11-29T22:00:00","slug":"mit-genuss-und-belehrung-gelesen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2004\/02\/mit-genuss-und-belehrung-gelesen.htm","title":{"rendered":"Mit Genuss und Belehrung gelesen"},"content":{"rendered":"<p>Willi Winkler ist einer der <i>SZ<\/i>-Schreiber, von denen ich alles lese. Die <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/kultur\/artikel\/267\/27240\/\">Geschichte \u00fcber Fredl Fesl auf der heutigen Seite 3<\/a> der <i>S\u00fcddeutschen Zeitung<\/i> kommt in mein Archiv von vorbildichen Zeitungsartikeln, Abteilung Features. Allein der Aufbau: Die Geschichte hat einen Anfang, einen Mittelteil, ein Ende &#8211; scheint banal, ist aber selten. Sie tritt ihrem Gegenstand offen und mit Wohlwollen entgegen, will erz\u00e4hlen und informiert dabei. Mit Genuss und Belehrung gelesen.<br \/>\nKurt Kister ist auch so einer, von dem ich alles lese, zu seinen Lebzeiten auch Herbert Riehl-Heyse selig.<\/p>\n<p>Sofort muss ich aber auch an die Geschichten denken, die nie eine Chance hatten, weil sie tot redigiert wurden. Letzten Mittwoch stand ebenfalls auf der Seite 3 der <i>SZ<\/i> ein <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/panorama\/artikel\/945\/26919\/\" target=_new>Artikel \u00fcber den englischen Koch Jamie Oliver<\/a>, die vermutlich urspr\u00fcnglich gut war &#8211; Einstieg und Schluss lassen es erahnen. Doch alles dazwischen stinkt nach K\u00fcrzungen, K\u00fcrzungen K\u00fcrzungen &#8211; bis das Resultat nur noch dazu dient, das Viertel unter der Hauptreportage zu zu machen. Ganz schade.<\/p>\n<p>Kann man lernen, gute Zeitungsartikel zu schreiben? Versucht \u00fcberhaupt jemand, das dem Nachwuchs beizubringen?<\/p>\n<p>Was man im Journalistik-Studium lernt, wei\u00df ich nicht. Selbst habe ich mit 19 ein Volontariat bei einer kleinen Tageszeitung angefangen und einfach losgelegt. (Ich hatte derart wenig Ahnung vom Alltag in einer Zeitungsredaktion, dass ich mir in den Monaten davor glaubte Schreibmaschineschreiben beibringen zu m\u00fcssen &#8211; vergeblich. An meinem ersten Arbeitstag war ich bodenlos erleichtert, als ich sah, wie so richtig erwachsene Redakteure mit zwei Fingern auf ihre Tastaturen einh\u00e4mmerten.) Journalistikstudenten begegnete ich nur bei ihren Praktika in der Redaktion. Sie schwankten fast immer zwischen Melancholie und \u00dcberheblichkeit, weil sie keinen besseren, also prestigetr\u00e4chtigeren Praktikumsplatz bekommen hatten, und konnten dem Charme einer Popelredaktion nichts abgewinnen. Die wenigsten davon waren nach vier Semestern Studium in der Lage, auch nur f\u00fcr die simpelsten Meldungen \u00dcberschriften zu machen. Einen Teil meines Volontariats verbrachte ich dann auch noch in einer Kleinststadt mit Uni inklusive Journalistik-Lehrstuhl. Mehrfach erlebte ich Journalistik-Studenten, die uns K\u00e4sblatt-Redakteure panisch um Unterst\u00fctzung bei ihren Recherchen baten: \u201eIch muss den Artikel schon in ZWEI WOCHEN abgeben!!!\u201c (Die Kriegsgeschichten der Tagesaktualit\u00e4t hebe ich mir f\u00fcr einen sentimentalen Anfall auf.)<\/p>\n<p>Ich glaube nicht, dass man mir im Volontariat ausdr\u00fccklich Schreiben beibrachte, aber ich wei\u00df, dass sich zu dieser Zeit mein Sprachgef\u00fchl entwickelte. Redigieren schult sehr &#8211; allerdings wohl nur bei entsprechender Begabung. Mich trieb dieses Sprachgef\u00fchl letztendlich in die Arme der Literaturwissenschaft.<\/p>\n<p>Der Schule wird es zumindest sehr schwer gemacht, gutes Schreiben zu lehren. Denn Noten gibt es auf Schulaufgaben-Texte, die zu vorgeschriebenem Zeitpunkt und in begrenzter Zeit zu fertigen sind. Die jungen Leute m\u00fcssen ihr K\u00f6nnen also unter Voraussetzungen beweisen, unter denen sonst nur Agenturmeldungen oder tagesaktuelle Berichte entstehen. Verlangt aber werden die Qualit\u00e4ten eines Essays, \u00fcber den man sinniert, dessen Gedankengang Tage der Entstehung braucht, mindestens eine Nacht Ruhen, dann Wiederlesen und \u00dcberarbeiten.<\/p>\n<p>Von Lokalredakteuren h\u00f6re ich \u00fcbrigens in letzter Zeit, dass die Schreibfertigkeiten freier Mitarbeiter besser werden. Eine Erkl\u00e4rung k\u00f6nnte die weite Verbreitung von h\u00e4uslichen PCs sein: Die Leute schreiben mehr und haben dadurch schlichtweg mehr \u00dcbung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Willi Winkler ist einer der SZ-Schreiber, von denen ich alles lese. 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