{"id":27629,"date":"2015-07-02T19:13:33","date_gmt":"2015-07-02T17:13:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=27629"},"modified":"2015-07-03T16:11:27","modified_gmt":"2015-07-03T14:11:27","slug":"bachmannpreis-2015-tag-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2015\/07\/bachmannpreis-2015-tag-1.htm","title":{"rendered":"Bachmannpreis 2015, Tag 1"},"content":{"rendered":"<p>Lauter interessante Texte, dazu konstruktive Jurydiskussionen \u2013 das war ein starker Anfang des Bachmannpreises.<\/p>\n<p>Sch\u00f6ner Rahmen: Die Moderatorin der Fernseh\u00fcbertragung samt Drumrum au\u00dferhalb des Studios ist Zita Bereuter, die ich in den vergangenen Jahren als Teil der Internet-lastigen Bachmannpreisschlachtenbummler kennengelernt hatte. Sie nahm in ihrer Anmoderation gleich mal die Teile des Studiopublikums aufs Korn, die vor Beginn und in Pausen ihre Pl\u00e4tze mit Taschen oder Jacken belegen. Half nur so halb, in der Mittagspause sahen wieder viele Zuschauerinnen nicht ein, dass ein verlassener Platz ein freier Platz sein sollte. Eine war zumindest ehrlich.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/150702_24_Handtuch.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/150702_24_Handtuch.jpg\" alt=\"150702_24_Handtuch\" width=\"324\" height=\"368\" class=\"alignnone size-full wp-image-27630\" \/><\/a><\/p>\n<p>Gleichzeitig war der Andrang \u00fcberschaubar: Fast alle, die ins Studio wollten, bekamen St\u00fchle \u2013 ich habe auch schon erlebt, dass selbst die Stehpl\u00e4tze im Gang umk\u00e4mpft waren. Das Studio war angenehm gek\u00fchlt, neben der Liveatmosph\u00e4re ein weiterer Grund, die Au\u00dfen\u00fcbertragungspl\u00e4tze in der Sommerhitze zu meiden. Es dauerte eine Weile, bis mir klar wurde, was mir beim Warten auf den Sendebeginn fehlte: Der bisherige Juryvorsitzende Burkhard Spinnen, der immer schon zehn Minuten vor allen anderen im Studio gesessen hatte.<\/p>\n<p>Ich lie\u00df mir wieder nur vorlesen, las nicht selbst mit (steckte die ausgeteilten Texte aber ein).<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/150702_11_Poladjan.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/150702_11_Poladjan.jpg\" alt=\"150702_11_Poladjan\" width=\"400\" height=\"375\" class=\"alignnone size-full wp-image-27631\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/bachmannpreis.orf.at\/stories\/2709728\/\" target=\"_blank\">Katerina Poladjan<\/a> stellte sich in einem k\u00fcnstlerisch verzerrten Film vor. Der Text, den Sie auf Einladung von Jurymitglied <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.orf.at\/stories\/2708395\/\" target=\"_blank\">Meike Fe\u00dfmann<\/a> vorlas, hie\u00df <a href=\"http:\/\/files2.orf.at\/vietnam2\/files\/bachmannpreis\/201525\/katerina_poladjan_es_ist_weit_bis_marseille_365289.pdf\" target=\"_blank\">\u201eEs ist weit bis nach Marseille\u201c<\/a>. Von einer Szene ausgehend \u00fcber Hintergrundgeschichten und Personen zu sprechen, ist eine oft verwendete Erz\u00e4hlkonstruktion. Doch hier ist es eine Sexszene, eine erste erotische Begegnung von zwei Menschen, von der ausgegangen wird, in der mit \u201edachte sie\u201c, \u201edachte er\u201c die Vergangenheit, famili\u00e4re Verkn\u00fcpfungen und emotionale Verwicklungen erz\u00e4hlt werden. Und auch wenn ich nicht fordere, dass jede Sexbeschreibung rauschhaft gedankenlose Sinnlichkeit sein muss: So viel Gedanken an alles wirken hier merkw\u00fcrdig. Die Geschichte geht dann zwar auch weiter und endet in einem ordentlichen Cliffhanger, aber der missgl\u00fcckte Anfang \u00fcberschattet sie.<\/p>\n<p>Der neue Juryvorsitzende <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.orf.at\/stories\/2708400\/\" target=\"_blank\">Hubert Winkels<\/a> er\u00f6ffnete die Diskussion mit genau dieser Kritik: Er sprach vom \u201eMissbrauch eines One Night Stands\u201c. An ihm h\u00e4ngten drei Perspektiven, ein Ausbruch aus Normalit\u00e4t, der Tod eines Ehemanns, der Sohn \u2013 diese Sexszene sei zu aufgeladen, der Haken, an dem die ganze Geschichte h\u00e4nge, sein zu klein.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/bachmannpreis.orf.at\/stories\/2708398\/\" target=\"_blank\">Hildegard E. Keller<\/a> bem\u00e4ngelt, die Ebenen des Texts hingen nicht zusammen, er werfe nur Fragen auf: \u201eWelche Figur steht eigentlich im Zentrum der Geschichte?\u201c<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/bachmannpreis.orf.at\/stories\/2708390\/\" target=\"_blank\">Stefan Gm\u00fcnder<\/a> (ein neues Jurymitglied) beobachtete, dass die alte Geschichte vom Sexabenteuer, nach dem der Mann verschwindet, einen Dreh dadurch bekomme, dass hier die Frau verschwindet. Er verwies auf seine Schweizer Herkunft, und f\u00fcr einen Schweizer gehe es bei Bergliteratur immer um Wahnsinn und Tod.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/bachmannpreis.orf.at\/stories\/2708391\/\" target=\"_blank\">Klaus Kastberger<\/a> (ein weiteres neues Jurymitglied) bemerkt zun\u00e4chst, er habe sich einen anderen Text zum Auftakt gew\u00fcnscht, n\u00e4mlich einen \u201egrottenschlechten\u201c (das hatte er auch schon getwittert), dieser aber sei \u201ein seiner Art ziemlich perfekt\u201c. Er w\u00fcnsche ihn sich allerdings \u201elieber kratzb\u00fcrstiger\u201c, das liege an seiner eigenen \u00f6sterreichischen Herkunft (womit die beiden Minderheitskomplexe A und CH abgedeckt waren, hoffentlich bleiben sie es im Rest der Diskussion).<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/bachmannpreis.orf.at\/stories\/2708399\/\" target=\"_blank\">Juri Steiner<\/a> hatte Tod, Liebe Wahnsinn gelesen, und fand den \u201eKontrollverlust sehr gut beschrieben\u201c. Er assoziierte mit dem Namen des einen Protagonisten, Jean Luc Gaspard, den Filmemacher Godard, beschrieb eine Sterbeszene und sah dessen Jump Cut-Technik in der Geschichte, mit der die Ratlosigkeit und Rastlosigkeit der Existenz vermittelt w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Weiteres Neumitglied <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.orf.at\/stories\/2708389\/\" target=\"_blank\">Sandra Kegel<\/a> sprach von einem \u201eKreuzungstext\u201c und fragte sich, ob aus dieser Begegnung wohl eine Lebensver\u00e4nderung werde. Sie wies auf die \u00e4u\u00dferliche Bewegung der Handlung im Text als bedeutend hin: Es gehe vom Hotel hinunter, dann auf den Berg. Allerdings kritisierte sie, der Text sei sprachlich hinter den Erwartungen zur\u00fcckgeblieben.<\/p>\n<p>Meike Fe\u00dfmann widersprach Winkels: Der One Night Stand sei nicht der Anlass der Erz\u00e4hlung. Sie nannte den Text \u201eunglaublich stimmungsstark\u201c und verglich ihn mit dem Trompetenspiel von Miles Davis. Sie sprach von Blenden und Schalen des Bewusstseins, man m\u00fcsse den Text mit Zeit und Geduld lesen, und sie lobte die Bilder, die f\u00fcr die erotische Begegnung gefunden worden seien.<\/p>\n<p>Keller warf ein, f\u00fcr sie seien das alles lose Enden gewesen, die nirgendwohin f\u00fchrten, das innere Zentrum der Begegnungen fehle.<\/p>\n<p>Die Jury unterhielt sich \u00fcber Scham und Schuld der Begegnung zwischen Ann und Luc. W\u00e4hrend Keller meinte, Ann wolle sich lediglich etwas beweisen, sah Kegel deren inneren Dialoge mit ihrem verstorbenen Mann als Zeichen, dass sie noch nicht bereit sei. Fe\u00dfmann wiederum war \u00fcberzeugt, Ann werde durch diese Begegnung zur\u00fcckgef\u00fchrt ins Leben \u2013 und lobte die sparsame Art der Informationsvermittlung allein durch erlebte Rede.<\/p>\n<p>Winkels wiederum kritisierte das zu Viel, vor allem bei der Behandlung des Sohnes. Steiner merkt an, dass die Jury m\u00f6glicherweise \u201ezu orgiastisch\u201c denke und gar kein Sex stattgefunden habe. Wie Winkels schon vorher wies er darauf hin, dass viele Passagen im Konjunktiv geschrieben seien, auch Teile der erotischen.<\/p>\n<p>Klaus Kastberger bot an, dass die Probleme mit der Geschichte in Wirklichkeit ein Gattungsproblem sein k\u00f6nnten: Einer Kurzgeschichte verzeihe man Fehlen von Informationen und offene Fragen, doch diese Geschichte lese sich wie ein \u201eTrailer f\u00fcr einen Roman\u201c, und von einem Roman erwarte man weit mehr Antworten \u2013 er sei eine Hybridform. Er erz\u00e4hlte, dass er f\u00fcr sich die Einstiegss\u00e4tze aller 14 Bachmannpreistexte in ein Ranking gebracht habe; der hier sei auf Platz 10 gelandet.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/150702_16_Gomringer.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/150702_16_Gomringer.jpg\" alt=\"150702_16_Gomringer\" width=\"305\" height=\"332\" class=\"alignnone size-full wp-image-27633\" \/><\/a><\/p>\n<p>Die n\u00e4chste Vorleserin war <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.orf.at\/stories\/2709007\/\" target=\"_blank\">Nora Gomringer<\/a> (vorgeschlagen von Sandra Kegel), und sie r\u00e4umte so richtig ab: Aus verschiedenen Perspektiven, in verschiedenen Stimmen und Sprach- sowie Textformen schilderte sie in ihrem Text <a href=\"http:\/\/files2.orf.at\/vietnam2\/files\/bachmannpreis\/201525\/nora_gomringer_recherche_2_365292.pdf\" target=\"_blank\">\u201eRecherche\u201c<\/a> die solche einer Schriftstellerin in einem Mehrparteienhaus, aus dessen Balkon sich einige Monate zuvor ein 13-J\u00e4hriger in den Tod gest\u00fcrzt hatte. Sogar die \u00dcbertragung der Bachmannpreislesungen kam darin vor. Viel Gel\u00e4chter, das allerdings mit Voranschreiten der Geschichte bedr\u00fcckter wurde, am Ende lauter und langer Applaus.<\/p>\n<p>Sandra Kegel nannte den Text \u201eBeobachtung zweiter Ordnung\u201c und \u201erasant\u201c, er habe allerdings auch \u201eetwas Verst\u00f6rendes\u201c, eine \u201eStimmenpolyhonie\u201c mit dem Treppenhaus als Verst\u00e4rker.<\/p>\n<p>Winkels r\u00fchmt ebenfalls die Polyphonie, zudem die Ausfl\u00fcge zu Alice in Wonderland und viele andere Elemente, die er \u201esprachbezogene Avantgarde\u201c nannte, die aber nicht Selbstzweck seien. Er habe \u201enicht eine einzige Sekunde eine Unangemessenheit empfunden\u201c.<\/p>\n<p>Von einer \u201efast wissenschaftlichen Versuchsanordnung\u201c sprach Steiner, dem Wohnhaus als Universum. Der Name der rechechierenden Nora Bossong erinnere ihn an das Bosonteilchen; er denke an CERN, die Kollision werde hier durch den Todesfall ausgel\u00f6st.<\/p>\n<p>F\u00fcr Gm\u00fcnder hatte der Text einen v\u00f6llig neuen Kosmos erschaffen, er nannte ihn \u201egenial\u201c und auch einen Text \u00fcber das Schreiben. Dem stimmte Kegel zu: Er sei ein \u201eText \u00fcber den Unterschied zwischen Schrift und Stimme\u201c. Keller setzt noch einen drauf: Das Spiel dieser Stimmen sei raffiniert und abgr\u00fcndig, es schlie\u00dfe sogar die Zuh\u00f6rer und sie als Jury mit ein.<\/p>\n<p>Steiner spann seinen Vergleich mit Forschung weiter: Wie in der Physik gehe es darum, die richtige Frage zum richtigen Zeitpunkt zu finden.<\/p>\n<p>Kastberger drehte das Rad ein St\u00fcckchen weiter: Ob denn der Text \u00fcberhaupt ohne diese Umgebung existieren k\u00f6nne, in der Jury und Publikum sich bef\u00e4nden? Ob die Autorin ihn nicht lediglich \u201eaus der Cloud\u201c geholt habe? (Immer ein bisschen peinlich, wenn Geisteswissenschaftler in Metaphern konkrete zeitgen\u00f6ssische Schlagw\u00f6rter verwenden, ohne irgendeine Ahnung von deren realem Hintergrund zu haben.) Sei es m\u00f6glich, dass die Jury diesem Text auf den Leim gehe?<\/p>\n<p>Fe\u00dfmann ging nicht darauf ein, sondern verglich ihr stilles Lesen des Texts mit der Rezeption jetzt: Ersteres sei bei ihr als Montage angekommen, die ihre Mittel beherrschte, jetzt beim H\u00f6ren sei sie v\u00f6llig gefangen gewesen und habe erst die ganze Vielfalt der Stimmen erfasst. Winkels nutzte das zur Erinnerung daran, dass es unter der Jury immer wieder die Diskussion \u00fcber den Anteil des Vortrags an der Beurteilung gebe. Er schlug den Bogen zur\u00fcck zu Kastbergers Anmerkung: Das Raumschiffdasein gelte f\u00fcr alle Kunst, zudem werfe der Text im Grunde selbst diese Frage auf.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/150702_19_Henning_von_Lange.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/150702_19_Henning_von_Lange.jpg\" alt=\"150702_19_Henning_von_Lange\" width=\"380\" height=\"340\" class=\"alignnone size-full wp-image-27634\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/bachmannpreis.orf.at\/stories\/2709015\/\">Saskia Henning von Lange<\/a> las, vorgeschlagen von Sandra Kegel, <a href=\"http:\/\/files2.orf.at\/vietnam2\/files\/bachmannpreis\/201525\/saskia_hennig_vonlange_hier_bleiben_365296.pdf\" target=\"_blank\">\u201eHierbleiben\u201c<\/a> vor \u2013 von ihrer eigenen rechten Hand t\u00e4nzerisch begleitet. Ein Ich f\u00e4hrt einen vollen M\u00f6belwagen weg von einem Du und kreist ununterbrochen um ein ungeborenes Kind, ums Autofahren, ums Vergessenwollen des Du. Mich interessierten weder Personen noch Handlung, ich ertappte mich bei abschweifenden Gedanken \u2013 au\u00dferdem verliere ich Vertrauen in einen Text, wenn er am Anfang von den Scheinwerferlichtern der \u00fcberholten Autos schreibt, es dann aber erst sp\u00e4ter hei\u00dft: \u201eEs d\u00e4mmert, der Abend kommt.\u201c<\/p>\n<p>Sandra Kegel meldete sich als erste zur Geschichte, nannte sie \u201eAutotext\u201c, und schlie\u00dflich sei Deutschland eine Autonation. Ebenso deutsch sei das st\u00e4ndige gedankliche Kreisen um sich selbst. Sie sah einen Gegensatz zwischen der Bewegung im Raum und dem Stillstand im Fahrerhaus des Lkws.<\/p>\n<p>Winkels assozierte \u201eAutobahn\u201c von Kraftwerk; der Text kenne nur sich selbst, sei aber nicht mit sich einverstanden. Er diagnostizierte eine st\u00e4ndige Verneinung, eine Reihe von Negativs\u00e4tzen. Die \u201eMonadologie\u201c der Geschichte sei Weltlosigkeit als monotones Ereignis; sie tendiere \u201eein wenig zu Blutleere und Langweile\u201c.<\/p>\n<p>Fe\u00dfmann nannte das zu spekulativ: Ein Mann fliehe vor der Nachricht, dass er ein Kind bekomme. (An dieser Stelle schreckte ich hoch: Ich hatte beim Zuh\u00f6ren eine Frau am Steuer des M\u00f6belwagens gesehen.) Was er spreche, sei f\u00fcr die Frau gedacht.<\/p>\n<p>Gm\u00fcnder sah in dem M\u00f6belwagen ein Schneckensymbol. Er versuche die Beziehung zu Tode zu denken. Kastberger freute sich sehr \u00fcber den ersten Satz, hatte aber Schwierigkeiten mit der Konstruiertheit der Geschichte. Vielleicht sei das ja gerade die Qualit\u00e4t der Geschichte, doch er habe die Ereignisse aufgesetzt gefunden. Fad sei ihm nicht geworden, im Gegenteil habe er sich die Geschichte noch radikaler gew\u00fcnscht, eben wie das Kraftwerk-Lied.<\/p>\n<p>Keller bezeichnete den Text als \u201egro\u00dfen Exodus eines Schwangerschaftstextes\u201c, die Hauptfigur wolle sich nicht fortsetzen. Sie ringe um Vergessen, doch das n\u00fctze sich ab. Bei Selbstlesen habe sie sich gedacht, die Autorin m\u00fcsse \u201esehr gut lesen, um den Text zu retten\u201c.<\/p>\n<p>Winkels versuchte einen psychologischen Ansatz: Die Hauptfigur negiere die Frau so sehr, dass sie am Ende eine Pr\u00e4senz habe. Den Unfall am Ende sah er als Einbruch des Realen. Doch um diese Wucht erleben zu k\u00f6nnen, m\u00fcsse der Leser durch eine lange Monotonie.<br \/>\nSteiner identifiziert die Monotonie als Darstellung der Trance beim Autofahren, der Rhythmus des Autofahrens literarisch \u00fcbertragen.<\/p>\n<p>Kastberger fasste zusammen, wie viele Ans\u00e4tze es in dieser Diskussion zu diesem Text schon gegeben habe: \u201eJe mehr Interpretationsm\u00f6glichkeiten ein Text l\u00e4sst, desto besser ist er.\u201c (Ich fing innerlich das Fuchteln an. Kurz: Nein.) F\u00fcr ihn sei er ein \u201eweiblicher Erkl\u00e4rungsversuch eines m\u00e4nnlichen Tickens\u201c. Steiner bemerkte, es k\u00f6nne sich bei den Figuren ja auch um zwei Frauen handeln. Woraufhin Kastberger allen Ernstes meinte, darauf w\u00e4re er ja nie gekommen, denn wie eine Frau von einer anderen Frau ein Kind&#8230; (am\u00fcsiertes Augenbrauentanzen) \u201eIch wei\u00df nicht.\u201c Leider habe ich mich nicht getraut, in der Pause zu ihm zu gehen und es ihm zu erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Winkels warf die Frage auf, \u201eist der Text langweilig oder ist der Gegenstand des Textes Langeweile\u201c. Es herrschte Uneinigkeit, Winkels meinte, es handle sich wohl um eine Beschw\u00f6rungsform, doch \u201eich bin in diesen Beschw\u00f6rungsgroove nicht reingekommen\u201c.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/150702_27_Recker.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/150702_27_Recker.jpg\" alt=\"150702_27_Recker\" width=\"235\" height=\"288\" class=\"alignnone size-full wp-image-27635\" \/><\/a><\/p>\n<p>Meike Fe\u00dfmann hatte <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.orf.at\/stories\/2709070\/\" target=\"_blank\">Sven Recker<\/a> vorgeschlagen, er las <a href=\"http:\/\/files2.orf.at\/vietnam2\/files\/bachmannpreis\/201525\/sven_recker_brot_brot_brot_365297.pdf\" target=\"_blank\">\u201eBrot, Brot, Brot\u201c<\/a> vor. Drei personale Perspektiven, die erste in sehr m\u00fcndlicher, vulg\u00e4rer Sprache, so dass ich die Zwischen\u00fcberschrift \u201eB\u00f6rner\u201c beim ersten Erscheinen als \u201eBurner\u201c (im Sinne von toller Witz, Klopper) verstand. Alter! Wir bekamen immer wieder abwechselnd diesen B\u00f6rner, eine Julia und Drago erz\u00e4hlt, sehr schnell, sehr umgangssprachlich. Mich interessierten die Geschichten, am wenigsten davon noch die der wohlstandsverfaulten Julia.<\/p>\n<p>Kegel sprach von drei Menschen, die versuchen, mit ihrem Leben zurecht zu kommen; sie bot an, die Geschichte als Staatsallegorie zu lesen. Bedeutsam war f\u00fcr sie, dass die Geschichte \u201edurchzogen von Fremdtexten\u201c war. Doch sie kritisierte, dass die Personen zu stereotyp seien, zum Beispiel die \u00c4rztin mit ihrem \u201eSecond Hand Leben\u201c. Winkels hakte da ein: Das Problem sei, dass diese Figur mit genau dieser Bezeichnung beschrieben werde. \u201eGanz von au\u00dfen, auktorial mal kurz bestimmt\u201c w\u00fcrden die Figuren beschrieben, das werde dann durch Innensicht gedoppelt: \u201eGeht literarisch gar nicht.\u201c<\/p>\n<p>F\u00fcr Fe\u00dfmann war das ein \u201eklaustrophobischer Text \u00fcber unsere Ego-, Therapie- und Gesch\u00e4ftsideengesellschaft\u201c. Die Figuren h\u00e4tten verinnerlicht, welche Auswege ihnen die Gesellschaft anbiete. Der Autor schiebe sie im Wechsel an die Rampe, dann fielen sie wieder zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Doch auch Gm\u00fcnder waren die Figuren zu schablonenhaft, sie seien wie dem Klischeekaufhaus psychischer Probleme entnommen. Er habe \u201eimmer denselben Duktus\u201c geh\u00f6rt, ein \u201eNachbl\u00f6ken von Zwangspropaganda\u201c. \u00c4hnlich sprach Keller von Innenperspektiven von Kranken, \u201ewie wir sie uns vorstellen\u201c. Sie \u00fcberlegte: \u201eIst ein trashiger Text heute noch m\u00f6glich?\u201c Wenn schon Schablonen verwendet w\u00fcrden, dann nicht mit Innenperspektiven.<\/p>\n<p>V\u00f6llig kalt gelassen von dem Text f\u00fchlte sich Kastberger: \u201eHier habe ich irgendwie das Gef\u00fchl, es ist alles reproduziert.\u201c Es entwickle sich nichts aus dem Arrangement. Die Aufz\u00e4hlung von Produkten und Marken erinnere ihn an 90er Popliteratur, \u201eich kann mich an nichts entz\u00fcnden\u201c. Fe\u00dfmann erkl\u00e4rte genau das zur Provokation, doch Kegel meinte, wenn man schon Schablonen verwende, m\u00fcsse man auch etwas damit machen.<\/p>\n<p>Juri Steiner sorgte f\u00fcr einen Lacher, als er scheinbar entsetzt ausrief: \u201eWenn die alle in die Schweiz kommen!\u201c (Zwei der drei Figuren planen, einen Arbeitsplatz in der Schweiz anzunehmen.) Er sah Schablonen, \u201edie in der ironischen Brechung immer noch irgendwie zucken\u201c und fand den Text gar nicht so schlecht.<\/p>\n<p>Gm\u00fcnder verwies darauf, dass die Geschichte sprachlich zu deutlich sei und keine eigene Stimme habe, was Fe\u00dfmann wiederum damit erkl\u00e4rte, dass es doch ein lobenswertes Risiko sei, keine eigene Erz\u00e4hlstimme zu haben und alles den Figuren zu \u00fcberlassen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/150702_29_Fritsch.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/150702_29_Fritsch.jpg\" alt=\"150702_29_Fritsch\" width=\"253\" height=\"226\" class=\"alignnone size-full wp-image-27636\" \/><\/a><\/p>\n<p>Den Text von <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.orf.at\/stories\/2709005\/\" target=\"_blank\">Valerie Fritsch<\/a> (vorgeschlagen von Klaus Kastberger), <a href=\"http:\/\/files2.orf.at\/vietnam2\/files\/bachmannpreis\/201525\/valerie_fritsch_das_bein_2_365299.pdf\" target=\"_blank\">\u201eDas Bein\u201c<\/a>, nahm die Jury v\u00f6llig anders auf als ich. Ich h\u00f6rte eine sehr konventionell literarischliterarische Geschichte. Sie kam mir vor, als h\u00e4tte sich jemand ein grobes Geschichtsger\u00fcst ausgedacht und dann jedes Detail mit Beschreibungen und Vergleichen poetisiert, bis es nach Literatur aussah. Vordergr\u00fcndig h\u00f6rten wir die Geschichte eines Mannes, der seinen alten Vater besucht, einen T\u00e4nzer, weil der bei einem Unfall ein Bein verloren hat. Drumrum h\u00e4tte es eine Vielzahl von Geschichten gegeben, die mich interessiert h\u00e4tten: Die T\u00e4nzervergangenheit des Vaters, das Aufwachsen in einer solchen Umgebung, was mit der Mutter dazu war. Doch ich erfuhr statt dessen viel \u00fcber das Haus und den Garten und die Hunde, die Protese und den Beinstumpf, alles poetisch beschrieben.<\/p>\n<p>Genau darauf aber fuhr die gesamte Jury total ab (und das Publikum, das begeistert applaudierte). Fe\u00dfmann nannte den Text eine \u201eganz morbide Geschichte\u201c, \u201ewie der Entwurf zu einem Bild\u201c, sie habe an Velazquez gedacht. Sie lobte die Einf\u00fchlsamkeit in den Schmerz des amputierten Mannes. Kegel nannte ihn einen \u201eL\u00fcckentext\u201c, der seine Kraft aus dieser L\u00fccke beziehe. Die Geschichte sei aufgeh\u00e4ngt an den Jahreszeiten von Hochsommer bis Winter, die Motive seien gro\u00dfartig von Baum \u00fcber Nachbarn bis zu Instrumenten. Sie schlug den Bogen von Phantomschmerz zu Literatur: Erschaffen, was nicht da ist.<\/p>\n<p>Keller hatte den Text als <i>memento mori<\/i> gelesen. Die Zeit \u00e4sthetisch zu dehnen, habe Tradition. Sie habe sch\u00f6ne Bilder gesehen, empathisch sei nur die Natur. Die Geschichte habe ihr sehr gut gefallen.<\/p>\n<p>Auch Winkels sprach die Natur an, auch in den Hunden; Natur kenne keine L\u00fccke. Er sprach von einer \u201eim Kern v\u00f6llig \u00f6dipalen Geschichte\u201c, der Sohn denke sich in die Kastration des Vaters hinein. Das Ende sei die Suche nach der Ganzheit des Sohnes. (Von all dem konnte ich nichts nachvollziehen.) Was Winkels st\u00f6rte: Dass der Vater T\u00e4nzer war, dieser Gipfel der K\u00f6rperbeherrschung; das war ihm zu dick aufgetragen.<\/p>\n<p>Als n\u00e4chster schw\u00e4rmte Steiner: Das sei ein Tableau, ein Bild der gro\u00dfen Metaphysik, die Versehrtheit, die uns moderne Menschen begleite. Er habe dieses Leid gesp\u00fcrt. Kastberger lobte den \u201eliterarischsten Text, den wir bisher geh\u00f6rt haben\u201c. Seine Bilderwelt schaffe sich selbst den Raum, den Literatur brauche; fast jeder dritte Satz enthalte ein Bild (ich so: Eben! Furchtbar!). So k\u00f6nne heutige Literatur in einem Sinne weitergef\u00fchrt werden, die auch in zeitgen\u00f6ssische Germanistenvorstellungen passe (ich so: Eben! Furchtbar!).<\/p>\n<p>Nun lobte Fe\u00dfmann: Es sei \u201eerstaunlich gut gelungen, die Gedankenspur zu fassen von einer evolution\u00e4ren Entwicklung in Verbindung mit Technik\u201c. F\u00fcr Gm\u00fcnder ist \u00d6dipus sekund\u00e4r; der Text spiele mit Symmetrien, gerade bei den Sonnenblumen sei das hervorragend gelungen.<\/p>\n<p>Winkels versuchte ein wenig Kritik (Unruhe und Murren im Publikum): Es sei ein guter Text, aber das sei es dann auch, er sei \u201eauf \u00fcberschaubare Weise gut gelungen\u201c. W\u00e4hrend Kastberger lobte, dass der sprachliche Stil nicht auf vergangene Zeiten zur\u00fcckgreife, meinte Winkels, ohne Verweis auf Technik k\u00f6nne er durchaus auch vor 50 Jahren stattgefunden haben. Kurz schwenkte die Diskussion noch von der Protese auf die Bedeutung des v\u00e4terlichen Gesichts f\u00fcr die Unversehrheit, dann war der erste Lesungstag um. <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ssl-vg03.met.vgwort.de\/na\/a2585e8cadf34d56a28ff3b04b75e352\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lauter interessante Texte, dazu konstruktive Jurydiskussionen \u2013 das war ein starker Anfang des Bachmannpreises. Sch\u00f6ner Rahmen: Die Moderatorin der Fernseh\u00fcbertragung samt Drumrum au\u00dferhalb des Studios ist Zita Bereuter, die ich in den vergangenen Jahren als Teil der Internet-lastigen Bachmannpreisschlachtenbummler kennengelernt hatte. 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