{"id":27642,"date":"2015-07-03T19:14:45","date_gmt":"2015-07-03T17:14:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=27642"},"modified":"2015-07-03T21:31:15","modified_gmt":"2015-07-03T19:31:15","slug":"bachmannpreis-2015-tag-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2015\/07\/bachmannpreis-2015-tag-2.htm","title":{"rendered":"Bachmannpreis 2015, Tag 2"},"content":{"rendered":"<p>Heute war die Jury fast gesammelt fast immer meiner Meinung \u2013 wenn auch fast durchgehend auf h\u00f6herem Niveau.<\/p>\n<p>Das ORF-Theater war voller als am ersten Tag: Heute kamen auch Sch\u00fclerinnen. So stand ich am Vormittag erst mal im Gang. Vor mir zwei junge M\u00e4dchen:<br \/>\n\u201eDie dischkutiern ja dann auch noch, oder?\u201c<br \/>\n\u201eIs des lang?\u201c<br \/>\n\u201eVoll lang.\u201c<br \/>\nIch habe wieder den Eindruck, mit der heutigen Jugend ist alles in Ordnung. (Mit \u00e4hnlich ambitionsloser Offenheit und Neugier h\u00e4tte ich vermutlich in dem Alter solch ein Angebot der Deutschlehrerin angenommen.)<\/p>\n<p>Zu dem \u00c4rgernis des Platzbesetzens in der Mittagspause (ich geriet am Ende der Lesungen mit einer solchen Besetzerin fast ins Streiten) kam ein weiteres \u00c4rgernis: Moderator Christian Ankowitsch musste am Vormittag und am Ende recht b\u00f6se mahnen, das Publikum m\u00f6ge doch das Ende der \u00dcbertragung abwarten, bis es sich unterhalte, zusammenr\u00e4ume und aufbreche: \u201eDas ist hier keine Privatveranstaltung.\u201c Auch die Besetzerin neben mir hatte zu den Zuh\u00f6rern geh\u00f6rt, die noch w\u00e4hrend seiner Abmoderation vor laufender Kamera angesetzt hatte, sich kruschtelnd an mir vorbei nach drau\u00dfen zu verziehen.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Klischee ist ja eigentlich das Ausarbeiten und Proben der eigenen Oscardankesrede (\u201eI thank the Academy&#8230;\u201c). Bei mir ist diese Oscarrede seit einigen Jahren das Ausdenken meines Vorstellungsfilmchens f\u00fcr die Teilnahme am Bachmannpreis. Ich hatte schon viele Konzeptideen, seit heute denke ich mir ein Filmchen ohne Text aus, in dem ich beim Gewichtheben gezeigt werde, meine schwei\u00dfigen Muskeln in Nahaufnahme, dann beim Holzhacken, dann wie ich von schr\u00e4g unten mein markiges Kinn gen irgendwas zu bezwingendes recke, dann meine breitschultrige Silhouette im Gegenlicht in heruntergekommener Industrieumgebung. Gerne mit regelm\u00e4\u00dfigem Gegenschnitt auf einen h\u00fcbschen jungen Mann, der irgendwas expressiv Anhimmelndes an mir tut.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/150703_03_Truschner.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/150703_03_Truschner.jpg\" alt=\"150703_03_Truschner\" width=\"518\" height=\"376\" class=\"alignnone size-full wp-image-27643\" \/><\/a><\/p>\n<p>Mag sein, dass ich mich von <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.orf.at\/stories\/2709073\/\" target=\"_blank\">Peter Truschners<\/a> Filmchen inspiriert f\u00fchle. Er las auf Einladung von Stefan Gm\u00fcnder <a href=\"http:\/\/files2.orf.at\/vietnam2\/files\/bachmannpreis\/201525\/peter_truschner_rtl_reptil_2_365293.pdf\" target=\"_blank\">\u201eRTL-Reptil\u201c<\/a>, \u00fcberdynamisch und mit regelm\u00e4\u00dfigem Seitenblick zur Jury. Es passierte sehr wenig in der Geschichte, ich bekam ein Portrait eines Menschen, der mich nur mittelm\u00e4\u00dfig interessierte und der Pokerschulden hatte. Pers\u00f6nliches Lob: Echtes Pokern spielt eine Rolle, es wird sogar ein konkretes Blatt genannt. Doch dann wechselt auch noch auf der vorletzten Seite die Erz\u00e4hlperspektive mit plumpstem <i>foreshadowing<\/i>, bevor die Geschichte so richtig schlecht wird.<\/p>\n<p>Meike Fe\u00dfmann nannte den Text eine \u201eM\u00e4nnerphantasie\u201c, in der das letzte F\u00fcnkchen des Prinzips Hoffnung verl\u00f6sche. Sie fand es \u201eschwierig\u201c, dass die Innensicht der zentralen Figur einen auktorialen Erz\u00e4hler zur Seite gestellt bekommen habe, der uns sage, was wir denken sollen. Dass der Text ihn brauche, um \u00fcberhaupt klar zu machen, was er wolle, nannte sie \u201eungl\u00fccklich\u201c. Ihr Urteil: \u201eLiterarisch nicht gelungen.\u201c<\/p>\n<p>Stefan Gm\u00fcnder verteidigte die von ihm vorgeschlagene Geschichte: Er sah \u201eden Untergrundstrang durch Rohheit \u00fcberspannt\u201c und die Themen Allmacht \/ Ohnmacht \u201esehr gut durchgef\u00fchrt\u201c.<\/p>\n<p>Klaus Kastberger vernichtete noch deutlicher als Fe\u00dfmann. Er habe \u201egar nicht das Gef\u00fchl, dass da ein Autor war\u201c: \u201eDa liegt mitten vor uns ein riesengro\u00dfer Haufen Floskeln\u201c, und er habe den Autor nicht mal damit k\u00e4mpfen sehen. Seinem Eindruck zufolge habe er die Aufgabe, irgendwas damit zu machen, an die Leser abgegeben.<\/p>\n<p>Hubert Winkels wiederum nannte den Text \u201esehr subtil gebaut\u201c, neun Zehntel \u201eMotivationsanalyse\u201c und verglich ihn in seinem Zulaufen auf die Tat mit griechischem Drama: Schlechtes Gef\u00fchl beim Gedanken an den Tod der Oma, am Ende mutma\u00dfliche Ermordung ihrer Stellvertreterin. Das Problem war f\u00fcr ihn, dass der Text \u201edie Erz\u00e4hlhaltung nicht in den Griff bekommt\u201c, das st\u00e4ndig erkl\u00e4rt werde.<\/p>\n<p>Den Protagonisten zwischen Allmacht und Ohnmacht sah auch Hildegard Keller. Doch genau da verortete sie auch die Erz\u00e4hlweise. Sie sp\u00fcre eine starke Suche nach Expressivit\u00e4t, doch sie gelinge ihm nicht, dazu k\u00e4men richtige Fehler in Wortwahl und Metaphern. Keller diagnostizierte \u201eeine Welterkl\u00e4rungspose, aus der der Autor nicht herauskommt\u201c.<\/p>\n<p>Keller hatte Horvath erw\u00e4hnt, Kastberger nahm das auf: W\u00e4hrend Horvath die Phrase \u00fcberf\u00fchre, k\u00f6nne der Autor schlicht nichts anderes.<\/p>\n<p>Sandra Kegel entnahm dem Text, dass die Figur zwar den Kosmos durchschauen k\u00f6nne, aber ihn nicht durchbrechen. Sie f\u00fchle sich durch die st\u00e4ndigen Erkl\u00e4rungen an \u201eSozialarbeiter-Agitprop\u201c erinnert. Die Ausgangsthese des Textes, dass alles m\u00f6glich ist, l\u00f6se er nicht ein.<\/p>\n<p>Juri Steiner hatte das Leben in der Tonne Realit\u00e4t werden sehen. Die Figur oszilliere, doch alles sei schon zu sp\u00e4t. Er sah den \u201eschlafenden Terrorismus unserer Zeit\u201c dargestellt und fand den Text \u201einteressant\u201c. Er verteidigte auch seine sprachlichen Mittel: \u201eDie Welt <i>ist<\/i> Phrase!\u201c Gm\u00fcnder nahm das auf und behauptete: \u201eMit dieser Figur verlassen wir die literarische Komfortzone.\u201c<\/p>\n<p>Nun wich Kastberger zum ersten Mal auf die Metaebene aus: Steiner habe das \u201egigantische Talent\u201c, Defizite eines Texts durch Interpretation auszugleichen (sollte er jemals einen Text haben, wolle er unbedingt, dass Steiner ihn bespreche). Der Text sei phrasenartig und tue nichts damit; er habe keine literarischen Mittel, damit umzugehen. Kegel erw\u00e4hnte die st\u00e4ndige Verwendung von \u201eman\u201c, was Kastberger als \u201eJargon der Uneigentlichkeit\u201c bezeichnete.<\/p>\n<p>Winkels verwies darauf, dass eigentlich jedes Jahr ein Text mit solchen Jargon zu den Bachmannpresivorschl\u00e4gen geh\u00f6re.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/150703_05_Falkner.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/150703_05_Falkner.jpg\" alt=\"150703_05_Falkner\" width=\"265\" height=\"233\" class=\"alignnone size-full wp-image-27645\" \/><\/a><\/p>\n<p>Den Text von <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.orf.at\/stories\/2708994\/\" target=\"_blank\">FALKNER<\/a> (auf der Autorenseite ist ihr K\u00fcnstlername auch noch gebr\u00fcllt) bekam ich zun\u00e4chst nicht mit, weil ein sehr unruhiges Kommen und Gehen zwischen den beiden Kandidaten herrschte, dadurch Sitze in der ersten Reihe frei wurden, und einer der ORF-Fernsehleute sie hastig besetzen musste \u2013 unter anderem mit mir (Gl\u00fcck gehabt, im richtigen Moment einen Blick aufgefangen). Aber bis ich mich zurechtger\u00fcckt hatte und den halben Hausstand der Vorsitzerin unterm Stuhl verstaut, war FALKNER schon mitten drin in ihrem von Klaus Kastberger vorgeschlagenen <a href=\"http:\/\/files2.orf.at\/vietnam2\/files\/bachmannpreis\/201525\/michaela_falkner_krieger_sein_bruder_sein_365290.pdf\" target=\"_blank\">\u201eManifest 47\u201c<\/a>. Ich brauchte die eine oder andere Minute, bis ich begriff: Nicht realistisches Erz\u00e4hlen! Dann schufen die Bilder, Wiederholungen und Wortmusik schnell ein Bild mit viel Atmosph\u00e4re vor meinem inneren Auge, ich h\u00f6rte eher Sprechgesang als einen Text, das aber sehr dicht und reich. Ein wenig rausgerissen wurde ich nur durch konkrete Zahlen: 70 Menschen auf dem Platz, in zwei Runden wird auf sie geschossen, dreimal wird jeder f\u00fcnfte erschossen \u2013 ich begann zu rechnen, wie viele jetzt noch \u00fcbrig sein k\u00f6nnten. <\/p>\n<p>Fe\u00dfmann griff als Erstes das Motive der Ordnung und des Sortierens als Vorlauf des Exekutierens auf. Die Logik des Textes sei die Fragmentierung, die gegen die Ordnung gehalten werde. Sie habe schon andere Texte von FALKNER gelesen, und alle enthielten diese Elemente. Dass er insgesamt ereignislos sei, sah sie als \u201eSinn der \u00dcbung\u201c: \u201eDie \u00c4sthetik geht durchaus auf.\u201c<\/p>\n<p>Eine politische Parabel sah Kegel in dem Text, mit Scharfsch\u00fctzen, Staatsmacht, Brutalit\u00e4t, Selektion, doch die Dem\u00fctigungssituationen seien alle bekannt: \u201eDer Text kommt nicht dar\u00fcber hinaus.\u201c Sie st\u00f6rte sich zudem an der manieristischen Verwendung der Satzzeichen.<\/p>\n<p>Gm\u00fcnder meinte, er habe den Text gerne gelesen, \u201edie Herrschaft der Vielen \u00fcber die wenigen\u201c. Er sah das Frankensteinmotiv, Calvinos <i>Baron auf dem Baum<\/i>, fand aber, der Text baue Bedeutung auf, die er nicht einhalte.<\/p>\n<p>Winkels ging erst auf die \u201eChoreografie der K\u00f6rperteile\u201c ein, dass wir bald schon nicht mehr \u00fcber Gemetzel und Grauen erschreckten. Doch dann beleuchtete er den Titel: Ein Manifest sei doch eigentlich normativ. Dieses aber nicht, jedes Angebot, das der Text mache, ziehe er wieder zur\u00fcck. Auf die Gattung ging dann Kastberger ein (auch wenn er nicht \u201egermanistische Proseminaratmosph\u00e4re aufkommen lassen\u201c wolle). Ein Manifest lasse sicher keinen Raum f\u00fcr eine allegorische Lesart. FALKNER habe beschlossen, nur noch Manifeste zu schreiben; die Aussage dahinter: Nur noch als Manifest ist literarisches Schreiben m\u00f6glich. \u201eZu einem Manifest greift man, wenn irgendwas nicht in Ordnung ist\u201c, \u201eSprache im Modus des Ausnahmezustands\u201c, und den sah er im Kern Europas, wo Kastberger das \u201edas sind keine Menschen\u201c bitterste, krude Realit\u00e4t nannte.<\/p>\n<p>Jetzt habe aber er, Kastberger, die L\u00fccken und Defizite des Textes ausgeglichen, konstatierte Keller (fand Kastberger anscheinend nicht lustig). Es seien so viele K\u00f6der ausgelegt: Eingelagerte Liebesgeschichte als klassische Perspektive f\u00fcr Unversehrbarkeit, \u201ealles finster invertiert\u201c wie ein Garten von Hieronymus Bosch, doch ihrer Meinung nach k\u00f6nne der Text nur vorgelesen bestehen.<\/p>\n<p>Steiner wollte noch etwas Gutes \u00fcber den Text sagen: Er sei ein Manifest von wir und die anderen, es w\u00fcrden Gegens\u00e4tze geschaffen, die es zu \u00fcberwinden gelte. Freundschaft und Liebe seien selten in Manifesten, er sehe ein \u201eMetamanifest, das sich in den Schwanz bei\u00dft\u201c.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/150703_07_Krohn.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/150703_07_Krohn.jpg\" alt=\"150703_07_Krohn\" width=\"441\" height=\"348\" class=\"alignnone size-full wp-image-27646\" \/><\/a><\/p>\n<p>Juri Steiner hatte <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.orf.at\/stories\/2709017\/\" target=\"_blank\">Tim Krohn<\/a> vorgeschlagen, der in seinem Einf\u00fchrungsfilm die Arbeit an seinem Haus auf einem Dorf als eigentlich wertvolle Arbeit im Gegensatz zur Kunst anpries. Seine Geschichte <a href=\"http:\/\/files2.orf.at\/vietnam2\/files\/bachmannpreis\/201525\/tim_krohn_zum_paradies_2_365298.pdf\" target=\"_blank\">\u201eZum Paradies\u201c<\/a> h\u00f6rte ich sehr gerne und interessiert: Adam und Eva, wie sie sich im Alltag au\u00dferhalb des Paradieses zurecht finden.<\/p>\n<p>Steiner erz\u00e4hlte, dass er bis zu diesem Text nicht gewusst habe, dass die Geschichte von Adam und Eve auch interessant sein k\u00f6nne: \u201eIn dieser Jagd passiert alles, was die Menschheit ausmacht.\u201c Und dass es Eva sei, die das erste T\u00f6ten erledigen m\u00fcsse, sei f\u00fcr ihn ein besonderer \u201eTwist\u201c.<\/p>\n<p>F\u00fcr Fe\u00dfmann war es die Textform der Parabel um die Frage \u201eDarf man t\u00f6ten?\u201c. Sie fand die Abweichung, dass Adam Eva braucht, seltsam, bemerkte, \u201edass beide Irrsinns-Sophisten sind\u201c, fand den Traumvergleich mit dem Trumpf Gott \u201eeine aparte Idee\u201c. Doch sprachlich sei \u201edie Bibel doch interessanter als diese br\u00e4sige Nacherz\u00e4hlung\u201c.<\/p>\n<p>Keller erkl\u00e4rte den Hintergrund, dass Krohn auch in der Vergangenheit viele Mythen und Traditionen nacherz\u00e4hlt habe; jetzt sei die Bibel dran. Adam&#038;Eva-Nachdichtungen gebe es seit Jahrhunderten, bis Daniel Defoe sie durch Robinsonaden in die Jetztzeit gebracht habe. Sie verwies darauf, dass die Frage des T\u00f6tens in der Bibel eigentlich durch die Kain&#038;Abel-Geschichte behandelt werde, hier gehe es um Tiere. Doch der Text \u201eschwankt vom Publikum her\u201c: Manchmal erscheine er wie eine Welterkl\u00e4rungsgeschichte als Jugendbuch.<\/p>\n<p>Kegel pr\u00e4gte das Wort des Tages: Sie sah den Text als \u201eveganen Ursprungstext\u201c, als \u201eVeganesis\u201c (f\u00fcr einen kurzen Moment fehlte Daniela Strigl nicht mehr so schmerzlich) \u2013 T\u00f6ten von Tieren sei wohl nicht so gut. Doch sie bem\u00e4ngelte, dass es Adam an Phantasie fehle; sie habe sich gew\u00fcnscht, dass er sich die Welt nochmal neu erfinde.<\/p>\n<p>\u201eMir hat diese Welt eigentlich ganz gut gefallen\u201c, widersprach Kastberger. Aber er klagte, der Baum der Erkenntnis habe offensichtlich nicht viel gebracht, die Figuren h\u00e4tten \u201edas Reflexionsniveau einer Sechsj\u00e4hrigen\u201c. Aber er sei bei Welterkl\u00e4rungsfolien auf Basis der Bibel ohnehin misstrauisch.<\/p>\n<p>Winkels hingegen kritisiert, dass sich der Text nicht auf seine Vorl\u00e4ufer beziehe \u2013 das d\u00fcrfe bei diesem Thema h\u00f6chstens ein Kinderbuch. Er nehme eine Energie auf, die schon da sei, und mache damit nichts.<\/p>\n<p>Gm\u00fcnder meinte, eigentlich m\u00f6ge er das Rearrangieren von Elementen. Doch hier sehe er nur \u201ePappkameraden\u201c, am lebendigsten sei noch das sterbende Reh. Er habe sich schwer getan mit dem Text.<\/p>\n<p>Steiner hingegen indentifizierte sich ganz mit diesem Adam: W\u00e4re er so aus dem Paradies geholt, ginge es ihm \u00e4hnlich. Au\u00dferdem liebe er den Text wegen seines \u201eM\u00e4rchenpotenzials\u201c. Kastberger meinte, er an Adams Stelle h\u00e4tte das viel mehr als Befreiungsakt gesehen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/150703_14_Schwitter.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/150703_14_Schwitter.jpg\" alt=\"150703_14_Schwitter\" width=\"290\" height=\"312\" class=\"alignnone size-full wp-image-27647\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/bachmannpreis.orf.at\/stories\/2709277\/\" target=\"_blank\">Monique Schwitter<\/a> kam auf Einladung von Hildegard Keller und hatte einen wunderbaren Film zur Vorstellung dabei (Stop Motion!). Sie las <a href=\"http:\/\/files2.orf.at\/vietnam2\/files\/bachmannpreis\/201525\/monique_schwitter_esche_2_365291.pdf\" target=\"_blank\">\u201eEsche\u201c<\/a>, eine realistische Familien- und Beziehungsgeschichte mit Alltag, Interaktionen, sch\u00f6nen Dialogen, erz\u00e4hlten und nicht erz\u00e4hlten Hintergr\u00fcnden, Bizarrit\u00e4ten, scheinbar heiter. Ich f\u00fchlte mich sehr an besten John Irving erinnert.<\/p>\n<p>Ebenso angetan war die Jury. Kegel fand, in diesem \u201eDreieckstext\u201c liege alles im Erinnern und Vergessen, au\u00dferdem sei sie von dem K\u00f6rperlichen darin fasziniert, auch von seinem Bewegen und Verharren.<\/p>\n<p>Kastbeger lobte, sonst sei er bei Texten mit vielen Namen schnell \u00fcberfordert, doch hier nicht: \u201eGl\u00e4nzend und gelungen\u201c sei der Rahmen, in dem sie auftauchten, nach dem \u201eWucherungsprinzip\u201c. Er nannte die einzelnen Geschichten darin \u201esehr, sehr schr\u00e4g, aber nicht zu schr\u00e4g\u201c und mochte die Frechheit.<\/p>\n<p>Winkels gr\u00fcbelte, warum wohl alle den Text sofort gemocht h\u00e4tten. Es liege m\u00f6glicherweise an der Geometrie, die er mit barocken Opern assoziiere, an den Punkten, wie die Menschen zusammenkommen. Es gebe keinen psychologischen \u00dcberschuss. Gm\u00fcnder meinte, es seien die Leerstellen, die es ausmachten.<\/p>\n<p>Keller \u00e4u\u00dferte ihre Freude \u00fcber die Begeisterung. Sie habe die Autorin und den Text eingeladen, weil die Geschichte so beil\u00e4ufig daher komme: Verschiedene Paare, Liebe in vielen Varianten, alles in doppelter Spiegelung von Sein und Schein, durch die Kinderperspektive mit Magie.<\/p>\n<p>Kastberger nahm Winkels&#8217; Verweis auf Barock auf: Es handle sich ja um eine Allegorie, in einem Rahmen, um eine \u201eMikro-Allegorie\u201c, um \u201eBonsai-Barock\u201c.<\/p>\n<p>Auch Steiner mochte den Text und seine Entropie der Liebe; gerade der, der angeblich mit der Liebe abschlossen habe, befasse sich am meisten mit ihr.<\/p>\n<p>Fe\u00dfmann gingen die Vergleiche mit dem Barock zu weit: Es tauchte zwar die \u201eSittenverwahrlosung der Senioren in Buxtehude\u201c auf, doch die Erz\u00e4hlerin wolle gerade Stabilisierung. Sie musste sich korrigieren lassen, sie habe eine falsche Vorstellung von Barock: Die Kunst sei damals sogar besonders formal und geordnet gewesen (G\u00e4rten!).<\/p>\n<p>Steiner sprach noch das Element fehlender Empathie an, die die junge Generation verst\u00f6re. Doch Keller widersprach: Es gehe um Spielarten der Liebe, sie sehe keine Trostlosigkeit. Winkels unterstrich das durch die Beobachtung, der Geschichte fehle jede Moralisierung.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/150703_17_von_Roenne.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/150703_17_von_Roenne.jpg\" alt=\"150703_17_von_Roenne\" width=\"463\" height=\"346\" class=\"alignnone size-full wp-image-27648\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/bachmannpreis.orf.at\/stories\/2709072\/\" target=\"_blank\">Ronja von R\u00f6nne<\/a> las auf Einladung von Hubert Winkels (und ohne Vorstellungsfilm) <a href=\"http:\/\/files2.orf.at\/vietnam2\/files\/bachmannpreis\/201525\/ronja_von_rnne_welt_am_sonntag_365295.pdf\" target=\"_blank\">\u201eWelt am Sonntag\u201c<\/a>. Ich erkannte in der Ich-Erz\u00e4hlung einer jungen Frau, die allein in einem Hotelbett aufwacht und dann durch die Stadt zieht sowie in der Vorlesestimme den Tonfall und Jargon einiger YouTube-Kan\u00e4le junger Frauen, ein alterstypisches Augenrollen und Sinnsuchen \u2013 ein ganz bestimmtes heutiges Stereotyp. Sie interessierte mich nicht sehr.  Die Jury guckt wahrscheinlich keine YouTube-Kan\u00e4le (so wie sie vergangenes Jahr eine Mutti-Tirade nur als originell ansehen konnte, weil sie keine Mutti-Blogs liest).<\/p>\n<p>Fe\u00dfmann sprach von einem Text, in dem alles Pose sei, \u201edemontative Pose\u201c, Pose und Provokation. Sie erinnerte er an das \u201eDekadenzph\u00e4nomen\u201c von 1999 mit Stuckrad-Barre und Kracht. \u201eDurchaus am\u00fcsant\u201c, aber auch \u201ekomplett \u00e4rgerlich\u201c und \u201egnadenlos banal\u201c. Sie r\u00e4umte allerdings die M\u00f6glichkeit ein, es k\u00f6nnte provozierend sein \u201ewelche Banalit\u00e4t mir da als was Besonderes verkauft werden soll\u201c.<\/p>\n<p>Winkels gab die Pose zu, meinte aber, der Text behandle das \u201eSich-nicht-zurecht-finden\u201c als Problem; er bearbeite das Loch, das der dekadente Nihilismus der anderen hinterlassen habe. Die Figur f\u00fclle es mit der \u201eSuche nach dem authentischen Moment\u201c. Die Stimmung sei \u201eauf eine sehr zeitgem\u00e4\u00dfe Weise intensiv\u201c.<\/p>\n<p>Keller fasste zusammen, eine Ich-Erz\u00e4hlerin flaniere durch sch\u00f6ne deutsche St\u00e4dte, die sie bei dieser Gelegenheit beleidige: \u201eAbsolut konsequent konstruiert.\u201c Doch ausgerechnet, wo sie Kakao mit Sahne finde, kippe sie.<\/p>\n<p>Kastberger machte ein erstens, zweitens, drittens auf: Erstens lese er gerade einige sehr fr\u00fche Salinger-Geschichten, und schon 1952\/53 gebe es die Party-Jugendlichen und ihr Hadern mit der Sinnlosigkeit. Der Unterschied in der heutigen Geschichte seien Wohlstand und Konsum, die zu anderen Coolnessgesten f\u00fchrten. Zweitens sei das der beste erste Satz seines privaten Rankings. Und drittens habe der Text die Moral\/Warnung: \u201eWenn man den Sinn des Lebens sucht, soll man bitte nicht nach Karlsruhe fahren.\u201c<\/p>\n<p>Steiner sprach von der Dekadenz dieser \u201eGeneration Produktiv\u201c (so hei\u00dft sie in der Geschichte), die die Dekadenz zum Produktionsmittel mache. Doch der Text beschreibe auch die \u201eHaarrisse in der Pose\u201c.<\/p>\n<p>Winkels fragt, warum immer nur von der Dekandenz im Text gesprochen werde und nicht von der Depression. Schlie\u00dflich stelle sich die Erz\u00e4hlerin einen Suizid im Hotelzimmer vor und sich als Attent\u00e4terin.<\/p>\n<p>Gm\u00fcnder erw\u00e4hnte die Zuschreibungen \u00e4lterer Leute an j\u00fcngere, die Sehnsucht der j\u00fcngeren nach Intensit\u00e4t in einer normierten Welt; sie k\u00f6nnten der Propaganda kaum entgehen. Kastberger fragte allerdings, wer hier wem welche Rolle aufzwinge. Jugend sei schon immer von Rollenangeboten oder -zw\u00e4ngen unter Druck gesetzt worden, habe schon immer Wege des Ausbruchs gesucht. Diese Protagonistin hingegen <i>wolle<\/i> sich ja sogar anpassen.<\/p>\n<p>Kegel sagte auffallenderweise nichts zu dem Text. <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ssl-vg03.met.vgwort.de\/na\/71d67fe213534e5d98265b4f1b41186d\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute war die Jury fast gesammelt fast immer meiner Meinung \u2013 wenn auch fast durchgehend auf h\u00f6herem Niveau. Das ORF-Theater war voller als am ersten Tag: Heute kamen auch Sch\u00fclerinnen. So stand ich am Vormittag erst mal im Gang. 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