{"id":27653,"date":"2015-07-04T17:30:59","date_gmt":"2015-07-04T15:30:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=27653"},"modified":"2015-07-04T17:30:59","modified_gmt":"2015-07-04T15:30:59","slug":"bachmannpreis-2015-tag-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2015\/07\/bachmannpreis-2015-tag-3.htm","title":{"rendered":"Bachmannpreis 2015, Tag 3"},"content":{"rendered":"<p>Wieder vier interessante Texte \u2013 so richtig grottig war in diesem Bachmannpreisjahr nichts. Heute dazu zum Teil turbulente Jurydiskussionen mit verschiedenen Meinungen. Auffallend an diesem Tag: Das Publikum spendete immer wieder einzelnen Juryaussagen Applaus.<\/p>\n<p>Ich war besonders fr\u00fch am ORF-Theater, da meiner Erinnerung nach der Samstag immer besonders gut besucht ist (au\u00dferdem war ich unangenehm fr\u00fch aufgewacht, schon beim Laufen gewesen, und dann war&#8217;s eh schon wurscht). Es war dann auch voll im ORF-Theater, aber ich sa\u00df.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/150704_26_Halter.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/150704_26_Halter.jpg\" alt=\"150704_26_Halter\" width=\"509\" height=\"348\" class=\"alignnone size-full wp-image-27654\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/bachmannpreis.orf.at\/stories\/2709014\/\">J\u00fcrg Halter<\/a> war die Tage davor mit seinen bunten Hemden recht sichtbar gewesen, ich fand ihn sympathisch und wollte seinen Text m\u00f6gen \u2013 zumal ich mich sehr an seinem Vorstellungsfilmchen gefreut hatte. Doch <a href=\"http:\/\/files2.orf.at\/vietnam2\/files\/bachmannpreis\/201525\/juerg_halter_erwachen_im_21_jahrhundert_2_365288.pdf\" target=\"_blank\">\u201eErwachen im 21. Jahrhundert\u201c<\/a>, vorgeschlagen von Juri Steiner, war f\u00fcr mich eine sehr schlichte Geschichte eines Menschen, der unangenehm fr\u00fch aufwacht, aus einem Alptraum, und dann denkm\u00e4andert, von H\u00f6lzchen auf St\u00f6ckchen kommt, und sich beim Denken beobachtet, vorgetragen im Tonfall einer Litanei. Leider ging das v\u00f6llig an mir vorbei, trotz vieler sch\u00f6ner S\u00e4tze, die wie f\u00fcr Twitter optimiert schienen. (Angebot an die Apokalyptiker in deutschen Feuilletons: Twitter&#8217;sche Aphorismisierung der Literatur als Symptom f\u00fcr den Untergang von Kultur\/Zivilisation\/Abendland?)<\/p>\n<p>Die Jury hatte den Text \u00fcberwiegend anders aufgefasst. Hubert Winkels \u00e4chzte unter dem \u201eungew\u00f6hnlich heftigen, monumentalen Beginn\u201c dieses Lesetages, f\u00fcr ihn war der Text aus der \u201ePosition Gottes selber\u201c geschrieben, wie er es sonst nur von Nietzsches <i>Also sprach Zarathustra<\/i> kenne. Das versuche er mit existenziellen Situationen zu verkn\u00fcpfen, was ihm aber misslinge in seinem Modus der Melancholie.<\/p>\n<p>Klaus Kastberger wandte sich an Halters Einlader Juri Steiner: \u201eWas ist mit dem Schweizer Mann los?\u201c, gerade wenn er an Tim Krohn erinnere. Der Text stelle die ganz gro\u00dfen Fragen, doch mit \u00fcberschaubarer Bescheidenheit in den Antwortm\u00f6glichkeiten. Beruhigt f\u00fchle er sich von dem Umst\u00e4nden, dass die Kontinentalplatten ihrer Wege gingen, und dass die Evolutionsgeschichte nicht nochmal erz\u00e4hlt werden m\u00fcsse.<\/p>\n<p>Stefan Gm\u00fcnder bat um mehr Bodenhaftung: Es gehe weder um den Schweizer Mann noch um Gott; er habe eine Partitur gesehen, durch die sich Motive z\u00f6gen: Wer bin ich? Wer ist der andere? Die Zeitangaben im Text schl\u00fcgen wie ein Metronom, \u201eganz cool und locker\u201c seien Ereignisse eingebaut.<\/p>\n<p>Sandra Kegel hatte ein Problem mit der Chronologie, die zu einem dichten und langweiligen Text gef\u00fchrt h\u00e4tte. Interessant fand sie die Rochaden darin, diese seien aber nicht fortgef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Heike Fe\u00dfmann hatte einen Text gelesen, in dem jemand aufgewacht ist, am Schreibtisch sitzt und sich \u00fcberlegt, wie er einen Text von Gewicht schreiben k\u00f6nne \u2013 der Text sei das Ergebnis. Diese Selbstbez\u00fcglichkeit gehe aber nicht ganz auf. F\u00fcr sie war es \u201eein belangloser Text\u201c. <\/p>\n<p>Juri Steiner beschrieb den Text anders: Jemand wache aus einem Albtraum auf und stelle sich der Panik, erlebe dabei luzide Momente \u2013 wie wir alle es kennten. Das 21. Jahrhundert, in dem aufgewacht werde, sei die Digitalisierung, der Computer sei ein \u201eProthesengott\u201c und werfe alle Informationen aus, der Mensch habe nicht mehr das Monopol der Vernunft. Es gehe um Ohnmacht und \u00c4ngste \u2013 das k\u00f6nnten Computer n\u00e4mlich noch nicht.<\/p>\n<p>Winkels verwies auf Kant, auf religi\u00f6se Ersatzfunktion, angedeutete Romantikzuordnung. Steiner widersprach, das sei alles Philosophie, doch hier habe man es mit Literatur zu tun samt ihrer \u201eperformativen Gewalt\u201c.<\/p>\n<p>Hildegard Keller setzte an, indem sie Kastberger schmunzelnd fragte: \u201eWas ist denn los mit dem \u00f6sterreichischen Mann?\u201c (Fand er anscheinend wieder nicht lustig.) Sie erinnerte an die \u201eGedichtfalle\u201c, die Halter in seinem Portr\u00e4tfilm behauptet hatte: \u201eIch tappe nicht in die Metaphysikfalle.\u201c Die Medienart gleiche am ehesten der von FALKNER in ihrer Komposition mit Wiederholungen. Doch sie habe vergeblich nach einer \u201eindividuellen Sprechweise\u201c gesucht. Ein allgemeiner Mensch spreche vor allem im Modus der Fragen.<\/p>\n<p>Kastberger bezog sich auf Steiners Erkl\u00e4rung und fragte ihn, warum er das alles habe erkl\u00e4ren m\u00fcssen und der Text das nicht tue. Fe\u00dfmann wies ihn zurecht, er wolle doch wohl Steiner nicht das Interpretieren verbieten.<\/p>\n<p>Winkels sah keinerlei Selbstbez\u00fcglichkeit, Fe\u00dfmann verwies auf die Zeitangaben, das lie\u00df Winkels als Einziges gelten.<\/p>\n<p>Gm\u00fcnder bemerkte, Literatur habe schon immer die vornehme Aufgabe gehabt, Fragen zu stellen. F\u00fcr ihn war die Computerszene ein Versuch, aus der Selbstbez\u00fcglichkeit herauszukommen.<\/p>\n<p>Steiner kehrte zur apokalyptischen Interpretation zur\u00fcck: Digitalisierung versklave seine Imagination; zur Ruhe komme man nur offline, indem man den Stecker ziehe, und er prophezeite ein ganz gro\u00dfes Steckerziehen in naher Zukunft. Dann sprach er auch noch von der \u201eVersklavung durch Rationalit\u00e4t\u201c. (Nicht nur an dieser Stelle hatte ich den Eindruck, Steiner w\u00e4re im sp\u00e4ten 17. Jahrhundert besser aufgehoben als in unserem.)<\/p>\n<p>Nachdem Kastberger meinte, er habe sich ja \u201ein den Text hineinimaginieren\u201c wollen, doch das gehe nicht auf, meldete sich Halter selbst zu Wort und nahm einen vorherigen Vergleich mit Jean Ziegler auf: Er werde das mit Ziegler besprechen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/150704_29_Baar.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/150704_29_Baar.jpg\" alt=\"150704_29_Baar\" width=\"262\" height=\"251\" class=\"alignnone size-full wp-image-27655\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/bachmannpreis.orf.at\/stories\/2708993\/\" target=\"_blank\">Anna Baar<\/a> war von Stefan Gm\u00fcnder eingeladen und las <a href=\"http:\/\/files2.orf.at\/vietnam2\/files\/bachmannpreis\/201525\/anna_baar_die_farbe_des_granatspfels_365286.pdf\" target=\"_blank\">\u201eDie Farbe des Granatapfels\u201c<\/a>. Schon in ihrem Vorstellungsfilmchen sprach sie \u00fcber Zweisprachigkeit, \u00fcber ihr Leben zwischen Kroatien und \u00d6sterreich. Darum ging es dann auch in ihrer Geschichte (und ich lernte an ihr, dass nicht nur M\u00fcnchnerinnen in den Sommermonaten Sonnenbrillen im Haar tragen wie Schleiferl oder Spangerl). Ich h\u00f6rte Kindheitserinnerungen an Oma und Omahaus in Kroatien, mit H\u00fchnerschlachten, hei\u00dfen Steinplatten, Erinnerungen ans Aufwachsen in diesem Haus, mit immer wieder kroatischen Einsprengseln. Ich mochte die Geschichte, hatte viele Bilder vor Augen, kam den Personen nahe. (Und meine spanische Yaya hat im Alter <i>auch<\/i> am Sp\u00fclmittel gespart, alle Trinkgl\u00e4ser waren klebrig.)<\/p>\n<p>Gm\u00fcnder sprach von einem \u201eErinnerungstext\u201c, im Zentrum die Gro\u00dfmutter, mit der politischen Geschichte des 20. Jahrhunderts als leiser Spur. Es gehe um \u201eSprachefinden, W\u00f6rterfinden\u201c als \u201eAkt des \u00dcberlebens in einer feindlichen Welt\u201c.<\/p>\n<p>F\u00fcr Sandra Kegel verwies der Titel auf den metaphorischen Gehalt der Geschichte; es gehe um Paradies, um H\u00f6lle, die Insel sei eine Toteninsel. Zwischen der Gro\u00dfmutter und dem M\u00e4dchen herrsche ein Stellungskrieg. Manchmal falle der Text ins Pathos, doch ein Problem habe sie mit der Psychologisierung: Zwar tue die Gro\u00dfmutter dem M\u00e4dchen schreckliche Dinge an, doch wegen der rigiden Moralvorstellungen des Kindes sympathisiere sie dennoch mit ihr.<\/p>\n<p>Fe\u00dfmann sah keine Kindheitserinnerung, sondern die einer Pubertierenden, die die \u201ePoetik der \u00dcppigkeit\u201c verteidige. Nicht nur sei da diese Insel der frustierten Frauen, durch das M\u00e4dchen gehe auch der nationale Konflikt zwischen dem \u00f6sterreichischen und kroatischen Teil der Familie. Zudem wolle das M\u00e4dchen sch\u00f6ne W\u00f6rter finden, denen sich die Gro\u00dfmutter verweigere. Und gleichzeitig w\u00fcrge das M\u00e4dchen an sch\u00f6nen W\u00f6rtern \u2013 das sei misslungen.<\/p>\n<p>Genau das nannte Kastberger sehr gelungen, eine \u201eunglaublich pr\u00e4zise Weise, das zu beschreiben\u201c, auch mit ganz kleinen Mitteln. Er sah die \u201eAufrichtigkeit von Erinnerung\u201c, n\u00e4mlich die Erscheinung, dass eine Erinnerung schrecklich sein k\u00f6nne, es aber dennoch Freude bereiten k\u00f6nne, sie zu beschreiben.<\/p>\n<p>Steiner ging auf die Komponente ein, dass auf \u201elistige Weise\u201c eingef\u00fchrt worden sei, \u201ewas mit Sprache passiert, wenn sie nicht da ist\u201c. Die \u00c4ngste des Kindes w\u00fcrden im Vergleich mit den Kriegserlebnissen der Erwachsenen nicht ernst genommen, doch eigentlich seien \u201edie kleinen tabuisierenden Momente\u201c das Schlimmste.<\/p>\n<p>Winkels hob die Erz\u00e4hlsituation hervor: Am Anfang werde behauptet, dass alles vorbei sei, doch die Erinnerung richte sich auf in der Erz\u00e4hlerin entgegen dieser Absicht. Sein Problem sei, dass der Text zu sch\u00f6n sei, es sei \u201evielleicht zu viel des Sentimentalen in den Text geraten\u201c. F\u00fcr einen privaten Text sei ihm auch zu viel Nationalgeschichte enthalten \u2013 in einem Roman allerdings gehe das.<\/p>\n<p>Keller verwies darauf, dass der Wettbewerb nunmal nur ein kleines Fenster vorsehe, ging dann auf den Umstand ein, dass in den vergangenen Jahren immer wieder Preistr\u00e4gerinnen mit weiblichen Figuren operiert h\u00e4tten, die in Familiengeschichten hinabgestiegen seien, Sprachgrenzen \u00fcberschritten und Tabus aufgel\u00f6st h\u00e4tten. Hier habe sie eine archaische Gro\u00dfmutter gesehen, mit einer \u00fcbern\u00e4chsten Generation, die aus einer v\u00f6llig anderen Welt komme.<\/p>\n<p>Gm\u00fcnder nannte den Vergleich mit anderen Preistr\u00e4gerinnen naheliegend, doch seiner Meinung nach lag hier eine ganze andere erz\u00e4hlerische Bew\u00e4ltigung vor. Hier werde das Motiv des Wachsens eingesetzt, dass es nie vorbei sei.<\/p>\n<p>Kastberger erkl\u00e4rte, dass man es bei \u00f6sterreichischer Literatur immer mit Ambivalentem zu tun habe. Hier: Sinnlichkeit\/Anspruch auf Askese, zwei Sprachen, die Ambivalenz des Erinnerns. Der Text finde sehr gute Antworten, damit umzugehen.<\/p>\n<p>Steiner erneuerte den <i>running gag<\/i>: \u201eWas ist mit dem kroatischen Mann los?\u201c Das Totstellen nannte er ein interessantes Motiv, das darauf verweisen k\u00f6nnte, wo Kroatien heute sei. Kastberger erinnert das an die Geschichte von Fritsch am Donnerstag, er sah \u201eeine \u00e4hnliche Bettl\u00e4grigkeit\u201c.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/150704_33_Praeauer.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/150704_33_Praeauer.jpg\" alt=\"150704_33_Praeauer\" width=\"373\" height=\"255\" class=\"alignnone size-full wp-image-27656\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/files2.orf.at\/vietnam2\/files\/bachmannpreis\/201525\/praeauer_ohschimmiultimo_neu_365294.pdf\" target=\"_blank\">\u201eOh Schimmi!\u201c<\/a> hie\u00df die Geschichte, die <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.orf.at\/stories\/2709019\/\" target=\"_blank\">Teresa Pr\u00e4auer<\/a> auf Einladung von Hubert Winkels vortrug, und ich brauchte eine Weile, um mich einzugrooven \u2013 was unter anderem an der langen Unruhe nach der Pause lag, denn einige Handtuchbesetzerinnen auf Mittelpl\u00e4tzen kamen Minuten zu sp\u00e4t. So erschienen mir die wahnwitzigen Sprachspielereien und der Rhythmus der Geschichte zun\u00e4chst gewollt und aufgesetzt, doch endlich im Fluss schwimmend wurden sie wirklich witzig und eine runde, v\u00f6llig abgefahrene Geschichte um einen Burschen, der sich ein Gorillakost\u00fcm holt, um sich zum Affen zu machen.<\/p>\n<p>Fe\u00dfmann meinte dann auch, sie habe ein \u201eZauberkunstst\u00fcck auf offener B\u00fchne\u201c gesehen (ist es inzwischen tats\u00e4chlich Standard geworden, dass man Zauberei als Aufzeichnung sieht?), \u201ealle Oppositionspaare durcheinander gewirbelt\u201c. Wenn die Handlung an Schwung verliere, springe immer die Sprache ein, dann wieder bremse der Text absichtsvoll ab. Sie fand es \u201eermunternd und witzig mit allen sprachlichen Mitteln\u201c.<\/p>\n<p>Den Trick, Metaphern w\u00f6rtlich zu nehmen nannte Kegel die Basis des Textes, er spiele eine bezaubernde Idee wundervoll durch. Zitate aus Literatur und Kunst seien meisterlich eingearbeitet, der Text \u201ekann einfach zeichnen\u201c, Bilder, Figuren und typische Verdrehungen w\u00fcrden durchgearbeitet. Gleichzeitig sei es auch eine \u201etypische Stalker- und Vergewaltigungsgeschichte\u201c. Sie fand lediglich das Ende zu einfach, w\u00fcnschte sich \u201emehr Raffinesse\u201c.<\/p>\n<p>Winkels verwies auf den gro\u00dfen Verwandler und Vergewaltiger Jupiter\/Zeus, doch Gm\u00fcnder identifizierte Muhammed Ali als Quelle des Zitats vom ermordeten Felsen; er nannte den Protagonisten einen \u201eTyp im Handgemenge mit der Realit\u00e4t\u201c, verwies auf die Anspielungen auf M\u00fcnchhausen und Jethro Tull. Es werde eine gro\u00dfe Fallh\u00f6he aufgebaut, doch der Absturz werde vermieden.<\/p>\n<p>F\u00fcr Winkels hatte die Maskerade als Affe ihre Entsprechung in der Maskerade Sprache: Die Sprache erzeuge den Rap, gebe den Rhythmus der Geschichte und die Logik vor. Es handle sich um ein Gesamtkunstereignis (\u201eso ein Text schlecht vorgelesen hat ein Problem\u201c) inklusive dem Vorstellungsfilm.<\/p>\n<p>Steiner bemerkte, dass wir uns seit 8 Millionen Jahren bem\u00fchten, eben <i>keine<\/i> Affen mehr zu sein \u2013 und nun komme dieser Text mit \u201eBrachialironie und Trash\u201c. Dieses Befreiende habe etwas Hysterisches, es sei King Louie aus <i>Jungle Book<\/i>, nur umgekehrt.<\/p>\n<p>Kastberger h\u00e4tte den Peter-Fox-Bezug im Text lieber selbst gefunden, doch dann sei er schon gesagt worden. Er zitierte ein Peter-Fox-Interview zu \u201eStadtaffe\u201c: Der sei eine Art von Image, kein Teenie mehr, aber nicht alt. Der Text mache ihn, Kastberger, jung.<\/p>\n<p>Keller war sehr angetan von der Performance inklusive Film, beim Lesen dahei sei ihr die zweite H\u00e4lfte noch vorgekommen wie ein \u201eZu Gast bei Hallervorden\u201c.<\/p>\n<p>Abschlie\u00dfend schneller Austausch zwischen den Jurymitgliedern: Kastberger fragte Kegel, welchen Schluss sie bevorzugt h\u00e4tte. Kegel: Keinen Gegensatz m\u00e4nnlich-weiblich. Steiner beharrte: \u201eDieser Affe ist ein Affe.\u201c Kegel assoziierte die Nestroy-Komm\u00f6die <i>Der Affe und der Br\u00e4utigam<\/i>, Winkels verwies darauf, dass das letzte Wort in der Geschichte die Mama habe.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/150704_36_Grigorcea.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/150704_36_Grigorcea.jpg\" alt=\"150704_36_Grigorcea\" width=\"259\" height=\"437\" class=\"alignnone size-full wp-image-27657\" \/><\/a><\/p>\n<p>Hildegard Keller hatte <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.orf.at\/stories\/2709008\/\" target=\"_blank\">Dana Grigorcea<\/a> und ihren Text <a href=\"http:\/\/files2.orf.at\/vietnam2\/files\/bachmannpreis\/201525\/dana_grigorcea_das_primaere_gefuehl_der_schuldlosigkeit_365287.pdf\" target=\"_blank\">\u201eDas prim\u00e4re Gef\u00fchl der Schuldlosigkeit\u201c<\/a> eingeladen. Sie las mit deutlichem rum\u00e4nischem Akzent eine Geschichte in drei Teilen vor: Aus der Perspektive eines Kindes eine Episode aus der Ceau\u015fescu-Zeit, Michael Jacksons Besuch in Bukarest drei Jahre nach Ceau\u015fescus Ermordnung (das lasse ich so, ein allersch\u00f6nster Freud&#8217;scher), R\u00fcckkehr einer rum\u00e4nischen Auswanderin nach Bukarest. Ich fand die Geschichte gro\u00dfartig \u2013 was durchaus daran liegen mag, dass ich mich beruflich im vergangenen Jahr viel mit Rum\u00e4nien befasst habe und die j\u00fcngere Geschichte des Landes hochinteressant finde. Doch auch so mochte ich Figurenf\u00fchrung und die breiten sprachlichen Mittel. Mir fiel sehr auf, wie anders dieses literarisch heitere Rum\u00e4nien im Vergleich zu dem von Herta M\u00fcller ist.<\/p>\n<p>Winkels \u00e4u\u00dferste sich gl\u00fccklich dar\u00fcber, dass der Tag und der Bewerb so auskl\u00e4ngen. Er fand den Text witzig und gut gelesen, eine Satire in drei Teilen. Der Twist sei, dass alle Teile \u201eMedienverungl\u00fcckungsgeschichten\u201c seien, die falsche Synchronisierung der Filme, das Jackson-Poker, der Versprecher von Jackson, das verfehlte Schlussfoto. \u201e\u00dcber Verstellungen lernen wir in satirischer Position die Geschichte Rum\u00e4niens kennen.\u201c<\/p>\n<p>Kegel lobte das Er\u00f6ffnungsbild mit Souffleur und Glaskasten mit \u201eder Sch\u00f6nen\u201c; sie habe sich an osteurop\u00e4ische M\u00e4rchenfilme erinnert gef\u00fchlt.<\/p>\n<p>\u201eEine Burlesque aus Rum\u00e4nien nach Ende der Sowjetunion\u201c nannte Fe\u00dfmann den Text, eine Rondo-Konstruktion, auch hier tauche ein franz\u00f6sischer Film auf, der auf eine globale Filmsprache deute.<\/p>\n<p>F\u00fcr Kastberger wies der Eingangssatz (Platz 3 in seinem Ranking) auf einen Roman von 800 Seiten hin. Der Text orchestriere sehr gut in verschiedenen Stimmlagen: \u201eEr h\u00e4ngt sich nicht sehr raus mit Stilmitteln\u201c, arbeite ein wenig mit Ostalgie.<\/p>\n<p>Steiner berichtete, er habe sich am Vorabend auf YouTube das beschriebene 2-Stunden-Konzert von Michael Jackson angeschaut, wie die jungen Menschen verz\u00fcckt im Regen gestanden seien. Er habe durch den Text einen ersten Zugang \u00fcberhaupt zu Rum\u00e4nien bekommen. Bemerkenswert nannte er, dass die Mutter sich nicht auflehne, nur \u00fcber einen falsch \u00fcbersetzten Satz innerhalb des franz\u00f6sischen Films. Dann strauchelte Steiner in seinen Ausf\u00fchrungen: \u201eIch finde den Schluss nicht mehr, aber Sie wissen, was ich in etwa&#8230;\u201c<\/p>\n<p>Keller freute sich \u00fcber die Zustimmung zur der Geschichte. Sie k\u00fcndigte an, dass es weiter gehe, einen Roman geben werde. Aus Schweizer Perspektive sei der Text sehr spannend, denn in der Schweizer Literatur spielten Heimkehrer eine gro\u00dfe Rolle. Sie sprach auch an, dass im Vorfeld des Bachmannpreises bereits die Aufl\u00f6sung der Nationalit\u00e4t in der Literatur diskutiert worden sei.<\/p>\n<p>Kastberger \u00e4u\u00dferte, als am Donnerstag der Wettbewerb mit einem One Night Stand begonnen habe, habe er nicht zu hoffen gewagt, dass er mit Sex bei Ceau\u015fescus enden w\u00fcrde. <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ssl-vg03.met.vgwort.de\/na\/7abbd4bbaf3c4792b5e165043d540cc6\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wieder vier interessante Texte \u2013 so richtig grottig war in diesem Bachmannpreisjahr nichts. Heute dazu zum Teil turbulente Jurydiskussionen mit verschiedenen Meinungen. Auffallend an diesem Tag: Das Publikum spendete immer wieder einzelnen Juryaussagen Applaus. 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