{"id":27777,"date":"2015-08-09T08:51:16","date_gmt":"2015-08-09T06:51:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=27777"},"modified":"2015-08-09T09:03:35","modified_gmt":"2015-08-09T07:03:35","slug":"bov-bjerg-auerhaus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2015\/08\/bov-bjerg-auerhaus.htm","title":{"rendered":"Bov Bjerg, <i>Auerhaus<\/i>"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/150520_Bov_Buch_2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/150520_Bov_Buch_2.jpg\" alt=\"150520_Bov_Buch_2\" width=\"416\" height=\"422\" class=\"alignnone size-full wp-image-28020\" \/><\/a><\/p>\n<p>Den Namen Bov Bjerg hielt ich ja jahrelang f\u00fcr ein Pseudonym. Zum einen hatte ich sein Blog und dann den Herrn selbst zu einer Zeit kennengelernt, als b\u00fcrgerliche Namen im selbst geschriebenen Web eine rare Ausnahme waren, zum anderen ging ich ohne zu \u00fcberlegen davon aus, dass niemand so in Echt hei\u00dfen kann. Selbst dass er diesen Namen auch f\u00fcr seine kabarettistischen Auftritte verwendete, st\u00f6rte diese Annahme nicht. Ehrlich gestanden: Erst als er mir seinen aktuellen Roman <i>Auerhaus<\/i> als Leseexemplar zuschicken lie\u00df (vielen Dank!), erwog ich die M\u00f6glichkeit, dass der Name Bov Bjerg auch in seinem Personalausweis steht <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bov_Bjerg\" target=\"_blank\">und recherchierte<\/a>. Aber das macht nat\u00fcrlich keinen Unterschied.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Ich las das Buch sehr gerne. Mir gefiel die vordergr\u00fcndige Leichtigkeit der Sprache, ich wollte mehr \u00fcber die Personen wissen, die mir die Geschichte sehr nahe brachte: In den Achtzigerjahren ziehen auf einem schw\u00e4bischen Dorf ein paar junge Leute im (damaligen) Abituralter in ein leer stehendes Haus zusammen. Einer von ihnen, Frieder, hat versucht, sich das Leben zu nehmen, seine \u00c4rzte und Therapeuten empfehlen, dass er nicht zur\u00fcck zu seinen Eltern zieht. Und so wohnen sie da zusammen, der frisch aus der Psychiatrie entlassene mit drei Klassenkameraden und -kameradinnen, sp\u00e4ter laufen ihnen zwei weitere junge Leute zu. Erz\u00e4hlt wird das von H\u00f6ppner, dem besten Freund von Frieder, der als Mitbewohner auf ihn aufpassen soll.<\/p>\n<p>Ich assoziierte bald Wolfgang Herrndorfs <i>Bilder einer gro\u00dfen Liebe<\/i>, auf das mit &#8220;Ich bin verr\u00fcckt, aber nicht bl\u00f6d!&#8221; explizit referenziert wird (der Herrndorf-Roman beginnt &#8220;Verr\u00fcckt sein hei\u00dft ja auch nur, dass man verr\u00fcckt ist, und nicht bescheuert.&#8221;). Vor allem aber warf mich der Roman in Erinnerungen an meine eigenen Achtziger (die Rezensionen, die ich bislang \u00fcber <i>Auerhaus<\/i> gelesen habe, weisen darauf hin, dass das vielen Lesern und Leserinnen so ging). Zwar ist mir ein damaliges schw\u00e4bisches Dorf fast so fremd wie ein finnisches, doch auch in der oberbayerischen Provinzstadt meiner Achtziger wohnten Freunde ein bisschen so. Statt Auerhaus<sup><a href=\"#footnote_1_27777\" id=\"identifier_1_27777\" class=\"footnote-link footnote-identifier-link\" title=\"Der Sprachwissenschaftler an meiner Seite meckert allerdings, es sei unwahrscheinlich, dass der Bauer die Band Madness beim Singen des Lieds so verstand: Die Briten h&auml;tten schlie&szlig;lich &ldquo;Ah-haus&rdquo; gesungen, nicht &ldquo;Auer-&ldquo;.\">1<\/a><\/sup> hie\u00df es &#8220;as H\u00e4usl&#8221; (&#8220;Haisl&#8221; gesprochen), in dem &#8220;da Woidla&#8221; mit seiner Freundin wohnte, die auch meine Freundin war. Das Haus stand in einem Vorort von Ingolstadt, war ein typischer Aussiedlerbau aus der Nachkriegszeit, geh\u00f6rte dem Vater einer Schulkameradin und hatte schon eine Weile leer gestanden. Wir trafen uns darin hin und wieder vor dem abendlichen Ausgehen, verbrachten Sonntage darin. Auch wenn die Bewohner ein paar Jahre \u00e4lter als die des Auerhauses waren, habe ich die Atmosph\u00e4re und die Rolle des Hauses im Freundeskreis \u00e4hnlich in Erinnerung.<\/p>\n<p>Ich selbst war ganz auf der Seite der Spie\u00dfer, ich brauchte nicht mal den im Roman angef\u00fchrten Kokon daf\u00fcr. Aber ich bilde mir ein, dass ich sehr neugierig auf die Alternativen der anderen war: Ich besuchte sie, lie\u00df mir erz\u00e4hlen. Das fand ich alles h\u00f6chst interessant, es war halt einfach nichts f\u00fcr mich. Ich f\u00fcrchte, darin habe ich mich bis heute nicht ver\u00e4ndert: Ich m\u00f6chte bitte gerne in meinem <i>Fortress of Spie\u00dfigkeit<\/i> leben und freue mich ungeheuer, dass mutigere und weniger konventionelle Leute mir von ihrem Leben erz\u00e4hlen, mich per Blog daran teilhaben lassen, mich einladen, mich sogar besuchen. Manchmal setze ich mich sogar aktiv daf\u00fcr ein, dass sie ihr Nicht-Mainstream-Leben so leben d\u00fcrfen\/k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Womit ich allerdings von Kindesbeinen an ein Problem hatte: Klauen und Dealen, johlend anderer Leut&#8217; Sachen zerst\u00f6ren. Das f\u00fchlte sich f\u00fcr mich ungerecht an.<\/p>\n<p>Doch das, was in <i>Auerhaus<\/i> als Horrorwelt des Wiederholens von Erwachsenenmustern beschrieben wird, war f\u00fcr mich in diesem Alter aufregend und anders. Ich kam aus einer Arbeiterumgebung, ein Wiederholen von Mustern w\u00e4re in meinem Fall ein Job in der Fabrik gewesen. W\u00e4re ich nicht in der Produktion gelandet, sondern im B\u00fcro, h\u00e4tte man das schon als &#8220;es geschafft haben&#8221; angesehen. Die Welt, in die ich \u00fcber den Besuch eines humanistischen Gymnasiums kam &#8211; damals in der Provinz gleichbedeutend mit Eliteschule -, war f\u00fcr mich spannend, inspirierend und erstrebenswert. Die meisten meiner Mitsch\u00fclerinnen wohnten in Eigenheimen &#8211; das war in meinen Kinder- und Jugendlichenaugen keineswegs spie\u00dfig, sondern bedeutete unter anderem:<br \/>\n&#8211; Beim Gehen gedankenlos laut sein zu d\u00fcrfen, weil es keine Leute in der Wohnung darunter gab, die bei allem, was sie als L\u00e4rm definierten, sofort protestierten.<br \/>\n&#8211; Laut Musik h\u00f6ren, weil es keine Leute in der Wohnung darunter&#8230; siehe oben.<br \/>\n&#8211; Auch zur Mittagszeit Querfl\u00f6te \u00fcben zu k\u00f6nnen, weil es keine&#8230; siehe oben.<br \/>\n&#8211; Zwei Klos, also morgens nie Gerangel.<br \/>\n&#8211; Eine Geschirrsp\u00fclmaschine, der ultimative Luxus.<br \/>\n&#8211; Ein eigener Garten zum Spielen und Herumsitzen.<br \/>\nHeute empf\u00e4nde ich ein Eigenheimleben als Gef\u00e4ngnis (ich! andere anders!), damals erschien es mir als Paradies.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich stand fest, dass ich im Leben etwas rei\u00dfen w\u00fcrde &#8211; m\u00fc\u00dfig zu \u00fcberlegen, ob ich selbst darauf gekommen war oder mir das von klein auf die Umgebung suggerierte. Was genau oder auch nur ungef\u00e4hr, wusste ich nicht. Denn eigentlich hatte ich keine eigenen Ideen. Kein Wunder, dass ich als konstante Entt\u00e4uschung f\u00fcr mich selbst endete.<\/p>\n<p>Ganz besonders mochte ich den Schluss von <i>Auerhaus<\/i>: Es ist immer schwierig, eine lange Geschichte befriedigend zu beenden, Bov Bjerg hat das geschafft.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Es freut mich sehr, wie viel Anklang <i>Auerhaus<\/i> findet, es wird in allen wichtigen Medien besprochen, durchwegs positiv.<\/p>\n<p>Mehr \u00fcber das Buch erf\u00e4hrt man zum Beispiel in Peter Praschls Besprechung f\u00fcr die <i>Welt<\/i>:<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.welt.de\/kultur\/literarischewelt\/article144132251\/Zeig-mir-die-Achtzigerjahre-in-zaertlich.html\" target=\"_blank\">&#8220;Zeig mir die Achtzigerjahre in z\u00e4rtlich&#8221;.<\/a><\/p>\n<p>Es gibt sogar eine Neueinspielung des namengebenden Lieds:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/soundcloud.com\/blumenbar\/our-house-the-auerhaus-versionperformed-by-andreas-spechtl-robert-stadlober\" target=\"_blank\">&#8220;Our House (The Auerhaus Version) performed by Andreas Spechtl &#038; Robert Stadlober&#8221;.<\/a><\/p>\n<p>https:\/\/youtu.be\/3FIaarp3sHM<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Mein Frieder hie\u00df Britta. <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ssl-vg03.met.vgwort.de\/na\/08640c564dc64b38a28df1cbb09dc578\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n<ol class=\"footnotes\"><li id=\"footnote_1_27777\" class=\"footnote\">Der Sprachwissenschaftler an meiner Seite meckert allerdings, es sei unwahrscheinlich, dass der Bauer die Band Madness beim Singen des Lieds so verstand: Die Briten h\u00e4tten schlie\u00dflich &#8220;Ah-haus&#8221; gesungen, nicht &#8220;Auer-&#8220;.<span class=\"footnote-back-link-wrapper\"> [<a href=\"#identifier_1_27777\" class=\"footnote-link footnote-back-link\">&#8617;<\/a>]<\/span><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Den Namen Bov Bjerg hielt ich ja jahrelang f\u00fcr ein Pseudonym. 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