{"id":30188,"date":"2016-01-03T18:03:08","date_gmt":"2016-01-03T17:03:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=30188"},"modified":"2016-01-03T18:03:08","modified_gmt":"2016-01-03T17:03:08","slug":"mary-beard-spqr-a-history-of-ancient-rome","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2016\/01\/mary-beard-spqr-a-history-of-ancient-rome.htm","title":{"rendered":"Mary Beard, <i>SPQR. A History of Ancient Rome<\/i>"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/160103_07_SPQR.jpg\" alt=\"160103_07_SPQR\" width=\"343\" height=\"362\" class=\"alignnone size-full wp-image-30200\" \/><\/p>\n<p>Das Jahr fing gleich mal mit einem Lekt\u00fcre-Highlight an. Mit 61 Jahren ist Mary Beard, Professorin f\u00fcr Altphilologie an der Universit\u00e4t Cambridge, wahrscheinlich auf dem H\u00f6hepunkt ihres Forscherinnenlebens (w\u00e4hrend Naturwissenschaftlerinnen und Naturwissenschaftler statistisch eher vor dem 35. Lebensjahr zu nobelpreisverd\u00e4chtigen Forschungsergebnissen kommen, werden Geisteswissenschaftlerinnen tendenziell \u00fcber ihr Forschungsleben hinweg immer besser). Sch\u00f6pfend aus einem ungeheuren Wissensfundus hat Beard jetzt ein Buch \u00fcber die ersten tausend Jahre des r\u00f6mischen Reichs geschrieben.<sup><a href=\"#footnote_1_30188\" id=\"identifier_1_30188\" class=\"footnote-link footnote-identifier-link\" title=\"In den Acknowledgements schreibt Beard dann auch: &ldquo;SPQR is the work of about fifty years.&rdquo;\">1<\/a><\/sup><\/p>\n<p>Den Endpunkt des R\u00f6mischen Reiches, \u00fcber das sie schreibt, setzt sie, als Caracalla alle Bewohner r\u00f6mischen Territoriums zu r\u00f6mischen B\u00fcrgern machte. Danach, so f\u00fchrt sie am Ende kurz aus, war alles anders.<\/p>\n<p>Mary Beard benennt und hinterfragt die Bilder, die wir vom R\u00f6mischen Reich im Kopf haben &#8211; ich f\u00fchlte mich so treffend bei meinem wischiwaschi Viertelbildungshintergrund abgeholt, als h\u00e4tte Beard das Buch genau f\u00fcr mich geschrieben. Inklusive den paar Brocken Latein, die mir noch geblieben sind: Selten, aber doch zitiert sie lateinisch.<\/p>\n<p>Beard beginnt bei Ciceros bekannter Rede im Senat gegen Catilina: Zum einen um sie uns gleich wieder wegzunehmen, denn die Motive und Hintergr\u00fcnde, die man mir seinerzeit in der Schule beigebracht hat, sind anscheinend genauso wenig haltbar wie die ber\u00fchmten Gem\u00e4lde der Szene. Beard bietet erheblich wahrscheinlichere Erkl\u00e4rungen. Zum anderen gibt es bis Augustinus nun mal niemanden in der Geschichte, von dem wir so viel wissen wie \u00fcber Cicero, vor allem anhand seiner eigenen Schriften (Briefe, niedergeschriebene Reden, B\u00fccher) sowie anhand von Schriftzeugnissen \u00fcber ihn. Cicero ist dann auch der rote Faden, auf den sie sich immer wieder bezieht, angefangen vom Gr\u00fcndungsmythos Roms und wie Cicero ihn verwendet.<\/p>\n<p>Zum Beispiel wissen wir aus seinen Aufzeichnungen auch, wie viel Cicero f\u00fcr sein Haus am Palatin gezahlt hat. Hier weist Beard aber auf die praktische L\u00fccke hin, die weder sie noch andere Forscherinnen bislang f\u00fcllen konnten: Wie funktionierte ganz konkret der Zahlungsvorgang?<br \/>\nSo wie hier kommt sie immer wieder von gesicherten Erkenntnissen zu blankem Unwissen oder zu einer sehr wackligen Faktenlage und wieder zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Stringent und lesefreundlich strukturiert, hinterfragt Beard praktisch alles, was wir aus popul\u00e4ren Darstellungen \u00fcber das r\u00f6mische Imperium zu wissen glauben &#8211; selbst wenn diese auf r\u00f6mischen Quellen basieren. Zum Beispiel die bunten Luxus- und Grausamkeitsgeschichten \u00fcber die Kaiser, die fast alle nach deren Ermordung aufgeschrieben wurden: Mary Beard untersucht, ob da vielleicht jemand nachvollziehbare Vorteile hatte, wenn er sie so schilderte und nicht anders. Manche besonders saftige Details entlarvt sie als schlichte Fehl\u00fcbersetzungen.<\/p>\n<p>Immer wieder thematisiert sie die Bev\u00f6lkerungsschichten, \u00fcber die es keine zeitgen\u00f6ssischen schriftlichen Quellen gibt: die 99 Prozent einfache Leute. Hier greift sie auf Erkenntnisse aus arch\u00e4ologischen Funden zur\u00fcck, f\u00fcr die fr\u00fche Kaiserzeit vor allem aus Pompeii und Herculaneum. Dazu kommen als Quellen ab dieser Zeit auch Grabinschriften, die oft das Leben der Verstorbenen skizzieren. So diskutiert Beard den Alltag von Kindern oder geht Hinweisen nach, von welcher Durchschnittsbildung der r\u00f6mischen Bev\u00f6lkerung wir ausgehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Das Buch profitiert enorm davon, dass Beard auf Jahrzehnte eigener Forschung zur\u00fcckgreifen kann: \u00dcber Pompeii hat sie ein eigenes Buch geschrieben, ihre j\u00fcngste wissenschaftliche Ver\u00f6ffentlichung behandelt Komik in der Antike &#8211; so zitiert sie auch in <i>SPQR<\/i> an passender Stelle einige ziemlich gute Witze. Beard schl\u00e4gt immer wieder den Bogen von gro\u00dfer Politk (unter anderem die sehr unordentliche Thronfolge in der Kaiserzeit) zu lebenswichtigen Alltagsfragen (wie funktionierte die Landwirtschaft?).<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich enth\u00e4lt das Buch auch viele, viele Abschnitte, von denen ich noch nie etwas geh\u00f6rt hatte (oder im Schulunterricht verschnarcht), zum Beispiel \u00fcber den <i>Social War<\/i>, also den Bundesgenossenkrieg im 1. Jahrhundert v.d.Z. (Mary Beard verwendet die religionsneutralen Abk\u00fcrzungen <i>BCE<\/i> und <i>CE<\/i>): Hier geht Beard der offensichtlich immer noch ungekl\u00e4rten Frage nach, was die Aufst\u00e4ndischen eigentlich wollten.<\/p>\n<p>An anderer Stelle erkl\u00e4rt sie f\u00fcr mich erstmals nachvollziehbar, warum das Christentum f\u00fcr das r\u00f6mische Reich etwas wirklich Neues und Bedrohliches war (auch \u00fcber die Rolle von Religion in der Antike gibt es einige Ver\u00f6ffentlichungen von ihr).<\/p>\n<p>Auf Fu\u00dfnoten verzichtet Beard, daher konnte ich das Buch schnell weglesen (ich tendiere n\u00e4mlich dazu, Fu\u00dfnoten nachzulesen). Sie nennt im Text durchaus Quellen, aber nicht f\u00fcr alle indirekten Zitate oder f\u00fcr alle Thesen, die sie abw\u00e4gt. Auch das erm\u00f6glicht fl\u00fcssigeres Lesen, weil nicht schon wieder ein Name auftaucht. Genauere Quellenangaben (allerdings nicht bis runter auf die Seitenzahl) finden sich im Kapitel &#8220;Further Reading&#8221;: Dort nennt sie durchaus auch Werke, die ihren Schlussfolgerungen widersprechen oder die alternative Interpretationen anbieten.<\/p>\n<p>Rund wird <i>SPQR<\/i> durch zahlreiche Illustrationen, der Anhang liefert eine ausf\u00fchrliche Zeittafel und einen Index.<\/p>\n<p>Eine ganz gro\u00dfe Leseempfehlung. W\u00e4re ein klasse Weihnachtsgeschenk gewesen. <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ssl-vg03.met.vgwort.de\/na\/f5c0a6de0b3445baafd1bb88024932c7\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n<ol class=\"footnotes\"><li id=\"footnote_1_30188\" class=\"footnote\">In den <i>Acknowledgements<\/i> schreibt Beard dann auch: &#8220;<i>SPQR<\/i> is the work of about fifty years.&#8221;<span class=\"footnote-back-link-wrapper\"> [<a href=\"#identifier_1_30188\" class=\"footnote-link footnote-back-link\">&#8617;<\/a>]<\/span><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Jahr fing gleich mal mit einem Lekt\u00fcre-Highlight an. Mit 61 Jahren ist Mary Beard, Professorin f\u00fcr Altphilologie an der Universit\u00e4t Cambridge, wahrscheinlich auf dem H\u00f6hepunkt ihres Forscherinnenlebens (w\u00e4hrend Naturwissenschaftlerinnen und Naturwissenschaftler statistisch eher vor dem 35. 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