{"id":30756,"date":"2016-02-21T08:30:43","date_gmt":"2016-02-21T07:30:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=30756"},"modified":"2016-02-21T08:30:43","modified_gmt":"2016-02-21T07:30:43","slug":"journal-samstag-20-februar-2016-schneeregen-und-energieschub","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2016\/02\/journal-samstag-20-februar-2016-schneeregen-und-energieschub.htm","title":{"rendered":"Journal Samstag, 20. Februar 2016 &#8211; Schneeregen und Energieschub"},"content":{"rendered":"<p>So ziemlich als Erstes nach dem morgendlichen Bloggen erfahren, dass Umberto Eco gestorben ist. Herr Kaltmamsell hatte eh vor, nach langem mal wieder <i>Der Name der Rose<\/i> mit einer Schulklasse zu lesen (zwar kann ein Deutschlehrer daran eine Menge lehren, von Erz\u00e4hlhaltung \u00fcber Rahmengeschichte bis Mittelalter, doch ist das halt ein sehr dickes Buch). Zudem hatte ich wieder ein Bild vor Augen, das ich eigentlich schon immer mit dem Roman verbinde:<\/p>\n<p>Die untere Turnhalle meines Gymnasiums ca. 1985. Auf der Turnbank an der Umkleidenseite sitzen die vom Sport befreiten Sch\u00fclerinnen, darunter die Bieringer Jutta<sup><a href=\"#footnote_1_30756\" id=\"identifier_1_30756\" class=\"footnote-link footnote-identifier-link\" title=\"In Bayern werden Namen in der Reihenfolge Familienname Taufname genannt.\">1<\/a><\/sup>. Sie ist v\u00f6llig vertieft in die Taschenbuchausgabe von <i>Der Name der Rose<\/i>, die sie von mir ausgeliehen hat. Sie h\u00e4lt das Buch mit einer Hand und hat das bereits gelesene Drittel hinter den Rest UMGEKLAPPT &#8211; f\u00fcr mich damals ein Sakrileg gr\u00f6\u00dfter Verdammnis. Ich kam aus einem nahezu buchlosen Haus, hatte mich von Kindesaugen an durch B\u00fcchereien gelesen, die wenigen B\u00fccher, die ich selbst besa\u00df, waren mir \u00fcberaus kostbar. Das mag der Moment gewesen sein, in dem ich beschloss, meine B\u00fccher nicht mehr zu verleihen.<\/p>\n<p>Vor allem aber erinnert mich dieses Bild daran, dass <i>Der Name der Rose<\/i> unter uns als Schm\u00f6ker gehandelt wurde, als Lesegenuss wie die kurz davor herumgereichten <i>Dornenv\u00f6gel<\/i>. Bei der \u00dcbergabe wurde durchaus mal erw\u00e4hnt, dass sie ersten hundert Seiten sich etwas ziehen k\u00f6nnten, aber wir Vielleserinnen, die ohne Unterscheidung alles an guten Geschichten verschlangen, w\u00e4ren eh nicht auf die Idee gekommen, ein einmal begonnenes Buch nicht zu Ende zu lesen, blo\u00df weil nicht schon die ersten Seiten packend waren.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Ich radelte durch den kalten, grauen Tag zum Schwimmen ins Olympiabad. Meine Bahnen schwammen sich angenehm, doch als mich der R\u00fcckenschwimmer auf der Nebenbahn mit seinen gelben Plastikhandflossen zum dritten Mal schmerzhaft kratzte (1. Mal Hand, 2. Mal Oberschenkel, 3. Mal Schulter), schrie ich anscheinend selbst f\u00fcr ihn h\u00f6rbar auf. Der Blick, den er sich anschlie\u00dfend einfing, war wohl selbst hinter meiner Schwimmbrille eindeutig: Er legte dieses Spielzeug ab. (Ich hatte in diesem Moment ernsthaft vor, ihn beim n\u00e4chsten Kratzer zu hauen.)<\/p>\n<p>Die Wettervorhersage hatte &#8220;deutlich steigende Temperaturen&#8221; angek\u00fcndigt. Umso erstaunter und w\u00fctender war ich, dass mich beim Heimradeln Schneeregen und Schnee ziemlich durchn\u00e4ssten.<\/p>\n<p>Zu meiner nachmitt\u00e4glichen Verabredung in der Maxvorstadt nahm ich also die U-Bahn &#8211; ab Marienplatz eingepfercht zwischen Fu\u00dfballfans.<\/p>\n<p>Doch die Verabredung war glorios: Ich hatte schon bef\u00fcrchtet, dass ich den Kontakt zu dieser Frau aus einem fr\u00fcheren Berufsleben verschusselt haben k\u00f6nnte (sie hat kein Internetleben). Doch nun erfuhr ich von \u00dcberraschungshochzeit (die G\u00e4ste ahnten nichts), beruflichen Erfolgen, einem Leben in F\u00fclle, mit Zielen und Leidenschaft &#8211; ein echter Energieschub.<\/p>\n<p>Eine Runde Lebensmitteleink\u00e4ufe, Krautsalat zum sonnt\u00e4glichen Schweinsbraten angesetzt (und damit ich ihn als weiteres bayrisches Grundgericht verbloggen kann). Zum Abendessen servierte Herr Kaltmamsell ein <a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/p\/BCBQ7QEpB-3\/\" target=\"_blank\">Graupotto mit Tomatensugo und Feta<\/a> (Graupen und Sugo aus Ernteanteil).<\/p>\n<p>Ich lie\u00df beim Internetlesen den Fernseher laufen: <i>Die Reifepr\u00fcfung<\/i> hatte ich erst einmal gesehen und das vor vielen Jahren. Den Soundtrack kannte ich in jeder Note, doch erst diesmal fiel mir auf, dass der damals 30j\u00e4hrige Dustin Hoffman als Typ eigentlich eine komplette Fehlbesetzung war: Highschool-Sportskanone und verw\u00f6hnten M\u00fc\u00dfigg\u00e4nger nehme ich ihm nicht ab.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Ein Grund, das Techniktagebuch (und den Redaktionschat) zu lieben: W\u00e4hrend man vordergr\u00fcndig \u00fcber Technik liest, liest man hintergr\u00fcndig \u00fcber Leben und Alltag.<br \/>\n<a href=\"http:\/\/techniktagebuch.tumblr.com\/post\/139622692232\/19-februar-2016\" target=\"_blank\">&#8220;Ich bin ein Idiot, werde aber eventuell nicht daran sterben&#8221;.<\/a><\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Eine weitere ruhige, kluge Stimme gegen das derzeitige Gebr\u00fcll da drau\u00dfen: Margarete Stokowski (die <a href=\"https:\/\/twitter.com\/marga_owski\" target=\"_blank\">auf Twitter<\/a> immer wieder weitergibt, welche Reaktionen sie allein schon wegen ihrer polnischen Vorfahren erntet).<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/kultur\/gesellschaft\/gegen-rechte-und-rassisten-poebeln-aber-praezise-kolumne-a-1077683.html\" target=\"_blank\">&#8220;Oben und unten: P\u00f6beln, aber pr\u00e4zise<br \/>\nPl\u00e4doyer f\u00fcr eine differenzierte Schm\u00e4hkritik&#8221;.<\/a> <\/p>\n<blockquote><p>Nun ist es aber gar nicht <i>dumm<\/i>, die Ruinen von Palmyra wegzusprengen, Mexikaner pauschal als drogenhandelnde Vergewaltiger zu bezeichnen oder Fl\u00fcchtlingen zu w\u00fcnschen, sie sollten im Meer ertrinken oder an der Grenze erschossen werden. Es ist falsch und b\u00f6se und h\u00e4sslich, aber nicht dumm: Wer das tut, ist kein Idiot, sondern ein schlechter Mensch.<\/p><\/blockquote>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n<blockquote><p>Warum finden viele Dunja Hayali und Anja Reschke so cool, wenn sie sich \u00fcber Hass \u00e4u\u00dfern oder \u00fcber L\u00fcgenpressevorw\u00fcrfe? Weil die sich selbst und ihre Arbeit ernst nehmen &#8211; aber andere Menschen eben auch. Sie machen es sich nicht einfach. Sie geben zu, dass Dinge kompliziert sind, und machen trotzdem weiter.<\/p><\/blockquote>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ssl-vg03.met.vgwort.de\/na\/1604b7e0ceb84bdfa6c9a1e0ac9bc459\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n<ol class=\"footnotes\"><li id=\"footnote_1_30756\" class=\"footnote\">In Bayern werden Namen in der Reihenfolge Familienname Taufname genannt.<span class=\"footnote-back-link-wrapper\"> [<a href=\"#identifier_1_30756\" class=\"footnote-link footnote-back-link\">&#8617;<\/a>]<\/span><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So ziemlich als Erstes nach dem morgendlichen Bloggen erfahren, dass Umberto Eco gestorben ist. Herr Kaltmamsell hatte eh vor, nach langem mal wieder Der Name der Rose mit einer Schulklasse zu lesen (zwar kann ein Deutschlehrer daran eine Menge lehren, von Erz\u00e4hlhaltung \u00fcber Rahmengeschichte bis Mittelalter, doch ist das halt ein sehr dickes Buch). 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