{"id":3083,"date":"2008-09-30T07:16:14","date_gmt":"2008-09-30T05:16:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=3083"},"modified":"2008-09-30T07:16:49","modified_gmt":"2008-09-30T05:16:49","slug":"der-neue-kracht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2008\/09\/der-neue-kracht.htm","title":{"rendered":"Der neue Kracht"},"content":{"rendered":"<p>Zeitgen\u00f6ssische deutschsprachige Literatur und ich, wir haben&#8217;s ja nicht so miteinander. Das liegt, sehr vereinfacht ausgedr\u00fcckt, daran, dass ich sie im Gro\u00dfen und Ganzen f\u00fcr unbeachtlich halte. Doch gebe ich ihr regelm\u00e4\u00dfig die Chance, mich eines Besseren zu belehren. Wenn also ein Buch wie <i>Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten<\/i> von Christian Kracht derart hysterisch ger\u00fchmt wird (u.a. <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/kultur\/4\/310930\/text\/\" target=_new>von Gustav Seibt in der <i>S\u00fcddeutschen<\/i><\/a>), dann hole ich mir das.<\/p>\n<p>Aha, Science Fiction &#8211; so nennen das die Fans des Genres. Wir Literaturwissenschaftlerinnen verwenden gerne das feinere \u201eutopischer Roman\u201c. In diesem Fall aus der Unterabteilung historische Utopie, also ein Roman, der von der Pr\u00e4misse ausgeht, ein bestimmter wichtiger Abschnitt der Vergangenheit w\u00e4re anders verlaufen; ist bereits Topos geworden, diese Unterabteilung ist viele Regalmeter lang &#8211; und haupts\u00e4chlich englischsprachig. Das meiste davon ist besser als der Kracht-Versuch. Auf knapp 150 Seiten fantasiert Kracht eine heutige Schweiz, in der der Erste Weltkrieg seit 100 Jahren ausgetragen wird und die eine Sowjetrepublik ist. Dadurch sind nat\u00fcrlich viele Details des Alltags anders, einschlie\u00dflich der Sprache. Wahrnehmungsebenen vermischen sich, es passiert ungeheuer viel ganz schnell und durcheinander. Alles ganz nett, doch ich frage mich, warum Science Fiction sonst in den deutschen Feuilletons als b\u00e4b\u00e4 gilt, und dieser Roman nicht. Eine Stelle winkt sogar r\u00fcber zu billigen Krimis. Der Ich-Erz\u00e4hler findet an einer Hauswand eine rote Schmiererei: \u201eIch zog den Handschuh aus, kratzte mit dem Fingernagel an der Farbe und roch daran. Es war Schweineblut.\u201c Yeah. Right.<\/p>\n<p>Ich erinnere mich noch, wie zornig der Mitbewohner \u00fcber die Anerkennung f\u00fcr den Film <a href=\"http:\/\/www.imdb.com\/title\/tt0795363\/\" target=_new><i>Crouching Tiger, Hidden Dragon<\/i><\/a> war: Er mochte seit vielen Jahren asiatische Von-Dach-zu-Dach-spring-S\u00e4belfilme und hatte sich oft deshalb bel\u00e4cheln lassen m\u00fcssen. Wieso sollte dieser eine Vetreter des Genres pl\u00f6tzlich Kunst sein?<\/p>\n<p>Selbst ohne besonderes Faible f\u00fcr Science Fiction fallen mir auf einen Schlag ein paar B\u00fccher ein, die ich den Kracht-Jublern ans Herz lege (\u201eWenn Ihnen dieses Buch gefallen hat&#8230;\u201c):<br \/>\n&#8211; Robert Harris, <i>Fatherland<\/i> (Hitler hat den Krieg gewonnen.)<br \/>\n&#8211; Stephen Fry, <i>Making History<\/i> (Was, wenn Hitler nie geboren worden w\u00e4re?)<br \/>\n&#8211; Jasper Fford, <i>The Eyre Affair<\/i> (Unter anderem: Der Krimkrieg ist noch nicht zu Ende.)<br \/>\n&#8211; Ray Bradbury, <i>The Martian Chronicles<\/i><br \/>\n<i>Blade Runner<\/i> sollten sie ebenfalls dringend anschauen.<\/p>\n<p>Der Titel des Buches ist eine Zeile aus <a href=\"http:\/\/celtic-lyrics.com\/forum\/index.php?autocom=tclc&#038;code=lyrics&#038;id=160\" target=_new>\u201eDanny Boy\u201c<\/a>, die genauso unzusammenh\u00e4ngend rumsteht wie so viele Details der Geschichte. Im vorletzten Kapitel hei\u00dft es zwar endlich \u201et\u00f6nte blechern und wehm\u00fctig ein altes irisches Volkslied\u201c &#8211; aber den Zusammenhang mag ich \u00fcberinterpretieren, denn \u201eDanny Boy\u201c <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Danny_Boy\" target=_new>ist weder alt noch ein Volkslied<\/a>.<\/p>\n<p>(Der erste Absatz des Romans ist \u00fcbrigens wirklich gut.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zeitgen\u00f6ssische deutschsprachige Literatur und ich, wir haben&#8217;s ja nicht so miteinander. Das liegt, sehr vereinfacht ausgedr\u00fcckt, daran, dass ich sie im Gro\u00dfen und Ganzen f\u00fcr unbeachtlich halte. Doch gebe ich ihr regelm\u00e4\u00dfig die Chance, mich eines Besseren zu belehren. 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