{"id":3093,"date":"2008-10-01T20:06:27","date_gmt":"2008-10-01T18:06:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=3093"},"modified":"2019-06-17T08:54:54","modified_gmt":"2019-06-17T06:54:54","slug":"wir-kamen-als-fremde-und-gingen-als-genfer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2008\/10\/wir-kamen-als-fremde-und-gingen-als-genfer.htm","title":{"rendered":"Wir kamen als Fremde und gingen als Genfer"},"content":{"rendered":"<p>Ich hatte zwar vorsichtshalber betont, dass ich gar nicht gut im Entdecken \u00fcberraschend guter Speisenlokale an fremden Orten bin, gleichzeitig aber meine Theorie angeboten, dass dort, wo man Weine sehr ernst nimmt, auch gutes Essen respektiert wird.<\/p>\n<p>Bei unserem abendlichen (hat man das fr\u00fcher eigentlich mit t geschrieben?) Stromern am Genfer Ende des Genfer Sees war uns ein recht neu aussehendes Lokal ins Auge gefallen, das &#8220;Caf\u00e9, Restaurant, Vins&#8221; unter seinem Namen &#8220;<a href=\"http:\/\/maps.google.com\/maps?ie=UTF-8&#038;oe=utf-8&#038;client=firefox-a&#038;q=le+patio+geneve&#038;fb=1&#038;cid=1140753237333280999&#038;li=lmd&#038;z=14&#038;t=m\" target=_new rel=\"noopener noreferrer\">Le Patio<\/a>&#8221; auf der Scheibe stehen hatte. Wir spazierten durch den kleinen englischen Garten, den auch Genf hat, sahen schwarz gekleidete Juden beim Beten an der Br\u00fcstung zum See (hat das noch mit Rosh hashanah zu tun? aber warum am See?). In der D\u00e4mmerung flatterten offensichtlich Insekten jagende Flugtiere &#8211; die Schwalben waren doch sicher schon gez\u00fcgelt? Dann waren das wohl Flederm\u00e4use.<\/p>\n<p>Das Speisenlokal erwies sich als Volltreffer. Drei Herren im sp\u00e4ten Papi-Alter und eine Dame aus \u00e4hnlichem Jahrgang stellten das Personal, verstanden sich blendend und verbreiteten eine herzliche, freundschaftliche Stimmung. Die Karte war klein und \u00fcbersichtlich, in Vorspeisen und Hauptg\u00e4nge aufgeteilt. Das ist nun das Franz\u00f6sisch, das ich am besten kann &#8211; f\u00fcr Speisenkarten brauche ich praktisch nie einen Dolmetsch. (Schrieb sie, die noch vor wenigen Jahren in Wales <i>quail<\/i> bestellte und beim Servieren \u00fcberrascht war, weil sie irrt\u00fcmlich <i>squid<\/i> erwartet hatte.)<\/p>\n<p>Als Aperitiv empfahl man uns einen Pinot gris, der sch\u00f6n kr\u00e4ftig daherkam. Als Vorspeise hatte ich mir ein Avokado-Tartar ausgesucht, das zwischen zwei Scheiben rote Beete serviert wurde und sehr gut war. Wir baten um weitere Gl\u00e4ser Wei\u00dfwein; der Herr Bedienerich stellte selbige hin und meinte todernst, er verrate uns nicht, was das sei. In f\u00fcnf Minuten werde er wiederkommen, und er erwarte, dass wir bis dahin Herkunft und Jahrgang erschmeckt h\u00e4tten. Meine Begleiterin versuchte das Gegengesch\u00e4ft, ob dann wenigstens die Flasche auf\u00b4s Haus gehe? Vergebliche Liebesm\u00fche, blind erschmecke ich vielleicht gerade mal den plumpsten aller Cabernet Sauvignons aus Kalifornien. Der wunderbare Wein gestern stellte sich als ein 2006er aus Nimes heraus. Bei dem wir auch gleich blieben, passte er doch wunderbar zu meinem Hauptgericht: Frikassee aus Jakobsmuscheln und Garnelen mit Linguine, die in einer k\u00f6stlichen, sahnig-tomatigen So\u00dfe rutschte. Wir schafften sogar noch Nachtisch (eine sehr safran-lastige Creme brulee), obwohl der Schumann-Lookalike hinter dem Tresen hervorrief, er sei doch das S\u00fc\u00dfeste hier.<\/p>\n<p>Das mit der Sprache funktioniert bislang gut: Ich verstehe ja viel Franz\u00f6sisch, lache also (hoffentlich) an den richtigen Stellen &#8211; und antworte in kleinen Dingen mit Deutsch, unterst\u00fctzt von viel Mimik, setze meine drei franz\u00f6sischen Brocken ein und verweise im Notfall auf meine franz\u00f6sischsprachige Begleiterin, die beim eingeborenen Volk ohnehin ein echter Ankommer ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich hatte zwar vorsichtshalber betont, dass ich gar nicht gut im Entdecken \u00fcberraschend guter Speisenlokale an fremden Orten bin, gleichzeitig aber meine Theorie angeboten, dass dort, wo man Weine sehr ernst nimmt, auch gutes Essen respektiert wird. Bei unserem abendlichen (hat man das fr\u00fcher eigentlich mit t geschrieben?) 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