{"id":344,"date":"2004-04-10T10:02:49","date_gmt":"2004-04-10T08:02:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2004\/04\/die-grosse-ueberfahrt.htm"},"modified":"2007-06-25T09:32:54","modified_gmt":"2007-06-25T07:32:54","slug":"die-grosse-ueberfahrt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2004\/04\/die-grosse-ueberfahrt.htm","title":{"rendered":"Die gro\u00dfe \u00dcberfahrt"},"content":{"rendered":"<p><img BORDER=0 SRC=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/archives_speisen\/QE2_Schiff.jpg\" ALT=\"Das Schiff\" HEIGHT=367 WIDTH=490\/><\/p>\n<p>Zum ersten Mal war ich 1993 in New York. Bis dahin hatte ich mich f\u00fcr die Stadt so wenig interessiert, dass mich der Stadtplan mit der Tatsache \u00fcberraschen konnte, dass Manhattan eine Insel ist. Doch ich verliebte mich \u00fcber beide Ohren in New York. Abgesehen davon, dass ich die meisten Ecken bereits aus Filmen kannte und mich f\u00fchlte wie auf einem Set \u2013 die Stadt atmet Geschichte, Einwanderergeschichte. Auf einer Rundfahrt zu Ellis Island und Liberty Island wurde mir klar, dass es nur eine M\u00f6glichkeit gibt, stilvoll in New York anzukommen: auf einem Schiff.<\/p>\n<p>Ich h\u00e4tte gar nichts dagegen gehabt, die Nostalgie auf die Spitze zu treiben und mit einem Frachtschiff zu fahren. Doch diese Schiffe haben sehr vage Abfahrtszeiten: Auf etwas Genaueres als einen Zeitraum von einer Woche legt sich kein Reeder oder Betreiber fest. Das wiederum l\u00e4sst sich nicht mit der Urlaubsplanung einer Arbeitnehmerin vereinbaren.<\/p>\n<p>Das einzige Passagierschiff, das die Strecke Europa \u2013 New York im Linienbetrieb fuhr, war die <a href=\"http:\/\/www.qe2.org.uk\/\" target=_new><i>Queen Elizabeth 2<\/i><\/a>. Doch diese Luxus-Legende schien mir kleiner Arbeitertochter auf einem so entfernten Planeten zu liegen, dass es gerade mal f\u00fcr Tr\u00e4ume reichte. Regelm\u00e4\u00dfig lie\u00df ich mir von der Reederei <a href=\"http:\/\/www.cunard.de\/start.php\" target=_new>Cunard<\/a> (Angeberinnen betonen den Namen auf der zweiten Silbe) Prospekte schicken, in denen ich seufzend bl\u00e4tterte. Es brauchte dann schon einen Mann von der geistigen Gr\u00f6\u00dfe meines Mitbewohners, um den Traum Realit\u00e4t werden zu lassen. Denn der sagte eines Tages: \u201eDann lass uns das doch machen.\u201c<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p>Es stellte sich heraus, dass wir f\u00fcr diese Reise nicht mal Haus und Hof verpf\u00e4nden mussten: Der Flug von M\u00fcnchen nach London, Transfer nach Southampton, sechst\u00e4gige \u00dcberfahrt in einer Mittelklasse-Kabine, drei \u00dcbernachtungen in New York und Flug zur\u00fcck nach M\u00fcnchen kosteten zusammen 2.300 Euro pro Nase. Das machte die Reise durchaus zum bislang teuersten Urlaub meines Lebens, war aber zu verkraften.<\/p>\n<p>Ohne es zu wissen, hatten wir zudem eine der letzten Chancen zur \u00dcberfahrt mit der <i>QE2<\/i> wahrgenommen: 2004 \u00fcbernahm die neue und bombastische <i>Queen Mary 2<\/i> die Transatlantik-Route f\u00fcr Cunard, die <i>QE2<\/i> macht nur noch Kreuzfahrten.<\/p>\n<p><img BORDER=0 SRC=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/archives_speisen\/QE2_1_Bullauge.jpg\" ALT=\"Bullauge\" HEIGHT=367 WIDTH=490\/><\/p>\n<p>Die <i>Queen<\/i>, wie wir sie also ab sofort nennen durften, hat Stil bis ins Detail: Die Tickets f\u00fcr die Reise wurden uns in Lederetuis zugeschickt, in die das Cunard-Wappen gepr\u00e4gt war.<br \/>\nDas Einchecken im Cunard-Geb\u00e4ude im Hafen von Southampton glich durchaus dem Einchecken in einem Flughafen: Ausweiskontrolle, US-Einreisefragebogen, letztes Jahr kam wegen der gerade aktuellen Lungenkrankheit SARS die Frage nach Asien-Aufenthalten dazu. Im Schiff nahm uns sofort ein uniformierter Angestellter das Handgep\u00e4ck ab. Der junge Pole f\u00fchrte uns plaudernd zur Kabine, erkl\u00e4rte uns den Aufbau des Schiffes, machte uns mit dem Ablauf dieses ersten Tages vertraut (Brand\u00fcbung!). Und gab uns durch seine freundliche und pers\u00f6nliche Art schon mal einen Vorgeschmack auf den Service, der uns in den folgenden sechs Tagen auf der <i>Queen<\/i> umgab: Diesen Grad von herzlicher Aufmerksamkeit hatte ich noch nie erlebt. Zum Beispiel r\u00fcckten wir f\u00fcr die erste Nacht die beiden Einzelbetten zu einem gro\u00dfen Bett zusammen. Die Folge: Am n\u00e4chsten Tag baute unser Kabinenstewart daraus kommentarlos mit Hilfe einer gro\u00dfen Matratze ein echtes Doppelbett. Er machte das Bett auch nicht nur morgens: Abends erwartete es uns aufgedeckt, Schokol\u00e4dchen auf dem Kissen. Jede Nacht wurde die Uhr um eine Stunde vorgestellt, daran erinnerte uns jeden Abend ein h\u00fcbsches K\u00e4rtchen.<\/p>\n<p><img BORDER=0 SRC=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/archives_speisen\/QE2_2_Lido.jpg\" ALT=\"Lido \" HEIGHT=427 WIDTH=507\/><\/p>\n<p>Morgens gingen wir nicht in das uns zugewiesene Restaurant, sondern ins Lido zum Fr\u00fchst\u00fccksbuffet. Wir waren diesem Tipp aus Reiseberichten gefolgt, weil man im Lido seinen Tisch frei w\u00e4hlt und sich so jeden Morgen eine andere Aussicht aufs Meer aussuchen kann. \u201eBuffet\u201c ist allerdings irref\u00fchrend. Am einen Ende der Buffet-Theke stand eine Angestellte und versorgte jeden einzelnen Passagier mit Tablett und Serviette. Am anderen Ende warteten Kellner, die den G\u00e4sten das beladene Tablett abnahmen und es \u00fcber den etwas schwankenden Boden sicher an den Tisch brachten. Da diese Herren und Damen wie auch alles andere Personal jederzeit aufgeschlossen f\u00fcr einen Plausch waren, erfuhren wir mit der Zeit, dass auf der <i>Queen<\/i> besonders viele Polen arbeiten, dass die Angestellten ein eigenes Freideck und eine eigene Disco haben und dass jeder zu Anfang erst mal ordentlich Muskelkater in den Waden bekommt \u2013 vom Ausgleichen des Seegangs beim Bedienen.<\/p>\n<p>Essen gab es ohne Ende, inklusive nachmitt\u00e4glichem Tee und Mitternachtsbuffet f\u00fcnfmal am Tag; dazwischen konnte man sich jederzeit einen Keks oder ein St\u00fcck Obst holen. Wir haben es nur an einem Tag geschafft, alle f\u00fcnf Mahlzeiten mitzunehmen \u2013 und das auch nur durch die eiserne Regel, uns immer nur am Feinsten zu bedienen. Ich habe f\u00fcr diese Opulenz bei Transatlantik-Fahrten \u00fcbrigens den wahren historischen Grund gefunden: {{popup QE2_34_ErsteUeberfahrt.jpg QE2_34_ErsteUeberfahrt 785&#215;366}} Das Apfel-Trauma der allerersten gro\u00dfen \u00dcberfahrt.<\/p>\n<p><img BORDER=0 SRC=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/archives_speisen\/QE2_4_Buffet.jpg\" ALT=\"Nachtisch Mitternachtsbuffet\" HEIGHT=330 WIDTH=441\/><\/p>\n<p>Jeden Tag gab es unz\u00e4hlige Programmpunkte, die uns morgens zusammengefasst in der Bord-Zeitschrift unter der Kabinent\u00fcr durchgeschoben wurden. Mein Begleiter nutzte die Gelegenheit Bridge zu lernen: vormittags Unterricht, nachmittags \u00fcben. Ich befasste mich mit dem Schiff (F\u00fchrungen) und der Geschichte der Ocean Liner (Dia-Vortr\u00e4ge). \u00dcbrigens m\u00f6gen wir \u00dcberfahrer es gar nicht, wenn uns eine \u201eKreuzfahrt\u201c unterstellt wird. Wo es doch schon mal massive Unterschiede zwischen einem Ocean Liner und einem Cruise Liner gibt.<br \/>\nZudem ging ich ins Bord-Kino, schm\u00f6kerte in der Bibliothek, sa\u00df an einem der riesigen Fenster und schaute aufs Meer. Ich passte aber unter anderem bei \u201eLadies Meet \u2013 A chance to chat, knit and stitch with your fellow passengers\u201c, \u201eBroadway Sing-Along\u201c, \u201eHat Making and Ideas\u201c (f\u00fcr die \u201eApril\u2019s Easter Hat Parade\u201c). Eines sollte bis hier schon klar sein: Die \u00dcberfahrt auf der <i>Queen<\/i> war Uncool Paradise!<\/p>\n<p><img BORDER=0 SRC=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/archives_speisen\/QE2_3_QueensRoomTea.jpg\" ALT=\"Tea im Queens Room\" HEIGHT=367 WIDTH=490\/><\/p>\n<p>Viel Zeit verbrachten wir im Queens Room. Jeden Mittag gab es dort eine Stunde Unterricht in Standard-T\u00e4nzen, den wir ab und zu mitmachten. Davor oder danach konnte man sich an Tanzstunden mitreisender Broadway-T\u00e4nzer beteiligen (die sich problemlos auf den hohen Altersdurchschnitt und die Unsportlichkeit der Passagiere einstellten). Hier gab es auch den High Tea \u2013 schlie\u00dflich fuhren wir unter britischer Fahne. Zu dieser Teestunde servierte das Personal in wei\u00dfen Handschuhen K\u00fcchelchen, T\u00f6rtchen und Mini-Sandwichs.<br \/>\nAbends fand im Queens Room Tanz statt, bei dem die \u201eGentlemen Hosts\u201c die eigentlichen Stars waren. Diese durchwegs \u00e4lteren bis alten Herren trugen Namensschilder und hatten die Aufgabe, mit den zahlreichen einzelnen Damen zu tanzen. Es war hinrei\u00dfend, ihnen dabei zuzusehen; nicht nur, weil sie ausgezeichnete T\u00e4nzer waren, sondern auch wegen der Damen. Diese kamen aus derselben Altersklasse wie die \u201eGentlemen Hosts\u201c, aus einer ebenso alten Schule, sie f\u00fchrten 70er Dior-Kleider aus und wirkten wie von einem anderen Planeten.<\/p>\n<p>Wo ich ging und stand lernte ich Leute kennen. Sobald ich mich irgendwo dazu setzte, wurde ich in ein h\u00f6fliches Gespr\u00e4ch gezogen. Einstiegsfrage: \u201eIs this your first time on the <i>Queen<\/i>?\u201c Ich war erstaunt, wie viele Passagiere diese \u00dcberfahrt regelm\u00e4\u00dfig machten. T\u00e4glich um 12 Uhr gab der Erste Offizier \u00fcber Lautsprecher die aktuellen Koordinaten des Schiffes durch, bereitete die Passagiere auf das Wetter vor, informierte \u00fcber Besonderheiten. Dazu geh\u00f6rte auch, dass wir einmal in einen ausgewachsenen Sturm kamen. In der Ank\u00fcndigung des Ersten Offiziers hie\u00df das: \u201eThis evening might become quite interesting.\u201c Kurz darauf wurden wir mit einem Flugblatt aufgefordert, in unserer Kabine lose Gegenst\u00e4nde zu verr\u00e4umen. Schon bald konnten wir sehr leicht feststellen, welche Gegenst\u00e4nde wir dabei vergessen hatten: Sie flogen uns in der Kabine buchst\u00e4blich um die Ohren. Aus unserem Bullauge sahen wir vor lauter Wellen nichts mehr. Wir schalteten unseren Fernseher auf den Kanal, der die Bilder der Kamera an der Schiffsbr\u00fccke \u00fcbertrug. Nicht nur bekamen wir dadurch einen Eindruck von der H\u00f6he der Wellen \u2013 ich bildete mir auch ein, damit meine erstmals aufkommende leichte Seekrankheit zu bek\u00e4mpfen. Die \u00dcbelkeit blieb ertr\u00e4glich, nahm mir aber den Appetit aufs Abendbrot. Ich legte mich ins Bett; Schlaf war allerdings unm\u00f6glich, da ich mit Festhalten besch\u00e4ftigt war \u2013 diese Betten haben emp\u00f6renderweise keine Sicherheitsgurte.<br \/>\nAm n\u00e4chsten Tag konnten wir schon wieder in lauer Luft \u00fcber das Boat Deck spazieren.<\/p>\n<p><img BORDER=0 SRC=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/archives_speisen\/QE2_5_DeckEinfahrt.jpg\" ALT=\"Einfahrt nach New York\" HEIGHT=387 WIDTH=571\/><\/p>\n<p>Die Einfahrt in New York war genau so grandios wie ich sie mir vorgestellt hatte. Im Morgengrauen stand ich zwischen anderen Fr\u00fchaufstehern frierend an Deck und sah erst die Umrisse von Queens, dann Verrazano Bridge, bevor die Kulisse von Manhattan auftauchte, beschienen von der aufgehenden Sonne. Liberty Island, Ellis Island, dann nach Norden zur Anlegestelle.<\/p>\n<p>Durch das Reisen mit der Zeit hatten wir nat\u00fcrlich keinerlei Jet Lag. Schwierigkeiten bereitete daf\u00fcr die Umstellung auf festen Boden. Aber davon erz\u00e4hle ich morgen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum ersten Mal war ich 1993 in New York. Bis dahin hatte ich mich f\u00fcr die Stadt so wenig interessiert, dass mich der Stadtplan mit der Tatsache \u00fcberraschen konnte, dass Manhattan eine Insel ist. Doch ich verliebte mich \u00fcber beide Ohren in New York. 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