{"id":35032,"date":"2016-11-24T06:59:00","date_gmt":"2016-11-24T05:59:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=35032"},"modified":"2016-11-24T06:59:00","modified_gmt":"2016-11-24T05:59:00","slug":"journal-mittwoch-23-november-2016-was-ist-leistung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2016\/11\/journal-mittwoch-23-november-2016-was-ist-leistung.htm","title":{"rendered":"Journal Mittwoch, 23. November 2016 &#8211; Was ist Leistung?"},"content":{"rendered":"<p>Ein weiterer warmer Tag. Ich war mit dem Fahrrad unterwegs, um nach der Arbeit mein malades Smartphone nochmal zum Schrauber zu bringen. Dieser fand tats\u00e4chlich einen Fehler au\u00dfer dem Akku (Ladesensor), das Ersatzteil bekommt er aber erst Donnerstag. Ich werde also am Freitag nochmal zu ihm m\u00fcssen.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p><i>Der Freitag<\/i> schreibt \u00fcber die Folgen f\u00fcr die Gesellschaft, wenn der Glauben vorherrscht, dass man mit Leistung zum Erfolg kommt:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/der-freitag\/so-ein-dusel\" target=\"_blank\">&#8220;So ein Dusel&#8221;.<\/a><\/p>\n<p>via <a href=\"https:\/\/twitter.com\/bebal\" target=\"_blank\">@bebal<\/a><\/p>\n<p>Er dreht sich genau um die Frage, an der ich seit Jahrzehnten knabbere: Welcher Erfolg ist mein eigener Verdienst? Was basiert auf Angeborenem? Was auf Zufall? (Dass Erfolg selbst schon Definitionssache ist, lassen wir mal beiseite.) Ich bin mit Hirn, Interesse und Energie auf die Welt gekommen, wurde von klein auf gef\u00f6rdert und angetrieben, hatte nie den Eindruck, gro\u00dfe Hindernisse \u00fcberwinden zu m\u00fcssen. Viel weist darauf hin, dass ich bei allem, was \u00e4u\u00dferlich nach Erfolg aussieht, einfach Gl\u00fcck hatte.<\/p>\n<p>Was ist eigentlich Leistung? Eine Leistung, auf die man stolz sein kann?<br \/>\nIch tendiere dazu, nur als meine eigene Leistung zu empfinden, wenn es M\u00fche ohne Spa\u00df gekostet hat. Aber weil ich dann im Nachhinein vor allem Leid damit assoziiere, freue ich mich \u00fcber das Ergebnis nicht &#8211; und bin nicht stolz darauf.<br \/>\nBeispiele:<br \/>\nMein Einser-Magister? Hat Spa\u00df gemacht, war also keine Leistung. Klar gab es Phasen, die mich sehr viel M\u00fche und Anstrengung kosteten, doch sie erf\u00fcllten mich nicht mit Wut und Zorn.<br \/>\nHirn und Energie wurden mir angeboren, auch der Spa\u00df, etwas damit zu machen. Dazu hatte ich Eltern, f\u00fcr die Bildung einen hohen Stellenwert hatte. F\u00fchlt sich nicht wie Leistung an.<br \/>\nBerufliche Leistungen? Da gibt es einiges, was objektiv als Erfolg gez\u00e4hlt wird, aber nur durch so viel Selbst\u00fcberwindung m\u00f6glich war, von gl\u00fchendem Hass begleitet, dass ich mich nur sehr ungern daran erinnere. Will ich nicht als Leistung z\u00e4hlen, war eine sehr verdrehte Art von Pflichterf\u00fcllung.<\/p>\n<p>Komischerweise empfinde ich das Gef\u00fchl von Stolz am ehesten auf Freundinnen, Freunde, Angeh\u00f6rige, die gro\u00dfartig sind und Gro\u00dfartiges tun und erreichen. Wof\u00fcr ich nun wirklich am allerwenigsten kann. Ich empfinde Stolz darauf, dass ein so wundervoller Mensch sich mir freundschaftlich zuwendet.<\/p>\n<p>Aber zur\u00fcck zum oben verlinkten Artikel:<\/p>\n<blockquote><p>Ein genauer Blick auf die Utopie einer reinen Leistungsgesellschaft lohnt, weil diese Argumentation unsere Gesellschaft pr\u00e4gt: Nicht die Einkommensunterschiede an sich seien das Problem, hei\u00dft es gern. Entscheidend sei allein, dass jeder eine faire Gelegenheit bekomme, sich eine privilegierte Position zu erarbeiten. Aber dieser Gegensatz f\u00fchrt in die Irre, weil Chancen und Ergebnisse nicht so einfach zu entf\u00e4deln sind: Wann ist Reichtum verdient, wann unfairer Wettbewerbsvorteil? Wo f\u00e4ngt Leistung an, wo h\u00f6ren Chancen auf? Und welche Zuf\u00e4lligkeiten m\u00fcssen beseitigt sein, damit man wirklich \u00fcberall von gerechten Startbedingungen sprechen kann? Der Beruf der Eltern ist vielleicht ein Zufall, der auf die Laufbahn eines Kindes keinen Einfluss haben sollte. Aber was ist mit angeborener Begabung, einer robusten Pers\u00f6nlichkeit, einem Geburtsdatum im Januar? Zuf\u00e4llig ist es genau so.<\/p>\n<p>Vor der Meritokratie, schreibt Young<sup><a href=\"#footnote_1_35032\" id=\"identifier_1_35032\" class=\"footnote-link footnote-identifier-link\" title=\"Der britische Soziologe Michael Young pr&auml;gte in den 1950ern den Begriff &ldquo;Meritokratie&rdquo;.\">1<\/a><\/sup>, stellte man sich die sozialen Klassen heterogen vor. Es war selbstverst\u00e4ndlich, dass es Kluge und T\u00fcchtige in den unteren Schichten gab, genauso wie Dumme und Faule in den oberen. In gewisser Weise wirkte das wie ein Kitt: Niemand konnte mit Inbrunst behaupten, er habe sich seinen Posten als gro\u00dfer Boss verdient \u2013 weil man es schlicht nicht mit Sicherheit wissen konnte. Die Gesellschaft wirkte zwar unfair, willk\u00fcrlich und ineffizient, aber solange es kein klares Selektionskriterium gab, konnte man sich immerhin der Illusion hingeben, im Grunde seien die Menschen doch alle gleich.<\/p>\n<p>Funktioniert die Bestenauswahl erst einmal, braucht sich die Elite dagegen nicht mehr mit Selbstzweifeln zu plagen. In der Meritokratie muss sich niemand rechtfertigen f\u00fcr seinen Reichtum. Aber die untere Schicht verliert ihre Selbstachtung. Im meritokratischen Denken sei sie nun nicht mehr aus Zufall oder Diskriminierung benachteiligt, hei\u00dft es bei Young, sondern weil sie nachweislich minderwertig sei. Wo der Erfolg allein auf Leistung beruhen soll, ist jeder Misserfolg ein pers\u00f6nliches Versagen. Die Meritokratie ist erbarmungslos.<\/p><\/blockquote>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Eine praktische Anleitung:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/gruenegesundheitspolitik.wordpress.com\/2016\/11\/21\/was-ich-in-10-jahren-mit-impfkritischen-eltern-uber-postfaktische-kommunikation-gelernt-habe\/\" target=\"_blank\">&#8220;Was ich in 10 Jahren Diskussion mit Impfgegner_innen \u00fcber postfaktische Kommunikation gelernt habe&#8221;.<\/a><\/p>\n<p>Hier meine Zusammenfassung; sollte durch die Verk\u00fcrzung etwas in Schieflage geraten sein, liegt die Schuld bei mir und nicht bei der Autorin.<\/p>\n<blockquote><p>F\u00fcr das Zur\u00fcckholen dieser Menschen in ein rationaleres Jetzt d\u00fcrfte f\u00fcr viele AfD-W\u00e4hler_innen das gelten, was auch f\u00fcr Impfverweigerer gilt: Es ist aufwendig und lang.<\/p><\/blockquote>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n<blockquote><p>Man muss die Risiken eines bestimmten Verhaltens m\u00f6glichst plastisch erfahrbar oder kommunizierbar machen.<\/p><\/blockquote>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n<blockquote><p>Auch von wissenschaftlicher Seite wird postuliert, dass bei festgef\u00fcgten Verschw\u00f6rungstheorien das Ersetzen einer Verschw\u00f6rungstheorie durch eine andere sinnvoller ist als der Versuch, faktenbasiert vom Gegenteil zu \u00fcberzeugen.<\/p><\/blockquote>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n<blockquote><p>Ich habe nur dann eine Chance durchzudringen, wenn ich es schaffe, dass das Gegen\u00fcber in mir selbst keinen Wutausbruch ausl\u00f6sen kann.<\/p><\/blockquote>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n<blockquote><p>Es ist wichtig, das Verfestigen von irrationalen Gedankengeb\u00e4uden zu verhindern, bevor sie zu festgef\u00fcgt sind um noch zur einzelnen Person vorzudringen.<\/p><\/blockquote>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n<blockquote><p>In emotional aufgeladenen Situationen m\u00fcssen wir Menschen besonders gut vor dem Zugriff kontrafaktischer Argumente sch\u00fctzen.<\/p><\/blockquote>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n<blockquote><p>Das reine Widerlegen von Un-Fakten hilft \u00fcberhaupt nicht.<\/p><\/blockquote>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n<blockquote><p>Wir m\u00fcssen Suchmaschinen wie google st\u00e4rker in die Pflicht nehmen, wir m\u00fcssen aber auch rationale Informationen besser und verst\u00e4ndlicher und breiter verf\u00fcgbar machen.<\/p><\/blockquote>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n<blockquote><p>Diskutiere nicht mit Opas (und Omas).<\/p><\/blockquote>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n<blockquote><p>Kompromisslos unbestechlich, rigoros Skandale in unseren Reihen aufkl\u00e4ren, sehr hohe Transparenz gew\u00e4hrleisten.<\/p><\/blockquote>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n<blockquote><p>Wir m\u00fcssen denen, die mit dem Kontrafaktischen ihr Geld verdienen, diesen Geldhahn so gut wie m\u00f6glich zudrehen.<\/p><\/blockquote>\n<p>via <a href=\"https:\/\/twitter.com\/wortschnittchen\" target=\"_blank\">@wortschnittchen<\/a> <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ssl-vg03.met.vgwort.de\/na\/a0bf0f0f8e93459aafb6f1f78fa4bbe9\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n<ol class=\"footnotes\"><li id=\"footnote_1_35032\" class=\"footnote\">Der britische Soziologe Michael Young pr\u00e4gte in den 1950ern den Begriff &#8220;Meritokratie&#8221;.<span class=\"footnote-back-link-wrapper\"> [<a href=\"#identifier_1_35032\" class=\"footnote-link footnote-back-link\">&#8617;<\/a>]<\/span><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein weiterer warmer Tag. 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