{"id":36521,"date":"2017-02-22T06:57:26","date_gmt":"2017-02-22T05:57:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=36521"},"modified":"2017-03-01T21:32:56","modified_gmt":"2017-03-01T20:32:56","slug":"hillary-mantel-beyond-black","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2017\/02\/hillary-mantel-beyond-black.htm","title":{"rendered":"Hillary Mantel, <i>Beyond Black<\/i>"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/mantel_beyond_black.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/mantel_beyond_black.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"233\" class=\"alignnone size-full wp-image-36588\" \/><\/a><\/p>\n<p>Unsereine kann sich aussuchen, was sie von Geisterbeschw\u00f6rungen, Tarotkarten und Hellseherinnen h\u00e4lt. Alison, die Hauptfigur in Hillary Mantels Roman <i>Beyond Black<\/i> von 2005, hat diese Wahl nicht: Seit fr\u00fchester Jugend lebt sie mit den Geistern von Verstorbenen, die jeden Bereich ihres Alltags beeinflussen. Wir sehen ihr dabei zu, wie sie unter diesen Umst\u00e4nden ihr Leben meistert. Als Erwachsene verdient sie zumindest ihren Lebensunterhalt mit dieser Last: Wir lernen sie auf einer B\u00fchne im S\u00fcden Englands kennen, wo sie ruhig die Welt der Toten erkl\u00e4rt und im Publikum Ansprechpartner f\u00fcr die Geister sucht, die sie kontaktieren.<br \/>\nSchon Alisons Mutter war ein <i>sensitive<\/i>, also ein Medium, st\u00e4ndig im lauten Gespr\u00e4ch mit einer Gloria, die sonst niemand sehen konnte. Doch sie hielt sich als Prostituierte der untersten Kategorie \u00fcber Wasser, etwas anderes konnte sie sich als Lebensunterhalt f\u00fcr sich und sp\u00e4ter f\u00fcr ihre vernachl\u00e4ssigte und gepr\u00fcgelte Tochter nicht vorstellen.<\/p>\n<p>Es ist eine Art dreckiger <i>magic<\/i> Alltags-<i>realism<\/i>, in der der Roman geschrieben ist, und wie ich es von ihr gewohnt bin, schreibt Hillary Mantel gro\u00dfartig.<\/p>\n<p>An Alisons Seite steht als <i>personal assistant<\/i> Colette (sie bevorzugt den Jobtitel <i>manager<\/i>), eine bittere und humorlose Buchhalterin, die Alisons Kundschaft verachtet, im Grunde auch Alison selbst. Alison und ihre Kolleginnen wissen, dass auch Colette eigentlich ein Medium ist, denn sie sehen Colettes <i>spirit guide<\/i>, doch ihr fehlt die n\u00f6tige Offenheit. \u00dcberhaupt: Der Branchenzirkus des Hellsehertums. Er wird geschildert wie jede andere Verkaufsbranche auch, inklusive den resultierenden Lebenshilfeb\u00fcchern (beim Bestsellertitel <i>Self-healing through success<\/i> musste ich sehr lachen).<\/p>\n<p>Colettes Gesch\u00e4ftsidee ist ein Buch \u00fcber Alisons Gabe\/Last. Sie f\u00fchrt mit ihrer Chefin Interviews, die sie aufnimmt &#8211; doch auch diese Aufnahmen sabotieren die Geister, man h\u00f6rt statt Alison alle m\u00f6glichen Ger\u00e4usche und Stimmen darauf. Wir Leserinnen allerdings bekommen die Erz\u00e4hlungen ungest\u00f6rt in Buchstabenform. Sie erz\u00e4hlt von ihrer Kindheit, die von Anfang an von Geistern beeinflusst war &#8211; im Guten von einem alten Weiblein, das ihr Gesellschaft leistete, wenn sie mal wieder auf dem Dachboden weggesperrt wurde, vor allem aber im \u00dcbelsten, wenn boshafte Verstorbene im Klassenzimmer solchen Radau machten, dass sie (als Urheberin verd\u00e4chtigt) vom Unterricht ausgeschlossen wurde, oder wenn schriftliche Pr\u00fcfungen durch das Schubsen und Necken der Geister unleserlich waren. So kommt es unter anderem, dass Alison keinen Schulabschluss hat. Mehr \u00fcber Alisons Vergangenheit erz\u00e4hlen R\u00fcckblicke, diese aber eher in Bilderfetzen, vagen Erinnerungen.<\/p>\n<p>So verl\u00e4uft der Roman in zwei Handlungsstr\u00e4ngen: Der eine chronologisch im Jetzt, in dem Alison unter anderem ein Haus in einem abgelegenen Neubaugebiet kauft, um vielleicht doch ihren b\u00f6sartigen <i>spirit guide<\/i> Keith loszuwerden, der immer mehr Gespensterkumpel anschleppt &#8211; Alison hofft, dass es der Bagage im gottverlassenen Suburbia zu langweilig ist. Der zweite in Alisons Kindheit und Jugend, unchronologisch, widerspr\u00fcchlich, erst ganz am Ende mit genug Informationen, um genau diese Geistergesellschaft um sie herum zu erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Eine wichtiges Element ist Alisons K\u00f6rperf\u00fclle: Gleich am Anfang wird klar, dass Alison dick ist, zun\u00e4chst in erster Linie eine imposante Erscheinung, die sich auf der B\u00fchne gerne in leuchtende Farben und gl\u00e4nzende Stoffe kleidet. Doch die d\u00fcnne Colette drangsaliert Alison deshalb immer mehr, beleidigt sie, zwingt sie zu Di\u00e4ten (schmerzhaft realistisch geschildert: Mag in Colettes Leben auch sonst alles gescheitert sein &#8211; einer Dicken kann sie sich immer noch \u00fcberlegen f\u00fchlen.)<\/p>\n<p>Alles zusammen ergibt ein dichtes Erz\u00e4hlgewebe vor ungew\u00f6hnlichem Hintergrund &#8211; ein wenig zu lang (das kenne ich von Mantels Romanen) und mit unelegant abruptem Schluss, aber ausgesprochen lesenswert.<br \/>\n(Es dauerte \u00fcbrigens eine Weile, bis ich das Buchcover als erfundene Tarotkarte erkannte &#8211; und ziemlich genial fand.) <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ssl-vg03.met.vgwort.de\/na\/bec0e27e862f4af9acbc2e83c6070767\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unsereine kann sich aussuchen, was sie von Geisterbeschw\u00f6rungen, Tarotkarten und Hellseherinnen h\u00e4lt. 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