{"id":3713,"date":"2009-01-14T10:15:49","date_gmt":"2009-01-14T09:15:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=3713"},"modified":"2013-03-25T19:30:24","modified_gmt":"2013-03-25T18:30:24","slug":"auf-der-buhne-geht-pamuk-ja-doch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2009\/01\/auf-der-buhne-geht-pamuk-ja-doch.htm","title":{"rendered":"Auf der B\u00fchne geht Pamuk ja doch"},"content":{"rendered":"<p>Ich kann mich nicht erinnern, einem Romanautor je so viele Chancen gegeben zu haben wie Orhan Pamuk. Vor etwa zwei Jahren lie\u00df ich mir <i>The White Castle<\/i> empfehlen (wenn sowieso \u00dcbersetzung, warum dann nicht die hoch ger\u00fchmte englische von Victoria Holbrook?): Ich kam nicht \u00fcber die ersten 40 Seiten, die sich anf\u00fchlten wie 100, hinaus, weil mich \u00fcberhaupt nichts an der Geschichte interessierte. Bei jedem anderen Autor w\u00e4re es das gewesen, ich h\u00e4tte den Namen auf ewig mit \u201emag ich nicht\u201c verbunden und nie wieder etwas von ihm gelesen, Nobelpreis hin oder her. Da Herr Pamuk allerdings geradezu in einer Wolke von Lobpreis ver\u00f6ffentlicht, erzeugt von Leuten, auf deren Leseempfehlungen ich mich sonst verlassen kann, dachte ich: Na gut, historischer Stoff, das macht er ja nicht immer. Die zweite Chance war Ende letzten Jahres <i>Das Museum der Unschuld<\/i>, dessen erstes Viertel mich zu meiner Erleichterung tats\u00e4chlich fesselte, um mich dann mit 300 Seiten \u00f6dester Detailschilderungen fast zu Tr\u00e4nen zu langweilen.<\/p>\n<p>Dass ich mich \u00fcberhaupt nochmal mit Orhan Pamuk befasste, war Zufall: Mein Theaterabo schickte mich in <a href=\"http:\/\/www.muenchner-kammerspiele.de\/stueck.php?ID=768\" target=_new>die Dramatisierung seines Romans <i>Schnee<\/i><\/a>. Die Inszenierung (Regie Lars-Ole Walburg, Dramaturgie Malte Jelden) gefiel mir gut; m\u00f6glicherweise bedeutet eine szenische Darstellung die einzige Rettung eines Pamuk-Stoffes.<\/p>\n<p>Kahle B\u00fchne (ob ich wohl in diesem Leben noch mal einen B\u00fchnenvorhang zu sehen bekomme?), im Hintergrund ein riesiger, unordentlicher Haufen Fernsehapparate, die im Lauf des St\u00fccks immer wieder als Kulisse eingesetzt wurden. Den Bezug zur Buchvorlage stellte der Hauptdarsteller her (Bernd Moss), der den Anfang des Romans vorlas, dann weiter frei sprach: Schriftsteller Ka, in Frankfurt lebender T\u00fcrke, auf einer Busreise in die t\u00fcrkische Provinzstadt Kars, in der er \u00fcber die Selbstmorde junger M\u00e4dchen recherchieren will und seine Jugendliebe Ipek (Annette Paulmann) wiedersehen. Es schneit. In Kars begegnet Ka putschendem Milit\u00e4r, zweifelnden Islamisten, Gewalt, der Familie und der Vergangenheit seiner Jugendliebe. Die Inszenierung erz\u00e4hlt viel indirekt, mit Requisiten, Tonfall, Fernsehbildern Mimik &#8211; ob das die Verh\u00f6rmethoden der Polizei sind, die Stimmung im Haus Ipeks, die Rolle des Glaubens. Selbst der Vortrag eines Gedichts kommt ohne W\u00f6rter aus &#8211; ein wundervoller Moment. Genau die \u00fcberladene Erkl\u00e4rungs- und Beschreibungswut Pamuks, die mich an seinen B\u00fcchern erm\u00fcdet hatte, fiel damit weg. Fast, denn die letzten Minuten, die sich wieder wie eine Stunde anf\u00fchlten, bestanden aus einem Monolog einer neuen Figur, die sich \u201eOrhan\u201c nannte und die Geschichte zu Ende erz\u00e4hlte \u2013 vermutlich den Pamuk-Roman w\u00f6rtlich zitierend. Langatmig genug war dieser Monolog.<\/p>\n<p>Ich sa\u00df in der allerersten Reihe, die in den Kammerspielen nur einen halben Meter Abstand zur B\u00fchne l\u00e4sst. So konnte ich nicht nur auf die Bl\u00e4tter der Souffleuse vier Sitze weiter schielen, ob der langweilige Schlussmonolog wohl bald zu Ende gehen w\u00fcrde, sondern auch mal vorsichtig den Hauptdarsteller anl\u00e4cheln: Bei der Ankunft in Kars rutscht Ka b\u00e4uchlings mit dem Koransch\u00fcler Necip (Sebastian Weber, kennen wir aus <i>Shoppen<\/i>) \u00fcber Eis und Schnee. Moss wirft sich also mehrfach mit Anlauf Richtung B\u00fchnenrand; als sein Gesicht zum dritten Mal einen halben Meter vor meinem ankam, h\u00e4tte ich fast Gr\u00fc\u00df Gott gesagt, begn\u00fcgte mich aber mit einem freundlichen Blickwechsel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich kann mich nicht erinnern, einem Romanautor je so viele Chancen gegeben zu haben wie Orhan Pamuk. 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