{"id":399,"date":"2004-05-19T08:03:32","date_gmt":"2004-05-19T06:03:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2004\/05\/was-mich-frau-bewegt.htm"},"modified":"2006-02-15T12:32:02","modified_gmt":"2006-02-15T11:32:02","slug":"was-mich-frau-bewegt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2004\/05\/was-mich-frau-bewegt.htm","title":{"rendered":"Was mich Frau bewegt"},"content":{"rendered":"<p>Letztes Wochenende im Fernsehen: Die bezaubernde Michelle Hunziker als Laudatorin auf dem Weg zur <a href=\"http:\/\/www.hbv.de\/stage\/presse\/goldenefeder\/index.html\" target=_new>Verleihung der \u201eGoldenen Feder\u201c<\/a>, bei der Alice Schwarzer mit einem Ehrenpreis ausgezeichnet wird. Ein ZDF-Journalist fragt sie f\u00fcr eine Boulevard-Sendung auf dem roten Teppich, ob sie schon mal <a href=\"http:\/\/www.emma.de\/\" target=_new><i>EMMA<\/i><\/a> gelesen habe. Die Hunziger strahlt in die Kamera (aus dem Ged\u00e4chtnis zitiert): \u201eEmma? \u00c4h, ich komm direkt aus Italien, ich wei\u00df nicht&#8230;\u201c Neuer Anlauf: Wie sie zu Feminismus stehe. \u201eNein, ich kann damit eher nichts, denn ich finde es schon gut dazu zu stehen, dass ich eine Frau bin.\u201c (Jetzt bitte keine Scherze \u00fcber die Intelligenz der Dame: Sie ist erfolgreich und ein Idol.)<\/p>\n<p>Da erst fiel bei mir der Groschen: Diese junge, sch\u00f6ne Generation sieht Feminismus als Gegensatz zum Frausein! Nicht etwa als Kampf gegen die Haltung, Frauen seien minderwertig. Verdammich!<\/p>\n<p>Andererseits ist diese Definition ja historisch. Wurde nicht bereits Ende des 19. Jahrhunderts mit vorgeblich wissenschaftlichen Methoden nachgewiesen, dass den Frauen durch intellektuelle T\u00e4tigkeiten buchst\u00e4blich die Eierst\u00f6cke vertrocknen? Damals n\u00e4mlich, als erstmals Frauen Einlass in Universit\u00e4ten begehrten. Heute zeigen Statistiken, dass in Deutschland Akademikerinnen die niedrigste Geb\u00e4r-Rate von allen Gesellschaftsschichten haben. Aha! Hat schon mal jemand den Feuchtigkeitsgehalt ihrer Eierst\u00f6cke gepr\u00fcft?<\/p>\n<p>Im <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Feminismus\" target=_new>lesenswerten Eintrag der deutschen Wikipedia<\/a> hei\u00dft es sogar:<br \/>\n\u201eFeministinnen und Frauenrechtlerinnen wurde seit dem Beginn der Frauenbewegung nicht nur von seiten der M\u00e4nner Unweiblichkeit vorgeworfen.\u201c<br \/>\n(\u201evon seiten\u201c gibt Abz\u00fcge in der B-Note)<\/p>\n<p>Es gibt ja sogar eine starke Variante des Feminismus, die die v\u00f6llige Andersartigkeit von Frauen als \u201enat\u00fcrlich\u201c betont. Bei biologistischer Argumentation bekomme ich Auschlag &#8211; selbst meine forsche Mutter erkl\u00e4rte es f\u00fcr \u201enat\u00fcrlich\u201c, dass M\u00e4nner bis ins hohe Alter junge Parterinnen haben: Schlie\u00dflich seien M\u00e4nner bis ins hohe Alter zeugungsf\u00e4hig. (Sie konnte mir allerdings nicht erkl\u00e4ren, warum Frauen dann die Menopause um mehr als zwei Jahre \u00fcberleben und &#8211; huch! &#8211; sogar eine insgesamt h\u00f6here Lebenserwartung als M\u00e4nner haben.) Durch diese Betrachtungsweise werden Rollenklischees und Vorurteile zementiert. Im Wikipedia-Eintrag taucht im Zusammenhang mit biologistischem Feminismus der Begriff \u201eGeschlechterrassismus\u201c auf, den ich mir k\u00fcnftig einzusetzen vorgenommen habe.<\/p>\n<p>Was enth\u00e4lt also der Feminismus, von dem ich mich angezogen f\u00fchle, und den ich lebe?<\/p>\n<p><b>&#8211; Sich durch Rollenerwartungen nicht einschr\u00e4nken zu lassen.<\/b><br \/>\nDa ist diese Kollegin, die in ihrer Jugend unbedingt zur See wollte, als Schiffsmechanikerin. \u201eDas ist nichts f\u00fcr Frauen\u201c, hie\u00df es auf 59 ihrer Bewerbungen hin. Die sechzigste klappte, auch wenn der Kapit\u00e4n sie mit der Anweisung empfing, sie brauche ihren Seesack gar nicht erst auspacken, denn l\u00e4nger als ein paar Tage w\u00fcrde sie es eh nicht aushalten. Sie hielt es knapp zehn Jahre aus. Wenn irgendjemand dieser Frau (die heute, \u00fcber zehn Jahre nach ihrer Zeit auf See, immer noch breitbeinig und mit wiegenden Schultern geht) deshalb unterstellt, sie sei keine richtige Frau, den hau ich. (Hoppla.)<\/p>\n<p><b>&#8211; Sich nicht vorschreiben zu lassen, was eine \u201eechte\u201c Frau ist.<\/b><br \/>\nWenn ich als kleines Kind nunmal \u00fcber die Bl\u00fcmchen auf der Wiese hinweg getrampelt bin, weil der Baum zum Klettern mich viel mehr interessierte, und es der gleich alte Nachbarsbub war, der meiner Mutter die G\u00e4nseblumenstr\u00e4u\u00dfchen brachte: War ich dann etwa schonmal kein echtes M\u00e4dchen? Gleichzeitig stand ich sehns\u00fcchtig vor den Schaufenstern, hinter denen Pant\u00f6ffelchen mit Federpuscheln und Glitzer zu sehen waren. Wer, bittesch\u00f6n, entscheidet, dass nur dieser letztere Teil meines Wesens \u201eecht\u201c weiblich ist? Oder umgekehrt, dass pink aufger\u00fcschte Frauen in St\u00f6ckeln, die ihre Wasserkisten lieber andere tragen lassen, Verr\u00e4terinnen an der Gleichberechtigung w\u00e4ren?<\/p>\n<p><b>&#8211; Frausein nicht zur bestimmenden Komponente meines Lebens zu machen. Es auch mal beseite schieben zu k\u00f6nnen und locker zu nehmen.<\/b><br \/>\nAuf der letzten Bilanzpressekonferenz eines DAX-Unternehmens, die ich besuchte, brannte sich mir dieses Bild ein: die Vorstandriege auf dem Podium, und mit welcher zweifelsfreien Selbstverst\u00e4ndlichkeit die Herren da oben sa\u00dfen. Sie machten sich eindeutig keine Gedanken dar\u00fcber, dass sie \u201eals Mann\u201c auf diesem Posten sa\u00dfen, ob sich das mit ihrer M\u00e4nnlichkeit vereinbaren lie\u00df, ob sie da oben auch richtig waren. Es ist diese ungeschlechtliche Selbstverst\u00e4ndlichkeit, nach der ich mich sehne. Ich tr\u00e4ume von einer Zukunft, in der eine DAX-Vorstandsriege aus lauter Frauen bestehen kann, ohne dass es gro\u00df auff\u00e4llt. Aus gro\u00dfen und kleinen Frauen, mit Familie und ohne, dicken und d\u00fcnnen, gestylten und schlichten.<\/p>\n<p><b>&#8211; M\u00e4nnern ihre Rolle nicht vorschreiben. Und nicht definieren, was ein \u201eechter\u201c Mann ist.<\/b><br \/>\nMeine pers\u00f6nlichen Vorlieben bei M\u00e4nnern decken sich ziemlich mit denen bei Frauen: Neugierige Selbstdenker mit flinkem Humor und mit leidenschaftlichen Interessen. Unter anderem. Ich werde abgesto\u00dfen von Speichelleckern, Befehlsempf\u00e4ngern und Kriechern &#8211; egal welchen Geschlechts. Ich tue mich schwer mit Filigran-Trampeln, die ihre Opferrolle zur Waffe machen. Auch mit dummen und unreflektierten Menschen kann ich nur unter Anstrengung. Plumpheit und R\u00fccksichtslosikeit sind mir unsympathisch. Ist darunter jetzt irgendwas typisch weiblich oder typisch m\u00e4nnlich?<\/p>\n<p>Wie\u2019s der Zufall will, stolpere ich <a href=\"http:\/\/mosaikum.org\/log-05-04.shtml#38\" target=_new>bei Mosaikum<\/a> \u00fcber die Geschichte von David Reimer, einem Jungen, der als M\u00e4dchen aufgezogen wurde, weil er bei einer Operation als Baby seinen Penis verloren hat. <a href=\"http:\/\/www.nzherald.co.nz\/storydisplay.cfm?storyID=3566111&#038;thesection=news&#038;thesubsection=world\" target=_new>Und der daran zerbrach.<\/a><\/p>\n<p>Das bedeutet was.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Letztes Wochenende im Fernsehen: Die bezaubernde Michelle Hunziker als Laudatorin auf dem Weg zur Verleihung der \u201eGoldenen Feder\u201c, bei der Alice Schwarzer mit einem Ehrenpreis ausgezeichnet wird. Ein ZDF-Journalist fragt sie f\u00fcr eine Boulevard-Sendung auf dem roten Teppich, ob sie schon mal EMMA gelesen habe. 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