{"id":40012,"date":"2017-08-31T12:40:28","date_gmt":"2017-08-31T10:40:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=40012"},"modified":"2024-07-15T15:29:46","modified_gmt":"2024-07-15T13:29:46","slug":"journal-mittwoch-30-august-2017-spanienurlaub-10-morgenlauf-und-thomas-lehr-42","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2017\/08\/journal-mittwoch-30-august-2017-spanienurlaub-10-morgenlauf-und-thomas-lehr-42.htm","title":{"rendered":"Journal Mittwoch, 30. August 2017 &#8211; Spanienurlaub 10, Morgenlauf und Thomas Lehr <i>42<\/i>"},"content":{"rendered":"<p>Dieser zweite Regentag kam unvorhergesehen. Angek\u00fcndigt war Sonne, also sah mein Tagesplan vor: Weckerwecken, Laufrunde mit anschlie\u00dfendem Meerschwumm, Duschen, Morgenkaffee, Lesen in der Sonne auf der Dachterasse &#8211; dann je nach dem.<\/p>\n<p>Doch der Morgen war von dichten Wolken verhangen, die mir jede Lust auf Meerschwumm nach Lauf nahmen und dann auch noch ausdauernd regneten. Aber den Morgenlauf genoss ich.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/170830_04_Morgenlauf.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/170830_04_Morgenlauf.jpg\" alt=\"\" width=\"523\" height=\"452\" class=\"alignnone size-full \" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/170830_06_Morgenlauf.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/170830_06_Morgenlauf.jpg\" alt=\"\" width=\"582\" height=\"393\" class=\"alignnone size-full \" \/><\/a><\/p>\n<p>Rush Hour in der Bucht von Muros.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/170830_23_Morgenlauf.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/170830_23_Morgenlauf.jpg\" alt=\"\" width=\"504\" height=\"461\" class=\"alignnone size-full \" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/170830_24_Morgenlauf.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/170830_24_Morgenlauf.jpg\" alt=\"\" width=\"533\" height=\"386\" class=\"alignnone size-full \" \/><\/a><\/p>\n<p>Mit Strand war also nichts, wir vertrieben uns die Zeit mit Lesen und Schreiben. Als es am sp\u00e4ten Nachmittag trocken wurde und sogar aufklarte, spazierten wir den Kreuzweg vom ehemaligen Franziskanerkloster aus, den man weithin sieht.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/170830_31_San_Francisco.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/170830_31_San_Francisco.jpg\" alt=\"\" width=\"454\" height=\"553\" class=\"alignnone size-full wp-image-40025\" \/><\/a><\/p>\n<p>Abendessen in einer Bar (Salat, Sardinien, Pimientos de padr\u00f3n, Croquetas de pescado, dazu Gin Tonic), als Dessert den absoluten Modenachtisch: Flan de queso.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/170830_39_San_Francisco.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/170830_39_San_Francisco.jpg\" alt=\"\" width=\"288\" height=\"384\" class=\"alignnone size-full wp-image-40030\" \/><\/a><\/p>\n<p>Er war uns gleich im ersten Restaurant angeboten worden, seither habe ich ihn noch einige Male bestellt, wenn er hausgemacht war. Basis ist klassischer Flan, nur dass ein Frischk\u00e4se nach Wahl untergemischt wird; mal schmeckte der Flan eher nach Ricotta, mal nach Philadelphiak\u00e4se. Werde ich definitiv daheim ausprobieren.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Der Regen verschaffte viel Zeit zum Lesen, also  Thomas Lehrs <i>42<\/i> ausgelesen. Alle 368 klein bedruckten, fast absatz- und dialoglosen Seiten. Das Set-up: Als eine Besuchergruppe des Kernforschungszentrums CERN an einem Hochsommertag aus der unterirdischen Anlage an die Oberfl\u00e4che zur\u00fcckkehrt, ist alles au\u00dfer ihnen stehen geblieben &#8211; die Zeit, der Rauch, die Wellen, die Sonne, die Menschen; es bewegt sich nichts mehr. Das w\u00e4re als B\u00fchne f\u00fcr eine Geschichte spannend, doch die folgende Menge an Handlung reicht gerade mal f\u00fcr eine <i>Star Trek<\/i>-Episode. Statt dessen erz\u00e4hlt Lehr jede Konsequenz dieses Vorfalls, jede. Und noch eine. Bis ins Detail des Details. Als Handlung hat sich der Roman am ehesten die Suche nach der physikalischen Ursache des Stillstands vorgenommen, und auch hier wird jeder Erkl\u00e4rungsansatz detailreich durchgespielt. Mir war schon klar, dass fast alle Romanschreibenden sich Skizzen ihrer erfundenen Welten machen, sich viele Details vorstellen, R\u00e4ume, Seitenzweige und Nebenfiguren ausschm\u00fccken. Aber das muss man doch nicht alles auch hinschreiben!<\/p>\n<p>Lekt\u00fcre-erschwerend kommt ein sprachliches Faible f\u00fcr Adjektive und Vergleiche hinzu; keines der unz\u00e4hligen Details entkommt Lehrs Belebung durch Metaphorik. Hin und wieder habe ich von Lektoren und Verlegerinnen geh\u00f6rt, sie br\u00e4uchten nur einen Absatz eines Manuskripts zu lesen um zu wissen, ob es zu gebrauchen sei oder nicht. Oder nur einen Satz:<\/p>\n<blockquote><p>Elektronen wurden durch Erhitzung aus Metalldr\u00e4hten gemolken, auf der Hundert-Meter-Kurzstrecke linear angepeitscht, in den ersten Ringbeschleuniger mit 600 Meter Umfang geschossen, bei 3,5-Giga-Elektronenvolt rasend entlassen, jedoch nur, um auf dem 7-Kilometer-Kreis des SPS noch mehr an Besinnung zu verlieren, damit sie mit gestr\u00e4ubtem Haar, zusammengepressten Augenlidern und flatternden Backen bei 21 GeV im 26-Kilometer-Ring des gro\u00dfen LEP zur finalen Unfallgeschwindigkeit kurz unterhalb von Zeh (c) getrieben wurden, geb\u00fcndelt in praktischen 250-Billionen-St\u00fcck-Packungen und vier Strahlen, die sich an acht Punkten kreuzten und zwar 45 000-mal pro Sekunde, so abgefeimt und listig aber doch, dass es fast alle schafften, im letzten Moment den Billionen Geisterfahrern aus der Gegenrichtung innerhalb der engen Tunnelr\u00f6hre auszuweichen, abgesehen von dem einen angetrunkenen oder juvenilen Trottel alle zwei Sekunden, den es dann in den monstr\u00f6sen Pr\u00fcfmanschetten von OPAL, ALEPH, L 3 oder DELPHI in die aberwitzigsten St\u00fccke riss, die Kerne der Kerne der Kerne, auf die man es abgesehen hatte, denen die Feldkr\u00e4fte der erdgr\u00f6\u00dften Magneten auflauerten, um sie auf ihren lichtschnellen Fluchten aus der Fassung zu bringen, in den Zwiebelschichten der Spurenger\u00e4te ihre ein ehrlichen Prallbahnen zu schmerzlichen und mathematisch heimt\u00fcckischen Schleifen, Parabeln Zykloiden, Kardioiden, Spiralen zu zwingen, so kunstvoll gewunden wie Frauenhaar auf einem D\u00fcrer-Stich.<\/p><\/blockquote>\n<p>Die gemolkenen Elektronen werden mich noch bis in den Schlaf verfolgen.<\/p>\n<p>So geht es noch mal und von Neuem immer wieder, wenn Ausschnitte des physikalisch-wissenschaftlichen Hintergrunds des CERN erz\u00e4hlt werden. Die de facto keine Rolle spielen. Irgendwann begann ich, Herrn Kaltmamsell solche Passagen im Tonfall von Hitlerreden vorzulesen, das passte am besten zu ihrer Komik.<\/p>\n<p>Eingewoben dann Anl\u00e4ufe von Nachdenken \u00fcber Zeit an sich, diese jeweils so banal, dass ich sie nach dem ersten Durchgang \u00fcbersprungen habe.<\/p>\n<p>Und dann all der Sex. Eine Folge der Lage ist im Roman, dass die Chronologiker ihre sexuellen Fantasien umsetzen &#8211; umst\u00e4ndehalber halt ohne Einverst\u00e4ndnis des stillgestandenen Gegen\u00fcbers. Auch hier bekommen wir nicht nur das eine oder andere Beispiel, um die Tatsache an sich zu erz\u00e4hlen &#8211; das w\u00fcrde f\u00fcr eine <i>Lord of the Flies<\/i>-Anspielung einer menschlichen\/gesellschaftlichen Entwicklung unter besonderen Bedingungen reichen. Doch nein, wir lesen Dutzende Beispiele und noch eines, alle Seite um Seite, Schamhaar- um Vulvafaltendetail auserz\u00e4hlt. Inklusive japanischer Fachterminologie. Das ist sehr erm\u00fcdend.<\/p>\n<p>Aber die <i>Star Trek<\/i>-Folge basierend auf dem Roman s\u00e4he ich gern.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/lifeandstyle\/2017\/aug\/26\/rebecca-solnit-if-i-were-a-man\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">&#8220;Rebecca Solnit: if I were a man&#8221;.<\/a><\/p>\n<p>Rebecca Solnit ist die Frau, die als erste ein bestimmtes Mann-Frau-Ph\u00e4nomen mit <i>mansplaining<\/i> beschrieb. Hier denkt sie \u00fcber die vielen tausend Freiheiten nach, die ihr das Mannsein bereiten w\u00fcrde &#8211; ohne das Gef\u00e4ngnis zu vergessen, das M\u00e4nnlichkeitszwang errichtet. <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ssl-vg03.met.vgwort.de\/na\/6796325bb0df4c9cad42435ad68a0ee6\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser zweite Regentag kam unvorhergesehen. 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