{"id":40408,"date":"2017-09-22T08:56:02","date_gmt":"2017-09-22T06:56:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=40408"},"modified":"2017-09-22T08:56:02","modified_gmt":"2017-09-22T06:56:02","slug":"journal-donnerstag-21-september-2017-per-petterson-ina-kronenberger-uebers-nicht-mit-mir","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2017\/09\/journal-donnerstag-21-september-2017-per-petterson-ina-kronenberger-uebers-nicht-mit-mir.htm","title":{"rendered":"Journal Donnerstag, 21. September 2017 &#8211; Per Petterson, Ina Kronenberger (\u00dcbers.), <i>Nicht mit mir<\/i>"},"content":{"rendered":"<p>Kaum hatte ich \u00fcber Sonnenlosigkeit und K\u00e4lte gemeckert, bekam ich einen Sonnentag geschenkt. Ich freute mich an Licht und W\u00e4rme schon auf dem Weg in die Arbeit.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/170921_02_Theresienhiehoe.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/170921_02_Theresienhiehoe.jpg\" alt=\"\" width=\"338\" height=\"563\" class=\"alignnone size-full wp-image-40411\" \/><\/a><\/p>\n<p>Am Vormittag w\u00e4rmte die Sonne mein B\u00fcro, auf dem Heimweg vergoldete sie Geb\u00e4ude.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/170921_03_Goethestr.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/170921_03_Goethestr.jpg\" alt=\"\" width=\"430\" height=\"573\" class=\"alignnone size-full wp-image-40413\" \/><\/a><\/p>\n<p>Bei mir ums Eck erlebte ich Einkauf in einem Laden, in dem nur Englisch gesprochen wurde: Die junge Dame, einziges Personal, sprach mich auf Englisch mit osteurop\u00e4ischem Akzent an, ich antwortete auf Deutsch, sie reagierte auf Englisch. Und best\u00e4tigte mir auf Nachfrage, dass sie \u00fcberhaupt kein Deutsch spreche, hihi. Das ist mir in M\u00fcnchen original noch nie passiert. Die Dame meinte aber, sie habe vor, mal Deutsch zu lernen &#8211; sei das nicht recht schwer?<br \/>\nIch hie\u00df sie in Deutschland willkommen und verkniff mir Altfrauenerz\u00e4hlungen von meinem Vater, der vor \u00fcber 50 Jahren ohne Deutschkenntnisse nach Deutschland kam und schon nach einem Jahr als \u00dcbersetzer f\u00fcr Neuank\u00f6mmlinge fungierte. F\u00fcr ihn hatte m\u00f6glichst schnelles Deutschlernen Prio eins &#8211; als Elektriker hing ja auch sein Leben davon ab, dass er seine deutschen Kollegen in der Fabrik verstand.<\/p>\n<p>Was mich tats\u00e4chlich irritierte: Ich traf die Dame im n\u00f6rdlichen Bahnhofsviertel an, in dem der Migrantenanteil schon immer sehr hoch war &#8211; und in dem die Lingua franca immer Deutsch war, egal mit welchem Radebrechanteil. Bislang gab es hier halt keine &#8220;Expats&#8221;, sondern &#8220;Ausl\u00e4nder&#8221;. Vielleicht \u00e4ndert sich das ja gerade. Die Spezialisierung  dieses konkreten Ladens l\u00e4sst die Prognose zu, dass haupts\u00e4chlich Anglophile dort einkaufen werden. Ich bin sehr gespannt, ob mein Zuhauseviertel gerade ein fundamental anderes wird.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>In der Abendd\u00e4mmerung spazierte ich mit Herrn Kaltmamsell zum Treffen unserer Leserunde nach Untergiesing. Wir freuten uns sehr, dass wir im S\u00fcdfriedhof und \u00fcber der Isar Flederm\u00e4use flattern sahen.<\/p>\n<p>Das Buch, \u00fcber das wir sprachen, war Per Petterson, Ina Kronenberger (\u00dcbers.), <i>Nicht mit mir<\/i>, das ich im Spanienurlaub gelesen hatte. Der Roman erz\u00e4ht die Geschichte der fr\u00fcheren Freund Jim und Tommy. Er beginnt mit der \u00fcberraschenden Wiederbegegnung, als die beiden um die 50 sind: Jim angelt gerade, Tommy erkennt ihn beim Vorbeifahren aus dem Auto, bleibt stehen und spricht ihn an. Schon hier wird klar, dass sich die Lebenssituation der beiden seit ihrer gemeinsamen Jugend verkehrt hat &#8211; und wir haben einen Anlass f\u00fcr das Erz\u00e4hlen ihrer Geschichte. Sie waren Nachbarskinder, Schulfreunde. Tommy befreite sich als Kind von einem pr\u00fcgelnden Vater, Jim rebellierte gegen seine fr\u00f6mmelnden Mutter. Ihre Freundschaft zerbricht an dem Umstand, dass Menschen am schlechtesten denen verzeihen k\u00f6nnen, denen sie Schlimmes angetan haben.<\/p>\n<p>Wir alle fanden den Roman gut, waren aber unterschiedlich ber\u00fchrt davon. Ich fand ihn sehr gut strukturiert, mochte den Rhythmus der Geschichte und die Erz\u00e4hl\u00f6konomie, die mit wenigen Informationen die T\u00fcren zu vielen weiteren Geschichten \u00f6ffnete, zum Beispiel zum Schicksal von Tommys Geschwistern. Meiner Ansicht nach h\u00e4tte <i>Nicht mit mir<\/i> nicht n\u00f6tig gehabt, gegen Ende mit pl\u00f6tzlichen Verbindungen zwischen Handlungsstr\u00e4ngen zu \u00fcberraschen. Den offenen Schluss mochte ich wieder sehr gerne &#8211; einen Roman anst\u00e4ndig zu Ende zu bringen, ist eine Kunst.<\/p>\n<p>Einig waren wir uns in einer zentralen Kritik: Jim und Tommy sind zu schwer zu unterscheiden, wenn aus ihrer personalen Perspektive erz\u00e4hlt wird und wenn sie sprechen &#8211; jeder und jede von uns musste immer wieder nachschlagen, wer gleich nochmal wer ist. Und das, wo die Geschichte davon lebt, dass die beiden Figuren extrem verschieden sind und dennoch eine tiefe Freundschaft schlie\u00dfen. Ich gab allerdings zu bedenken, dass das an der \u00dcbersetzung liegen mochte, dass das norwegische Original vielleicht sprachliche Mittel gefunden hatte, sie st\u00e4rker zu profilieren.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Sie kennen diesen Kalenderspruch, man solle das, was man gerne t\u00e4te, nicht auf irgendeinen sp\u00e4teren Zeitpunkt verschieben? Nicht auf nach Erledigung von diesem und jenem oder gar nach das Berufsleben? (Mir f\u00e4llt gerade keine konkrete Formulierung ein, die vor das Foto eines karibischen Sonnenuntergangs passt, bitte um Vergebung.) Das w\u00e4re bei mir nichts tun zu m\u00fcssen. Was ich ab sofort so oft wie m\u00f6glich tun werde und als Rechtfertigung daf\u00fcr anf\u00fchre, dass ich so wenig engagiert oder ambitioniert bin. HA!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kaum hatte ich \u00fcber Sonnenlosigkeit und K\u00e4lte gemeckert, bekam ich einen Sonnentag geschenkt. Ich freute mich an Licht und W\u00e4rme schon auf dem Weg in die Arbeit. 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